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Auf dieser Seite finden Sie Kritiken meiner Opern- und Konzertbesuche und bekommen Informationen rund um Spielpläne und Opernhäuser (vorwiegend aus der Schweiz und aus Deutschland). Die Premierenberichte erscheinen wann immer möglich am Tag nach der Premiere und damit in aller Regel vor den Printmedien. Ich wünsche allen viele unvergessliche, spannende und aufwühlende Opernbesuche.
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Zürich, Opernhaus: CARDILLAC; 15.02.2026
Fabio Luisi kehrt ans Opernhaus Zürich zurück und leitet diese Neuproduktion von CARDILLAC
Oper in drei Akten | Musik: Paul Hindemith | Libretto: Ferdinand Lion, nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung DAS FRÄULEIN VON SCUDERI (aus den SERAPIONSBRÜDERN) | Uraufführung: 9. November 1926 in Dresden, Neufassung (in vier Akten): 20 Juni 1952 in Zürich | Aufführungen dieser Neuproduktion in Zürich: 15.2. | 18.2. | 21.2. | 25.2. | 1.3. | 6.3. und 10.3.2026
Kritik: erscheint am 16.2. ab 15 Uhr an dieser Stelle
Inhalt: (Text: Opernhaus Zürich)
1. Aufzug
Eine Grossstadt wird von einer rätselhaften Mordserie erschüttert. Um den Täter zu fassen, wurde die Einsetzung eines Sondergerichts angeordnet, die sogenannte «Brennende Kammer». Eine Dame bemerkt, mit welchem Respekt der Goldschmied Cardillac überall empfangen wird. Der Kavalier erklärt ihr den Grund: Cardillac gilt als unübertroffener Meister seines Handwerks – doch jeder, der eines seiner Schmuckstücke erwirbt, fällt kurz darauf einem Mord zum Opfer. Die Dame verlangt daraufhin von ihrem Verehrer als Liebesbeweis das schönste Werk, das Cardillac je geschaffen hat. Als der Kavalier mit einem prächtigen Schmuck zu ihr kommt, wird auch er ermordet.
2. Aufzug
Cardillac arbeitet an einem neuen Schmuckstück. Sein Goldhändler erscheint und erwähnt die jüngsten Morde in Zusammenhang mit dessen Schmuck. Cardillac wehrt jede direkte Unterstellung ab.
Cardillacs Tochter liebt einen Offizier und befindet sich in einem inneren Konflikt: Sie sehnt sich nach der Flucht mit ihrem Geliebten, kann sich jedoch nicht von ihrem Vater lösen. Cardillac selbst hält sie nicht zurück. Sein einziges Interesse gilt dem von ihm geschaffenen Schmuck.
Als ein prominenter Käufer mit seiner Entourage erscheint, hindert ihn Cardillac am Kauf eines Schmuckes. Nicht abwimmeln lässt sich hingegen der Offizier: Er zwingt Cardillac, eine Kette herauszugeben. Cardillac, getrieben von seinem inneren Zwang, weiss, dass er den Offizier töten muss.
3. Aufzug
Cardillacs Mordversuch scheitert. Der Goldhändler, der den Kampf zwischen Cardillac und dem Offizier beobachtet hat, schlägt Alarm. Die herbeigeeilte Menge stürzt sich auf Cardillac. Um Cardillac zu schützen, bezichtigt der Offizier den Goldhändler der Verbrechen. Doch Cardillac gesteht die Morde – das Volk tötet ihn. Selbst im Tod gilt Cardillacs letzter Gedanke seinem Schmuck.
Werk:
Paul Hindemith (1895-1963) war beileibe kein unumstrittener Komponist und Musikvermittler. In seinem OPERNFÜHRER FÜR FORTGESCHRITTENE führt ihn Ulrich Schreiber als ein „vom Bürgerschreck zum erschrockenen Bürger“ Gewandelten. So provozierten seinen frühen Bühnenwerke in den Zwanzigerjahren (Die Einakter MÖRDER, HOFFNUNG DER FRAUEN, DAS NUSCHI-NUSCHI und SANCTA SUSANNA) das Bürgertum. Und selbst vor eineinhalb Jahren führte noch eine provokante Inszenierung der SANCTA SUSANNA zu Ohnmachtsanfällen im Publikum, knallenden Türen – aber dadurch auch restlos ausverkauften Vorstellungen, so dass gar Zusatzvorstellungen angesetzt werden mussten. Doch zurück zu den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts: Mit dem Aufstreben der Rechten, der Faschisten und der Nationalsozialisten wurde der freischaffenden Kunst und der Freizügigkeit auf den Bühnen der Garaus gemacht (Hitler entsetzte sich über eine angeblich nackte Frau in der Badewanne in Hindemiths Oper NEUES VOM TAGE), das Spiessbürgertum feierte Urständ, die neue Biederkeit hielt Einzug am Theater. Und in der Folge wurden auch Hindemiths Opern und seine Musik als Kulturbolschewismus bezeichnet und verboten. Gleichzeitig aber setzte auch bei Hindemith ein Umdenken ein: Er bezeichnete viele seiner früheren Werke als „Gebrauchsmusik“, plädierte für eine freie Tonalität anstelle der seriellen Musik eines Schönberg. Hindemith emigrierte 1938 in die Schweiz (in Zürich wurde seine Oper MATHIS, DER MALER uraufgeführt), nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs in die USA, wo er 1946 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.
Seine Erfolgsoper CARDILLAC von 1926 war unter Fritz Busch uraufgeführt worden, Otto Klemperer brachte sie in Wiesbaden heraus, viele Opernhäuser setzten sie bis 1932 auf ihre Spielpläne. Nach dem Krieg erstellte Hindemith eine (inhaltlich geglättete) Neufassung – nun in vier Akten - des CARDILLAC, die 1952 in Zürich uraufgeführt wurde. Die deutsche Erstaufführung fand unter der Leitung von Georg Solti in Frankfurt statt, war eigentlich ein Erfolg, denn die Produktion ging auf Tournee im In- und Ausland, doch danach setzte sich diese Zweitfassung nie durch. Die Erstfassung hingegen ist von exzeptioneller Wucht, ein hoch spannendes Künstlerdrama. Hindemith entfernt sich weit von der Durchkomposition und der motivischen Verknüpfung der Szenen im Sinne Wagners, setzt vielmehr auf tradierte Formen des Neobarock mit Arien, unterschiedlichen Ensembles und eindringlichen Chorpassagen. Man entdeckt aber auch Formen der absoluten Musik, wie Fugen, Variationen und vor allem Hindemith liebste Form, die Passacaglia. Er beherrscht den Kontrapunkt wie kaum ein anderer, kann ganz intime, spärlich aber apart instrumentierte Momente zaubern, dann wieder durch Schichtungen ins grell Lärmige vorstossen.
Von mir besuchte Aufführungen von CARDILLAC im Opernhaus Zürich:
16.10.1976: Musikalische Leitung: Ferdinand Leitner, Inszenierung: Günther Rennert
Cardillac: Ernst Gutstein, Die Tochter: Gerlinde Lorenz, Der Offizier: Thomas Herndon, Der Goldhändler: Werner Gröschel, Der Kavalier: Harald Ek, Die Dame: Charlotte Berthold