Zürich: MATHIS DER MALER, 16.06.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Mathis der Maler

Oper in sieben Bildern | Musik: Paul Hindemith | Libretto: vom Komponisten | Uraufführung: 28. Mai 1938 in Zürich | Aufführungen in Zürich: 16.6. | 19.6 | 23.6. | 26.6. | 28.6. | 1.7. | 5.7.2012

Kritik:

Dass ein Hauch von beinahe schmerzvoller Wehmut über dem Abend lag, hatte nicht nur mit der von Hindemith so berührend in Töne gefassten inneren Emigration des Künstlers zu tun, in welche sich der Protagonist - angewidert und erschöpft von den weltlichen Händeln – zurückzieht. Denn mit diesem wichtigen Werk aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts galt es auch Abschied zu nehmen vom Intendanten Alexander Pereira (der hoffentlich nicht „angewidert und erschöpft“ von Zürich nach Salzburg weiterzieht), welcher das Zürcher Opern- und Musikleben in den vergangenen 21 Jahren mit seiner unerschöpflichen Liebe zu dieser Kunstgattung erfüllt und geprägt hatte. Schon bei seinem Erscheinen in der Intendantenloge brandete spontan Applaus auf – ein Zeichen der Dankbarkeit des Publikums für nicht weniger als 321 Produktionen, welche er mit seinem unermüdlichen Einsatz für dieses Theater und seinem Herzblut zusammen mit „seinen“ Künstlern, den bis an ihre Grenzen (und wohl oft darüber hinaus) geforderten Technikern und Mitarbeitern ermöglicht hat.

Pereira zeichnete sich u.a. auch dadurch aus, dass er es mit grossartiger Einfühlsamkeit und Weitsicht verstand, Sängerinnen und Sänger in ihrer Laufbahn zu begleiten, zu fördern, anzutreiben und mit seinen kenntnisreichen Überredungskünsten zu neuen Ufern (Partien) zu führen. Ein Beispiel dafür sind wohl zwei der überragenden Protagonisten des gestrigen Abends, der Bariton Thomas Hampson und die Sopranistin Emily Magee. Hampson ist dem Zürcher Haus seit Jahrzehnten eng verbunden und hat nun mit dem Mathis seinem Schaffen hier einen weiteren Glanzpunkt hinzugefügt, wenn nicht sogar die Krone aufgesetzt. Dieses Rollendebüt war in jeder Beziehung ein Ereignis: Mit geradezu exemplarischer Diktion und einer unter die Haut gehenden Kraft und Eindringlichkeit der musikalischen Gestaltung zeichnete er den Weg und die menschlichen Qualen dieses auch an sich selbst zweifelnden Künstlers, machte das Entsetzen über die Schreckenstaten sowohl von Seiten der Soldateska als auch von derjenigen der marodierenden Bauern beinahe physisch greifbar und vermochte Mitleid als verklemmt Liebender zu erwecken. Emily Magee sang die Ursula (und im Visionenbild die Buhlerin, Bettlerin, Märtyrerin) mit einem betörenden Reichtum an Farben. Das wunderbar dunkel funkelnde Timbre von Emily Magees grosser und fantastisch ebenmässig geführten Sopranstimme schenkte der Ursula eine durchdringende Reife und einnehmende Weiblichkeit, welche nicht nur Mathis erröten liess, sondern auch den Kardinal Albrecht in ihren Bann zu ziehen vermochte. Reinaldo Macias' Interpretation dieser immens schwierigen Tenorpartie war schlicht phänomenal: Die Auseinandersetzungen des Kardinals mit seinem Ratgeber Capito (Benjamin Bernheim gelang einmal mehr eine bedeutsame, eindringliche Charakterstudie), mit seinem inneren Widersacher von Pommersfelden (mit autoritärem Bass Andreas Hörl als Domdechant), mit dem Lutheraner Riedinger (grossartig gestaltet von Gregory Reinhart, als einziger ohne Rollendebüt), mit Mathis und Ursula gerieten zu spannungsgeladenen Höhepunkten der Aufführung. Weitere Glanzlichter setzten der mit charaktervollem Tenor aufwartende Erin Caves als kämperischer Bauernführer Schwalb und Sandra Trattnigg mit ihrem herrlich raumfüllenden und doch so differenziert eingesetzten Sopran als dessen Tochter Regina. Die kleineren Partien waren mit Peter Straka als Sylvester von Schaumberg (er war schon 1985 dabei, jedoch in der Rolle des Schwalb), Tomasz Slawinski (Truchsess von Waldburg) und Patrick Vogel (Pfeifer) ausgezeichnet besetzt. Als Gräfin Helfenstein setzte Stefania Kaluza im vierten Bild mit ihrem entschiedenen Auftreten und der mächtigen Stimme nachdrückliche Akzente und leitete mit ihrem faszinierenden Mezzospran auch das Visionenbild als "Üppigkeit" ein. Dieses Visionenbild hat es ja in sich: Musikalisch ist es natürlich ein packender Höhepunkt der Komposition (und wird auch durch die Sänger und den grossartigen Chor der Oper Zürich entsprechend effektvoll umgesetzt), szenisch hingegen ist es nicht einfach zu bewältigen, denn die Gefahr des Abgleitens in Religionskitsch liegt nahe. Doch dieser Gefahr (und Versuchung ...) sind Regisseur Matthias Hartmann und der Videokünstler Andi A. Müller nicht erlegen. Mit einem diffizilen, technisch anspruchsvoll umzusetzenden Ansatz haben sie die Klippe äusserst bezwingend umschifft und zu einer bestechenden Lösung gefunden. Überhaupt ist dem ehemaligen Intendanten des Schauspielhauses Zürich und jetzigen Direktor des Burgtheaters Wien zusammen mit seinem Bühnenbildner Johannes Schütz eine präzise, stringente und hoch konzentrierte szenische Arbeit gelungen. Das lange Werk wirkte gerade dank der Reduzierung in die strenge Geometrie des weissen Quadrats vor dem dunklen Halbrund des Bühnenraums unheimlich spannend und keinen Moment langatmig. Innerhalb dieses Spielquadrats waren praktisch keine ablenkenden Requisiten notwendig. Ein kleineres quadratisches Bühnenelement, welches mal als überdimensionale Bibel, als Klostermauer, als Türe, Rahmen, Ruhestätte oder Tisch diente, reichte vollkommen aus, um die wechselnden Schauplätze zu verorten. Die überaus gelungene Farbdramaturgie der Kostüme (Victoria Behr) und das Zusammenspiel mit der eindrucksvollen, die Auftritte und Abgänge wunderbar akzentuierenden Lichtgestaltung von Jürgen Hoffmann (wie man mit grossem Bedauern hörte, gilt es auch von ihm Abschied zu nehmen) verliehen dem Abend eine unheimlich bewegende, berührende und emotional packende Kraft.

Selbstverständlich hat dies auch mit der Musik Hindemiths zu tun, welche vom Orchester der Oper Zürich mit üppigem (die Posaunen – zum Niederknien schön!), aber nie lärmendem Klang gespielt wurde. Zwar könnte man sich an gewissen Stellen durchaus etwas mehr Getragenheit, Rundheit oder gar Erhabenheit vorstellen. Doch Maestro Daniele Gatti setzte in seiner letzten Zürcher Produktion als Chefdirigent des Hauses auf vorwärtsdrängendes, dramatisch aufpeitschendes (er konnte zum Glück auf stimmstarke Solistinnen und Solisten auf der Bühne zählen!), aufgefächertes Musizieren – und das Werk verträgt diesen Ansatz durchaus, auch wenn man im Engelkonzert zunächst die Befürchtung hatte, dass die Balance zwischen den Instrumentengruppen etwas leiden musste. Am Ende gab es verdienten, lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten an dieser herausragenden Produktion – und der gross gewachsene Regisseur trug den sich vergeblich wehrenden Intendanten auch noch vor den Vorhang. Ein grosser Dank an Alexander Pereira für 21 unvergessliche Opernjahre!

Fazit:

Unbedingt hingehen – das Werk und diese Aufführung verdienen die Aufmerksamkeit des Publikums. Die letzte Saison Alexander Pereiras endet wie sie begonnen hatte: Mit einer grandiosen Aufführung eines Werkes aus dem 20.Jahrhundert. Nachdem bereits Schostakowitschs DIE NASE zu einem Renner wurde, trifft dies hoffentlich auch auf Hindemiths MATHIS DER MALER zu.

Inhalt:

ca. 1525-1530, zur Zeit der Bauernkriege

Mathis bemalt die Wände eines Kreuzganges. Hans Schwalb, der Führer der aufständischen Bauern, stürzt herein, gefolgt von seiner Tochter Regina. Schwalb wird verfolgt. Mathis leiht ihm sein Pferd. Mathis bekennt sich gegenüber den Verfolgern zu seiner Tat.

In Mainz wird Kardinal Albrecht vom Volk begrüsst. Sylvester von Schaumburg erkennt in Mathis den Fluchthelfer Schwalbs. Mathis bekundet seine Sympathie mit den Aufständischen. Daraufhin wird er vom Kardinal seiner Stelle enthoben.

Martin Luther hat den Kardinal aufgefordert, den protestantischen Glauben anzunehmen und sich zu verehelichen. Als Braut käme ausgerechnet Ursula Riedinger in Frage, eine Bürgerliche, welche jedoch in Mathis verliebt ist. Mathis kann Ursula jedoch keine gesicherte Existenz bieten und will Ursula deshalb nicht an sich binden.

Die Bauern haben Königshofen erobert und schicken sich an, Graf Helfenstein hinzurichten. Mathis wird niedergeschlagen, als er der erniedrigten Gräfin beistehen will. Schwalb stachelt die Bauern zu erneutem Kampf auf. Doch diesmal werden sie empfindlich geschlagen. Schwalb fällt, Mathis wird gefasst und soll hingerichtet werden. Gräfin Helfenstein setzt sich erfolgreich für ihn ein.

Der Kardinal lehnt eine Heirat mit Ursula ab.

Mathis und Regina befinden sich auf der Flucht. Während die beiden im Odenwald rasten, erzählt Mathis von musizierenden Engeln. Regina schläft ein. Bei Mathis verwischen sich nun Wirklichkeit und Traumbilder. In einer Vision erscheint ihm der Kardinal in Gestalt von Petrus, die Bilder des heiligen Antonius steigen auf. Der Kardinal befiehlt Mathis: GEHE HIN UND BILDE!

Mathis hat den Isenheimer Altar geschaffen. Regina, die von Ursula gepflegt worden ist, stirbt in Mathis’ Werkstatt. Kardinal Albrecht bittet Mathis, fortan in seiner Nähe zu wirken. Doch Mathis ist am Ende seiner Kräfte. Er sehnt sich nach der ewigen Ruhe. Eine Papierrolle mit seinen Taten, welche er zusammen mit seinen Künstlerutensilien in eine Truhe legt, soll Zeugnis über sein Wirken geben.

Werk:

Obwohl kein geringerer als Wilhelm Furtwängler die zu einer Sinfonie zusammengefassten Vor- und Zwischenspiele Hindemiths 1934 in Berlin zur – erfolgreichen - Uraufführung brachte, wurde diese Sinfonie Mathis der Maler noch im gleichen Jahr von den Nationalsozialisten mit einem Aufführungsverbot belegt. Hindemith (1895-1963), welcher zuerst eine Künstleroper über den Buchdrucker Gutenberg hatte schreiben wollen, entschied sich dann für Matthias Grünewald, den Schöpfer des Isenheimer Altars, schrieb das Libretto nach gescheiterten Verhandlungen mit diversen Schriftstellern selbst und vollendete die Oper 1935 in Lenzkirch (Hochschwarzwald), unweit der Schweizer Grenze. Drei Jahre später wurde MATHIS DER MALER am Stadttheater in Zürich uraufgeführt.

Musikalisch verwendete Hindemith für sein durchkomponiertes Werk altdeutsche Liedformen und barocke polyphone Harmonien und verschmolz sie mit seiner ihm eigenen Kompositionstechnik zu einem transparenten, doch atmosphärisch dichten, Zeit und Ort genau charakterisierenden Klanggewebe. Höhepunkt ist die apokalyptische Vision des Künstlers im sechsten Bild. Ähnlich wie bei Pfitzners PALESTRINA (ebenfalls diese Saison in Zürich gezeigt) handelt es sich bei MATHIS DER MALER um ein Künstlerdrama: Der Künstler ist angewidert von den weltlichen Händeln und zieht sich in einer Art innerer Emigration auf sein persönliches Schöpfertum zurück (so, wie es viele Künstler in der Nazi-Zeit gezwungen waren zu tun). Nach Hindemiths „Bürgerschreck“-Zeit in den 20er Jahren (siehe SANCTA SUSANNA) wendet er sich mit MATHIS einem klassizistischen Kompositionsstil zu, manche sehen in dem Werk auch einen Hang zum heuchlerischen Revisionismus „... wirken doch die Posaunenchöre und der verklärende Schluss monumental-pathetisch, die daraufgesetzte Triangel fatal kindlich-harmlos, der altertümliche Gesang in einfacher Polyphonie antikisierend, eine deutsche Vergangenheit wiederbelebend, das choralartige Lied zugleich einfach, volkstümlich und christlich, beantwortet die Harmonik die Forderung der braunen Musikfunktionäre nach einer um Pentatonik und Kirchenmodalität erweiterten Tonalität – entspricht all dies also sehr genau den offiziellen Vorstellungen von moderner deutscher Musik im Dritten Reich.“ (Claudi Maurer-Zenck in „Zwischen Boykott und Anpassung, Über die Schwierigkeiten eines deutschen Komponisten mit dem Dritten Reich“) Somit war es also kaum das Werk, sondern der Komponist desselben, welcher den Nazis verdächtig war. Da half auch Furtwänglers Einsatz für den Komponisten nicht mehr. Dieser hatte mit einem Zeitungsartikel (Der Fall Hindemith) eine öffentliche Kraftprobe mit dem Regime gewagt, musste daraufhin von seinen vielen Ämtern zurücktreten, schloss später aber wieder eine Art „Burgfrieden“mit den Nationalsozialisten.

Mit MATHIS DER MALER kehrt ein zentrales Werk der Gattung „Künstleroper“ nach 27 Jahren Abwesenheit von dieser Bühne an den Ort seiner Uraufführung zurück. (1985 war sie letztmals hier in Zürich zu erleben gewesen in einer Inszenierung von Claus Helmut Drese, am Pult Ferdinand Leitner, die Titelpartie sang Gerd Feldhoff.)

Trivia: MATHIS DER MALER stand auf dem Spielplan des Liceu in Barcelona, als am Vormittag des 31. Januar 1994 bei Schweissarbeiten ein Funke auf den Vorhang fiel und bald darauf das gesamte Theater in Flammen stand.

Karten

Premierenapplaus, Videoclip

Dirigent: Daniele Gatti, Inszenierung: Matthias Hartmann

Emily Magee (Ursula), Sandra Trattnigg (Regina), Stefania Kaluza (Gräfin Helfenstein); Thomas Hampson (Mathis, der Maler), Reinaldo Macias (Albrecht von Brandenburg), Andreas Hörl (Lorenz von Pommersfelden), Benjamin Bernheim (Walter Capito), Gregory Reinhart (Riedinger)