Zürich: TROUBLE IN TAHITI, 15.11.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Trouble in Tahiti

Oper in einem Akt | Musik: Leonard Bernstein | Libretto: vom Komponisten | Uraufführung: 12. Juni 1952 in Waltham, Massachusetts | Aufführungen in Zürich: 15.11.2012

Kritik:

Schade, schade, schade war dies bereits die letzte Aufführung dieser herrlichen Mini-Oper. Bernsteins eingängige und doch nie anbiedernde Melodik, die mitreissende Rhythmik und der subtil das Zusammen- und aneinander Vorbeileben eines Paares analysierende Text machen aus dem knapp 50-minütigen Stück eine sehens- und hörenswerte Kostbarkeit. Mit minimalem szenischem Aufwand entfaltet die Inszenierung von Aglaja Nicolet in der Ausstattung von Jörg Zielinski maximale Wirkung. Mit grosser Feinfühligkeit und feinem Humor hat Frau Nicolet dieses Kammerspiel in Szene gesetzt, vom ersten zaghaften Kennenlernen bis zur Normalität und Langweiligkeit und dem Gefangensein im Ehealltag nach zehn Jahren. Die fünf Sänger (zwei Damen und drei Herren) setzen das Konzept mit begeisternder Natürlichkeit um. Julia Riley brilliert mit ihrem sauber geführten Mezzosopran und grossartigem Spiel als Dinah. Ihre Szene am Kochherd, als sie über den eben gesehenen Mistfilm (TROUBLE IN TAHITI) reflektiert, ist umwerfend komisch. Die Arie vom "Garten" wird in ihrer so wunderschön gesungenen Interpretation geradezu zum Ohrwurm. Ihr Gatte Sam wird von Alex Lawrence mit dem Charme und dem Gehabe des All American Boy ebenso stimmig gestaltet. Sein warm timbrierter Bariton begeistert. Unterstützt und konterkariert werden die beiden Eheleute durch ein gekonnt singendes, swingendes Jazz-Trio: Sunnyboy Dladla, Benjamin Russell und Daria Telyatnikova machen das fantastisch.

Tom Barthel leitet vom Klavier aus ein kleines, die schmissigen und ironisch romantischen Klänge Bernsteins wunderbar einfangendes Ensemble der Philharmonia Zürich. Das Publikum war hell begeistert - und vielleicht kommt es ja doch irgendwann noch in den Genuss weiterer Aufführungen. Oder eventuell wird gar CANDIDE oder A QUIET PLACE (die Fortsetzung von TROUBLE IN TAHITI) einmal auf den Spielplan gesetzt. Bernstein und das Zürcher Publikum hätten es verdient.

Inhalt:

Die Oper spielt nicht in Tahiti, sondern in einem typischen Vorort einer amerikanischen Stadt in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, also zur Zeit der Uraufführung. Der Titel spielt lediglich darauf an, dass der (fiktive) Kinofilm „Trouble in Tahiti“ in dem Bühnenwerk eine gewisse Rolle spielt.

Das Ehepaar Dinah und Sam ist seit etlichen Jahren verheiratet und hat ein Kind. Die beiden leben zwar noch zusammen, sind sich aber die meiste Zeit überdrüssig. Sie begrüßen sich jeden Morgen noch freundlich, aber schon beim Frühstück geraten sie in Streit. Sam ist froh, als er das Haus verlassen kann, um ins Büro zu gehen. Anerkennung und Zufriedenheit findet er abends im Sportclub; dort ist er der Held.

Dinah hat viel zu oft einen Termin beim Psychiater. Dessen Geschwafel scheint sie aber eher kränker zu machen als sie ist. Wie gut, dass die Stadt wenigstens ein Kino hat. Zurzeit ist dort ein Rührstück aus der Traumfabrik Hollywood zu sehen: Trouble in Tahiti. Obwohl sie den Film schon kennt, schaut sie ihn am Nachmittag nochmals an. In der Scheinwelt des Films träumt sie sich in ein schöneres Leben hinein. Ach, könnte sich doch ihr Verhältnis zu Sam ebenso problemlos gestalten wie das der Protagonisten in dem Film.

Abends sitzen die beiden wieder zu Hause scheinbar idyllisch am Tisch. Eigentlich sollten jetzt die gemeinsamen Probleme besprochen werden, aber keiner wagt, das Gespräch in diese Richtung zu lenken. Um auf andere Gedanken zu kommen, schlägt Sam seiner Frau vor, ins Kino zu gehen. Und was schauen sich die beiden dort an? Natürlich „Trouble in Tahiti“. (Quelle: Wikipedia)

Musik:

Fetzige Rhythmen, jazzige Elemente und ariose Einschübe prägen Bernsteins einaktiges Werk, welches die Nähe zum Musical und der amerikanischen Operette nicht leugnet (wie CANDIDE des selben Komponisten). Bernstein baute diesen Einakter später in seine Oper A QUIET PLACE (1984) ein.