Bayreuth, Festspiele: PARSIFAL; 10.08.2026
Bühnenweihfestspiel in drei Akten | Musik: Richard Wagner | Libretto: vom Komponisten, nach dem mittelalterlichen Epos von Wolfram von Eschenbach und anderen Quellen | Uraufführung: 26. Juli 1882 in Bayreuth | Aufführungen in Bayreuth: 31.7. | 10.8- | 20.8. und 25.8.2026
Kritik:
„Der Mensch erscheint im Holozän“, diesen – geologisch falschen - Satz wiederholt der Protagonist in Max Frischs gleichnamiger Parabel über geistigen Verfall und Tod ständig. In Jay Scheibs Sicht auf PARSIFAL steht die Menschheit an der Schwelle vom Holozän zum (geologisch noch nicht anerkannten) Anthropozän. Denn hier auf der Bayreuther Bühne haben die Menschen (und die Gralsritter) das Holozän (der Mensch hatte sich nach der letzten Eiszeit niedergelassen und gründete Hochkulturen) gründlich versemmelt, Raubbau an der Natur betrieben bis zu deren Auslöschung. So ist denn auf der genial konstruierten Bühne von Mimi Lien nichts mehr an natürlich Gewachsenen mehr zu sehen. Noch blinkt im ersten Aufzug nur der Monolith als Lithium Speicher, die Erdschichten sind aufgebrochen, in der Quelle kann man noch knapp baden. Der heilige Gral ist kein Kelch mehr, die Kraft schöpft die Gralsgemeinschaft aus einem blau leuchtenden Kobalt – Kristall. Kobalt und Lithium sind das Manna der Menschheit geworden – die seltenen Erden also, ohne die unser Leben im zu Ende gehenden Holozän nicht mehr vorstellbar ist. Wie bei Kundry ist unser Erinnern und Vergessen sehr selektiv und abhängig von eben diesem Raubbau an der Natur geworden geworden. Nach nur einem knappen halben Jahr haben wir auf diesem Planeten jeweils die regenerierbaren Ressourcen aufgebraucht, nehmen uns danach Kredit von der Erde, einen Kredit, den wir nie zurückzuzahlen in der Lage sein werden. Dies zeigen Jay Scheib und sein Team ganz deutlich im dritten Aufzug: Da sind wir ins Anthropozän eingetreten, dieses nicht allzu dystopische Zeitalter, in welchem die Natur menschengemacht kollabieren wird. Die Quelle ist durch menschliche Gier nun zum giftgrün verseuchten Tümpel geworden, der Monolith ist gestürzt und am Verrotten. Genauso wie der gigantische Bergbau – Bagger, der am Rande des Tümpels vor sich hin rostet. Als Parsifal nach Jahren zurückkehrt, wird er zum Erlöser, aber nicht ganz so, wie es sich die dahinsiechenden Mitglieder der uniformen Gralssekte wohl vorgestellt hatten. Mit dem heiligen Speer schliesst er zwar Amfortas' Wunde (wie hatten wir doch mit ihm zusammen im ersten Aufzug leiden müssen, als wir in Video-Grossprojektion den Versuch des Nähens seiner Wunde zwischen Skrotum und Anus mitverfolgen mussten), er enthüllt den Gral, doch nicht Labung für die darbende Geneinschaft folgt, sondern Parsifal zerschmettert den Kobalt-Kristall und beabsichtigt so, die Gemeinschaft vom Fluch der Abhängigkeit von den seltenen Erden zu befreien. Er steht mitten im Tümpel, auf dem Rücken des T-Shirts, das ihm einst seine Mutter Herzeleide geschenkt hatte, steht „Remember Me“. Kundry entschwindet als einsame Weltengängerin in der Wüste der zerstörten Landschaft, auf ihrem Rücken lesen wir „Forget Me“ und ihre Doppelgängerin (oder Schwester) umarmt den Gurnemanz, mit dem sie bereits zu Beginn des ersten Aufzugs ein geheimes Verhältnis gehabt hatte (ein Mann halt, dem das zölibatäre Leben als Gralsritte auch nicht behagte, wie vor ihm Amfortas und Klingsor). Bei ihm, dem Klingsor, der sich selbst entmannt hatte und nun als genderfluider Kerl in Highheels und rosa Seidenanzug auftritt, befinden wir uns im zweiten Aufzug. Sein Zauberreich ist in der Tiefe eines Brunnens angesiedelt, ein geheimer, illegaler Sex Club, der die Gralsritter anziehen soll. Klingsor und seine Verführerinnen, die Blumenmädchen, hausen in einem Felsspalt, rosa leuchtend wie eine Vagina. Mit Hilfe des heiligen Speers zaubert Klingsor eine blumige Pop-Art-Welt auf den Boden des Brunnens. Die ebenfalls rosa gekleideten Blumenmädchen (viel Kleidung ist da nicht, sie sind teils halbnackt) versuchen hier, Parsifal zu verführen. Vergeblich, wie man weiss. Dieser Akt ist eine Augenweide, vortrefflich choreografiert in den Bewegungsabläufen. Die arme Kundry muss ständig durch den seichten Pool waten, rutscht einmal gar aus – zum Glück ist Miina-Liisa Värelä nichts passiert.
Ganz wunderbar ist die Kostümdramaturgie von Meentje Nielsen gelungen: Die Gralsritter erscheinen in Tarnanzügen, mit eingewebten Fischmustern, ein kollektiver Schwarm, der mit dem Strom schwimmt. Gurnemanz trägt eine gelbe Hüftschürze und ein weisses Hemd; im dritten Aufzug tragen die Gralsritter dann nicht mehr die Tarnanzüge, sondern auch gelbe Hüftschürzen und weisse Hemden, Gurnemanz dagegen nur noch ein verdrecktes Büssergewand. Bei Kundry fällt der schwarz-weiss Kontrast auf, selbst die Haare sind auf einer Seite weiss, auf der anderen schwarz, als Symbol der Weltengängerin und Pendlerin zwischen Wohltäterin und der Frau, die einst den Jesus auf seinem Gang nach Golgatha gröhlend verlachte. Parsifal tritt in geflickten Jeans auf, ab dem zweiten Aufzug dann in roten Shorts, alles sehr passend knabenhaft und mit naivem Touch. Für einmal wird auch Titurel auf der Bühne sichtbar und singt nicht bloss aus dem Off. Selbst seine Leiche wird im dritten Aufzug in einem einfachen Leichensack aus Plastik auf die Bühne geschleppt. Spannend leuchtet Jay Scheib die Vater-Sohn Beziehung der beiden Gralskönige aus, ergreifend wie Titurel dann seinen leidenden Sohn umarmt. Besonders erwähnenswert ist das fantastische Lichtdesign des leider vor zwei Jahren viel zu früh verstorbenen Rainer Casper, der es verstanden hatte, die Bühne immer wieder in stimmiges, für einmal helles, klares und auch positiv überraschendes Licht zu tauchen.
Am Pult steht wie bereits bei der Premiere 2023 Pablo Heras-Casado (er wird auch die nächste Neuproduktion des RING DES NIBELUNGEN 2028 in Bayreuth leiten). Nie überhastet, die Generalpausen betont aushaltend, formt er zusammen mit dem Festspielorchester (seit 1886 zusammengesetzt aus Musiker*innen führender Orchester aus Deutschland und dem nahen Ausland) eine ruhige, in stetem, erhebendem Fluss bleibende und an vielen Stellen musikalisch wunderbar berührende Wiedergabe von Wagners Schwanengesang.
Die Sänger*innen sind allesamt in ihrer Individualität vortrefflich. Am meisten beeindruckte mich Georg Zeppenfeld als warmstimmiger, sympathischer (weil überaus menschlicher) Gurnemanz. Herausragend seine Diktion, die virtuose Bewältigung der unermesslichen Textfluten, denen man aber dank seiner balsamischen Stimme gerne lauscht. Michael Volle ist trotz des Leidens des Amfortas an der sich nicht schliessen wollenden Wunde ein stimmgewaltiger, imponierend präsenter Gralskönig. Auch dies (nach den drei Wotans in der Vorwoche) eine zutiefst beeindruckende Leistung. Andreas Schager ist ein Teufelskerl: Er ist ein Sänger, der von seinem Naturell her einfach immer alles mit Vollgas gibt. So auch nach dem anstrengenden Rienzi zwei Tage vorher nun den Parsifal. Es ist mir ein Rätsel, wie man das schafft. Seine gut geölten Stimmbänder scheinen diese Strapazen ohne Schaden auszuhalten. Natürlich ist vieles laut, sehr laut gesungen; es stellen sich bei lange gehaltenen Tönen etwas gar vibratoreich intonierte Klänge ein. Aber nichtsdestotrotz eine beeindruckende Interpretation des stürmischen Knaben, der dann erst im zweiten Akt durch Mitleid wissend wird und zu durchaus empfindsamen Passagen findet. Miina-Liisa Värelä ist ein durch und durch wildes Weib als Kundry. Die Figur kennt ja nur gestammeltes, fetzenhaftes, fragmentiertes Ausstossen von kurzen Phrasen im ersten Akt, findet dann erst im zweiten Akt in der grandiosen Verführungsszene zu Kantabilität; weich angesetzte Passagen, grossartige, bruchlose erreichte Tiefen wechseln mit beinahe an Hysterie grenzenden Spitzentönen. So wird Miina-Liisa Värelä dem amorphen, vieldeutigen Charakter der Kundry gerecht. Im dritten Akt verstummt ihre Stimme dann praktisch vollends. Bis auf die vier Noten des „Dienen ... Dienen“ hat sie gar nichts mehr zu singen, nur zu Beginn leicht zu stöhnen. Das ist von Wagner natürlich - wie vieles in der inhaltlich diskutablen, aus so vielen Religionen und Philosophien zusammengerührten Oper – grossartig konzipiert. Jordan Shanahan singt und spielt den (selbst-) kastrierten Klingsor mit beeindruckender gestalterischer Kraft, gekonntem Hüftschwung, eine Mischung aus laszivem Conférencier im Kabarett und dämonischem Zauberer. Am Ende stürzt er bei seinem Fluchtversuch von der Brunnenwand und stirbt. Vitalij Kowaljow imponiert als erstaunlich vitaler Titurel. Daniel Jenz und Tijl Faveyts sind die beiden Gralsritter, Evelin Novak, Catalina Bertucci, Natalia Skrycka, Victoria Randem, Lavinia Dames und Marie Henriette Reinhold (sie singt auch das eindrückliche Altsolo am Ende des ersten Aufzugs) agieren gekonnt wollüstig und harmonieren klanglich beeindruckend als Blumenmädchen. Von den vier Knappen ist Manuel Günther als dritter Knappe am präsentesten, da er im ersten und im dritten Akt über längere Zeit mit dem verhüllten Gral in den Händen an der Rampe knien darf/muss. Die andren drei Knappen verdienen aber selbstredend auch Erwähnung für ihre schönen Stimmen: Lavinia Dames, Natalia Skrycka und Martin Koch.
Fazit: Vom Holozän ins Anthropozän – Jay Scheib und sein Team offenbaren eine spannende, bedenkenswerte Sicht auf Wagners umstrittenes Bühnenweihfestspiel und krudes Erlösungsdrama.
P.S.: Auf die Augmented Reality Brillen, die in den ersten drei Jahren dieser Produktion zum Einsatz für 330 Besucher*innen zum Einsatz gekommen waren, wurde übrigens 2026 kommentarlos verzichtet. Aber was man so hörte, hat man ohne Brille nichts verpasst, wahrscheinlich sogar unbebrillt mehr gesehen!
Werk:
PARSIFAL, das letzte Bühnenwerk Wagners, fügt sich nahtlos in sein Schaffen ein. Die Thematik des Erlösungsgedankens, welcher seit seinem FLIEGENDEN HOLLÄNDER sein Werk und seine (zum Teil kruden) Philosophien durchzogen hatte, wird in dieser Oper nochmals in aller Deutlichkeit veranschaulicht: Die Erlösung des Menschen von seinen Sünden durch eine von Mitleid erfüllte, reine Seele. Hier ist es Parsifal, der reine Tor, welcher durch Mitleid wissend wird.
Nach dem Willen Wagners (und vor allem seiner zweiten Frau Cosima) sollte PARSIFAL ausschliesslich in Bayreuth gespielt werden dürfen. Doch die Metropolitan Opera verletzte den Urheberrechtsschutz bereits 1903 mit einer szenischen Aufführung in New York. 1913 lief die offizielle Schutzfrist aus. Cosima kämpfte vergeblich um eine Verlängerung. Das Opernhaus Zürich zeigte die erste legitime und vollständige Aufführung ausserhalb Bayreuths.
Musikalisch gehört Wagners Partitur zum Erhabensten, was der Komponist geschaffen hatte, auch wenn, wie oft bei ihm, gewisse Passagen vor Geschwätzigkeit nur so strotzen (die unendlich langen Erzählungen Gurnemanz'). Doch dann beglückt die Musik wieder mit einem berührenden, nie leeren Pathos, einer unendlichen Schönheit, Tiefe und Reinheit, einem „ausserordentlichen Gefühl, Erlebnis und Ereignis der Seele im Grunde der Musik, das Wagner die höchste Ehre macht.“ (Friedrich Nietzsche, der sich von Wagner abgewandt hatte, nachdem er das Vorspiel I gehört hatte.)
Neben aller Erhabenheit und Schönheit der Musik ist PARSIFAL aber auch ein inhaltlich streckenweise kaum geniessbares Konglomerat aus christlichen (Fusswaschung, Taufe, Abendmahl, heilige Lanze, Christi Blut), buddhistischen (Figur der Kundry mit ihren Wiedergeburten, Verbot des Tötens von Tieren) und freimaurerischen (Initiationsriten, Männerbünde) Ingredienzen. Es wurde als unmenschliches, frauenfeindliches und die sterile Männerwelt und ihre militärisch-mönchischen Ideale verklärendes Spektakel bezeichnet. (Wapnewski). Der von Wagners Witwe Cosima begründete Kult der beinahe alljährlichen „Enthüllung“ des Grals, sprich Aufführung des PARSIFAL im Festspielhaus auf dem grünen Hügel, begründete den an pseudoreligiöse Hysterie gemahnenden Gottesdienstcharakter, welchen eingefleischte Wagnerianer in diesem Werk erleben wollen. Für andere hingegen war PARSIFAL (und seine Zelebrierung in Bayreuth) eine „Geschichte, die ordentlich schlecht riecht wie die Kirche, die nie gelüftet worden ist … eine Weihrauchmuffelei, eine ungesunde geistliche Wundmalverzückung … fast ein Brechmittel.“ (Elisabeth von Herzogenberg).
Inhalt:
Vorgeschichte: Titurel, der Hüter des Heiligen Grals (Kelch, in welchem das Blut Christi vom Kreuz aufgefangen wurde) und des Heiligen Speers (mit welchem Christus am Kreuz die Seitenwunde zugefügt wurde) ist alt geworden. Sein Sohn Amfortas soll sein Nachfolger als Gralshüter werden. Bei einer Auseinandersetzung mit dem abtrünnigen Gralsritter Klingsor erliegt er fleischlichen Verlockungen und hat zudem den Heiligen Speer an diesen verloren. Klingsor fügte ihm damit eine Wunde zu, welche sich seither nicht mehr schliesst.
Oper: Gurnemanz, ein alter Gralsritter, trifft das Weib Kundry, eine Gefallene zwischen Heiliger und Hexe (sie verspottete einst Christus am Kreuz und muss seither unerlöst durch die Welt ziehen). Sie bringt einen Balsam, welcher Amfortas Linderung verschaffen soll. Doch gemäss einer Prophezeiung wird dies nur ein „reiner Tor“ schaffen, der durch Mitleid wissend geworden ist. Dieser scheint in dem Burschen Parsifal gefunden zu sein, welcher in den Park einbricht und einen Schwan erlegt. Doch die weihevolle Enthüllung des Grals, zu welcher ihn Gurnemanz mitnimmt, lässt den Jungen sprachlos zurück. Gurnemanz jagt ihn davon. Parsifal gelangt ins Reich Klingsors. Dieser will ihm mit Hilfe Kundrys die Unschuld rauben. Doch ihr Kuss macht ihm Amfortas' Qualen und deren Ursachen bewusst, er stösst Kundry von sich. Ihr hysterischer Ausbruch ruft Klingsor herbei, welcher Parsifal mit dem Heiligen Speer töten will. Doch der Speer bleibt über Parisfals Haupt schweben, er ergreift ihn, schlägt damit das Kreuzeszeichen und bringt so Klingsor und sein Zauberreich zum Verschwinden. Nach langer Irrfahrt findet Parsifal an einem Karfreitag den Weg zur Gralsburg wieder. Titurel ist unterdessen gestorben und Amfortas hat sich seither geweigert, den Rittern die Gnade und die Kraft der Enthüllung des Grals zuteil werden zu lassen. Parsifal schliesst mit dem Speer endlich Amfortas' Wunde und enthüllt den Gral. Als Zeichen der göttlichen Gnade schwebt ein weisse Taube vom Himmel. Kundry ist erlöst von ihrem Fluch, sinkt zu Boden. Parsifal ist der neue König und Hüter des Grals.