Zürich, Opernhaus: DER ROSENKAVALIER; 21.09.2025
Saison-Eröffnungspremiere mit Strauss' DER ROSENKAVALIER. Unter der Leitung von Joana Mallwitz singen Diana Damrau, Angela Brower, Emily Pogorelc, Günther Groissböck, Bo Skovhus u.a. in einer Neuproduktion der Regisseurin Lydia Steier und mit der Ausstattung und dem ästhetischen Gesamtkonzept von Gottfried Helnwein
Komödie für Musik in drei Aufzügen | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hoffmannsthal | Uraufführung: 26. Januar 1911 in Dresden | Aufführungen in Zürich: 21.9. | 26.9. | 1.10. | 5.10. | 14.10. | 17.10 | 21.10. und 26.10.2025
Kritik:
Ein Hingucker ist sie auf jeden Fall, diese Neuproduktion von Richard Strauss' Komödie für Musik DER ROSENKAVALIER am Opernhaus Zürich: Zur Saisoneröffnung im Bereich Oper und mit Antritt der neuen Intendanz unter Matthias Schulz' Leitung war das Haus berstend voll, auch das Fernsehen war hier und übertrug diese Premiere zeitversetzt auf SRF 1 und ARTE. Später wird man sich in den Mediatheken der betreffenden Sender diese opulente Produktion immer wieder anschauen können und das Auge am prächtigen Spiel der Farben und der Kostüme laben dürfen!
Denn was hier in der Gesamtkonzeption des österreischisch-irischen Künstlers Gottfried Helnwein zu sehen – und zu geniessen – war, vermochte als ästhetisches Erlebnis zu beeindrucken. Die drei Akte wurden in den Primärfarben Blau – Gelb – Rot gehalten. Im ersten Akt, dem Schlafgemach der Marschallin, waren die Wände blau, die Bettwäsche, die Bettvorhänge, die Körperwäsche der Feldmarschallin und Octavians, alles in Blautönen. Blau steht für Ruhe, Vertrautheit, Sicherheit. Einzig der Ochs tritt in knalligem Gelb auf, stört diese Ruhe und Intimität des Blauen. Im zweiten Akt, diesem grosszügigen Entrée mit der beeindruckenden, geschwungenen, barocken Doppeltreppe ist dann alles in Gelb (Optimismus, Energie, Glück, aber auch Gefahr) und gelblichen Brauntönen gehalten, doch auch hier tanzt der Ochs erneut aus der Reihe: Er tritt in Rot auf. Im letzten Akt sind Bühne, Kostüme und Licht ganz in Rot- und zarten Rosatönen gehalten (Leidenschaft, Wut, Aggression): An den roten Wänden in dieser Kunsthalle hängen riesige Fotoporträts mit traurig und verletzt blickenden Mädchen, welche sich dann in horrorartige Totenschädel verwandeln. Einzig die Marschallin hat ihren aufsehenerregenden Auftritt in diesem roten Inferno in einem ausladenden Rokoko-Reifrock in zartestem Hellblau, verströmt Ruhe und trauerumflorte, altersweise Gelassenheit mit einem zarten Hauch von Wehmut. Wie bereits in den Monologen im ersten Akt gestaltete Diana Damrau diese Gefühlsregungen mit bewegender Ausdruckskraft und feiner Nuancierung in der Linienführung, der Dynamik und der Diktion. Die Regisseurin Lydia Steier (sie war in Los Angeles vor 20 Jahren auf Helnweins für die Los Angeles Opera erarbeitete Installation des ROSENKAVALIER aufmerksam geworden) erfüllte diese fantastischen Räume nun mit ausgezeichneter Personenführung, fürchtete auch die Darstellung expliziten Liebesspiels (Marschallin-Octavian, Octavian-Sophie und die perversen Bedürfnisse des Ochs sowie seiner gewalttätigen Dienerschaft) nicht. Das war alles mit einem leichten Augenzwinkern inszeniert, locker und unverklemmt (natürlich nicht die Vergewaltigung der Annina durch die pöbelhaften Diener). Es ging viel ab in den ersten beiden Akten, beim Lever der Marschallin mit den vielen skurrilen Figuren und z.B. wo die „Bagagi“ selbst vor dem Himmelbett nicht Halt machte. Der Sänger (hervorragend: Omer Kobiljak) trat wie ein Louis XIV gekleidet, direkt im Bett auf. Im zweiten Akt interpretierte Lydia Steier die Rollen von Octavian und Sophie völlig neu. Es gab beileibe keinen glanzvollen Auftritt des Octavian zur Überreichung der silbernen Rose, die Strauss so punktgenau und effektvoll komponiert hatte. Hier nun schlenderte Octavian gelangweilt und unwillig herein, die Überreichung der Rose war für ihn eine reine Pflichtübung, und er war immer noch verärgert über die Auseinandersetzung mit der Marschallin am Ende des ersten Aktes. So trommelte er also desinteressiert mit den Fingern auf das Treppengeländer, wenn Sophie vom Duft der silbernen Rose zu sprechen (zu singen) begann. Erst als sie mit ihrem Gesang in himmlischen Höhen ankam, schaute er sie zum ersten Mal richtig an – und nun machte es Klick. Sophie wurde aber auch gleich als sehr selbstbewusst, junge Dame gezeigt, mit eigenem Willen, die beiden fanden sich nun und nur im dritten Akt kam es noch zu einer grösseren Auseinandersetzung zwischen den beiden (die Marschallin wusste das in ihrer Altersweisheit zu schlichten) und Sophie und Octavian genossen ihre Liebe in sexueller Erfüllung in einem Himmelbett, das eine exakte Replika des Himmelbettes der Marschallin war, nun allerdings mit roter Bettwäsche und roten Vorhängen. Man hatte in diesem dritten Akt, dieser museumsartigen Fotogalerie mit den bedrückenden Bildern an den Wänden nichts zu lachen. Hier, wo eine beinahe schwankartige Verwechslungs- und Verkleidungskomödie stattfinden sollte, war alles szenisch mit bedrückenden Metaphern aufgeladen. Sophie war von Beginn weg über alle geplanten Vorgänge informiert. Auf einem fahrbaren Metallgestell sahen wir knapp und aufreizend bekleidetet Prostituierte. Der Lustmolch Baron Ochs entpuppte sich als Masochist, liess sich von Mariandl (dem verkleidete Octavian) auf dem Unterleib herumtreten und schliesslich ans Metallgerüst ketten und gnadenlos auspeitschen. Vorher hatte er noch seine Hose ausgezogen (nicht wie in konventionellen Inszenierungen die Perücke abgenommen, so musste dann auch Faninals Text abgeändert werden in „vielleicht weil er keine Hos' (anstatt Haar) nicht hat“. Für mich persönlich kippte die Inszenierung da leider etwas ins allzu Ernste, bekam eine Verbissenheit, die der Komödie nicht gerecht wurde. Wir sollten in einem ROSENKAVALIER zwar durchaus melancholisch und nachdenklich gestimmt werden dürfen, doch hier wurde meines Erachtens der Bogen leicht überzogen. Dies minderte aber nicht Lydia Steiers Leistungen in der Personenführung und der Choreografie der Massen in den anderen Akten. Die Besetzungsliste ist ja bei diesem Werk sehr lang: Die schöne Gestaltung von Diana Damrau als Marschallin habe ich bereits erwähnt. In der Titelrolle vermittelte die Mezzosopranistin Angela Brower ganz hervorragend die Gefühle des draufgängerischen - und schnell beleidigten - Jungspunds Octavian. Emily Pogorelc war ein darstellerisch bemerkenswerte Sophie, ganz stimmstark in der Mittellage, in der Höhe schlichen sich einige etwas unschöne Schärfen und Verhärtungen ein, vielleicht Premierennervosität, die sich bestimmt legen wird im Verlauf der weiteren Aufführungen. Günther Groissböck gab einen darstellerisch und stimmlich souveränen Ochs, der mit allen Wassern gewaschen war, hier ein heimlicher Masochist, der seine Neigungen durch forsches Auftreten zu verheimlichen versuchte. Bo Skovhus war stimmlich und in der Darstellung der Servilität des reichen Emporkömmlings ausgezeichnet, doch Strauss und Hofmannsthal haben eigentlich für diese Baritonrolle nicht viel übrig gehabt und sei eher undankbar für den Sänger angelegt. Nathan Haller und Irène Friedli waren das agile Intrigantenpaar Valzacchi und Annina, Christiane Kohl die Leitmetzerin, welche stimmstark die Ankunft des Rosenkavaliers im Hause Faninal ankündigte. Die kleineren Partien waren alle ausgezeichnet aus dem Ensemble besetzt: Stanislav Vorobyov als Polizeikommissär in Cop-Uniform und mit Sonnenbrille, Johan Krogius als Haushofmeister bei der Marschallin, Daniel Norman im selben Beruf tätig bei Faninal, Max Bell als Notar, Rebeca Olvera als Modistin und Sandro Howald in der stummen Rolle des Sohnes von Ochs, Leopold, der hier als Autist mit fehlerhafter Körperbildung dargestellt wurde. Sylwia Salamonska-Baczyk, Thalia Cook-Hansen und Cashlin Oostindië hatten einen bemerkenswerten Auftritt als drei adelige Waisen im ersten Akt. Wichtige Aufgaben nahmen auch der Statistenverein am Opernhaus Zürich und der Kinderchor wahr, welche alle mit den Solist*innen zusammen den Abend doch insgesamt zu einem farbenfrohen Fest machten, mit einigen Wermutstropfen szenischer Art im dritten Akt.
Am Pult des Orchesters der Oper Zürich (wie es nun wieder heisst) stand zum ersten Mal die gefeierte Dirigentin Joana Mallwitz. Sie gab zum Teil so horrende Tempi vor, dass die Präzision des Zusammenspiels nicht immer gegeben war und die in den Konversationsstellen leicht überhastet wirkten. Andererseits liess sie in den lyrischen Passagen viel Raum zur Entfaltung des Strauss'schen Silberklangs, der auch die vielen solistischen Passagen des Orchesterparts herrlich aufschimmern liess.
Ganz am Ende zog Sophie die Vorhänge des roten Himmelbettes zu, sprang mit freudigem Schrei zu Octavian ins Bett. Doch zur Schlussmusik kam nicht der kleine Mohammed und hob ein Spitzentaschentuch der Marschallin auf, sondern ein tierisches Wesen mit einer zu einem diabolischen Grinsen verzerrten Maske schlüpfte zu den beiden Liebenden ins Bett. Das verheisst nichts Gutes.
Werk:
Nach den zum Teil bis an die Grenzen der Tonalität reichenden Werken SALOME und vor allem ELEKTRA stellt DER ROSENKAVALIER einen vermeintlichen Rückschritt zu einer gefälligeren Tonsprache dar. Doch auch in dieser genialen Komödie hört man chromatische Verschiebungen und Reibungen, sie sind aber in den dramatischen Verlauf und den immer wieder aufblitzenden Wohlklang (Walzerfolgen, Ariosi) integriert. DER ROSENKAVALIER ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte, er markiert den letzten Welterfolg einer deutschen Oper und gehört bis heute zu den Repertoirestützen jedes Opernhauses. Das Werk mit einer Aufführungsdauer von beinahe fünf Stunden ist das Produkt der einzigartigen künstlerischen Zusammenarbeit von Dichter und Komponist, Hoffmannsthal und Strauss (welche mit ELEKTRA begann und über ARIADNE AUF NAXOS, DIE FRAU OHNE SCHATTEN, INTERMEZZO und DIE ÄGYPTISCHE HELENA – zur Zeit an der Deutschen Oper Berlin zu erleben – zur ARABELLA führte).
Durch die Gestaltung des Octavian als Hosenrolle und die somit entstehende Verschmelzung von drei Frauenstimmen entwickelt Richard Strauss eine erotische Klangfarbe, welche im Terzett am Ende des dritten Aktes in einem der schönsten Musikstücke der gesamten Opernliteratur kulminiert.
Inhalt:
Die Feldmarschallin, eine ungefähr 30jährige, verheiratete Frau, hat ein Verhältnis mit dem 17jährigen Octavian. Nach einer Liebesnacht der beiden erscheint der Vetter der Marschallin, der verarmte Baron Ochs auf Lerchenau, welcher sich mit der Tochter des neureichen Herrn von Faninal verheiraten will. Octavian verkleidet sich als Kammerzofe. Die Marschallin schlägt Octavian als Rosenkavalier (Brautwerber) für Ochs vor. Bei der Überreichung der silbernen Rose verlieben sich jedoch Sophie von Faninal und Octavian ineinander. Nach einigen Intrigen und Verwicklungen wird Ochs blossgestellt, die Marschallin entsagt ihrer Liebe und führt das junge Paar zusammen.
Musikalische Höhepunkte:
Di rigori armato il seno, Arie des Sängers, Akt I
Da geht er hin, Monolog der Marschallin, Akt I
Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding, Marschallin Akt I
Er kommt, er kommt, Überreichung der Rose, Akt II
Ich hab’ halt schon einmal, Walzer des Ochs, Akt II
Hab mir’s gelobt, Terzett Marschallin, Octavian, Sophie, Akt III
Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, Duett Octavian, Sophie, Akt III
Von mir besuchte Aufführungen von DER ROSENKAVALIER am Opernhaus Zürich:
30.09.1973 Musikalische Leitung: Ferdinand Leitner, Inszenierung: Rudolf Hartmann; Marschallin: Lisa della Casa, Octavian, Charlotte Berthold, Sophie: Renate Lenhart, Ochs: Manfred Jungwirth, Faninal: Roland Hermann
05.10.1975 ML: Ferdinand Leitner, I: Rudolf Hartmann; M: Gwyneth Jones, O: Charlotte Berthold, Sophie: Renate Lenhart, Ochs: Manfred Jungwirth, F: Nelson Howard
07.06.1976 ML: Ferdinand Leitner, I: Rudolf Hartmann; M: Judith Beckmann, O: Agnes Baltsa, S: Helen Donath, Ochs: Manfred Jungwirth, F: Roland Hermann, Sänger: Rüdiger Wohlers
27.03.1977: ML: Ferdinand Leitner, I. Rudolf Hartmann; M: Judith Beckmann, O: Charlotte Berthold, S: Renate Lenhart, Ochs, Manfred Jungwirth, F: Rudolf A. Hartmann, Sänger: Francisco Araiza
01.05.1977: ML. Ferdinand Leitner, I: Rudolf Hartmann; M: Helga Dernesch, O: Charlotte Berthold, S: Renate Lenhart, Ochs: Manfred Jungwirth, F: Rudolf A. Hartmann, Sänger: Francisco Araiza
04.06.1979: ML: Ferdinand Leitner, I. Rudolf Hartmann; M: Johanna Meier, O: Glenys Linos, S: Patricia Wise, Ochs: Helmut Berger-Tuna, F: Rudolf A. Hartmann, Sänger: Francisco Araiza
25.05.1988: ML: Ralf Weikert, I: Michael Hampe; M: Mechthild Gessendorf, O: Jeanne Piland, S: Cheryl Parrish, Ochs: Günter von Kannen F: Roland Hermann, Sänger: Deon van der Walt
30.09.1988: ML: Ralf Weikert, I: Michael Hampe; M. Margaret Marshall, O: Ann Murray, S: Margaret Chalker, Ochs: Günter von Kannen, F. Rudolf A. Hartmann
21.10.1991: ML: Ralf Weikert, I: Michael Hampe; M: Gwyneth Jones, O: Cornelia Kallisch, S: Margaret Chalker, Ochs: Kurt Rydl, F: Rudolf A. Hartmann, Sänger Boiko Zvetanov
11.07.2004: ML: Franz Welser-Möst, I: Sven-Eric Bechtolf; M: Nina Stemme, O: Vesselina Kasarova, S: Malin Hartelius, Ochs: Alfred Muff, F. Rolf Haunstein, Sänger: Boiko Zvetanov
16.03.2007: ML: Franz Welser-Möst, I: Sven-Eric Bechtolf; M: Nina Stemme, O: Vesselina Kasarova, S: Julia Kleiter, Ochs Alfred Muff, F. Rolf Haunstein, Sänger: Piotr Beczala
07.07.2010: ML: Peter Schneider, I: Sven-Eric Bechtolf; M: Renée Fleming, O: Michelle Breedt, S: Eva Liebau, Ochs: Alfred Muff, F. Martin Gantner, Sänger: Boiko Zvetanov
30.06.2013: ML: Fabio Luisi, I: Sven-Eric Bechtolf; M: Nina Stemme, O: Vesselina Kasarova, S: Rachel Harnisch, Ochs: Alfred Muff, F: Martin Gantner, Sänger Stefan Pop