Bayreuth, Festspiele: SIEGFRIED; 07.08.2026
Zweiter Tag des Bühnenfestspiels DER RING DES NIBELUNGEN | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 16. August 1876, Festspielhaus Bayreuth | Aufführungen in Bayreuth: 30.07. | 07.08 und 15.08.2026
Kurzkritik:
AUS MIMES HÖHLE, DER NEIDHÖHLE UND VOM WALKÜRENFELSEN NICHT VIEL NEUES
Deshalb beschränke ich mich heute auf eine Kurzkritik: Das Experiment, mit Hilfe der KI 150 Jahre Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von Wagners DER RING DES NIBELUNGEN zu erforschen, ging gestern Abend in die dritte Runde. Der in den Ankündigungen dieses Experiments versprochene “visuell brodelnde Kosmos” war auch an diesem Abend mit Höhen und einigen Tiefen zu erleben. Neben überaus poetischen Projektionen und atmosphärisch dichten Verschmelzungen und Umformungen, die teils sehr kongruent zur Musik abliefen, teils rätselhaft und kaum zu erschliessen waren, ärgerte man sich männiglich über die skulpturale Darstellung der Handlungsträger*innen, die erneut aus der Distanz kaum zu unterscheiden waren. Trotzdem finde ich persönlich die Buhs am Ende (bevor die Ausführenden vor den Vorhang treten) unangebracht und respektlos. Dieser RING war von Anfang an als Experiment, als Retrospektive auf die vergangenen 150 Jahre RING-Geschichte angekündigt worden, als KI-Instalation, das Wort “Inszenierung” tauchte eben nur in Anführungszeichen auf. Wer nun beklagt, dass keine Inszenierung, keine szenische Interpretation stattfände, hätte sich keine der teueren Karten zu kaufen brauchen. Im SIEGFRIED befinden wir uns auf der der IK unterlegten geschichtlichen Zeitachse in den Jahren zwischen ca. 1942 und 1980. Die KI liess Bilder von leeren Fabrikhallen, unverständlicherweise oft liebevoll gestalteten kunstschmiedeeisernen Gittern, die sich in Zahnräderwerke verwandelten, auch mal einen hübschen Kolibri (Waldvögeleien) und immer wieder felsige Canyons und Tropfsteinhöhlen projizieren. Die Bühnenbilder aus vergangenen Inszenierungen des Rings kamen meist sehr verschwommen daher und verschwanden viel zu schnell, lösten sich auf, dekonstruierten sich. Dies ergab durchaus faszinierende, kaleidoskopartige Effekte, doch plötzlich funkte da Zeitgeschichte dazwischen: Ein Flugzeug der NAVY im Sinkflug, Formationen von Köpfen, die an den Mount Rushmore erinnerten, U-Bahn Stationen, Baustellen (Wirtschaftswunder?), das Emblem der RAF, Günter Grass und Adenauer funkten dazwischen (wahrscheinlich waren dies Themen in den Pausengesprächen auf dem Grünen Hügel), bevor sich jeweils alles wieder in wonnigen Farbtönen auflöste, wie man es aus den vorangehenden Teilen der Tetralogie bereits kannte.
Erneut war es natürlich die musikalische Seite, die sich dafür voll entfalten konnte, mit Sänger*innen, die nicht in Wohnküchen herumturnen mussten, sondern mehr oder weniger in einer Position verharren und sich deshalb voll und ganz auf ihre Gesangskunst konzentrieren konnten. Und was man da zu hören bekam, war alles vom Allerfeinsten: Klaus Florian Vogt als Siegfried begeisterte von A bis Z mit seinem hell und schlank geführten Tenor, überzeugte mit klarer Phrasierungskunst, trug Emotionen wie Trotz, Auflehnung (gegen Mime), Selbstsicherheit (gegenüber dem Wanderer) und Unsicherheit im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht (Brünnhilde) herrlich auf den Klängen des Orchesters schwebend mit beseelter Stimme vor. Phantastisch - und zu Recht Jubelstürme des Publikums auslösend. Michale Volle als Wanderer glänzte erneut mit seiner bewundernswerten Differenzierungskunst in Dynamik und Ausdruckskraft, der wunderbaren Tragfähigkeit seines herrlich sicher und markant strömenden Baritons. Camilla Nylund verlieh der erwachenden Brünnhilde wunderbar leuchtende Töne und steigerte sich zusammen mit dem Siegfried von Klaus Florian Vogt in den mitreissenden, ekstatischen Zwiegesang des Schlusses. Eine Klasse für sich war auch Gerhard Siegel als Mime. Für einmal nicht ein quäkender Zwerg, sondern ein durchtrieben agierender und manipulierender Schelm, der seine Textfluten wirklich singen konnte und nicht in halben Sprechgesang flüchten musste. Grossartig! Er wurde aber erschlagen von Siegfried, im Gegensatz zu seinem Bruder Alberich, dem Jochen Schmeckenbecher erneut grossartig-unheimliches Profil zu verleihen mochte. Ihm werden wir zum Glück nochmals in der GÖTTERDÄMMERUNG begegnen. Peter Rose konnte als Lindwurm Fafner mit dumpfen Basstönen wohlig orgeln und Christa Mayer als Erda stiess ihre Warnungen an den Wanderer (Wotan) mit kraftvoller Bestimmtheit aus. Victoria Randem bezauberte als Waldvögelein mit ihren silbrigen Koloraturen nicht nur den Siegfried, sondern auch das Publikum. Erneut liessen das Festspielorchester und das wundersam die Sänger*innen tragende und die Motive transparent ineinander verschlingende Dirigat von Christian Thielmann aufhorchen und träumen. Es waren vielleicht nicht immer die selben Träume, wie diejenigen der KI, macht aber nichts.
Inhalt des zweiten Tages:
Der Wälsungenspross Siegfried (Sohn der Geschwister Sieglinde und Siegmund, siehe Walküre) wächst beim Zwerg Mime auf. Dieser will sich Siegfrieds Kraft zunutze machen, um das zerbrochene Schwert Nothung wieder neu zu schmieden. Siegfried gelingt dies. Damit tötet er den Riesen Fafner, der sich in einen fürchterlichen Drachen verwandelt hat und den Ring des Nibelungen Alberich hütet. Siegfried bemächtigt sich des Rings und des Tarnhelms, trinkt das Blut des Drachen, wird dadurch hellhörig und versteht nun die Falschheit seines Ziehvaters Mime. Er streckt den Zwerg nieder und schlägt auch dessen Bruder Alberich aus dem Feld, der ebenfalls scharf auf den mächtigen Ring ist. Göttervater Wotan (der Wanderer) hat eben vergeblich Urmutter Erda um Rat gefragt, wie seine Machtsphäre noch zu retten sei. Das Waldvögelein führt Siegfried zur schlafenden Brünnhilde. Wotan versucht noch, Siegfried den Zutritt zum Walkürenfelsen zu verwehren. Vergeblich: Der junge Held zerschlägt den Speer des Göttervaters, bricht damit dessen Macht und erweckt Wotans Tochter Brünnhilde, die den strahlenden Helden jubelnd begrüsst.
Das Werk:
Wagner begann bereits 1856 mit der Komposition des SIEGFRIED, brach aber 1857 die Arbeit im 2. Akt ab (er beschäftigte sich zwischenzeitlich mit TRISTAN UND ISOLDE und den MEISTERSINGERN). Er nahm die Komposition erst 1869 wieder auf und vollendete die Partitur 1871.
Bis zum erlösenden, strahlenden C-Dur Finale des dritten Aktes verwendet Richard Wagner in den ersten beiden Akten eher die düsteren Farben des Orchesters. Besonders die starke Präsenz der Bratschen im ersten Akt ist bemerkenswert. Sie charakterisieren die Heimtücke des Mime. Immer wieder erklingt mit den Tuben das schwarze, bedrohliche Motiv des Drachen Fafner, bevor die Hörner dann den Helden Siegfried feiern. Daneben entbehrt jedoch der erste Akt mit dem rotznasigen jungen Siegfried und dem von Falschheit nur so strotzenden Mime nicht einer gewissen Komik.
Wagners orchestrale Instrumentierungs- und Charakterisierungskunst ist in diesem Werk – trotz eines zehnjährigen Kompositionsunterbruchs – auf dem Höhepunkt angelangt. Das Vorspiel zum dritten Akt verwebt äusserst kunstvoll die vielschichtigen Leitmotive.
Musikalische Höhepunkte:
Nothung! Nothung! Neidliches Schwert, Siegfried, Akt I
Dich holdes Vöglein, Siegfried, Akt II (Waldweben)
Wohin schleichst du?, Alberich-Mime, Akt II
Vorspiel Akt III
Wache, Wala! Wala erwach!, Wanderer-Erda, Akt III
Selige Öde auf sonniger Höh’, Siegfried Akt III
Heil dir Sonne, heil dir Licht, Brünnhilde Akt III
Ewig war ich, ewig bin ich, Brünnhilde Akt III