Zürich, Opernhaus: NELLO SANTI, Geburtstagskonzert, 23.10.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tschaikowsky 4. Sinfonie

Rossini: Ouvertüre zu SEMIRAMIDE | Verdi: Ouvertüre und Arie aus GIOVANNA D'ARCO | Verdi: Zigeunerchor aus IL TROVATORE | Wagner: Einzug der Festgäste aus TANNHÄUSER | Puccini: Arie der Cio Cio San Un bel di vedremo aus MADAMA BUTTERFLY | Tschaikowsky: 4. Sinfonie

Kritik:

Nello Santi gehört zum Opernhaus Zürich wie kein Dirigent vor ihm – und wahrscheinlich wie keiner nach ihm“, sagte Intendant Andreas Homoki in seiner Würdigung des Jubilars (der in Zürich knapp 100 Premieren und unzählige Aufführungen geleitet hat) anlässlich des Galakonzerts gestern Abend im Opernhaus Zürich. „Geben Sie mir einen Vertrag für die nächsten 15 Jahre“, so die kurze Replik des Maestros, „dann können wir auch meinen hundertsten Geburtstag noch so feiern.“ Andreas Homoki ist der achte Intendant in der unglaublichen Karriere des Maestros am Opernhaus Zürich, welche vor beinahe 60 Jahren, 1958, im damals noch Stadttheater genannten Bau am Sechseläutenplatz ihren Anfang nahm. Und keinen anderen Künstler hat das Zürcher Publikum so in sein Herz geschlossen wie Nello Santi. Die Ovationen, welche ihn jeweils (bei seinen leider etwas seltener gewordenen Auftritten in Zürich) zu Beginn begrüssen und meist in tosenden Schlussapplaus münden, sind von einer tiefen Zuneigung zu diesem Künstler geprägt, welcher dem Publikum bedeutende, bewegende, mitreissende und berührende Abende geschenkt hat. Er war und ist stets ein Anwalt der Tradition (im besten Sinne des Worts) geblieben.

Sicher, sein Kernrepertoire kreist um die Meisterwerke der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts, von Rossini über Bellini, Don izetti und Verdi zu den Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts wie Puccini, Mascagni, Zandonai, Cilea und Respighi – doch nicht nur, wie dieses Konzert bewies. Im ersten Teil des restlos ausverkauften Galakonzerts begeisterte Nello Santi mit seinen bekannten Qualitätsmerkmalen: Dem federnden Klang bei Rossini, dem untrüglichen Gespür für Effekte, den wohl dosierten Crescendi, Accelerandi, Diminuendi, dem umsichtigen auf Händen tragen der Musiker_innen bei solistischen Passagen. Insbesondere die Holzbläser_innen der Philharmonia Zürich erbrachten an diesem Abend stupende Leistungen und wurden von Nello Santi auch besonders hervorgehoben in der Applausordnung. Wie da eine glasklare Phrase des Piccolo, eine einnehmende Kantilene der Flöte, der Oboe, des Englischhorns oder der Klarinette erklangen, war einfach fantastisch. Wunderbar auch das Hornquartett in Rossinis SEMIRAMIDE-Ouvertüre, der entfesselte Sturm in Verdis GIOVANNA 'ARCO-Ouvertüre, das herrlich gleissende Blech in Wagners Einzug der Gäste aus TANNHÄUSER. Hier kam natürlich auch der kraftvoll und stimmgewlatig auftrumpfende Chor der Oper Zürich (Einstudierung: Jürg Hämmerli) effektvoll zum Einsatz, wie zuvor im Zigeunerchor aus Verdis IL TROVATORE. Nello Santis Tochter, die Sopranistin Adriana Marfisi, bereicherte den ersten Teil mit Arien von Verdi (O fatidica foresta aus GIOVANNA D'ARCO) und Puccini (Un bel dì vedremo aus MADAMA BUTTERFLY). Auffallend bei ihrer Interpretation war die kluge Gestaltung aus dem Text heraus, das Mitfühlen mit den Frauengestalten. Die stählerne Strahlkraft ihrer Stimme konnte sie auch für berückende Pianopasagen zurücknehmen. Als Zugabe sang sie Io son l'umile ancella aus Cileas ADRIANA LECOUVREUR.

Spannend ging es nach der Pause weiter. Nello Santi dirigierte auswendig (wie immer, das ist sein Markenzeichen, da er über ein phänomenales fotografisches Gedächtnis für Partituren verfügt) die vierte Sinfonie von Pjotr I. Tschaikowski - und zwar erstaunlich unromantisch, ja geradezu modern die Partitur auslegend, nie in schwelgerischen Kitsch abgleitend, sondern knallhart die Effekte setzend. Die wuchtigen Schicksalsfanfaren begehrten mit erschütternder Kraft Einlass, die leiseren Stellen erklangen in intensivster Leuchtkraft. Die ökonomische, doch überaus konzentrierte und präsente Art des Dirigierens kam insbesondere dem zweiten Satz zugute, diesem ruhig fortschreitenden Andante mit dem zauberhaften Oboensolo, das dann vom Orchester so einfühlsam aufgenommen wird und in einen düsteren Reigen mündet. Blitzsauber gespielt und mit verblüffender rhythmischer und dynamischer Präzision vorgetragen dann das Pizzicato-Scherzo. Klar strukturiert erklang der triumphale Finalsatz, die Schicksalsfanfaren hatten keine Chance mehr sich durchzusetzen und der Abend endete mit einer standing ovation als TRIONFO DEL MAESTRO SANTI.

Nello Santi wurde am 22. September 1931 in Adria, Venetien geboren, studierte in Padua Komposition und Gesang und debütierte als Dirigent ebenda mit Verdis RIGOLETTO. Von 1958-1969 war er Musikdirektor des Opernhauses Zürich (dem er bis heute verbunden bleibt), später Leiter des Radiosinfonieorchesters Basel. Seine Karriere führte und führt ihn an alle bedeutenden Operntempel weltweit. Lange Jahre war er Gastdirigent an der Met in New York, trat regelmässig an der Covent Garden Opera in London, der Wiener, der Hamburger, der Münchner Staatsoper auf. In Italien feierte er u.a. Triumphe in der Arena di Verona, der Scala di Milano, dem San Carlo in Neapel und dem Fenice in Venedig. Die Besetzungslisten seiner Opernaufführungen lesen sich wie ein who is who der internationalen Sängerelite: Domigo, Pavarotti, Carreras, Tito Gobbi, Giorgio Zancanaro, Ettore Bastianini, Sherill Milnes, Cesare Siepi, Matti Salminen, Nicolai Ghiaurov, Margaret Price, Leontyne Price, Leonie Rysanek, Dame Gwyneth Jones, Gundula Janowitz, Annelise Rothenberger, Graziella Sciutti, Elena Mosuc, Joan Sutherland, Anna Moffo, Renata Scotto, Birgit Nilsson, Ghena Dimitrova, Agnes Baltsa. Aus seinen Aufnahmen ragen PAGLIACCI (Caballé, Domingo, Milnes), ANDREA CHÉNIER (Domingo, Benackova, Cappuccilli), L'AMORE DEI TRE RE (Moffo, Domingo, Siepi), LA FANCIULLA DEL WEST (Neblett, Domingo, Carroli) heraus, dazu die vielen Soloalben mit Leontyne Price oder Domingo und natürlich die Aufnahmen sämtlicher Tenorarien von Verdi mit Carlo Bergonzi!

Persönlich Anmerkung:Kein anderer Musiker hat mich mit solcher Konstanz durch mein Eintauchen in die Welt des Musiktheaters begleitet (und begeistert) wie Maestro Santi. In meiner Datenbank sind von 1968 bis zum heutigen Tag 97 Vorstellungen erfasst, bei denen Nello Santi am Pult stand. Besonderen Eindruck haben dabei hinterlassen: Die Überreichung der Hans Georg Nägeli Medaille an Santi in Zürich (mit dem Auftritt des jungen Placido Domingo), MEDEA (mit Antigone Sgourda und Carol Smith), CAVALLERIA RUSTICANA (mit der viel zu früh verstorbenen Gerry de Groot), OTELLO (mit James McCracken und Maria Chiara), SIMONE BOCCANEGRA (mit Norman Mittelmann und Antigone Sgourda), WERTHER (mit Teresa Berganza und José Carreras), FRANCESCA DA RIMINI (mit Emily Magee, Juan Pons und Marcello Giordano). Tante grazie Maestro!

Hauptwerk des Abends:

Die vierte Sinfonie in f-Moll,op. 36 von Pjotr I. Tschaikowsky wurde am 10. Februar 1978 in Moskau uraufgeführt. Wie iele seiner anderen Werke ist es sehr bekenntnishaft, lässt Einblicke in das seelische Empfinden des mit seiner unterdrückten Homosexualität ringenden Komponisten zu. In einem ausführlichen Brief an seine Mäzenin Nadescha von Meck hat Tschaikowsky die Gefühlslandschaften der vierten Sinfonie beschrieben: Die eröffnende Schicksalsfanfare der Trompeten und Hörner ist dabei die Keimzelle des Werks. Hoffnunngslosigkeit macht sich breit (Tschaikowskys unglückliche Ehe mit Antonina stand vor dem Scheitern). Man flüchtet sich in träumerische Holzbläserweisen und sanfte Streicherfiguren, welche aber vom harten Schicksalsmotiv schnell wieder zum Verstummen gebracht werden. Der zweite Satz beschreibt eine unendliche Melancholie – die Melancholie des weiten Russland. Launische Arabesken durchziehen den dritten Satz, die Streicher spielen ohne Bogen, die Saiten werden nur gezupft. Volksweisen und Militärkapellen ziehen vorüber. Im Finalsatz blickt der traurige Protagonist (der Komponist) mit ein wenig Neid auf die Freuden der anderen. Volksfeststimmung, betrachtet von einem Aussenseiter, der gerne mitfeiern würde, es aber nicht vermag. Zwar kehrt das Schicksalsmotiv zurück, doch die festliche Stimmung obsiegt. „Freue dich an der Freude anderer - und das Leben ist doch zu ertragen“, schreibt Tschaikowski.

Die Rockband PINK FLOYD hat übrigens auf ihrem Album WISH YOU WERE HERE eine kurze Sequenz aus diesem Finalsatz zitiert.

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