Bayreuth, Festspiele: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER; 06.08.2026
Oksana Lyniv leitet die Produktion von Dmitri Tcherniakov, Asmik Grigorian interpretiert die Senta und Nicholas Brownlee gestaltet die Titelrolle
Romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 2. Januar 1843 in Dresden | Aufführungen in Bayreuth: 29.07. | 06.08. | 18.08 und 23.08.2026
Kritik:
CLAIRE ZACHANASSIAN GOES TO NORWAY
Das Thema der (meist totgeglaubten) Rückkehrer, die an den Verursachern ihrer Qualen Rache nehmen wollen/müssen, durchzieht die Weltgeschichte der Literatur und des Films in unendlichen Variationen. Von der antiken ORESTIE, über Dürrenmatts DER BESUCH DER ALTEN DAME, Shakespears' HAMLET und Dumas' DER GRAF VON MONTE CHRISTO zum Film THE REVENANT von Alejandro González Iñárritu, mit Leonardo di Caprio und Sergio Leones Epos SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD mit Charles Bronson. So sieht auch der Regisseur Dmitri Tcherniakov die Figur des Holländers als Rächer, der in die aseptische, gesichtslose und ein wenig gespenstische Kleinstadt im hohen Norden zurückkehrt, um Rache an einer Dorfgesellschaft zu verüben, die seine Mutter in den Suizid getrieben hatte. Während des Vorspiels erfahren wir, dass der Kapitän Daland einst eine aussereheliche Affäre mit einer Frau hatte, einen Sohn zeugte (den H.), später aber nicht mehr zu seinem Verhältnis stand. Die alleinerziehende Mutter wurde zusehends von der Dorfgemeinschaft ausgestossen, selbst der Pfarrer schlug ihr die Türe der Dorfkirche vor der Nase zu. Schliesslich sah sie nur noch den Suizid als Ausweg, sprang mit einer Schlinge um den Hals aus dem Fenster eines Hauses. Der kleine H. wurde Zeuge des Suizids seiner Mutter. Ein Trauma, das er seither mit sich herumtrug. Anscheinend irrte er ein paar Jahrzehnte auf dem Meer herum (wir sehen in dieser Inszenierung nie ein Schiff oder das Meer), um nun ins Dorf seines Ungemachs zurückzukehren. Hier setzt nun die Handlung der Oper ein – allerdings windet sich Tcherniakov mehr oder weniger elegant aus den sich ergebenden Brüchen zum Text, indem er das Publikum auf dem Gazevorhang wissen lässt, es handle sich um den „wiederkehrenden Traum des H.“. Und Träume müssen nicht unbedingt den Gesetzen der Logik oder der Kongruenz zu Libretti folgen. Das ist auch okay. Denn trotz allem bleibt Tcherniakov ein genialer Erzähler und ein Meister der Personenführung in einem Drama, das in seiner Lesart nun den Dramen Ibsens (Gespenster, Nora) oder Strindbergs (Der Vater) nahesteht. Tcherniakov war auch sein eigener Bühnenbildner – ein überaus gelungenes Bühnenbild, das die geistige Enge dieses nordischen Dorfes mit den kalten Klinkerfassaden, der Kirche, der Schule mit der obligatorischen Uhr des heutigen Regietheaters (sie zeigt die 24 h der Handlung an, die in einer Mittsommernacht beginnt und endet). Die Häuser sind auf faszinierende Art mobil, verschieben sich immer wieder und eröffnen neue Schauplätze. Daland erkennt seinen Sohn nicht, dafür hat Dalands neue Ehefrau Mary schon bald eine Ahnung, wer der Fremde, der erst mal eine Lokalrunde für die Seeleute schmeisst, sein könnte. Doch wie steht es mit Senta? (Der von Wagner erfundene Name kommt wohl vom italienischen „sentire“ - fühlen.) Fühlt sie, dass sie für den Halbbruder schwärmt? Zeigt das Bild im kleinen Silberrahmen, das sie während der Ballade in der Hand hält, vielleicht ihren Halbbruder und nicht die Sagengestalt des Holländers? Wir wissen es nicht. Wir sehen aber, dass sowohl Senta als auch H. als einzige des Dorfes Raucher sind. Senta erinnert in ihrem wilden Outfit an die Pop-Ikone Billie Eilish, mit ihren blondgefärbten Haaren mit den pinken und blauen Strähnen dazwischen. Sie ist ein trotziges, störrisches, seine Emotionen nicht unter Kontrolle habendes Girl. Wild Türen knallend, wenn es nicht nach ihrem Willen geht, aber in gewissen Momenten dann doch grosse Sensibilität zeigend. ADHS-Syndrom mit Autismus-Zügen. Ist Mary ihre Mutter? Oder hatte Daland neben H.' s Mutter noch andere Affären? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen am Ende, dass diese Mary, die während des Essens im Wintergarten von Dalands Haus, wo sie der Familie (Daland, Senta) und dem Gast (H.) die Suppe auf dem hübsch gedeckten Tisch aufträgt, während des langen Duetts zwischen Senta und H. ständig zittert und dabei immer mehr in sich zusammenfällt. Am Ende, wenn H. das ganze Dorf in Brand setzt, ist es Mary, die den H. gnadenlos abknallt. Erlösung erfährt am Ende aber vor allem Senta, welche nach dem Schuss Mary umarmt. Und doch sitzen am Ende alle Überlebenden verloren und einsam auf den billigen Formstühlen. Das Leben im Dorf wird nie mehr dasselbe sein. Ein trister Schluss, aber es war ja nur ein immer wiederkehrender Traum ... .
GEGENSÄTZE
Hatte ich nach RHEINGOLD und DIE WALKÜRE noch dermassen von der feinfühligen musikalischen Gestaltungskraft, der Sensibilität in den Gesangslinien geschwärmt, stellte sich für mich nach diesem FLIEGENDEN HOLLÄNDER die Situation vollkommen anders dar. Ja, die szenische Umsetzung hatte grosse Meriten im Gegensatz zur KI-Installation der ersten beiden RING-Teile waren hier Menschen am Werk; es wurden Personen durch ein Drama geführt, man konnte man eine ausgezeichnete Kostümdramaturgie bewundern, die Norweger in schlammigem Khaki – Gelb, der H. und seine Crew in Blau, alle individuell kostümiert (Kostüme: Elena Zhaytseva). Und ja, die Personenführung und was alle Protagonisten daraus machten, um ihren Charakteren Profil zu verleihen, war unfassbar spannend und differenziert. Asmik Grigorian gab darstellerisch ein durch und durch faszinierendes Porträt der rebellischen Senta, beinahe eine Oscar-reife Leistung. Nicholas Brownlee blieb dem H. nichts an Undurchdringlichkeit seiner wahren Intentionen schuldig, war kumpelhaft zu den Norwegern und jovial zu seinem Vater (der ihn nicht erkannte), und doch spürte man hinter dieser Maske die Dämonie. Grandios auch die ahnungsvolle Mary von Nadine Weissmann mit ihrem Zittern und der aufgestauten Wut über alles. Mika Kares zeichnete gekonnt ein sehr unsympathisches Porträt des Dalands in der Pantomime des Vorspiels (das ist nicht sexuell gemeint, denn er hatte keine Zeit für ein Vorspiel mit seiner Geliebten, sondern nahm sich, was er selbstsüchtig brauchte ... .) In der Oper dann beeindruckte er mit seiner stets präsenten Mimik. Die Unschuldigsten in der ganzen Handlung sind Erik und der Steuermann. Benjamin Bruns zeigte als Erik Verständnis für Sentas psychische Unausgeglichenheit und hielt an der Unerschütterlichkeit seiner Liebe fest. Der Steuermann von Kieran Carrel war ein erfrischend agierender Spassvogel.
Der musikalische Eindruck aber hätte nicht gegensätzlicher zu Thielemanns Leitung des RINGS ausfallen können: Hier im HOLLÄNDER gab es nur eine Richtung, nämlich zu immer lauter werdendem Singen und Musizieren. Das gefiel dem Publikum – und einmal mehr bewahrheitete sich meine Wahrnehmung, dass die Lautstärke auf der Bühne parallel zum Schlussapplaus verläuft. Da wurde stellenweise dermassen laut (zugegebenermassen beeindruckend laut) gesungen, dass es einem kalt den Rücken runterlief. Wagner wollte ja eigentlich nicht eine der damals üblichen Opern der Schauerromantik schreiben, sondern ein psychologisches Drama. Hier erlebte man nun zwar das Drama, doch die musikalische Umsetzung geriet an die Grenze zu einem veristischen Reisser, Natürlich ertappte ich mich auch selbst, wie ich gefesselt von Asmik Grigorians durch Mark und Bein gehenden Phrasen war, die mich in Staunen versetzten und beinahe vor Ehrfurcht erstarren liessen. Wie die Frau das alles schafft, ist ein Wunder (sie pendelt ja in diesen Tagen zwischen ihren Auftritten als Carmen in Salzburg und als Senta in Bayreuth hin und her). Auch Nicholas Brownlee faszinierte mit seiner Interpretation als H. mit gewaltigen vokalen Crescendi. Aber auch bei ihm bewunderte man die Schönheit und die Eindringlichkeit des Timbres seines phänomenalen Bassbaritons. Mit ganz wunderbarer Rundung in seiner herrlichen Bassstimme überzeugte Mika Kares als charakterschwacher Daland. Benjamin Bruns war ein sicher, hell und eindringlich gestaltender Erik. Und auch die Mary von Nadine Weissmann brachte genau die richtige Stimmfarbe für die ziemlich gebrochen erscheinende Frau mit. Eine grosse Freude war es, dem jugendlich heiteren Tenor von Kieran Carrel zu lauschen. Das taten auch die Mitglieder des grandios und klanggewaltig singenden Festspielchors (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint), welche seiner Ballade „Ach lieber Südwind, blas noch mehr, mein Mädel verlangt nach mir“ mit pubertärem Männer-Gelächter zum Wort „blasen“ folgten. Wie anlässlich der Premiere dieser Produktion von 2021 und den Wiederaufnahmen in den folgenden Jahren stand Oksana Lyniv am Pult des Festspielorchesters und leitete eine dramatisch aufwühlende Aufführung des FLIEGENDEN HOLLÄNDERS, der einige innigere Momente gut getan hätten, denn manchmal stand der Kessel dann für meinen Geschmack doch allzu sehr unter Hochdruck. Am Ende wie erwartet: Das Publikum tobte vor Begeisterung v.a. bei Grigorian und Brownlee, der Dielenboden des Festspielhauses hielt zum Glück dem elefantösen Getrampel stand.
P.S.: Für einmal kann man sich den Kauf des Programmheftes sparen. Die Texte der russischen Theater- und Musikwissenschalftlerinnen und der russischen Dramaturgin tragen wenig zum Verständnis der Inszenierung bei, sind kopflastig, verschwurbelt und nicht gerade sehr leserfreundlich geschrieben, selbst für doch in Literatur und Musikgeschichte bewanderte Laien wie mich. Die Produktionsfotos sind Klasse, aber die kann man sich auch auf der Webseite der Festspiele ansehen. Noch selten habe ich ein dermassen uninspiriertes Programmheft in den Händen gehabt.
Inhalt:
Während eines Sturms geht Dalands Schiff in einer Bucht vor Anker. Die Mannschaft und der wachhabende Matrose schlafen ein, gespenstisch naht sich ein zweites Schiff. Es ist das Schiff des Holländers, der wegen einer Gotteslästerung zu einem ewigen Leben auf See verdammt ist. Nur ein treu ergebenes Weib kann ihm Erlösung bringen. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen und sich dieses Weib zu erringen suchen. Daland ist beeindruckt von den Schätzen auf des Holländers Schiff und bietet dem Mann seine Tochter Senta zur Gemahlin an.
Diese ist ganz närrisch nach dem Holländer, welchen sie nur von einem Bild und der Sage kennt. Immer wieder ergeht sie sich in Tagträumen über das Schicksal dieses Mannes. Senta wird aber vorerst vom jungen Jäger Erik umworben, der besorgt die Träumereien seiner Liebsten wahrnimmt. Doch Senta fühlt sich berufen, den „armen Mann“ zu erlösen. Unmutig verlässt Erik das Mädchen, als Sentas Vater mit dem Holländer das Zimmer betritt. Senta weiß nun, dass es ihr bestimmt ist, das Erlösungswerk zu vollbringen. Zwischen ihr und dem Holländer entsteht eine innige Verbundenheit. (Wunderbares Duett!)
Die norwegischen Matrosen bereiten das Fest vor und versuchen auch die Mannschaft des Holländer-Schiffes einzuladen, doch aus dem Schiff schallt ihnen nur beängstigendes, geisterhaftes Dröhnen entgegen, so dass sie entsetzt und verängstigt fliehen. Erik erinnert Senta noch an seine Liebe zu ihr, vergeblich.
Der eintretende Holländer hat das Gespräch belauscht und ist sich sicher, dass auch Senta ihm nicht die erhoffte Treue gewähren können wird. Um sie vor der Verdammnis zu bewahren, erzählt er ihr von seinem Fluch (Erfahre das Geschick, vor dem ich Dich bewahr). Er eilt zu seinem Schiff, um auf ewig unerlöst zu bleiben. Doch Senta setzt ihm nach, verkündet nochmals laut, ihm treu […] bis zum Tod zu sein, und stürzt sich von der Klippe ins Meer. Augenblicklich versinkt das Schiff des Holländers in den Fluten. Der Fliegende Holländer ist erlöst.
Werk:
Zum ersten Mal taucht im FLIEGENDEN HOLLÄNDER Wagners Frauenbild auf: Durch bedingungslose Hingabe und Selbstaufopferung dient das Weib der Erlösung fremder Schuld und dem Heil des Mannes. Sentas Ausbruch aus dem Mief des Kleinbürgertums wirkt zwar revolutionär, doch ihre Entscheidung führt nicht zur Freiheit der Liebe, sondern zur Selbstpreisgabe. Der Rolle des Holländers hingegen enthält die Weltschmerzthematik sowie den Keim des deutschen Irrwegs, der auf Erlösung und Untergang im globalen Vernichtungsrausch und auf Kadavergehorsam abzielt. Seit Siegfried Wagner 1901 den Holländer in Bayreuth pausenlos spielen liess, hat sich diese Version auf den Bühnen durchgesetzt, sie wird dem balladesken Charakter des Werks gerecht. Sentas Ballade steht denn auch im Zentrum, die Erzählung vom fliegenden Holländer wandelt sich nach den ersten beiden Strophen zur Ich-Form, die junge Frau kommt zur vermeintlichen Selbstfindung.
Zwar hört man in Wagners Werk noch Anklänge an Weber und Marschner, an die deutsche Schauerromantik, auch die Nummernoper ist noch nicht komplett aufgebrochen. Doch dominieren neben volkstonhaften Einsprengseln (Lied des Steuermanns, Chöre der Spinnerinnen und der Matrosen) grossartige, durchkomponierte Szenen. So der Auftritt des Holländers und vor allem das mit 422 Takten jeglichen konventionellen Rahmen sprengende Duett Senta-Holländer.
Bereits in der Ouvertüre wird der Charakter des Stückes offenbar: Das Motiv des Holländers mit seinem Quart-Quint Aufstieg, die Sturmakkorde und die bedrohlichen Wellen des Meeres, das Erlösungsmotiv und die Melodien der Matrosen bewirken eine packende, gefährliche Sogwirkung.
Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Die Frist ist um, Monolog des Holländers, Aufzug I
Johohoe! Traft ihr das Schiff…, Ballade der Senta, Aufzug II
Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten, Duett Senta-Holländer, Aufzug II
Steuermann, lass die Wacht!, Matrosenchor, Aufzug III
Erfahre das Geschick, Finale Aufzug III