Berlin, Staatsoper: DAS RHEINGOLD, 20.09.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Das Rheingold

Vorabend zum Ring des Nibelungen | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 22. September 1869 im Nationaltheater, München | Aufführungen in Berlin (Wiederaufnahme): 7.9. | 21.9.2019

Kritik:

Musikalisch und sängerisch das beste RHEINGOLD meines Lebens.

Die Inszenierung (alle vier Abende der Tetralogie):

Richard Wagner war kein Ballettliebhaber - ich verstehe nicht, welchen Teufel in letzter Zeit viele Regisseure reitet und sie zum Einbezug des Balletts in Wagner-Opern verleitet. Was beim für Paris komponierten Bacchanale für TANNHÄUSER noch angehen mag, hat im RING definitiv nichts verloren. Dies zeigte sich leider auch bei Guy Cassiers Inszenierung der Tetralogie, welche er zwischen 2010 und 2013 an der Staatsoper Berlin vorstellte (Kooproduktion mit dem Teatro alla Scala Milano). Die Balletteinlagen wirkten brav, gar unbeholfen (Darstellung des Tarnhelms in GÖTTERDÄMMERUNG, wie eine MUMMENSCHANZ - Kopie eines Laientheaters). Im Programmheft las sich das dann besser, als es auf der Bühne wirkte. Cassiers wollte mit dem Tanz (Choreographie RHEINGOLD, SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG: Sidi Larbi Cherkaoui, DIE WALKÜRE: Csilla Lakatos) Innenansichten, Unausgesprochenes zeigen. Doch dazu war das alles zu unaufdringlich und nicht wirklich erhellend. Insgesamt blieb die ganze szenische Welt im Ungefähren, Vagen und Unentschiedenen stecken. Sicher, es gab auf der meist ziemlich leer geräumten Bühne einige stimmungsvolle Projektionen und Überlagerungen von Projektionen zu bewundern (Video: ARJEN Klerkx und Kurt D'Haeseleer), sowie die Lichteffekte von Enrico Bagnoli. Immerhin darf man der Produktion zugute halten, dass sie auch nicht besonders störte, sondern Raum (und viel Ziet) ließ für eigene Gedanken und Assoziationen. In einigen Szenen wurde das permanente Flimmern und Gekriesel auf den Leinwänden allerdings sehr ermüdend für das Auge - eigentlich tödlich für einen RING DES NIBELUNGEN, da das Werk an sich ein Übermass an Konzentration vom Publikum abverlangt und das Auge nicht zusätzlich belasten sondern eher inspirieren sollte. Optisch sehr gelungen waren die Szenen im Wald (SIEGFRIED). Sehr unscheinbar und bisweilen einfallslos geriet die Personenführung: Die Rheintöchter zum Beispiel kamen über den Griff an den Rocksaum/Saum des Umhangs nicht hinaus und wiegten sich nur ein wenig hin und her. Auf den Leinwänden erhoben sich immer wieder verzerrte Fratzen aus dem Gekriesel, manchmal auch verschlungene Körper und das aus Carrara Marmor gefertigte Flachrelief DIE MENSCHLICHEN LEIDENSCHAFTEN von Jef Lambeaux aus dem Jahr 1886. Dieses Relief bildet quasi die Klammer vom RHEINGOLD zur GÖTTERDÄMMERUNG, zeigt die Irrungen und Wirrungen des Menschen- (oder eben auch des Götter-) Geschlechts als eine Art Jüngstes Gericht. Eigentlich eine nachvollziehbare Grundidee, wenn sie denn nur etwas griffiger und auch provokanter umgesetzt worden wäre.

Sänger*innen:

Diese machten sämtliche Mankos der Regie mehr als wett, Hochspannung und Kurzweil pur. Michael Volle war als Wotan ein feinsinnger Gestalter, seine Textverständlichkeit exemplarisch, sein musikalischer Sinn für Phrasierung und Dynamik bewundernswert. Der Loge von Stephan Rügamer stand ihm darin in Nichts nach,ein wunderbarer Zyniker, frisch und unverfroren. Jochen Schmeckenbecher als kerniger Alberich, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als herrlich quängelnder Mime und Falk Struckmann als profunder Fafner. Donner (Roman Trekel) und Froh (Simon O'Neill) waren luxuriös besetzt! Besonders berührend jedoch war die Wiederbegegnung mt DEM Wagner Bass der vergangenen 40 Jahre: Der 74jährige MATTI SALMINEN gab mit dem Fasolt einen seiner - verständlicherweise - selten gewordenen Auftritte, die Stimme noch immer mit unglaublicher Präsenz überzeugend, seine Diktion wie stets makellos (und mit weniger überaspirierten Endlauten wie früher!). Sehr glücklich wurde man auch mit der Fricka von Ekaterina Gubanova und den Rheintöchtern von Evelin Novak, Natalia Skrycka una Anna Lapkovskaja. Anna Samuil (Freia) und Anna Larsson (Erda) ergänzten das vorzügliche Ensemble.

Orchester und Dirigent:

Daniel Barenboim ist einer der ganz großen Ring-Dirigenten, seit 30 Jahren dirigiert er die Tetralogie immer wieder, auch an "seiner" Staatsoper in Berlin. Es ist ein grandioser Teppich, den der Dirigent da auslegt, eine Klangraffinesse und Detailgenauigkeit die verblüfft, begeistert, mitreisst in den Sog von Wagners so fantastisch ausgeklügelter Klangwelt. Und Barenboim trägt die Sängerinnen und Sänger wie auf Wolken, niemand müsste forcieren. Das Klangbild sit von einer stupenden Transparenz geprägt, dadurch wirken die Steigerungen und Ballungen (Siegfrieds Tod, Schluss der Götterdämmerung) noch aufwühlender als gewohnt. Das waren orchestral vier ganz große, unvergessliche Abende und die Staatskapelle folgte ihrem Chefdirigenten auf Lebenszeit mit einer begeisternden Hingabe und Spielfreude!

 

Werk:
Richard Wagner beschäftigte sich über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren mit dem Nibelungenstoff. Entstanden ist ein zeitloses, gigantisches Gesamtkunstwerk, mit beinahe 20 Stunden Spieldauer, welches sich über vier Abende erstreckt. Über hundert meisterhaft verarbeitete Leitmotive prägen die Partitur, welche an die Solisten und das Orchester höchste Anforderungen stellt.
Den RING DES NIBELUNGEN kann man immer wieder neu sehen und interpretieren. Er kann eine Apotheose auf das Menschentum sein, eine Kritik an der industrialisierten Gesellschaft, eine politisch-soziale Kritik, eine Entsagung im Sinne Schopenhauers; man kann darin eine Vorwegnahme von Freuds Deutung des Unbewussten erkennen oder andere tiefenpsychologische Exkurse.
Im RING geht es um Machtstreben, Machtmissbrauch, List, Betrug, Entführung, Vergewaltigung, Inzest, Verträge und deren Brüche – und um Liebe.
Wagner hat den Text im konsequent angewandten Stabreim selbst verfasst. Er benutzte als Quelle seiner Inspiration weniger das mittelalterliche Nibelungenlied, sondern griff auf ältere nordisch-germanische Sagen zurück.

Inhalt des Vorabends:
Mit einem Fluch auf die Liebe raubt der Zwerg Alberich den Rheintöchtern das Gold. Daraus lässt er sich von den Nibelungen unter der Leitung seines Bruders Mime einen Tarnhelm sowie einen Ring schmieden, der ihm unermessliche Macht bescheren wird.
Die Riesen Fafner und Fasolt haben den Göttern eine gewaltige Burg gebaut – Walhall. Als Lohn haben sie sich die Göttin Freia ausgehandelt, die ewige Jugend verspricht. Göttervater Wotan jedoch weigert sich, Freie herauszugeben. Loge, der listige Feuergott, bietet den Riesen das Gold des Nibelungen an.
Auf betrügerische Art und Weise bemächtigen sich Wotan und Loge des Goldes und des Ringes. Allerdings heftet Alberich einen fürchterlichen Fluch an den Ring, welcher jeden, der sich seiner bemächtigt, vernichten soll. Der Fluch wirkt: Fafner erschlägt bei der Teilung des Goldschatzes seinen Bruder Fasolt.
Die Erdgöttin Erda prophezeit Wotan das Ende der Götter.
Wotan – voller Sorge über die Prophezeiung – und die Götter schreiten über eine Regenbogenbrücke zur Burg.

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