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Winterthur, Stadthaus: SAISONERÖFFNUNG MUSIKKOLLEGIUM; 28.08.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Musikkollegium Winterthur

Richard Octaviano Kogima und das Musikkollegium Winterthur Applausbild, 28.8.2026: K. Sannemann

Gratiskonzert zur Saisoneröffnung des Musikkollegiums Winterthur mit dem mehrfach preisgekrönten Pianisten und Dirigenten Richard Octaviano Kogima und dem Trompeter Guillaume Thoraval mit den folgenden Werken:

Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll, KV 466 | Uraufführung: 11. Februar 1785 in Wien, mit Mozart am Klavier |

Alfred Baum: Konzert für Trompete, Klavier, Pauke und Streicher | Uraufführung: 17. Mai 1961 in Winterthur | Ersteinspielung: 14. November 1961 im Radiostudio Zürich, Leitung: Erich Schmid, Klavier: der Komponist selbst, Trompete: Henri Adelbrecht |

Zoltán Kodály: Tänze aus Galánta | Urauffühung: 23. Oktober 1933 in Budapest, Leitung: Ernst von Dohnániy

Kritik: 

Das grösste Kompliment, das man Musiker*innen und Veranstaltern wohl machen kann, ist, dass das Konzert unendlich viel Spass gemacht hat, auf dem Nachhauseweg nachklang und die Reminiszenzen daran auch am nächsten Tag noch ungemein frisch und überwältigend waren. Ja von diesem Konzerterlebnis zur Saisoneröffnung werde ich noch lange schwärmen und zehren dürfen!

Es begann bereits mit der Festansprache des Direktors des Zoos Zürich. Zu Recht fragte sich selbst der Redner, weshalb er als Zoodirektor zur Festansprache eines Orchesters eingeladen worden war. Er befürchtete bereits, dass seine mühevollen Versuche mit dem Oboenspiel irgendwo in den Weiten des Internets aufgetaucht wären. Andererseits gab's in seinen Jugendjahren noch keine sozialen Medien, welche jeden „Furz“ für die Ewigkeit festhielten. Doch als er dann Kenntnis des thematischen Übertitels der neuen Saison des Musikkollegiums Winterthur bekam, war alles klar. Denn dieser lautet für die Saison 26/27 NATUR. Da ist selbstredend die Fauna mit eingeschlossen, und wer könnte besser über Chancen, Bereicherungen und Gefahren des Umgangs mit und in der Natur berichten, als ein ausgewiesener Kenner wie Dr. Severin Dressen. In einem launigen und gleichzeitig brillant geschliffenen, frei gesprochenen Vortrag fesselte Dr. Dressen das Publikum im voll besetzten Semperbau in Winterthur von Beginn weg. Einfach Klasse, jemanden so reden zu hören, an seinen Lippen zu hängen.

Gefesselt war man dann auch vom darauf folgenden musikalischen Programm. Mit Richard Octaviano Kogima erlebte man einen wahren musikalischen Tausendsassa auf dem Podium, der als Solist am Klavier und als Dirigent gleichermassen mitreissend agierte und spielte. Mozart selbst hatte ja die Tradition des Play&Conduct mitbegründet, seine eigenen Klavierkonzerte vom Hammerklavier aus geleitet. In der neueren Zeit haben bekannte Pianist*innen ganze Mozartzyklen auf diese Weise eingespielt, die von der Kritik hochgelobt worden waren: Murray Perahia, Daniel Barenboim, Mitsuko Uchida, András Schiff, Christian Zacharias u.v.a.m. Die Zusammenarbeit nun von Richard Ocatviano Kogima und dem Musikkollegium Winterthur entwickelte sich zu einem beglückenden, packenden Erlebnis: Musikantentum von seiner besten Seite; mit ansteckender Freude, Spritzigkeit und an gewissen Stellen mit dem notwendigen Tiefgang wurde da an diesem Eröffnungsabend musiziert. Herausragend und eine Entdeckung waren die vom Pianisten gewählten (vermutlich selbst geschriebenen) Kadenzen: Pianistische Virtuosität vom allerfeinsten, gepaart mit einer subtilen Anschlagskultur, dynamischer Differenzierung und Schmiss. Regelrechte Showstopper, die aufhorchen liessen. Da Mozart ja selbst keine notierten Kadenzen hinterlassen hatte, ist es mehr als legitim, eigene oder solche anderer grosser Pianisten zu verwenden. Viele brauchen die von Beethoven notierten (er hatte dieses zukunftsweisende Konzert Mozarts oft und gerne gespielt), die von Hummel, von Brahms, von Busoni oder Liszt. Ja, da kommen stilfremde, oftmals (spät)romantisierende, gar leicht dissonante Elemente zu Mozart – andererseits können die Pianist*innen aus dem Vollen ihres Könnens schöpfen. Mozart soll man nicht als quasi sakrale Messe aufführen, sondern mit musikantischer Freude und Kraft. Auch wenn Mozart keine Programmmusik zum Thema NATUR geschrieben hat, passt dieses Klavierkonzert zum Übertitel der Saison: Überschäumende Lebensfreude und tief berührende Dur-/ Moll - kontraste in der eigenen Gefühlswelt sind doch auch etwas „Natürliches“. Im Zusammenspiel des Solisten mit dem von ihm geleiteten Musikkollegium Winterthur jedenfalls schien die Chemie zu stimmen – Freude pur.

Beim nächsten Werk konnte man den Nachnamen des Komponisten mit der Natur assoziieren: Baum. Einmal mehr erwies sich das Musikkollegium Winterthur als Anwalt für einheimisches Musikschaffen. Als eines der wenigen Spitzenorchester der Schweiz setzt es regelmässig Kompositionen aus Schweizer Hand auf die Programme (gehört quasi zur DNA dieses seit 1629 existierenden Orchesters). Diesmal also Alfred Baums spritziges Konzert für Trompete, Klavier, Pauke und Streicher, entstanden Ende der 1950er Jahre. Einst wurde es oft im Radio Beromünster und in den Anfängen von DRS gespielt (das Radiosinfonieorchester unter der Leitung von Erich Schmid), war recht beliebt zu der Zeit der frühen 70er Jahre, als es noch stilistisch breit aufgestellte Musik-Sendungen gab, zum Beispiel die Reihe „Von Schaggi Bär bis Jacques Ibert“ (welche einen Bogen von Schweizer Volksmusik über Schlager zu zeitgenössischer E-Musik zu schlagen vermochte). Man kann es dem Musikkollegium Winterthur nicht hoch genug anrechnen, solche Werke wieder zur Diskussion zu stellen. Was für eine gelungenen Melange aus Schostakowitsch, Gershwin, Ragtime, ein Hauch Bernstein und Big Band und eine Prise Melancholie im zweiten Satz (wunderbar innige Klangfarbe der Trompete mit Dämpfer). Das Publikum war zu Recht hingerissen, natürlich auch von der exzellenten Performance des Solist*innentrios mit dem Solotrompeter des Orchesters Guillaume Thoraval, dem Dirigenten und Pianisten Richard Octaviano Kogima und der Paukistin Kamae Yamamoto. Oh WOW, dieses kurze Stück würde man gerne des Öfteren präsentiert bekommen – und vor allem machte es neugierig auf weitere Werke aus der Feder Alfred Baums, von dem bisher nur wenige Werke in Druck gingen!

Den Abschluss bildeten die balzenden Roma-Tänze aus Galánta von Zoltán Kodály. Richard Octaviano Kogima brauchte dazu keine Partitur, konnte sich ganz der Gestaltung dieser schwungvollen, mit einigen zarten Geheimnissen und harten Akzenten versehenen Musik widmen, brachte die Steigerungen effektvoll zur orgiastischen Explosion und zu dezentem Nachglühen. Das Orchester spielte mit bezwingender Rhythmik und virtuosen solistischen Einsätzen (Kadenz der Klarinette!) Grandios! Die menschliche Natur zwischen Sehnen, Werben und Befriedigung!

Den Namen des Dirigenten und Pianisten Richard Octaviano Kogima muss man unbedingt auf dem Radarschirm behalten!!!

Werke:

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) komponierte nur wenige - dafür sehr effektvolle - Werke in Moll Tonarten. So stellen das 20. Klavierkonzert in d-Moll und das 24. Klavierkonzert in c-Moll die beiden einzigen Vertreter in Moll Tonarten von den insgesamt 27 Klavierkonzerten aus Mozarts Feder dar. Das Konzert KV 466 stammt aus der sogenannten Sturm-und-Drang-Zeit, einer Epoche, die in der Kunstgeschichte etwa von 1765 bis 1790 dauerte und sich gegen den Rationalismus der Aufklärung stellte. Mozart beschritt mit diesem Konzert endgültig den Weg zum sinfonischen Klavierkonzert. Zudem entspricht es nicht mehr dem aristokratischen Unterhaltungsideal, sondern Mozart zeigt darin den Künstler und Menschen als selbstbestimmendes Individuum. Er spricht mit dem d-Moll in der Tonart des libertären Don Giovanni. Spätere Komponisten wie Beethoven und Brahms haben das Konzert sehr geschätzt, oft gespielt und eigene Kadenzen verfasst.

Alfred Baum (1904-1993) war 57 Jahre lang Organist an der Neumünsterkirche in Zürich, lehrt an den Konservatorien in Winterthur und Zürich (heute ZHdK) und komponierte fleissig. Sein Konzert für Klavier, Trompete, Pauke und Streicher orientiert sich vom Instrumentarium her  am gleich besetzten Konzert Schostakowitschs. Doch Baum bevorzugt den neoklassizistischen Ansatz mit stark ausgeprägter Rhythmik. Das Konzert wurde in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts oft am Radio gespielt und erfreute sich regen Zuspruchs. Leider geriet es nach Baums Tod in Vergessenheit. Erfreulicherweise setzt nun das Musikkollegium Winterthur im Rahmen seiner Verantwortung für das Schweizer Musikschaffen diese spritzige Komposition aufs Saisoneröffungsprogramm. Die Streicher bilden dabei den Teppich, der die scharfen, kristallinen Effekte der perkussiven Instrumente abfedert. 

Zoltán Kodály (1882-1967) prägte nicht nur zusammen mit Béla Bartók die ungarische Musik im 20. Jahrhundert, er war auch ein bedeutender Musikpädagoge und unermüdlicher Musikethnologe. So basieren auch seine TÄNZE AUS GALÁNTA auf einer Sammlung von Tänzen der Roma aus dem kleinen Marktflecken Galánta. Das Werk bietet in einer Rondoform spannende Wechsel zwischen langsam und schnell und akzentuiert mit den typischen Synkopierungen der Roma-Musik. Dadurch und mit der “ungarischen Tonleiter” (einer Moll-Tonleiter mit zwei übermässigen Sekundenschritten) erhalten die Werbe-Tänze ihren charakteristischen Stil und ihre federnde Spannung. Die Orchestrierung des Werks für grosses Sinfonieorchester ist gekonnt farbig gehalten. 

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