Zürich: MANON, 07.04.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Manon

Oper in fünf Akten | Musik: Jules Massenet | Libretto: Henri Meilhac und Philippe Gille | Uraufführung: 19. Januar 1884 in Paris | Aufführungen in Zürich: 7.4. | 10.4. | 13.4. | 18.4. | 22.4. | 26. 4. | 4.5. | 12.5. | 15.5. 2019

Kritik:

Von einem Rollendebüt ist zu berichten, das man für einmal nicht bloss mit der üblichen Floskel als "gelungen" bezeichnen darf: Die Manon der noch nicht einmal 30 jährigen Elsa Dreisig war geradezu sensationell, überragend, souverän, zum Niederknien. Die stimmliche und musikalische Gestaltung von berückender Leichtigkeit, dynamisch ein riesiges Spektrum ausschöpfend, mit einem Timbre, das weder zu hell noch zu dunkel ist. Die Linienführung, die Intonation und die Intervallsprünge blitzsauber, die Phrasierung dank ihrer französisch-dänischen Wurzeln von stupender Natürlichkeit. Dazu kommt eine darstellerische Durchdringung des Charakters der jungen Frau Manon Lescaut, welche von immenser Reife und von einem berührenden Einfühlungsvermögen der Künstlerin Elas Dreisig zeugt. Sie vermag die adoleszenten Gefühlsregungen der 16jährigen mit beeindruckender Intensität zu transportieren, das Staunen, das Begehren, das Streben nach Reichtum. Aber auch das unbeschwerte Entdecken der Sexualität und das Spiel mit ihren Reizen - und auch den Zwiespalt, der sich zwischen ihrer Liebe zu Des Grieux und ihrem unstillbaren Durst nach Vergnügen und Luxus auftut. Gerade im zweiten Bild, als Des Grieux von Lescaut (und Vater Des Grieux) hereingelegt und Manon sich dem reichen Brétigny an die Brust wirft, spielt Elsa Dreisig diesen Zwiespalt mit immenser Gestaltungskraft aus. Ganz fantastisch auch ihr Spiel nach dem Ballett im Cours de la Reine, als sie sich Hals über Kopf nach Saint-Sulpice aufmacht, um "ihren" Des Grieux aus den Fängen der Priester zu reissen. Doch der Dämon der Vergnügungssucht übernimmt im vierten Akt, in der Spielhölle des Hôtel de Transylvanie, wieder die Kontrolle über Manon. Am Ende, im Hafen von Le Havre kurz vor der Deportation, ist sie gebrochen - ein junges Leben, das nur kurz aufblühen konnte, verglüht viel zu früh - Elsa Dreisig rührt hier zu Tränen. Elsa Dreisig vermag durch ihre Interpretation von Beginn weg zu fesseln, vom ersten staunenden Auftreten in der Poststation in Amiens an, über die überschäumende junge Liebende in der Mansarde, bis zum umschwärmten Luxusgeschöpf, berührend und bewegend im Aufstieg und im Fall. Grossen Anteil an dieser Leistung hat selbstverständlich der Regisseur Floris Visser, welcher die histoire de Manon Lescaut behutsam und mit sehr genauer Detailzeichnung in Szene setzt, superb gearbeitet bis in die kleinste Rolle und die Behandlung des Chors und der Statisten hinein. Zwar blicken wir einmal mehr auf einen nüchternen Holzkasten, schmucklose Wände und eine Rückwand die sich öffnen lässt. Nur wenige unterschielich gestaltete Sitzgelegnheiten verorten die diversen Schauplätze der Oper, dazu kommt mal ein Bett, ein riesiger Spieltisch, ein Gebetsstuhl, einige hölzerne Frachtkisten. Durch das Öffnen der Rückwand wird Raum geschaffen für Auftritte des Chors, für die Kirchenszene und ihre Fortsetzung in der Fantasie Des Grieux' (und eines lüsternen Priesters). Dieuweke van Reij zeichnet verantwortlich für diese karge Ausstattung, aber sie schuf daneben auch die fantastischen Kostüme. Denn das Regieteam versetz die Handlung vom 18. ins 19. Jahrhundert, in die Entstehungszeit der Oper, also das Zeitalter der so genannten Belle Époque (die eigentlich nur für die Oberen Zehntausend wirklich "Belle" war). Das zeitlose Sujet lässt dies problemlos zu. Durch die ausgesprochen stimmig ausgeleuchtete, karge Bühne (Lichtdesign: Alex Brok) und die detailgenaue Personenführung wird eine Konzentration auf die Charaktere ermöglicht, die einen ganz nahe an die Personen und ihre Motivationen herankommen lässt. Manchmal weht regelrecht ein Hauch von Guy de Maupassant und Émile Zola über die Bühne, Zeitgenossen Massenets. Während des kurzen Vorspiels lässt der Regisseur das Kind Manon staunend einen Ball in ihrem Elternhaus beobachten, sie entwendet einen Glacéhandschuh, den eine Dame hat fallen lassen, bewundert sich selbst im Spiegel und wird von ihrem gestrengen Herrn Papa autoritär in die Schranken und aus dem Saal gewiesen. Daraus folgt dann wohl die Einweisung ins Kloster, der sie durch die Flucht mit Des Grieux entgeht. Am Ende der Oper öffnen sich alle Wände (die WERTHER-Inszenierung von 2017 lässt grüssen) und die sterbende Manon erblickt in einer Vision wiederum das kleine Mädchen mit dem Spiegel. Aus dem Hintergrund nähern sich Menschen, alle tragen sie Splitter des zerbrochenen Spiegels in der Hand. Der Traum von Manon Lescaut ist geplatzt. Floris Visser inszeniert an vielen Stellen sehr behutsam, poetisch, dann aber auch wieder richtiggehend derb mit mehr als nur angedeuteten sexuellen Handlungen, so zum Beispiel im vierten Akt, der im verruchten Hôtel de Transylvanie spielt. Da tummeln sich die Menschen der demi-monde, Prostituierte beiderlei Geschlechts, Transgenders, Lustknaben, Alkoholiker und Spielsüchtige. Von beeindruckender Intensität auch die Szene in Saint-Sulpice, wo sich die Statue der Madonna flugs in die lüsterne Manon verwandelt und den Geist des Priesters Des Grieux heimsucht. Ein Priester allerdings, bei dessen Predigt sich die braven, biederen Kirchgängerinnen plötzlich wie Groupies eines Rock- oder Opernstars aufführen. Und dieser Opernstar ist hier kein geringerer als Piotr Beczala, der den Des Grieux mit unvergleichlichem Schmelz und tenoralem Glanz singt. Mögen sich im ersten Akt wenige nicht ganz gelungene Töne eingeschlichen haben, so überzeugt er mit seiner festen Strahlkraft, seiner Ausgeglichenheit und Ebenmässigkeit und dem gekonnten Einsatz der voix mixte in den darauffolgenden vier Akten umso mehr. Auch im Spiel ist er ganz der jungenhafte Romantiker, sanft und draufgängerisch zugleich. Elsa Dreisig und Piotr Beczala verzücken und begeistern mit ihren Leistungen als darstellerisch und stimmlich perfekt aufeinander abgestimmtes Liebespaar und bringen so Massenets unglaublich schöne und einfallsreiche Melodien direkt in unsere Herzen. Yuriy Yurchuk gibt Manons Cousin Lescaut als zwiespältigen Luftibus, einerseits genauso vergnügungssüchtig wie seine Cousine (muss wohl in der Familie liegen), andererseit spielt er sich als Verteidiger der Familienehre auf. Sein charaktervoller Bariton strömt wunderbar, und dadurch, dass bis auf einen Strich die geamte Partitur gepielt wurde, erhält Lescaut hier auch das notwendige Gewicht. Gewichtig auch die Besetzung von Des Grieux' Papa mit dem grossen Alastair Miles (Hausdebüt - besser spät als nie!). Seine Auftritte im Cours de la Reine, im Kloster Saint-Sulpice und im Hôtel de Transylvanie zeugen von der grandiosen Gestaltungskraft des Bassisten, da kann man getrost auch darüber hinwegsehen, dass einzelne Passagen für ihn unterdessen etwas zu tief liegen. Éric Huchet ist umwerfend gut als Lebemann Guillot de Morfontaine: Ein pralles Porträt dieses Adligen, der sein letztes Geld dafür hergibt, Manon den Wunsch nach dem Ballett im Cours de la Reine zu ermöglichen, was sie dann am Ende mit dem schnöde dahingeworfenen Satz "Je n'ai rien vu" abschmettert und zu Des Grieux ins Kloster davonstürmt. Dieses Einlageballett wurde von Pim Veulings stimmig choreografiert, vermeint Manon in der Handlung des Balletts doch ihre eigene Geschichte zu entdecken, es öffnet ihr quasi den Blick in ihr Herz. Von den vielen Rollen der Oper darf man die drei leichten Damen Pussette (Yulia Zasimova), Javotte (Natalia Tanasii) und Rosette (Deniz Uzun) auf keinen Fall unerwähnt lassen. Exquisite Stimmen haben sie alle drei, sie bereichern die ohnenhin schon farbenreiche Partitur Massenets aufs Zauberhafteste. Dieser Farbpalette bleibt auch die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Marco Armiliato nichts an Vielschichtigkeit schuldig - spannend, atmosphärsich und sensibel führt Marco Armiliato durch den langen (einige Zuschauer sagten mir auch zu langen) Abend. Dem kann ich nicht zustimmen - ich kann von Massenet nicht genug kriegen. Schön wäre es, wenn man nicht nur WERTHER und MANON zu hören bekäme, sondern sich auch den anderen der rund 30 Opern des Komponisten annehmen würde. Mal eine ESCLARMONDE, THAÏS, LA NAVARRAISE, den JONGLEUR DE NOTRE DAME ... .

Treffend besetzt waren der De Brétigny mit Marc Scoffoni und der Hôtelier mit Cheyne Davidson, sowie die beiden (Sauf-)Kumpane des Lescaut mit Jamez McCorkle und Omer Kobiljak. Ganz grosses Lob verdient der Chor der Oper Zürich (Einstudierung: Ernst Raffelsberger), nicht nur für die gesanglichen Leistungen, sondern diesmal auch explizit für das vielschichtige Agieren. Das gilt auch für die Statisten des Statistenvereins am Opernhaus Zürich. Hervorragend!

Fazit: Traumhafte Besetzung, die Charktere und die Gesellschaft der Belle Époque feinsinnig analysierende Regie und ein fantastisch aufspielendes Orchester! Hingehen!!!

Inhalt:

Der junge Soldat Lescaut soll seine Cousine Manon ins Kloster bringen, da ihr leichtsinniger Lebenswandel der Familie nicht zusagt. Doch ist Lescaut mehr am Kartenspiel als am Beaufsichtigen seiner Cousine interessiert. So schliesst Manon Bekanntschaft mit dem jungen Chevalier Des Grieux, welcher seinerseits auf dem Weg vom Priesterseminar zu seiner Familie ist. Die jungen Leute entflammen füreinander und fliehen gemeinsam nach Paris. Das wenige Geld der beiden ist jedoch schnell aufgebraucht. Lescaut und der reiche de Brétigny berichten Manon, dass Des Grieux' Vater seinen Sohn gewaltsam entführen lassen will, um die mésaillence zu verhindern. Doch Manon warnt ihren Geliebten nicht,  nimmt wehmütig Abschied von der kleinen Wohnung und zieht mit de Brétigny davon. Manon erlangt Berühmtheit in der Pariser Schickeria. Selbst der Vater von Des Grieux, welcher aus der Provinz angereist ist, muss gestehen, dass er ihren Reizen erliegen könnte. Von ihm erfährt Manon auch, dass Des Grieux bald die Priesterweihe empfangen wird. Sie befürchtet, Des Grieux, den sie immer noch liebt, könnte sie vergessen haben. Im Priesterseminar wird Des Grieux als begabter Prediger verehrt. Sein Glaube soll ihm helfen, die femme fatale Manon zu vergessen. Manon taucht auf. Des Grieux kann ihren Zärtlichkeiten nicht widerstehen und zieht erneut mit ihr zusammen. Doch das Luxusbedürfnis von Manon kennt keine Grenzen. Um an Geld zu gelangen, zwingt Manon Des Grieux zum Kartenspiel. Er gewinnt grosse Summen, wird aber des Falschspiels beschuldigt. Sein einflussreicher Vater lässt ihn zum Schein in Arrest nehmen; Manon als Komplizin wird tatsächlich verhaftet. Auf einer Landstrasse warten Lescaut und Des Grieux auf die zur Deportation verurteilten Frauen, unter denen sich auch Manon befindet. Die gewaltsame Befreiung der todkranken Manon scheitert. Dank der Bestechung eines Sergeanten können sich die beiden Liebenden noch einmal kurz sehen. Manon stirbt in Des Grieux' Armen.

Werk:

Jules Massenet war nicht der einzige Komponist, der sich des MANON-Stoffes angenommen hatte, welcher auf der Erzählung von Abbé Prévost aus dem Jahre 1728 beruht. Vor Massenet hatten bereits Halévy ein Ballett und Auber (1856) eine erfolgreiche Oper komponiert, welche leider kaum mehr gespielt wird. Nach Massenet folgten noch Puccini (1893) mit seiner MANON LESCAUT und Hans Werner Henze mit BOULEVARD SOLITUDE (1952). Puccinis Werk hatte zwar Massenets lyrische Oper kurzzeitig an Popularität übertroffen; doch heutzutage sind beide Werke beliebte Pfeiler des Repertoires. Ein Fall der bei Opern, welche auf der selben Vorlage fussen, eher selten anzutreffen ist. Mit der Kreation dieser femme fatale gelang es Massenet, sowohl den Zeitgeist zu treffen (wie auch Bizet mit Carmen, Saint-Saëns mit Dalila, Massenet mit Thaïs), als auch die Zeit der Belle-Époque auf wunderbare Weise heraufzubeschwören. Die Musik ist von vielschichtiger melodischer Einfallskraft geprägt, der gesprochene Dialog der opéra-comique ist zugunsten von melodram-artigen Passagen fast vollständig verschwunden. Motive treten als personenbezogene Erinnerungsmotive auf und nicht als Leitmotive im Sinne Wagners, obwohl Massenet dieser Vorwurf oft gemacht wurde. Einen Höhepunkt (und einen Tabubruch) stellt sicher die Verführungsszene im Priesterseminar Saint-Sulpice dar: Die jungen Leute auf dem Weg zur sexuellen Selbstbestimmung, das Überbordwerfen von gesellschaftlichen Zwängen und Gepflogenheiten. Darin wagen die Schöpfer dieser wunderbaren Oper einen gewagten Schritt ins 20. Jahrhundert.

Musikalische Höhepunkte:

Je suis encore tout étourdie, Manon Akt I

Regardez-moi biens dans les yeux, Lescaut, Akt I

Voyons, Manon! Manon, Akt I

Nous vivrons à Paris, Des Grieux-Manon, Akt I

Adieu, notre petite table, Manon, Akt II

Je marche sur tous les chemins, Manon, Akt III

Je suis seul!Seul enfin, Des Grieux, Akt III

Toi!Vous! Manon-Des Grieux, Akt III

Manon!Sphinx étonnante, Des Grieux, Akt IV

Ah, je sens une pure flamme, Manon, Akt V

N'est-ce plus ma main, Des Grieux, Akt V

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