Zürich: IL TURCO IN ITALIA, 28.04.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Il Turco in Italia

Dramma buffo in zwei Akten | Musik: Gioachino Rossini | Libretto: Felice Romani | Uraufführung: 14. August 1814 in Mailand | Aufführungen in Zürich: 28.4. | 2.5. | 5.5. | 10.5. | 14.5. | 18. 5. | 23.5. | 26.5. | 29.5.2019

Kritik:

Von einem überwältigenden Glücksfall ist zu berichten – einer Inszenierung, die präziser, konziser, lustiger und intelligenter kaum sein könnte: Das Team um Regisseur Jan Philipp Gloger (Bühne: Ben Baur, Kostüme: Karin Jud, Lichtgestaltung: Martin Gebhardt und Video-Design: Sami Bill) hat sich im am schwierigsten zu inszenierenden Genre des Musiktheaters, dem Dramma buffo, eine Goldmedaille mehr als verdient. Sie haben den Staub, die Behäbig- und Betulichkeit, die über 200 Jahre alten Buffo-Opern liegen könnten, mit einer Inszenierung weggefegt, die einen aus den Socken haut – und bleiben eben doch ganz nahe am Libretto. Das Geschehen haben sie in die heutige Zeit in ein Mehrfamilienhaus verlegt (Hausnummer 37). Auf der klug konzipierten Drehbühne erhalten wir Einblicke in drei Wohnungen und den Hauseingang mit angrenzendem Waschraum. In der ersten Wohnung ist das von einer Beziehungskrise geschüttelte Ehepaar Fiorilla-Don Geronio zu Hause, beige bezogenes Billigsofa, Einbauküche. Über den Flur gegenüber zieht der Türke Selim ein, das beige Sofa wird auch ihm geliefert, doch schnell mit einer orientalischen Decke belegt. Die dritte Wohnung gehört dem arbeitssuchenden Video-Künstler Prosdocimo (im Libretto ein Dichter). Der heimliche Verehrer Fiorillas, Don Narciso (mit höhensicherem, sauber geführtem, und leuchtkräftigem Rossini-Tenor brilliert Edgardo Rocha), ist hier der Hauswart, der Fiorilla natürlich immer wieder bei den Mülltonnen oder im Flur begegnet, die ihm aber stets die kalte Schulter zeigt. So die Ausgangskonstellation. Nun zieht also der „Türke“ ins Haus – und bedient (oder unterläuft) die gängigen Vorurteile und Ressentiments gegenüber dem Ausländer, dem Fremden. Nahuel Di Pierro spielt ihn wunderbar komisch – und gleicht dem in unseren Köpfen festgesetzten Stereotyp aufs Haar: Schwarze Adidas-Jogginghose, Nike Sneakers, enge Lederjacke. Di Pierro singt den Selim mit weicher Bassstimme, sanft und überhaupt nicht polternd – und verleiht so dem Macho-Türken ganz neue, fast schüchterne Facetten. Seine ihm nachgereiste Verlobte Zaida (wunderbar glockig in ihrem Rollendebüt singend: Rebeca Olvera) und ihr vertrauter Albazar (Nathan Haller holt aus der kleinen Partie gesanglich und vor allem darstellerisch ganz Grosses raus) bieten die gesamte arabische Grossfamilie (Zusatzchor des Opernhauses Zürich und Statistenverein am Opernhaus Zürich) auf, um den „flüchtigen“ Selim zu fangen. Ein Kompliment auch an die Masken-Abteilung des Opernhauses, die Chorherren wirkten wie echte arabische Clan-Mitglieder! Da Fiorilla in ihrer Ehe mit dem sich am liebsten auf dem Sofa mit einer Illustrierten in der Hand räkelnden Geronio nicht mehr glücklich und völlig unbefriedigt ist, stellt der neue Nachbar Selim natürlich eine attraktive Alternative dar. Julie Fuchs spielt diese zwischen Biederkeit und Abenteuerlust changierende Frau, als wäre ihr die Rolle auf den Leib geschrieben (Rollendebüt!!). Ihr klarer, biegsamer und koloraturgewandter Sopran löst zu Recht Begeisterungsstürme aus, mit der Schlussarie als überragendem Höhepunkt. Renato Girolami gibt einen urkomischen Geronio, klischeehaft den trotteligen älteren Ehemann spielend und dann doch auch wieder dieses Klischee sympathisch unterlaufend. Geläufig seine Kehle in den vielen Parlando-Passagen, mal polternd, dann wieder verschreckt oder leidend seine Bassbuffo in den Ensembles und den Soli. Pietro Spagnoli spielt den spiritus rector des Ganzen, den omnipräsenten Video-Künstler Prosdocimo, mit ungeheurer Bühnenpräsenz. Es ist in dem für die damalige Zeit ja überaus modernen Libretto von Romani/Mazzolà nicht so wie später bei Pirandello, wo sechs Personen einen Autor suchen, sondern gerade umgekehrt, dass der Autor dringend einen Stoff braucht und sich deshalb die sechs Menschen sucht, und er mit seinen Absichten meist etwas zu spät kommt, da die Dinge bereits ihren Lauf eingeschlagen haben und er nur noch ein wenig an den Schrauben zu drehen braucht, um die Handlung Fahrt aufnehmen zu lassen. Spagnoli, mit Schal und Lagerfeld-Frisur, singt diesen Künstler mit wohlklingendem Bariton. Erst meint man ja, er wolle eine von diesen billigen Dokusoaps für RTL2 produzieren – doch das war zu einfach gedacht. Der Regisseur Jan Philipp Gloger gibt dem Ganzen dann am Ende eine ganz unerwartete, politische Wendung. Eigentlich sollte man das Ende ja nie verraten – andere Medien werden es bestimmt tun, ich nicht. Denn ganz persönlich finde ich diese letzte Wendung den Hammer – ganz grosse Klasse! Lassen Sie sich überraschen!

Die Philharmonia Zürich unter Enrique Mazzola klang an dieser Premiere etwas grob und fahrig. Das typisch Federnde des Rossini-Klangs fehlte. Schon das erste Horn-Solo in der Ouvertüre quäkend und ungewohnt. Mazzola schlug manchmal extrem schnelle Tempi an, was dem schnarrenden Räderwerk-Charakter von Rossinis Partitur sicher nicht schadete, aber doch etwas allzu überdreht wirkte. Schön herausgearbeitet und mit dem Mechanischen der Partitur perfekt kontrastierend klangen hingegen die wenigen lyrischen Passagen. Gekonnt und raffiniert spielte Anna Hauner am Hammerklavier.

Zürich kann ja auf eine lange, erfolgreiche Rossini-Tradition zurückblicken, wenn man an das Traumpaar Baltsa/Araiza denkt, später an Gruberova und Bartoli. Am Opernhaus hatten in der Ära Drese Zyklen Tradition, z.B. Monteverdi und Mozart von Ponnelle/Harnoncourt. Wie wäre es mit einem Rossini-Zyklus von Jan Philipp Gloger?

Inhalt:

Ein Poet sucht Ideen für eine Komödie. Er findet die Inspiration durch verschiedene Charaktere in seinem Umfeld. Da sind zum Beispiel Don Geronio, welcher unter den Launen seiner jungen, lebenslustigen Gattin Fiorilla leidet, oder Zaida, welche vom Türken Selim verstossen wurde.

Selim kommt in Italien an, Fiorilla ist von ihm fasziniert und die beiden beginnen zu flirten. Der Dichter freut sich über die Verwicklungen, doch da ist auch noch Fiorillas Liebhaber Narciso, welcher das alles überhaupt nicht lustig findet. Unterdessen versöhnen sich auch Zaida und Selim wieder, doch Fiorilla ist nicht gewillt, Selim mit einer Rivalin zu teilen. Der Dichter bekommt ein erstes, turbulentes Finale für seine Komödie.

In einer umwerfend komischen Szene bietet Selim Geronio an, ihm nach türkischem Brauch die Gattin abzukaufen. Geronio seinerseits bietet dem Türken nach italienischem Brauch Prügel an. Der Dichter berichtet von einem Fest, auf dem Fiorilla von Selim entführt werden sollte. Geronio solle dort ebenfalls als Türke verkleidet erscheinen. Narciso hat die Unterhaltung mitgehört und beschliesst, dort ebenfalls als Türke zu erscheinen. Auch Zaida trifft dort verkleidet ein. Nach einigem Drunter und Drüber finden sich die “richtigen” Paare wieder. Doch ist dies nun wirklich ein glückliches Ende, ein lieto fine?

Werk:

Il Turco in Italia beinhaltet musikalisch alles, was eine typische Rossini Oper aus dieser äußerst produktiven Schaffensperiode des Komponisten ausmacht: Crescendo Wellen, bravouröse Arien und Kavatinen, spritzige Ensembles, witzige und rasante Duette, turbulente Finali - alles geprägt von grosser melodiöser Eingebungskraft und untrüglichem Sinn für theatralische Effekte.

Wie damals üblich stammen nicht alle Noten aus Rossinis Feder, einiges überliess der Vielschreiber Mitarbeitern und Schülern. Für spätere Wiederaufnahmen wurden Szenen gestrichen oder neu eingefügt, den Sängern Arien auf den Leib geschrieben. Die Oper erschien bis Mitte des 19. Jahrhunderts recht häufig auf den Spielplänen der Opernhäuser, geriet danach aber zusehends in Vergessenheit, bis 1950 das Teatro Eliseo das Werk unter Gianandrea Gavazzeni und mit Maria Callas als Fiorilla und Cesare Valletti als Narciso herausbrachte. In jüngerer Zeit erhielten die Produktionen aus Genf, mit Catherine Malfitano und aus Zürich mit Cecilia Bartoli viel Beachtung.

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