Zürich: MÉDÉE, 22.01.2017

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Médée

Tragédie lyrique in einem Prolog und fünf Akten | Musik: Marc-Antoine Charpentier | Libretto: Thomas Corneille | Uraufführung: 4. Dezember 1693 in Paris | Aufführungen in Zürich: 22.1. | 26.1. | 28.1. | 31.1. | 3.2. | 5.2. | 8.2. | 12.2. | 18.2. 2017

Kritik:

Nach gut 3 Minuten Spieldauer der Oper ist es klar: Diese Médée ist eine Wucht! Bereits die erste Phrase (Pour flatter mes ennuis, que ne puis-je te croire!), welche Stéphanie d'Oustrac in der Titelrolle zu singen hat, lässt dermassen aufhorchen, dass man sich den ganzen dreistündigen Abend hindurch auf jeden ihrer (zum Glück zahlreichen) Auftritte freut. Die Stimme berührt zutiefst mit ihrem Reichtum an Farben, ihren Schattierungen, ihrer dramatischen Durchschlagskraft und der mörderischen, zornigen Entschlossenheit, aber auch mit ihrer Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Trauer. Doch da sind nicht nur die stimmlichen Möglichkeiten zu bewundern, sondern auch ihre enorme Bühnenpräsenz: Da füllte eine Darstellerin die Partie aus, welche tief hineintaucht in die Seele dieser verletzten und betrogenen Frau, einer Frau, die für Jason alles gegeben hat und sich nun schändlich betrogen sieht, sich aufs Grausamste rächt und selbst ihre eigenen Kinder nicht verschont, nur um das Leiden Jasons zu verschlimmern. Sie ist aber auch die Fremde am Hof Créons, unverstanden und abgelehnt von den uniformierten, weiss gekleideten Korinthern, hält sie an der archaisch-afrikanisch anmutenden Kleidung fest, ihre Haare sind schwarz und wild, auch ihre Kinder, die sie innig liebt, gleichen ihrer Mutter, sie scheint ihnen die Werte ihrer fremden Herkunft eingeimpft zu haben. Jason hingegen hat sich angepasst, trägt die weissen Sportoutfits der Korinther, hat sich in die Cricketmannschaft eingefügt und gewinnt mit den Korinthern Pokale und Kränze – und verliebt sich in eine Korintherin, Créuse. Reinoud Van Mechelen singt einen ganz wunderbaren Jason, durchdringt den Text mit seiner fabelhaft sauber geführten Tenorstimme und zeig ein differenziertes Charakterbild des einstigen Helden, der der kriegerischen Taten, der ständigen Flucht müde geworden zu sein scheint und sich nach einer Frau sehnt, die ihn anhimmelt und nicht ständig herausfordert, wie es eben die starke Médée tut. Und wie es eben Ehemänner so tun, wenn sie im eigenen Haus (und wohl auch im Bett) nicht mehr so glücklich sind – sie engagieren sich im Sportverein und gehen fremd. Reinoud Van Mechelen zeigt aber – und das ist sein grosses Verdienst – dass dieser Jason eben nicht nur ein Feigling, Lügner und Fremdgeher ist, sondern ein Mann, der auch berechtigte Bedürfnisse hat und nach deren Erfüllung strebt. Fantastisch sauber und mit grandiosen glockenreinen Tönen stattet Mélissa Petit die Créuse aus – ein etwas naives, durch ihren Vater und durch Jason fremdbestimmtes „Blondchen“, das eigentlich unschuldig zum Opfer von Medeas Rachsucht wird. Nahuel di Pierro ist dieser Vater, der König Créon, gekleidet in eine weisse operettenhafte Militäruniform, etwas irre, schon bevor Medea ihren Fluch über ihn wirft, der ihn dann ganz abdriften lässt. Di Pierro spielt und singt diese unsympathische Rolle mit enormer musikalischer und darstellerischer Kunst. Ja überhaupt die Männer – die bekommen in dieser Inszenierung von Andreas Homoki ihr Fett weg und werden als ziemliche Trottel und Einfaltspinsel gezeigt. So auch der Oronte, der etwas füllige Mann fürs Grobe (mit dem weichen Herzen), den sich Créon als Kriegsgurgel an den Hof geholt hat und dem er seine Tochter Créuse als Belohnung geben will. (Aber eben, die hat ja schon was am Laufen mit Jason ...) Ivan Thirion singt und spielt diesen tapsigen, gerne wild mit der Pistole fuchtelnden Oronte vortrefflich – und auf der Premierenfeier stellt man dann erleichtert fest, dass er keineswegs - weder physisch noch psychisch - dem dargestellten Charakter entspricht. Neben diesen fünf Protagonisten treten eine ganze Reihe weiterer Personen auf: Carmen Seibel als wohlklingend besorgte Nérine, Spencer Lang als hervorragender Arcas und als La Jalousie, Gemma Ni Bhriain als Cléone, Sandrine Droin in einem der Divertissements als herausragende Italienne, Roberto Lorenzi und Nicholas Scott als Argiens, Lorenzi singt auch La Vengeance und Scott stellt einen Captif de l'amour dar. Florie Valiquette ist L'Amour und das Premier Fantôme, Francisca Montiel das Deuxième Fantôme. Allesamt sind sie ganz herausragend besetzt, haben sich diesen deklamatorischen Stil der barocken französischen Tragédie lyrique bestens erarbeitet. Sehr gut spielen die beiden Kinder der Médée: Erst sind sie die kleinen „Wilden“, dann werden sie von Créuse quasi adoptiert und mehr noch, sie werden zwangsassimiliert, sie stecken nun ebenfalls in weissen Kleidern und tragen platinblonde Frisuren. Überhaupt ist die Kostümdramaturgie von Mechthild Seipel eine hochinteressante Angelegenheit und verdient ganz besonderes Lob: Der Aufbau der Akte in der französischen Oper seit Lully ist ja ganz streng. Erst kommen die Solo- und Dialogszenen, danach wird der Akt immer mit einem Divertissement abgeschlossen. Und gerade in diesen Divertissements (Homoki hat auf Tanzeinlagen verzichtet und füllt die Divertissements mit szenischen Vorgängen, welche die seelischen Befindlichkeiten ergänzen und vertiefen sollen) kann sich eine Kostümbildnerin natürlich austoben – und Mechthild Seipel hat das grossartig gemacht. Das geht vom nachtklubartigen Etablissement der 20er Jahre bis zu einer Horde von Damen in pinkfarbenen Rokokokostümen und entsprechenden Perücken, welche den irre gewordenen Créon wie unter Wolken von pastellfarbenen Wattebäuschen begraben. Ganz stark! Zu den Pluspunkten der Szenerie gehört auch das ausgeklügelte und überaus stimmige Lichtdesign von Franck Evin. Hartmut Meyer zeichnet verantwortlich für die architektonisch abstrakte Bühne. Ein beengter Korridor, leer und unwirtlich, ist der Begegnungsort der Handlungsträger, zeigt das Unbehauste der Figuren. Das Dach senkt und hebt sich unaufhörlich, wird erklommen und wieder verlassen, ist Belauschungs- und Zufluchtsort, senkt sich oft so bedrohlich wie eine Druckpresse und droht die Personen zu zermalmen. Die Rückwand öffnet und schliesst sich geräuschlos, gibt den Blick frei auf eine Treppe und ein gigantisches Hamsterrad, aus welchem sich die drängelnden Rokokodamen in Créons Wahnsinnsszene ergiessen und es dann wieder mit unglaublicher Präzision besteigen, bevor die Rückwand sich schliesst. Das sind ganz fantastische Bilder, welche sich der Regisseur Andreas Homoki zusammen mit dem Bühnenbildner und der Kostümbildnerin ausgedacht hat. Ganz hervorragend singt der Chor der Oper Zürich (Einstudierung: Jürg Hämmerli), welcher durch die hautes-contre aus William Christies Les Arts Florissents ergänzt werden, da in der französischen Barockmusik bei den Chören ja die weiblichen Altstimmen fehlen. Charpentier selbst war ja auch ein solcher haute-contre.

Ja überhaupt die Musik: Sie klingt grossartig, festlich, traurig, beklommen mit ihren verminderten Terzen – und das hauseigene Barockorchester LA SCINTILLA kommt damit natürlich bestens klar. Besonders erwähnenswert das sublime Continuo (William Christie und Paolo Zanzu am Cembalo, Brian Feehan und Juan Sebastian Lima mit der Laute, Martin Zeller mit der Gambe, Caludius Herrmann, Violoncello, und Dieter Lange, Violine) und die mit reichhaltigem Ausdruck spielenden Holzbläser. William Christie, der exzellente Kenner und Förderer der französischen Barockmusik am Pult ist natürlich der bestmögliche Anwalt für diese anspruchsvolle Oper, der einzigen Charpentiers. Man hört konzentriert zu (und für einmal ist es im ganzen Saal ungewöhnlich still, kein Husten, kein Rascheln, kein Tuscheln) und doch waren viele Besucher (und auch ich) nach der Aufführung der Ansicht, dass der zweite Teil, das heisst die Akte III-V, bedeutend stärker und intensiver gewesen seien als der erste Teil und man diesen gut und gerne hätte weglassen können. Am Ende jedoch grosser, verdienter Jubel für die Ausführenden, welche ein engagiertes Plädoyer für die französische Tragédie lyrique abgelegt haben. Man darf auf die nächste Premiere innerhalb der Schwerpunkts ANTIKE (welch ein Füllhorn zur Erforschung menschlicher Abgründe) gepannt sein, Manfred Trojahns OREST!

Inhalt:

Medea und Jason befinden sich mit ihren beiden Söhnen in Korinth, wo sie bei König Kreon Schutz gefunden haben. (Medea hatte Jason einst geholfen, das Goldene Vlies zu rauben und König Pelias von Thessalien zu töten.) Doch nun fordert Akastos, der neuen Herrscher Thessaliens, Medeas Auslieferung. Oronte, der König von Argos, kommt den Korinthern zu Hilfe, als Dank wird ihm die Hand von Kreons Tochter Kreusa versprochen. Doch auch Jason hat ein Auge auf Kreusa geworfen und will sich von Medea trennen, was dieser - trotz gegenteiliger Behauptungen Jasons - nicht verborgen bleibt. Medea und Oronte sind also alle beide die Düpierten von Kreons (und Jasons) Machenschaften. Die Rache wird grausam sein. Medea beschwört die Geister der Unterwelt. Sie mischt ein Gift, mit welchem sie Kreusas Kleid vergiftet. Nachdem Kreon Medea verspottet hat, verzaubert sie die Wachen, welche nun den König festhalten. Auf Kreon hext sie den Zauber des Wahnsinns. Kreon ersticht sich vom Wahnsinn befallen mit Orontes Schwert. Daraufhin verflucht Kreusa Medea, welche sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich macht. Doch nun entfaltet auch das Gift in Kreusas Kleid seine Wirkung. Kreusa stirbt in Jasons Armen. Medea erscheint in der Luft auf einem Drachen sitzend und schleudert Jason entgegen, dass sie auch seine Söhne getötet habe. Die Dämonen setzen den Palast in Brand.

Werk:

Marc-Antoine Charpentiers (1643-1704) kompositorisches Schaffen steht für die Zeit des Übergangs von Lully zu Rameau. Er steht (und stand) deshalb ein wenig im Schatten seiner berühmteren Kollegen. Lange Zeit kannte man von ihm nur die „Eurovisionsmelodie“, die dem Präludium seines TE DEUM entnommen ist. Seine einzige erhaltene weltliche Oper MEDÉE erlebte zwar eine ziemlich erfolgreiche Uraufführung (auch wenn einige Anhänger Lullys scharfe Kritik übten), geriet aber danach schnell in Vergessenheit. Erst als der Theatermacher Robert Wilson das Werk 1984 in Lyon zur Aufführung brachte (vorausgegangen war eine konzertante Aufführung unter William Christie in Paris), wurde die Oper wieder für die Bühne entdeckt. Charpentier verleugnet in seiner Oper nicht die Einflüsse seiner Studien beim italienischen Meister Giacomo Carissimi. Und gerade dies wurde ihm von den Anhängern Lullys zum Vorwurf gemacht. Höhepunkte der Oper sind die Wahnsinnsszene Kreons und die Beschwörung der Dämonen durch Medea, sowie die musikalischen Entrées und Divertissements. Thomas Corneille, der jüngere Bruder des berühmten Pierre Corneille, hält sich in seinem Libretto eng an die Fassung des antiken Medea-Stoffes durch Euripides. Diese Geschichte aus der griechischen Mythologie hat unzählige Künstler, Literaten, Musiker, Filmemacher zu Werken inspiriert. Allein auf dem Gebiet der Oper sind wahrscheinlich hundert Bühnenwerke über Medea entstanden, von Cavalli über Lully, Charpentier zu Cherubini (wohl die berühmteste Vertonung des Stoffs), später kamen die Medea-Opern von Giovanni Simone Mayr, Mercadante, Pacini, Milhaud, Theodorakis, Dusapin, Rolf Liebermann und Aribert Reimann dazu. Pier Paolo Pasolini verfilmte den Medea-Stoff 1969 mit der Opernsängerin Maria Callas (sie hatte der MEDEA von Cherubini zu neuer Popularität verholfen) in der Titelrolle.

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