Zürich: WALTRAUD MEIER, Liedmatinée, 13.12.2009

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Waltraud Meier

Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: "Ich habe die Ehr', Ihr Rezensent zu sein!":

So beginnt das Lied ABSCHIED von Hugo Wolf (Text: Mörike), welches Kammersängerin Waltraud Meier als humoristische, abschliessende Zugabe heute Morgen im Opernhaus Zürich sang. Der Rezensent im Lied wird zum Schluss mit einem Fusstritt von der Künstlerin die Treppe hinunterbefördert - dieses Schicksal wird mir hoffentlich erspart bleiben. Ich will mich ja zum Glück auch gar nicht über ihre Nase auslassen, wie der unglückselige Mann im Lied, sondern über Frau Meiers phänomenale, warme Stimme und ihre überragende Gestaltungskunst.

Wie auf ihrer kürzlich erschienenen, hochgelobten CD sang die Künstlerin Perlen des deutschen Kunstlieds von Franz Schubert und Richard Strauss.

Franz Schubert: Von erfüllter Zartheit gesungen und innig gestaltet waren WEHMUT und NACHTSTÜCK, mit dramatischer, die drei Rollen Vater, Kind, Erlkönig wunderbar auslotender, aber nie manierieter Ausdruckskraft dann das Minidrama ERLKÖNIG, und von traurig verträumter Rückbesinnung zu schierer Verzweiflung alle Nuancen der Stimmung durchschreitend GRETCHEN AM SPINNRADE. Dazwischen nahm man mitfühlend am traurigen Schicksal der FORELLE Anteil.

Richard Strauss: Jubelnd und leuchtend trieb Waltraud Meier ihre Stimme zu den herrlich aufblühenden Spitzentönen in den Liedern (und echten Hits des Liedrepertoires...) CÄCILIE, BEFREIT und ZUEIGNUNG; wunderbar verhalten und mit wie selbstverständlich aus dem Text herausströmenden, facettenreichen Schattierungen dann die Lieder WINTERWEIHE, WIE SOLLTEN WIR GEHEIM SIE HALTEN und  DIE NACHT. Der Höhepunkt des ersten Teils war das Lied MORGEN: Der Pianist JOSEF BREINL setzte mit wunderbar sanftem, behutsamem Anschlag zum Vorspiel an, die Stimme von Frau Meier und der herrlich weiche Klang des Flügels verschmolzen zu tief empfundener Melancholie.

Der zweite Teil des Rezitals war den vier lezten Liedern (op. 150) von Richard Strauss gewidmet, in der Klavierfassung von Max Wolf und Ernst Roth. JOSEPH BREINL verstand es aufs Vortrefflichste, die Natur- und Stimmungsschilderungen (von den Regentropfen über die schwirrnden Lerchen bis zum Schweben der Seele in den Himmel) auf dem Flügel zu evozieren, so dass man die Orchesterfassung, an welche sich das Ohr im Verlauf der Jahre gewöhnt hatte, gar nicht vermisste. Vom schwülstigem FRÜHLING und dem schwermütigen  SEPTEMBER zu den wohl schönsten Kompositionen von Strauss, BEIM SCHLAFENGEHEN (alle auf Texte von Hermann Hesse) und IM ABEBDROT (Joseph von Eichendorff) wartete Waltraud Meier mit gefühlstiefer Ausdrucks- und Gestaltungskraft, verbunden mit exemplarischer Phrasierungskunst auf. Das Publikum dankte den beiden Künstlern mit einer Standing Ovation, sie bedankten sich beim Publikum neben der schon erwähnten Zugabe noch mit einem zweiten Lied von Hugo Wolf und einer zu Herzen gehenden Wiedergabe von Mahlers ICH BIN DER WELT ABHANDEN GEKOMMEN aus den Rückert Liedern.