Zürich: STRAWINSKY | TSCHAIKOWSKY | PROKOFIEW, 13.12.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Strawinsky, Tschaikowsky, Prokofiew

Igor Strawinsky: CONCERTO IN D | Uraufführung: 27. Januar 1947 in Basel | Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: VIOLINKONZERT D-DUR | Uraufführung: 4. Dezember 1881 in Wien | Sergej Prokofiew: SINFONIE NR. 5 IN B-DUR | Uraufführung: 13. Januar 1945 in Moskau | Aufführungen in Zürich: 13. 12.2015

Kritik:

Ja warum auch nicht? Warum sollen die Rituale in klassischen Konzerten immer so sakrosankt eingehalten werden, wie in einer streng regulierten, totalitären Glaubensgemeinschaft? Jedenfalls scherte sich das erfreulich junge und auch erfreulich aufmerksam zuhörende Publikum gestern Abend im Opernhaus Zürich nicht um die beinahe schon „heilige“ Übereinkunft, dass man bei Sinfonien und Solokonzerten nicht zwischen den Sätzen applaudiert, und so brandete sowohl nach dem ersten Satz des Violinkonzerts von Tschaikowsky als auch nach dem Kopfsatz von Prokofiews 5. Sinfonie begeisterter Applaus auf, verschaffte sich die angestaute Spannung Raum und galt sowohl den Ausführenden als auch den Komponisten, welche in ihren Werken die Satzfinali ihrer ersten Sätze so herrlich kulminieren und explodieren liessen. Einzig das CONCERTO IN D von Igor Strawinsky blieb von Zwischenapplaus verschont, das lag aber beileibe nicht am Spiel der Streicher der Philharmonia Zürich noch am wunderbar die tänzerischen Aspekte herausarbeitenden Dirigat durch Gustavo Gimeno, sondern lag einzig und allein darin begründet, dass Strawinskys neoklassizistischer Stil halt etwas harscher, rauer und weniger emotional effektbeladen daherkommt als die nachfolgenden Werke der Spätromantik und der (sowjetischen) Spät- Spätromantik. Doch wenn man genau hinhört, ist Strawinskys Komposition eine wunderbare Entdeckung: Rhythmisches Staccato, nervös pulsierender Impetus und aparter tänzerischer Gestus der Ecksätze kontrastieren mit arioser Kantabilität des Andantinos. Danach folgte also das erwähnte Violinkonzert Tschaikowskys: Grossartig, wie es der Dirigent Gustavo Gimeno verstand, die Einleitung kontinuierlich klanglich zu verdichten, dann den Teppich auszulegen für den Einsatz der Solovioline. Baiba Skride und der Klang ihrer Stradivari vermochten vom ersten, feinfühlig intonierten Aufschimmern des Hauptthemas an zu faszinieren, die Geige schien regelrecht zu singen; wie eine grosse Arie stieg das Kopfthema auf und breitete sich mit grandioser Steigerung aus. Glutvolle Emphase, leichtfüssige Variationen, funkelnde Girlanden und Glissandi, Läufe bis in die höchsten Lagen in der halsbrecherischen Kadenz – und dabei hatte man immer das Gefühl, dass sich Baiba Skride regelrecht auf die schwierigsten Stellen freute, sich auch durch ein umher flatterndes, gerissenes Haar des Bogens nie aus der Konzentration bringen liess. Kein Wunder also, dass nach der Reprise Applaus aufbrandete. Wunderbar zart dann das Cantabile des zweiten Satzes, diesem empfindsamen Tor zur russischen Seele Tschaikowskys, auch vom Orchester und dem Dirigenten mit der notwendigen Ruhe und der exquisiten Balance in der Klangabmischung gestaltet. Ja überhaupt das Orchester: Die Philharmonia Zürich spielte wunderbar an diesem Abend, hatte keine Schwierigkeiten mit den zum Teil doch beachtlich zügigen Tempovorgaben des Dirigenten mitzuhalten, auch nicht im entfesselt (aber kontrolliert) daherkommenden, tänzerisch-folkloristischen Schlusssatz dieses Bravour-Konzerts. Selbstverständlich entliess das Publikum Baiba Skride erst nach einer äusserst virtuos und konzentriert vorgetragenen Zugabe.

Im zweiten Teil dieses ganz den (gewichtigen) Russen gewidmeten Konzerts dann die grandiose Sinfonie Nr.5 von Sergej Prokofiew. Ja, die Russen konnten halt auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch ohne atonalen Formalismus komponieren (wenn auch nicht ganz freiwillig, übte doch das stalinistische Regime einen nicht ganz unerheblichen Druck auf die Kulturschaffenden aus ...). Aber wie dem auch sei, das Ergebnis ist einfach tief beeindruckend. (Und immerhin war Prokofiew nach seinem Aufenthalt in den USA freiwillig in die Sowjetunion zurückgekehrt, er war sich wohl auch dessen bewusst, was ihn dort erwartete!) Es ist einfach begeisternd (auch gefährlich?) sich den Klangmassen zu ergeben (der Zwischenapplaus nach dem ersten Satz lässt grüssen), sich in den Strudel der Rhythmen im Scherzo fallen zu lassen, die Blechsalven, die aggressiven Pizzicati, die mitreissenden Attacken des Schlagwerks auf sich wirken zu lassen. Fantastisch baute Gimeno die extensiven Klangschichtungen auf, wobei er darauf bedacht war, den Klang nie bloss lärmig werden zu lassen. Obwohl dies sein Debüt am Opernhaus Zürich war (hoffentlich folgen weitere Auftritte!), schien er sich der nicht unproblematischen Akustik des Hauses voll bewusst zu sein.

Mit tänzerischen Rhythmen (manchmal auch etwas sperrigen) von Strawinsky hatte das Konzert begonnen, mit der furiosen, sprühenden Rhythmik Prokofiews fand es seinen umjubelten Abschluss.

Werke:

Igor Strawinsky (1882-1971), eine der bedeutendsten Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, erlangte grosse Popularität durch die spätromantischen Ballettmusiken, welche er für Diaghilews Ballets russes in Paris schrieb (DER FEUERVOGEL; PETRUSCHKA; LE SACRE DU PRINTEMPS). Es erstaunt deshalb nicht, dass auch seine späteren, im neoklassizistischen Stil gehaltenen Orchesterwerke oft als Grundlage für Choreographien genutzt wurden, so auch sein 1946 den USA entstandenes CONCERTO IN D für Streichorchester, welches z.B. von Jerome Robbins für das New York City Ballet als Ballett unter dem Titel THE CAGE auf die Ballettbühne gehoben wurde. In Auftrag gegeben wurde die dreisätzige Komposition von Paul Sacher, um damit das zwanzigjährige Bestehen des Basler Kammerorchesters zu feiern. Das Werk wird deshalb auch oft „Basle -Concerto“ genannt.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) konzipierte sein einziges Violinkonzert während eines Aufenthalts in Clarens am Genfersee, wohin er sich in depressiver Stimmung nach seiner gescheiterten Ehe zurückgezogen hatte. Begleitet wurde er von seinem Freund (Geliebten?) und Schüler, dem Geiger Josef Kotek. Die Idee, das Konzert Kotik zu widmen, verwarf er wieder, da er befürchtete, dass die Art seiner Beziehung zu diesem jungen Mann damit öffentlich ausgeschlachtet würde. Kotik lehnte es später auch ab, das Konzert zu spielen. Tschikowsky zog eine Widmung für den bekannten Geiger Leopold Auer in Betracht, doch dieser wies die Partitur als unspielbar zurück. Somit verstrich weitere Zeit und erst als Tschaikovsky einen anderen bekannten Geiger, Adolph Brodsky, kontaktierte und ihm das Konzert widmete, erlebte es in Wien unter der Leitung von Hans Richter seine nicht unbestrittene Uraufführung. Vor allem Eduard Hanslick ging mit dem Werk ganz fürchterlich ins Gericht („ es bringt uns auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört“). Welcher Musikkritiker würde sich heutzutage noch erlauben, solche Worte zu schreiben? Doch wie bei allen Meisterwerken üblich: Qualität vermag sich eben doch durchzusetzen, und so wurde im Verlauf der Zeit Tschaikowskys Violinkonzert zu einem der beliebtesten Stücke seiner Gattung und ist aus dem Repertoire nicht mehr wegzudenken. Selbst Auer bereute in späteren Jahren sein Urteil und zog das Werk immer wieder für seinen Unterricht heran. Unter seinen Schülern war auch Jascha Heifetz, der einer der ganz grossen Interpreten von Tschaikowskys Opus 35 wurde.

Sergei Prokofiew (1891-1953) gehört zusammen mit seinen Landsleuten Strawinsky und Schostakowitsch zu den ganz grossen und angesehensten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Auch seine Werke erfreuen sich überaus grosser Beliebtheit, namentlich seine Ballette ROMEO UND JULIA und CINDERELLA, seine Opern DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN, KRIEG UND FRIEDEN und DER FEURIGE ENGEL, das musikalische Märchen PETER UND DER WOLF, die fünf Klavierkonzerte, die Violinkonzerte und eben auch seine Sinfonien, von denen die fünfte am häufigsten aufgeführt wird. Nach Aufenthalten in den USA und in Frankreich hatte sich Prokofiew ja in den 30er Jahren wieder entschieden, in die Sowjetunion zurückzukehren. Trotz Auseinandersetzungen mit den Kulturbehörden und mit Stalin (der übrigens am selben Tag wie Prokofiew starb) wurde gerade seine fünfte Sinfonie von den staatlichen Stellen gerne als heroisch-patriotisches Werk vereinnahmt. Die Sinfonie fällt dadurch auf, dass der erste und dritte Satz die langsamen Sätze darstellen, der zweite als ein motorisch akzentuiertes Scherzo und der Finalsatz als ein tänzerisches Allegro giocoso daherkommen. Der Gesamtklang ist überaus mächtig auftrumpfend, rhythmisch mitreissend akzentuiert.

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