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Frankfurt, Oper: MACBETH; 16.05.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Macbeth

copyright: Monika Rittershaus, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt

Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Francesco Maria Piave und Andrea Maffei | Uraufführung der ersten Fassung: 14. März 1847 in Florenz | UA der zweiten Fassung: 21. April 1865 in Paris | Aufführungen in Frankfurt (Wiederaufnahme): 16.5. | 22.5. | 25.5. | 30.5. | 13.6.2026

Kritik: 

Genauso wie Shakespeare in seinem MACBETH das „Wahre“ erfand (also nicht eine historisch korrekte Tragödie schrieb), so taten es später auch Giuseppe Verdi und seine beiden Librettisten Piave und Maffei. In einem Brief an Clara Maffei äusserte Verdi ja die Ansicht; „Copiare il vero è una bella cosa, ma è fotografia, non pittura. Inventare il Vero è meglio, molto meglio.“ Erst wenn man also die Wahrheit erfindet, wird das echte Wahre, also das Allgemeingültige erkannt, wird Kunst geschaffen. Und eine Allgemeingültigkeit kann man weder Shakespeare noch Verdi absprechen – und genau deshalb muss man den MACBETH nicht im Setting eines schottischen Hochlands inszenieren, sondern kann – ja muss – der Macbeth näher an die Lebensrealität der Theaterbesucher herangeführt werden, denn Theater (auch Musiktheater) muss Relevanz haben, damit es nicht im rein Musealen erstarrt.

Damit sind wir bei der Inszenierung von Verdis MACBETH an der Oper Frankfurt, die am 1. Dezember 2024 Premiere feierte und nun in neuer Besetzung wieder aufgenommen wurde. Der Regisseur R.B. Schlather (dessen minimalistische MADAMA BUTTERFLY an diesem Haus bereits überzeugte) hat sich natürlich intensiv mit dem Stoff, dem Text und der Musik auseinandergesetzt und zusammen mit dem Bühnenbildner Etienne Pluss, der Kostümdesignerin Doey Lüthi, der Choreographin Gal Fefferman, dem Filmemacher Roland Horvath und dem Lichtdesigner Olaf Winter eine stupende Produktion des Dramas um Macht und der Gier danach, um Sex und Geschlechterkampf und um Gewalt und deren Auswirkung auf die Psyche eine bestechende Lösung für das heutige Publikum gefunden. Die Handlung rund um das kinderlose Ehepaar Lady und Macbeth findet in einer Luxusvilla mit riesiger Fensterfront und Blick ins Grüne auf der gigantischen Drehbühne der Oper Frankfurt statt, die von einem hochklassigen Architekten (erwähnt wird als Vorbild im Programmheft Mies van der Rohe) erbaut wurde. Da weder bei Shakespeare noch bei Verdi die zeitlichen Dimensionen, innerhalb derer das Morden seinen Lauf nimmt, so ganz klar sind, hat sich Schlather auf drei Festtage beschränkt, an denen die Akte ablaufen. Begonnen wir mit einer Halloween-Party, alle sind als Hexen verkleidet, auf den vielen Flachbildschirmen laufen Comics in Schwarz-Weiss (z.B. Tom & Jerry, Mickey Mouse) deren Bilder genau auf den Duktus der Musik angepasst sind. Meisterhaft! Banquo und Macbeth kommen in Tennisklamotten von einem Match zurück und platzen in die Hexenparty. Dabei werden sie mit den fatalen Weissagungen der Hexen konfrontiert. Das Böse beginnt in Macbeth zu wuchern, als er von den Hexen auch noch erfährt, dass Banquos Nachkommen herrschen werden. Er fährt er bereits da im Wohnzimmer Fleance (dem Sohn Banquos) an den Karren und jagt ihn um die Sitzlandschaft. Später wird er versuchen, Fleance umzubringen – vergeblich. Fleance wird auch die dritte Erscheinung in der zweiten Hexenszene darstellen und Macbeth das vom Wald von Birnam, der näher rücken wird, berichten. Im zweiten Akt wird Weihnachten gefeiert und daneben lustig weiter gemordet. Ein gigantischer Weihnachtsbaum steht im Zimmer, auf den Bildschirmen flackern nun Kaminfeuer. Die Lady und Macbeth sind vom Rausch der Macht ganz geil aufeinander geworden (in ihrer Arie La luce langue singt sie ja auch von Wollust). Nach Banquos Ermordung und Fleances Flucht beginnt das das grosse Gala-Weihnachtsdinner beim Königspaar Macbeth. Die Lady tritt in einer gigantischen roten Robe im alten Südstaatenschnitt mit weissem Pelzbesatz auf – Scarlett O'Hara als Miss Santa Claus! Umwerfend. Zu ihrem Brindisi tanzen Santa-Elfen wie Cheerleaders; die American-Trash-Show wird jedoch durch Macbeths psychische Ausfälle unterbrochen, da er nicht den Geist Banquos, sondern dessen Sohn im Norwegerpulli unter den Gästen entdeckt. Stark aufgewertet durch den Regisseur ist die Rolle der Kammerfrau der Lady, die hier quasi als strenge Stabchefin (wie Susie Wiles in der zweiten Regentschaft Trumps) des Herrscherpaars agiert. Hier kommt es auch zur Konfrontation mit der Familie von Macduff: Macduffs Frau (die in Verdis Oper nicht auftritt, aber in der Schlafwandlerszene der Lady später erwähnt wird - Di Fiffe il Sire Sposo e padre or or non era?... Che n'avvenne?. Oder bei Shakespeare: „The thane of Fife had a wife. Where is she now?“) knallt Macbeth ein Glas Sekt ins Gesicht. Diese Demütigung wird Macbeth zum Mord an der Familie Macduffs treiben. Es sind solche Details, die Schlathers Inszenierung zu einem lebendigen, sinnfälligen und stringenten Theatererlebnis machen. Im dritten Akt (die Nacht nach Weihnachten) herrscht Katerstimmung, Glühwürmchen tanzen vor der Fensterfront, es kommt zur erwähnten zweiten Hexenszene mit den Erscheinungen und den Macbeth stärkenden Zweideutigkeiten (kein Mann, der von einer Frau geboren wurde, könne ihm gefährlich werden und solange der Wald von Birnam nicht näher rücke, könne ihm nichts passieren). Doch als Banquo erscheint und die Hexen erneut von Banquos Nachkommen berichten, fällt Macbeth in Ohnmacht. Im letzten Akt schliesslich ist Ostern. Die Geflüchteten rund um Macduff und Malcolm beklagen ihr Los und das Leid. In seiner Villa guckt Macbeth im Bademantel CNN. Doch der Wald rückt näher, Macbeth wird von Macduff erwürgt und Malcolm in einem Waschritual zum neuen König gesalbt. Der Messias ist auferstanden.

Damit diese Lebendigkeit der Inszenierung funktioniert, braucht es natürlich entsprechende Sänger-Darsteller*innen. Die sind in der Oper Frankfurt einmal mehr vorhanden, zum grössten Teil aus dem hervorragenden Ensemble besetzt:

Domen Križaj interpretierte die Titelrolle mit seinem fantastisch farbenreich strömenden Bariton, machte die Schwächen und Stärken der Figur und seine sexuelle Hörigkeit offenbar, indem er mit einer grandiosen darstellerischen Leistung uns diesen machtgeilen Typen näher brachte. Die dänische Sopranistin Signe Heiberg muss man spätestens nach dieser grandiosen Leistung als Lady auf dem Radar haben: Eine Stimme, die vulkanartig explodieren kann, Acuti nicht scheut und dabei auf Linie bleibt, koloraturgewandt singt sie im Brindisi und in der Cabaletta O tutti sorgete im ersten Akt dringt ihre leuchtende Stimme durch Mark und Bein. Fantastisch! Zu Recht grossen Applaus erhielt auch Kihwan Sim als Banquo mit seinem wunderbar sauber und leicht ansprechenden, herrlich sonoren Bass. Gerard Schneider sang mit seinem schlank geführten Tenor einen überaus einnehmenden, nie forcierenden Macduff – und erwies sich zudem als versierter Nahkämpfer im finalen Ringen mit Macbeth. Abraham Bréton war ein sich strahlend als neuen König salben lassender Malcolm, Julia Stuart als Kammerfrau (Stabchefin) glänzte mit ungeheurer Bühnenpräsenz und starker Stimme in den Ensembles und Finali. Morgan-Andrew King füllte die drei Rollen Diener-Mörder-Herold perfekt aus und Anton Römer, Solist des Kinderchores, glänzte mit seinem Knabensopran als dritte Erscheinung und als versierter Darsteller des Fleance.

Farbenreich und federnd liess Giacomo Sagripanti das Frankfurter Opern- und Museumsorchester Verdis stupende Partitur interpretieren, setzte immer wieder gewaltige Akzente, drängte das Drama voran ohne zu überhasten. Imposant fuhren die dunkel drohenden Blechbläserpassagen ein. Last but not least machte der klangstarke Chor der Oper Frankfurt (Einstudierung: Manuel Pujol) als Hexen, Partygäste und Vertriebene den Abend zu einem unter die Haut gehenden – und manchmal gar zum Schmunzeln anregenden – Ereignis.

Inhalt:

Schottland Mitte des 11. Jahrhunderts

Auf dem Rückweg von einer siegreichen Schlacht begegnen den beiden Feldherren Macbeth und Banquo Hexen, von denen sie sich die Zukunft prophezeien lassen. Für Macbeth sagen die Hexen voraus, er werde bald Than (ein hoher schottischer Edelmann) von Cawdor und später König sein, Banquo hingegen werde Vater von Königen werden. Ein Soldat grüsst Macbeth darauf als Than von Cawdor, der Amtsvorgänger sei hingerichtet worden – die erste Prophezeiung der Hexen hat sich erfüllt.

In einem Brief ihres Gemahls erfährt Lady Macbeth von den Prophezeihungen. Die ehrgeizige Frau will den Voraussagen etwas Nachschub verleihen und überredet ihren zögernden Gemahl zum Königsmord. Die Gelegenheit ist günstig, denn der König Duncan hat sich mit seinem Gefolge zum Besuch auf Macbeths Anwesen angekündigt. Macbeth vollbringt in der Dunkelheit der Nacht die Tat, die Lady besudelt die schlafenden Wachen mit Blut und lenkt so die Schuld auf diese.

Macbeth wird nun König. Doch da ist noch Banquo – ein Mann der Verdacht schöpft und (gemäss den hexen) Vater zukünftiger Könige sein wird. Also beschliesst Macbeth auch seinen Waffengefährten und dessen Sohn zu töten. Banquo wird von gedungenen Mördern umgebracht, doch sein Sohn kann fliehen.

Anlässlich eines Banketts bringt die Lady Trinksprüche aus, Macbeth hingegen verfällt zusehends in Grübeleien und sieht Banquos Geist an seinem Platz sitzen. Den Adligen fällt Macbeths merkwürdiges Verhalten auf. Besonders der edle Macduff wird misstrauisch und flieht.

Macbeth will noch einmal die Hexen befragen: Sie sagen ihm, dass kein auf natürliche Weise Geborener ihm gefährlich werden könne und er sich keine Sorgen zu machen brauche, bis der Wald von Birnam gegen sein Schloss vorrücke. Die Lady überredet ihren Gemahl, Macduffs Familie auszulöschen.

Macduff hat seine mit ihm geflohenen Anhänger mit dem Heer des Duncan-Sohnes Malcolm vereinigt. Im englischen Exil planen sie die Befreiung Schottlands vom Usurpator Macbeth. Als Tarnung verwenden sie Äste aus dem Wald von Birnam.

Unterdessen ist die Lady an der Grenze zum Wahnsinn angelangt: Sie sieht Blutflecken an ihren Händen die nicht verschwinden wollen. In einer der grossartigsten Szenen der Oper gesteht sie ihre Schuld und sinkt entseelt nieder. Macbeth lässt der Tod seiner ambitionierten Frau kalt. Er hat andere Sorgen, da der Wald von Birnam gegen ihn anrückt. In der Schlacht vermeint er zu triumphieren, doch Macduff schreit ihm im Zweikampf entgegen, dass er seiner Mutter bei der Geburt aus dem Leib gerissen worden sei – die letzte Prophezeiung der Hexen erfüllt sich ebenfalls und Macbeth stirbt durch Macduffs Schwert. Malcolm wird neuer König.

Werk:

Zeitlebens hat sich Verdi mit Shakespeare beschäftigt, erkannt in dessen Werken riesiges Potential für das Musiktheater und setzte drei Werke des englischen Dichters in Musik: MACBETH, OTELLO und FALSTAFF. Mit KING LEAR beschäftigte er sich ebenfalls ausgiebig, gelangte jedoch nie zur Niederschrift einer Partitur und vernichtete schliesslich sämtliche Skizzen.

MACBETH stellte 1847 geradezu ein revolutionäres Werk dar: Keine Liebesgeschichte, eine Handlung voller Blut und Düsternis, der Tenor in einer Nebenrolle (Macduff). Von der Kritik wurde das Werk abgelehnt, das Publikum der Uraufführung feierte zwar den Komponisten mit 38 Vorhängen, doch so richtig durchsetzen konnte sich MACBETH nie. Für Paris arbeitete Verdi seine Lieblingsoper etwas um, fügte das obligate Ballett ein, komponierte für die Lady eine neue Arie im zweiten Akt (La luce langue), der Chor der vertriebenen Schotten (O patria oppressa) und ein neuer Schluss für den vierten Akt kamen dazu. Dafür wurde Macbeths Sterbeszene geopfert, welche zum jedoch seit Erich Leinsdorfs Dirigat an der Met 1950 oft auch in die Zweitfassung (Paris 1865) aufgenommen wird. Als Schlachtmusik griff Verdi, der sonst mit traditioneller Schulmusik nicht allzu viel am Hut hatte, auf eine Fuge zurück, da ihm deren Reibungen und Gegenüberstellungen von Themen als besonders angemessen dafür erschienen. Doch auch die Pariser Fassung war seinerzeit heftig kritisiert, ja gar als „unshakespearisch“ bezeichnet worden, was den Shakespeare-Kenner und –Verehrer Verdi ganz besonders schmerzte. Erst nach 1920 erkannte man die immensen Qualitäten des Werks und seine herausragende Stelle im Schaffen des Komponisten auf dem Weg von den konventionellen Anfängen zum echten Musikdrama, mit psychologisch feinsinnig und intelligent durchformten Charakteren. Gerade mit der Figur der Lady ist ihm eine Gestalt gelungen, die sich wie ein erratischer Block aus der italienischen Opernlandschaft erhob: Eine Frau, die mit hässlicher, rauer, hohler aber auch Mark und Bein durchdringender Stimme und dann wieder in tragfähigstem Piano flüsternd zu singen hatte, keine Sympathien erwecken durfte – eine Sängerin mit diabolischer Klangfarbe ist gefordert. Die Partie wurde im 20.Jahrhundert sowohl von Sopranistinnen (Callas, Rysanek, Barstow, Zampieri), hochdramatischen Sopranen (Nilsson, Dame Gwyneth Jones) als auch von dramatischen Mezzosopranistinnen erfolgreich verkörpert (Cossotto, Verrett, Ludwig).

Musikalische Höhepunkte:

Vieni, t´affretta, Briefszene und Arie der Lady, Akt I

Fatal, mia donna, Duett Macbeth-Lady, Akt I

Schiudi, inferno, Finale Akt I

La luce langue, Arie der Lady, Akt II

Studia il passo, Szene und Arie des Banquo, Akt II

Si colmi il calice, Brindisi der Lady, Akt II

Che fate voi, Szene Macbeth-Hexen, Akt III

Patria oppressa, Chor Akt IV

O figli, figli miei, Arie des Macduff, Akt IV

Una macchia, Wahnsinns- und Sterbeszene der Lady, Akt IV

Pietà, rispetto, amore, Arie des Macbeth, Akt IV

Mal per me, Sterbeszene des Macbeth aus der Urfassung, Akt IV

Karten

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