Bayreuth, Festspiele: GÖTTERDÄMMERUNG; 09.08.2026
Der letzte Tag der einmaligen KI-Produktion des Bayreutehr Rings zum 150jährigen Geburtstag der Festspiele
Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 17. August 1876, Festspielhaus Bayreuth | Aufführungen in Bayreuth: 1.8. | 9.8. und 16.8.2026
Kritik:
Von der GÖTTERDÄMMERUNG ausgehend, sei ein Blick auf dieses RING 10010110 – EXPERIMENT gewagt:
SEHR VIEL SCHATTEN UND NUR GANZ WENIG LICHT
Der grösste Schatten: Ich weiss, Publikumsbeschimpfungen sind meist nicht zielführend, doch stiess mir das Verhalten eines Teils des Publikums während diese RINGS dann doch extrem sauer auf. Es ist das gute und demokratische Recht eines jeden Besuchers (der bis zu fast 500 € für sein Ticket bezahlt hat), seinen Unmut über die künstlerischen Leistungen der Ausführenden frei zu äussern – solange es das Recht der restlichen Anwesenden, die Musik, die Werke und vor allem deren Nachklang zu geniessen, nicht beeinträchtigt. Nun hat sich wohl eine Minderheit verschworen und beschlossen, nach jedem Akt, kaum dass der letzte Ton verklungen war, kräftig zu buhen. Am extremsten geschah dies am Ende der GÖTTERDÄMMERNUNG. Nach einer der erhabensten Kompositionen und Szenen aus Wagners Feder brauste in Sekundenbruchteilen ein Buhgewitter durch den Saal, wie ich es noch selten erlebt hatte. Kann man nicht wenigstens ein paar Augenblicke warten und die herrliche Musik auf sich wirken, sie innerlich nachklingen lassen? Ist man eventuell nur gekommen, um selbstgefällig und despektierlich zu pöbeln? Ist man vielleicht gar kein echter Wagnerianer, sondern nur ein eitler, rüpelhafter, respektloser und besserwisserischer Wichtigtuer? Und wenn man schon unzufrieden ist, warum richtet man seinen Ärger nicht an die Verantwortlichen selbst und tritt aus der anonymen Dunkelheit des Saales heraus, fasst sich ein Herz und beschwert sich unter seinem eigenen Namen an den entsprechenden Stellen? Der Kurator des Experiments und sein Team zeigten sich übrigens nicht beim Schlussapplaus – kann man gut verstehen.
Der mittelgrosse Schatten:
Von Anfang an war dieser RING 10010110 als Experiment deklariert worden. Theater - und insbesondere experimentelles Theater – bergen stets das Risiko des Scheiterns. Es sollen sich also keine der Kartenkäufer*innen beklagen, dass sie nicht ahnen konnten, was auf sie zukommt. Wir alle wissen doch, wenn wir ehrlich sind, dass aus der Wolke der KI noch einiges Unglück auf uns niederprasseln wird. Ich habe in meinen Rezensionen der ersten drei Abende der Tetralogie manche Aspekte dieser KI – Installation (eine Inszenierung würde ich es nicht nennen wollen) verteidigt, positive Aspekte versucht zu erkennen. Allein, auch ich scheiterte nun in der GÖTTERDÄMMERUNG. Das EYES WIDE SHUT Programm funktionierte für mich leider nicht. Denn die KI denkt für mein analoges Hirn zu schnell: Kaum glaube ich mich auf der Spur einer nachvollziehbaren Assoziation, hat mich die KI schon längst wieder überholt; in der Zeit, die mein Denken für eine Einordnung braucht, hat die KI bereits mindestens fünf neue Bilder generiert. Also laufe ich der Installation immer hinterher, ohne je anzukommen und Schritt halten zu können. Zudem macht sich innerhalb dieser 15 Stunden doch eine gewisse Erschöpfung breit, auch bei der KI. Jedenfalls werden die wenigen, verfremdeten Einsprengsel aus vergangenen Inszenierungen des RING DES NIBELUNGEN in Bayreuth dem Anspruch auf eine Retrospektive nicht gerecht. Ein bisschen Alexanderplatz aus Carstorfs RING mit Döner Buden, immer wieder Chereaus Walkürenfelsen, Wieland Wagners Scheibe und die Ölskizzen der Erstproduktionen, alles stets verschwommen. Warum? Auch der Pool aus Bildern der Zeitgeschichte, aus welchem die KI ihre eigenen Bildwelten errichtet, scheint begrenzt gewesen zu sein. „Wie sich die Bilder gleichen“, diese deutsche Übersetzung von Cavaradossis Auftrittsarie in TOSCA, hat sich zu einem geflügelten Wort gemausert und passt zu dieser Installation: Lost Places ohne Ende, Fabrikhallen, Zahnräder und Schmiedeeisen – Verzierungen. Warum? Dazu viel kitschiges Rot und Strahlenkränze bei Brünnhildes Schlussgesang. Und die weltgeschichtliche Zeitachse? Verschenkt, da zu wenig Relevantes und zu kurz eingeblendet. Was soll ich mit Jelzin, Reagan und Gorbatschow, die gleich wieder ausgeblendet werden, anfangen? War der eine da nicht Rudi Dutschke? Ich weiss es nicht. Ach ja, das Ortsschild von Schengen ist da. Auch die € - Skulptur vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt erkennt man schnell. Aber ja doch, es gab sie, die wunderbar poetisch und stimmungsvoll gedachten Assoziationen der KI: Hagen und seine Mannen im grauen Nebel z.B. oder die wirklich stimmungsvollen Projektionen beim Feuerzauber und Wotans Abschied, wo man gerne wie Faust selig ausgerufen hätte: „Augenblick verweile doch, du bist so schön“. Doch das wollte uns die KI nie gönnen, ganz im brechtschen Theater verhaftet, schien sie uns zuzurufen: „Glotzt nicht so romantisch!“. Dafür viel esoterische Waldorfschulen Aquarelltechnik, derer man während der 15 Stunden schnell mal überdrüssig wurde. Natürlich kann man das ausbuhen, dass man zum 150. Jubiläum der Festspiele in Bayreuther Werkstatt – Manier anstelle einer bedenkenswerten, aufrüttelnden oder streitbaren Ring – Parabel – Inszenierung nun diese KI Installation vorgesetzt bekommt, aber bitte nicht nach den Aktschlüssen. Denn diese Fragen stellen sich doch: Wer kam auf diese Idee? Wer hat sie abgesegnet? Zu welchem Zeitpunkt war den Ausführenden die Konzeption bekannt? Warum haben sie sich bereit erklärt, mitzuwirken? Warum hat nicht der in Bayreuth doch bestimmt nicht ohne Einfluss dastehende musikalische Leiter des RINGS, Christian Thielemann, erklärt, dass er bei diesem Mist nicht mitmache? Es wäre bestimmt noch Zeit gewesen, das Experiment abzubrechen oder wenigstens den Sänger*innen das Agieren zu erlauben und ihnen einigermassen vernünftige Kostüme zur Verfügung zu stellen. Denn dies spürte man immer wieder: Die Künstler*innen sind auch von ihrem Berufsverständnis her „Rampensäue“, die WOLLEN den von ihnen gesungenen Charakter auch szenisch interpretieren, sonst wirkt das Ganze aseptisch und seelenlos. Ja, ich verstehe die Protestierenden, nur haben sich sich für ihren Ärger den falschen Ort ausgesucht..
Halbschatten – die musikalische Umsetzung:
Gerade das Vorspiel und der erste Akt, also knapp die Hälfte der GÖTTERDÄMMERUNG, kamen seltsam schleppend und uninspiriert daher. Zwar sangen alle recht brav, aber das reichte nicht. War es die Hitze des Tages, war es die Ermüdung nach anstrengenden Tagen? Man weiss es nicht. Selbst im Festspielorchester schlichen sich Patzer ein und Thielemann schien die Tempi immer mehr zu dehnen. Im zweiten und dritten Akt allerdings wurde es besser. Auch schienen nicht alle Partien ideal besetzt worden zu sein. Christa Mayer z.B. bekam beim Einzelvorhang tosenden Applaus, den man ihr gerne gönnt. Alles zwar korrekt gesungen, doch mit Verlaub, muss eine Waltraute so „ältlich“ und gebrochen klingen, mit überdeutlichem Vibrato? Das kann man sich warmstimmiger vorstellen. Camilla Nylund als Brünnhilde griet an Grenzen im grossen Rund des Bayreuther Saals. Kam ihre schöne Stimme anlässlich ihres Rollendebüts (ab 2022) im kleineren Opernhaus Zürich noch sehr gut zur Geltung, war sie hier oftmals nur noch verschattet, liedhaft zu hören, die strahlende Autorität für den Schlussgesang Starke Scheite schichtet mir dort fehlte komplett. Klaus Florian Vogt gab den Siegfried auch mit schön geführter, liedhafter Stimme, drang aber entschieden besser durch als Brünnhilde. Auch der Hagen von Mika Kares sang seine Passagen wunderschön intonierend, und doch hätte man sich für diesen abgründigen Menschen mehr Schwärze, mehr „Dreck“ gewünscht. Imponierend war die Gutrune von Magdalena Hinterdobler, wunderbar leuchtende Töne beeindruckten und man bedauerte, dass Wagner ihr nicht mehr Notenmaterial zugedacht hatte. Anständig der Gunther von Michael Kupfer-Radecky, Klasse der Alberich von Jochen Schmeckenbecher. Tadellos sangen die Nornen von Anna Kissjudit, Alexandra Ionis und Magdalena Hinterdobler. Und wie bereits im RHEINGOLD überragend drang die Harmonie der drei Rheintöchter Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold durch den Gazevorhang.
Es werde Licht: Zum Glück gibt es in der GÖTTERDÄMMERUNG ganz viele ausladende, rein orchestrale, symphonische Passagen, die auch meist bei geschlossenem Vorhang gespielt wurden. Da konnte sich das Ohr am beglückenden Spiel des Festspielorchesters und dem wunderbar formenden Dirigat Thielemanns erfreuen.
Fazit: Dieses RING – EXPERIMENT wird nicht als leuchtendes Beispiel eines künstlerisch weiterführenden Konzepts in die Annalen der Festspiele eingehen – dafür als Plädoyer für die Rückkehr zur menschengemachten und von Menschen verantworteten Kunst.
Werk:
Die GÖTTERDÄMMERUNG bildet den monumentalen Schlussteil von Wagners Tetralogie, ein Werk von ungeheurem Ausmass und ebensolchen Anforderungen an die Ausführenden. Nach aussen stellt diese Werk - mit einer Aufführungsdauer von bis zu sechs Stunden - den opernhaftesten Teil der vier Abende dar, mit grossen arienhaften Szenen und dem Chor, der hier zum einzigen Mal im gesamten RING auftaucht. Daneben kommt das sinfonische Element, als orchestrales Intermezzo, ausgiebig zum Tragen (Siegfrieds Rheinfahrt, Trauermusik, Weltenbrand). Trotz des gewaltigen Umfangs der Partitur herrscht nach dem ruhigen Beginn (Szene der Nornen) eine nie nachlassende Spannung und eine geballte, hochdramatische Erregung. Wagner hat die Charakterzeichnungen der Personen noch weiter verfeinert, die Motive werden kunstvoll verwoben und zu einem eruptiven Schluss gebracht.
Das aussergewöhnliche Drama um Liebe, Macht und gebrochene Verträge findet mit der Rückgabe des fluchbeladenen Rings an die Rheintöchter sein Ende.
Inhalt des dritten Tages:
Der letzte Teil von in Richard Wagners "Ring"-Tetralogie schildert den Tod Siegfrieds, den Untergang der Götter und die Erlösung vom Ring und seinem Fluch: Siegfried lebt nun mit Brünnhilde zusammen, doch es drängt ihn zu neuen Taten. Als Pfand seiner Liebe überlässt er ihr den Ring. Von seiner Macht weiß er allerdings nichts. Unterdessen hat Alberich mit Grimhild einen Sohn gezeugt: Hagen. Er will ihn benutzen, um wieder in den Besitz des Rings zu gelangen. Hagen weiss um den Ring und seine Macht und gibt Siegfried einen Vergessenstrank. Nun kann der sich an nichts mehr erinnern. Er erklärt sich einverstanden, Brünnhilde für Gunther zu freien und kriegt dafür Gunthers Schwester Gutrune zur Frau. Brünnhilde fühlt sich von Siegfried betrogen. Sie verrät Hagen, dass Siegfried am Rücken verletzlich ist. Hagen ermordet Siegfried. Erst nach dem Tod Siegfrieds begreift Brünnhilde, dass sie von Hagen benutzt wurde, um den Ring zu erlangen. Sie nimmt den Ring an sich und reitet in den Scheiterhaufen, auf welchem der tote Held verbrannt werden soll. Der Rhein tritt über die Ufer, die Rheintöchter ziehen Hagen in die Fluten. Das Feuer greift auf Walhall über, das Ende der Götter ist da.
Musikalische Höhepunkte:
Tagesanbruch, Prolog
Zu neuen Taten, Brünnhilde-Siegfried, Prolog
Siegfrieds Rheinfahrt, Prolog
Hier sitz ich zur Wacht, Hagen, Akt I
Altgewohntes Geräusch, Brünnhilde-Waltraute, Akt I
Schläfst du Hagen, mein Sohn, Alberich-Hagen, Akt II
Welches Unholds List, Verschwörungsszene Brünnhilde, Hagen, Gunther, Akt II
Mime hiess ein mürrischer Zwerg – Brünnhilde, heilige Braut, Siegfrieds Erzählung, Akt III
Siegfrieds Tod, Trauermusik, Akt III
Starke Scheite schichtet mir dort, Schlussgesang der Brünnhilde, Akt III