Zürich, Opernhaus: LA FORZA DEL DESTINO; 26.11.2025
Die Neuproduktion von LA FORZA DEL DESTINO zum Zweiten: Jetzt mit Elena Guseva als Leonora und Riccardo Massi als Alvaro
Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Francesco Maria Piave (Urfassung), Antonio Ghislanzoni (Mailänder Fassung), nach Ángel de Saavedras Drama DON ÁLVARO O LA FUERZA DEL SINO | Uraufführung: 10. November 1862 in St.Petersburg, Neufassung: 27. Februar 1869 in Mailand | Aufführungen in Zürich: 21.11. | 26.11. | 29.11. | 17.12. und 21.12. 2025
Kritik:
Erneut hat mich die Aufführung dieser Neuinszenierung von Verdis meisterhafter Oper LA FORZA DEL DESTINO in ihren Bann gezogen. Noch immer empfinde ich die Inszenierung von Valentina Carrasco im eindrücklichen Bühnenbild von Carles Berga als ausgesprochen spannend und gelungen – beim zweiten Anschauen vielleicht noch mehr, da ich noch viele Details entdeckte, die mir in der Flut der eindringlichen Bilder an der Premiere entgangen waren. (So z.B. wie Melitone Kondome an die kinderreichen Flüchtlinge verteilt, Trabucco mit Fentanyl handelt oder wie die Schweizer Flagge gegen die deutsche auf dem Dach des „WAR Economic Forum“ in Davos ausgetauscht wird.) Gespannt war ich logischerweise auf die neue Besetzung der beiden Partien der Leonora und des Don Alvaro. Es wird mir im Folgenden nicht darum gehen, die Qualitäten der beiden Sängerinnen (Anna Netrebko und Elena Guseva) und der beiden Sänger (Yusif Eyvazov und Riccardo Massi) gegeneinander auszuspielen. Die Leistungen der beiden „Neuen“ sollen individuell gewürdigt werden.
Riccardo Massi ist einer der führenden Tenöre im italienischen Repertoire, singt unterdessen an allen bedeutenden Opernhäusern der Welt von Sydney, der Metropolitan Opera in New York über Covent Garden zu den Staatsopern in Berlin, München und Hamburg und hat auch in Zürich und in Basel bereits gastiert. Mich begeisterte gestern Abend neben seiner leicht ansprechenden, vom zärtlichen Piano bis ins Fortissimo ausgeglichen und dynamisch ausgezeichnet getunten, wohlklingenden und sorgfältig geführten Stimme vor allem seine Darstellung, welche bis in die kleinsten Gesten davon zeugte, dass er wusste, wovon er sang und wen er verkörperte. Sehr beeindruckend. Er hat bringt als ehemaliger Stuntman und Schauspieler (u.a. in Martin Scorseses THE GANGS OF NEW YORK mit Leonardo di Caprio und Daniel Day-Lewis) auch entsprechende schauspielerische Erfahrung mit, welche ihm gerade in dieser kriegerischen Inszenierung natürlich zugute kommt. Sehr glaubhaft verkörperte er den naiven Glauben Alvaros an die Gutmütigkeit der Mitmenschen, aber auch seine Zornesausbrüche, wenn er rassistisch provoziert wurde.
Elena Guseva sang eine grossartig auftrumpfende Leonora. Wie sich ihre klar konturierte, leuchtende Stimme im Höhepunkt des zweiten Bildes über den Pilger- und den fröhlich den Krieg feiernden Volkschor legte, war zum Dahinschmelzen ergreifend. Ihre grosse Szene in der zerstörten Fraumünsterkirche mit dem total überwältigenden Chor der Mönche in Kriegsuniform (Madre, pietosa Vergine und La Vergine degli angeli) ging unter die Haut. Auch die bekannteste Arie der Oper, Leonoras flehentliche Bitte um Frieden (Pace, pace, mio Dio) gestaltete Frau Guseva mit feinen Piani, zart intonierten, mühelosen Höhen und, wo angebracht, aufwühlender Emphase.
Die übrigen Mitwirkenden wiederholten (oder steigerten gar) ihre enormen gesanglichen Leistungen der Premierenvorstellung: George Petean als Don Carlo di Vargas erneut eine Klasse für sich, die Preziosilla von Annalisa Stroppa eine Wucht, der Padre Guardiano von Michele Pertusi von balsamisch-profundem, gläubigem Wohlklang und den Fra Melitone von Roberto Frontali MUSS man einfach erlebt haben, das ist schlicht umwerfend gut gespielt und gesungen. Auch die kleineren Partien werden von Stanislav Vorobyov (Marchese di Calatrava), Tomislav Jukic (Trabucco), Lobel Barun (Alcalde), Natália Tuznik (Curra) und Max Bell (Un chirurgo) grossartig interpretiert. Äusserste rhythmische Präzision war erneut aus dem Graben und vom Chor der Oper Zürich, den Chorzuzüger:innen, den SoprAlti der Oper Zürich und vom Kinderchor zu erleben, der Rataplan angeführt von Annalisa Stroppa legte dafür Zeugnis ab. Gianandrea Nosedas Dirigat klingt noch geschliffener, vorwärtsdrängender als vor gut drei Wochen, reisst einen in den dramatischen Strudel und in die Wirren dieses Krieges in der Schweiz hinein. Also auch wer vielleicht enttäuscht war, keine Tickets für die Vorstellungen mit Anna Netrebko erhalten zu haben, sollte sich im die wenigen verbleibenden Plätze in den restlichen Vorstellungen (29.11., 17.12., 21.12.) bemühen. Es lohnt sich!
Inhalt:
Der Marchese di Calatrava widersetzt sich einer Verbindung seiner Tochter mit dem Inkaspross Don Alvaro. Er überrascht die Liebenden bei ihrer geplanten Flucht. Alvaro will nicht kämpfen und wirft seine Pistole weg. Dabei löst sich ein tödlicher Schuss aus der Waffe, dem Leonoras Vater erliegt. Sterbend verflucht er Leonora. Der Bruder Leonoras, Don Carlo, schwört Rache an seiner Schwester und ihrem Mestizen-Liebhaber. Leonora und Alvaro fliehen und verlieren sich dabei aus den Augen.
In einem Gasthaus treffen wir auf den als Studenten verkleideten Don Carlo. Auch seine Schwester Leonora ist hier, als Mann verkleidet. Sie belauscht eine Unterhaltung Don Carlos und erfährt, dass ihr Geliebter Don Alvaro nicht - wie sie vermutet hatte - tot ist. Leonora macht sich davon, bevor sie entdeckt wird. Preziosilla, eine junge Zigeunerin, tritt auf und wirbt freiwillige für den Krieg in Norditalien an. Auch Don Carlo tritt dieser Freiwilligen Armee bei, da er jegliche Hoffnung aufgegeben hat, seine Schwester jemals wieder zu finden.
Unterdessen hat Leonora Zuflucht in einem Kloster gefunden. Sie will da als Einsiedlerin ihre Schuld büssen. Fra Melitone, der Pförtner, will sie zuerst nicht einlassen. Doch sie klärt den Prior Pater Guardiano über ihre wahre Identität auf. Sie verspricht, diese Einsiedelei nie mehr zu verlassen. Die Mönche schwören, dieses Geheimnis zu bewahren und jeden, der es breche, soll der Fluch des Himmels treffen.
Auch Don Alvaro hat sich aus Verzweiflung über die Trennung von Leonora als Soldat verdingt. Bei einem Angriff rettet er ausgerechnet Don Carlo das Leben – er ist sich nicht bewusst, dass es sich dabei um Leonoras Bruder handelt. Beide schwören sich ewige Freundschaft. In der Schlacht wird Alvaro verwundet. Er übergibt Don Carlo ein Päckchen mit Briefen, das dieser verbrennen solle. Dabei fällt ein Bild Leonoras aus dem Päckchen. Nun erkennt Don Carlo die Identität seines Freundes – er fordert ihn nach dessen Genesung zum Duell. Sie werden von den Wachen jedoch getrennt und Alvaro, der immer friedliebend war, beschliesst ins Kloster zu gehen. Fra Melitone predigt auf dem Schlachtfeld über die Sünden der Menschen. Preziosilla stimmt den kriegerischen Rataplan-Chor an.
Vor dem Kloster streitet sich Fra Melitone mit den hungrigen Bettlern. Alvaro lebt unterdessen in diesem Kloster als Bruder Raffaele. Carlo stürmt bewaffnet ins Kloster und will Alvaro (Raffaele) zum Kampf herausfordern. Doch dieser weigert sich. Daraufhin haut ihm Carlo eine runter. Nun kann sich auch Alvaro nicht mehr zurückhalten. Kämpfend nähern sich die beiden Leonoras Einsiedelei. Alvaro verwundet Carlo tödlich. Er klopft an die Tür von Leonoras Klause, um einen priesterlichen Beistand für den sterbenden Carlo zu finden. Er kann seinen Augen nicht glauben, als er im Einsiedler Leonora erkennt. Sie beugt sich über den verletzten Bruder. Der nimmt seine letzte Kraft zusammen und ersticht seine Schwester. Schwer verletzt liegt sie in den Armen ihres Geliebten Alvaro. Pater Guardiano ist unterdessen auch herbeigeeilt. Alvaro verflucht die Macht des Schicksals, doch Guardiano und die sterbende Leonora versprechen ihm Gottes Vergebung. (In der Urfassung stürzt sich Alvaro von einem Felsen in den Tod.)
Werk:
LA FORZA DEL DESTINO steht am Übergang von Verdis erfolgreichen Opern aus der mittleren Schaffensperiode (RIGOLETTO, LA TRAVIATA, IL TROVATORE, UN BALLO IN MASCHERA) zu den reifen Spätwerken AIDA, OTELLO und FALSTAFF. Oft hat man sich über die „Zufälle“ und Ungereimtheiten des Librettos lustig gemacht, dabei beinhaltet es eine geradezu shakespearsch anmutende Konfrontation von tragischen, grotesken und komischen Elementen. Zudem beinhalten die Vorlage des spanischen Dichters und ihre Umsetzung durch Verdi nicht nur Anklänge an die Schauerromantik, sondern auch Strömungen anti-klerikaler und anti-legalistischer Art und unverhohlener Kritik an kriegerischer Art der Problemlösung. Die wechselnden Schauplätze (Schlafzimmer Leonoras, Wirtshaus, Schlachtfeld, Kloster) boten Verdi vielfältige Möglichkeiten zur kontrastreichen Zeichnung von individuellem Schicksal und grossflächigen Chor- und Volksszenen. Wichtige Themen wie Rassendiskriminierung, Standesdünkel, Blutfehde, Familienehre, Kriegslust und – elend stellen die Pfeiler dieser nur auf den ersten Blick abstrusen Oper dar. Zudem hat Verdi mit der Überarbeitung für die Aufführung in Mailand eine etwas abgemildetere Fassung erstellt, die sich schliesslich erfolgreich durchsetzte. Mit seinem berühmten trocken-schwarzen Humor sagte der Komponist nach einer Aufführung in Rom: „ Bei so vielen Mängeln und so vielen Absurditäten des Librettos ist es ein Wunder, dass nicht wenigstens der Impresario (der Römer Oper) davon getötet worden ist.“
Die Musik zu LA FORZA DEL DESTINO gehört zu Verdis effektvollsten Partituren und bietet den Solisten und dem Chor überaus dankbare Aufgaben.
Von mir besuchte Vorstellungen von LA FORZA DEL DESTINO im Opernhaus Zürich:
03.01.1992: ML: Eliahu Inbal, Inszenierung: Tony Palmer; Leonora: Mara Zampieri, Alvaro: Boiko Zvetanov, Don Carlo: Giorgio Zancanaro, Guardiano: Simon Estes, Preziosilla: Stefania Kaluza, Melitone: Jozsef Dene
16.10.2005: ML: Nello Santi, Inszenierung: Nicolas Joel; Leonora: Joanna Kozlowska, Alvaro: Vincenzo La Scola, Don Carlo: Leo Nucci, Guardiano: Matti Salminen, Preziosilla: Stefanie Kaluza, Melitone: Paolo Rumetz
25.05.2018: ML: Fabio Luisi, Inszenierung: Andreas Homoki; Leonora: Gerzmava Hibla, Alvaro: Marcelo Puente, Carlo: George Petean, Preziosilla: J'Nai Bridges, Guardiano: Christof Fischesser, Melitone: Myshketa Gezim
10.07.2019: ML: Fabio Luisi, Inszenierung: Andreas Homoki; Leonora: Maria Pia Piscitelli, Alvaro: Yonghoon Lee, Carlo: George Petean, Preziosilla: Elena Maximova, Guardiano: Wenwei Zhang, Melitone: Renato Girolami