Frankfurt, Oper: MAZEPPA; 01.10.2026
Die Oper Frankfurt bringt Tschaikowskis blutig-monumentales und selten aufgeführtes Drama MAZEPPA auf die Bühne (Übernahme der Produktion der Tiroler Festspiele Erl)
Lyrisch-dramatische Oper in drei Akten und sechs Bildern | Musik: Pjotr I. Tschaikowski | Libretto: Victor P. Burenin und Peter I. Tschaikowski nach Alexander S. Puschkins historischem Poem POLTAWA | Uraufführung: 15. Februar 1884 in Moskau | Aufführungen in Frankfurt: 13.9. | 18.9. | 20.9. | 26.9. | 1.10. | 4.10. | 10.10. | 15.10. 2026
Kritik:
„Oh, WOW“, hörte ich einen Zuschauer nach dem aufwühlenden Finale des zweiten Teils ausrufen. Trefflicher lässt sich der Abend wohl nicht zusammenfassen als mit diesen zwei Silben des Erstaunens und der Bewunderung. Erstaunen über die Qualitäten des hier in westlichen Gefilden eher unbekannten und wenn, dann mit herablassender Hochnäsigkeit beurteilten Musikdramas Tschaikowskis und Bewunderung für die packende Intensität der szenischen Umsetzung und der musikalisch überwältigenden Interpretationskunst auf der Bühne und im Orchestergraben.
Auch in seinem 24. Jahr als Intendant der Oper Frankfurt bleibt Bernd Loebe seiner Linie treu und stellt auch in der eben erst angelaufenen Saison ein eher selten auf den westlichen Bühnen anzutreffendes Werk zur Diskussion, nämlich Tschaikowskis grosse Oper MAZEPPA. Tschaikowskis nur stellenweise monumentale Oper ist ein düsteres, manchmal gar intimes Werk, mit sozialpolitisch pessimistischen Zügen. Doch stellt sich diese Oper - in den Händen eines klugen Regieteams und mit einer dermassen exzellenten Besetzung wie hier in Frankfurt - als überaus sehens- und hörenswertes, ja restlos ergreifendes Opernerlebnis dar.
Regisseur Matthew Wild braucht natürlich etwas Zeit, um das Setting, das er sich für seine Parabel überlegt hat, zu konkretisieren. Dazu nutzt er das orchestrale Vorspiel. In einem konzisen Zusammenschnitt sehen wir die Vorgeschichte: Der Bandenchef Mazeppa ist in einer Auseinandersetzung mit der Polizei verletzt worden und flüchtet in das Haus seines Geschäftspartners Kotschubej. Dort wird er versorgt und trifft auch erstmals auf Kotschubejs Tochter Maria, welche in ihrem Zimmer voller Stofftiere bereits jetzt von dem mächtigen Bandenführer, den sie im Fernsehen sieht, schwärmt. Um mit Wagners Telramund zu sprechen: „So zieht denn das Unheil in dies Haus.“ In der Folge nehmen wir Teil am Aufstieg und dem Fall des Hauses Kotschubej. In seinem genialen Bühnenbild nutzt Herbert Murauer (er entwarf auch die Kostüme) gekonnt die Einmaligkeit der Frankfurter Bühnentechnik. Wir sehen eine Sichtbetonwand, mit waagrechten Linien strukturiert und durch flexibel verschiebbare Öffnungen Einblick in die Wohnräume gewährend. Wohn-/Esszimmer, zentrales Bad, Kinderzimmer Marias. Davor und darunter ist der Platz für das Volk. Alles Wesentliche geschieht jedoch in den Wohnräumen. Zeitlich ist das Ganze nicht genau oder konkret verordnet, Matthew Wild spricht von der Zeit nach dem Ende der Sowjetunion oder der Wende in Südafrika. Beides Situationen in der Geschichte, die ein gewisses politisches Vakuum beförderten, welches Kriminelle und Korrupte zu füllen suchten. So ist Mazeppa hier einer, der ruchlose Schergen um sich schart, brutale Mitläufer, die vor nichts zurückschrecken. Denken wir an Populisten wie einen amerikanischen Präsidenten, der mit den Proud Boys sympathisiert, ein Kabinett von willfährigen Idioten um sich schart und seine ICE-Jäger losschickt. Oder jüngst an die Entourage des Spitzenkandidaten einer Partei in Sachsen-Anhalt, deren nun gewählte Parlamentskandidaten ein Sammelsurium von mehr als dubiosen Typen darstellt. Doch Matthew Wild ist viel zu klug, um Mazeppa mit einer lebenden oder historischen Person zu verschmelzen; er lässt ihn als fiktiven Charakter parabelhaft agieren. Der Regisseur thematisiert auch nicht den Ukraine-Konflikt, was ja naheliegend gewesen wäre, wird doch der historische Mazeppa von den beiden Kriegsgegnern aktuell ganz unterschiedlich gesehen: Als Märtyrer und Held für die Ukrainer, als Vaterlandsverräter für die Russen. Doch in diese Falle tappt Wild nicht – und das ist gut so, denn wir können unsere eigenen Folgerungen und Assoziationen ziehen. Wild lässt das Geschehen mit der Atemlosigkeit eines packenden Politthrillers ablaufen, inklusive grausamer, nichts beschönigender oder verharmlosender Folterszenen im Badezimmer. Das ist manchmal kaum auszuhalten – und doch starrt man gebannt auf die Bühne, denn alles läuft überaus kongruent mit dem Libretto ab und vor allem auch mit der mal schneidend grell auffahrenden Musik Tschaikowskis, welche sich in wenigen Momenten aber auch ganz lyrisch und hochemotional ausweitet und uns ergreift.
Die zentrale Figur ist natürlich Maria: Das Mädchen, das bereits im Kindesalter für ihren „Held“ schwärmt, Poster mit seinem Konterfei an die Wand heftet und sich zehn Jahre später tatsächlich in ihn verliebt und ihn gegen den Willen ihrer Eltern (Mazeppa droht ihnen mit Enteignung und Auslöschung der Sippe) heiratet. Diese Schwärmerei für Tyrannen und Populisten können wir praktisch überall erleben, von Eva Braun bis Natalie Harp (die Trump Liebesbriefe schreibt und ihm als „Beraterin“ quasi hörig ist). Nach und nach werden Maria jedoch die Augen geöffnet, sie muss die Hinrichtung ihres Vaters mitansehen und verfällt durch dieses traumatische Erlebnis in einen Zustand der Regression – eine Flucht zurück in die Kindheit, zu den Stofftieren und Puppen. Und da ist auch wieder ihr Spielkamerad Andrej, der zwar erstochen im Wohnzimmer liegt, den sie sich aber als lebend imaginiert und dem sie das Wiegenlied am Ende singt. Wie Nombulelo Yende diese Figur darstellerisch und vokal zu gestalten vermag, ist mehr als ergreifend. Ihren herrlich satten Sopran kann sie wunderschön leuchten und blühen, in anderen Momenten dann wieder dramatisch aufbäumen lassen. Das Verglühen dieser jungen Frau im Wahnsinn am Ende gehört zu den vielen musikalischen Highlights des Abends. Die Titelfigur, den vom Bandenchef zum Usurpator aufsteigenden Mazeppa, gibt Peter Sokolov mit herbem, aber erstaunlich weichem Bariton. Das Böse verbirgt sich hinter der Maske des Biedermeiers, beiger Anzug, Schmachtlocke, Hornbrille. In seinem grossen Monolog zeigt sich, dass er doch noch nicht jeglichen moralischen Kompass verloren hat (mit wunderschön herausgearbeiteter Elegie in den herrlichen Kantilenen), doch die Umstände zwingen ihn zu weiterer Brutalität – einen anderen Ausweg sieht er nicht. Damit ist er Shakespeares Macbeth oder Richard III. nicht unähnlich. Marias Eltern, der Kotschubej und die Ljubow, merken viel zu spät, was für einem Ungeheuer sie die Türen ihres Hauses geöffnet haben. Alexander Roslavets singt den Kotschubej mit bassgewaltiger und souverän geführter Stimme. Herausragend! Karolina Makuła vermag als besorgte (hier sehr jugendliche) Mutter restlos zu begeistern. Vielleicht hatte diese Ljubow einst einen ähnlichen Fehler begangen, wie ihre Tochter, indem sie als viel zu junge Frau den Kotschubej geheiratet hatte, der ja beileibe kein Unschuldsengel ist und gewaltig durch Korruption und andere Machenschaften zu profitieren wusste. Jedenfalls gerät die Szene Maria – Ljubow zu einem stimmlichen Höhepunkt des Abends. Wie sich da der lichte, herrlich strömende Mezzosopran der Mutter und der klangstarke Sopran der Tochter hochschrauben, ist wahrlich Gänsehaut erregend. Die fünfte Hauptpartie stellt der Jugendfreund Marias, Andrej, dar. Ihm hat Tschaikowski sehr dankbare Arien geschrieben und Kudaibergen Abildin bleibt den Szenen nichts an tenoralem Wohlklang schuldig. Das klingt alles so herrlich „russisch“ und oft denkt man beim Anhören an den Lenski aus EUGEN ONEGIN. Nur dass die Partie des Andrej meines Erachtens noch prominenter und ausfüllender gehalten ist – ein Grund mehr, dass MAZEPPA endlich wieder öfter auf den Spielplan gesetzt werden müsste. Allerdings wird man wohl diese Frankfurter Produktion (in Zusammenarbeit mit den Tiroler Festspielen Erl entstanden) immer als Referenzinszenierung in Erinnerung behalten.
Matthew Wild gelingt es auch, den Nebenfiguren klare Konturen zu geben: Da ist der Mann fürs Grobe von Mazeppa, sein Scherge Orlik, dem Jarrett Porter enorme (fiese) Bühnenpräsenz verleiht und stimmlich mit einer gewissen Nonchalance das Brutalo-Image verbirgt. Der Man fürs Nochgröbere (Torpedo) ist ein stumme Rolle, welche vom Kampfchoreografen Stephen Louis mit erschreckend grosser Lust am Töten dargestellt wird. Seine Kampfchoreografien sind auch Teil der Inszenierung. Auch Kotschubej hat einen Vertrauten, nämlich den jungen Iskra, der ihm bis in den Tod treu ergeben ist. Jihun Hong gestaltet ihn mit jugendlich-schön timbriertem Tenor. Sven Hjörleifsson als betrunkener Kosak (ebenfalls zur schurkenhaften Entourage Mazeppas gehörend) plaudert in seinem toll gestalteten Lied wohl zu viel aus, jedenfalls wird er von Orlik und den anderen Schergen betäubt und weggeschleppt. Auch mit dem Ballerino (Gabriel Capizzi)und der Ballerina (Eleonora Ricci), die einen klassisch schönen Pas de deux (Choreografie: Christiana Stefanou) zur Unterhaltung des Volks aufführen, verfahren Orlik und seine Kumpels mit grausamer Brutalität.
Der Chor, das betende, fliehende oder begeisterte Volk wird vom Lichdesigner Jan Hartmann in unheimliches Licht getaucht. Überhaupt ist die Lichtdramaturgie ganz fantastisch ausgestaltet, manchmal sehr gleissend, dann wieder geheimnisvolle Schatten werfend. Manuel Pujol hat den Chor der Oper Frankfurt einstudiert, der mit aufwühlender stimmlicher Wucht und Inbrunst differenziert die Gefühle der Angst, des Spotts (über das Schafott), des Gebets und des Wahns artikuliert. An einigen Stellen werden Videoschnipsel (Bibi Abel) an die strukturierte Sichtbetonwand projiziert. Dabei ist u.a. das sagenumwobene Pferd zu sehen, auf dessen Rücken Mazeppa einst nackt festgebunden wurde, als man ihn vom polnischen Hof verbannt hatte und das ihn unversehrt in die Ukraine brachte. Die Schlacht von Poltawa wird mit einem beklemmenden Video-Ballett von Panzern, Drohnen, zerstörten Städten usw. zu Tschaikowskis überwältigender Schlachtmusik illustriert – ähnlich wie das Helikopter-Ballett zum Walkürenritt in Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm APOCALYPSE NOW. Hier kann das Frankfurter Opern-und Museumsorchester klanglich aus dem Vollen schöpfen und uns alle mitreissen mit knallhartem, martialischem Blech und schillerndem Orchesterklang. Aber auch die bei Tschaikowski so oft wunderbar differenziert und melancholisch ausgestalteten Holzbläserpassagen erklingen makellos. Karsten Januschke leitet die Aufführung mit packendem Drive!
Jedes der Bilder bekam ein perfekt passendes Zitat eines Dichters, einer Weisheit oder eines Politikers zugeordnet (Shakespeare: Wer mit dem Teufel isst, braucht einen langen Löffel / Chinesisches Sprichwort: Wer auf Rache aus ist, der grabe zwei Gräber / Lenin: Schlimmer als blind zu sein, ist nicht sehen zu wollen / Machiavelli: Man muss seine Feinde entweder verwöhnen oder vernichten / David Miller: Nach einem harten Winter frisst ein Wolf auch andere Wölfe).
„Oh WOW“ sagt am Ende auch der Rezensent: Nach dem ersten Teil ist man begeistert, nach dem zweiten beinahe erschlagen und nach dem dritten zutiefst berührt. Emotion und Relevanz – dafür lieben wir die Oper!
Inhalt:
Mazeppa ist der Anführer der ukrainischen Kosaken (Hetman). Er ist der Patenonkel von Maria, der Tochter seines reichen Freundes Kotschubej und dessen Frau Ljubow. Maria verliebt sich in den wesentlich älteren Mazeppa. Deshalb lehnt sie die Avancen des jungen Andrej ab. Mazeppa bittet Kotschubej um die Hand seiner Tochter. Der glaubt zuerst an einen Scherz und lehnt entrüstet ab. Doch da Maria ihre Eltern selbst um die Einwilligung zur Heirat mit Mazeppa bittet, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als - widerstrebend und zornig - einzuwilligen. Kotschubej will sich jedoch an Mazeppa rächen und schwärzt Mazeppa wegen Aufwiegelei beim Zaren an.
Der Zar glaubt die Verschörungstheorien Kotschubejs, Iskras (Anhänger Kotschubejs) und Andrejs jedoch nicht. Mazeppa versteht es, die Anschuldigungen auf die Urheber zurückfallen zu lassen. Er verhaftet Kotschubej und Iskra, welche unter Folter ihre falschen Behauptungen gestehen und sich selbst der Aufrührerei schuldig bekennen. Sie werden zum Tode verurteilt und ihre Vermögenswerte werden konfisziert. Mazeppa versucht, seiner Frau Maria alles zu verheimlichen. Doch Maria spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ljubow klärt ihre Tochter Maria über die Vorgänge auf. Beide eilen zum Hinrichtungsplatz, kommen jedoch zu spät.
Mazeppa hat sich nun mit dem schwedischen König Karl XII. verbündet und kämpft gegen den Zaren. In der Schlacht bei Poltawa wird er vernichtend geschlagen. Auf seiner Flucht durch die Ukraine wird er von Andrej aufgespürt. Vor Marias Elternhaus kommt es zum Showdown zwischen den beiden: Andrej wird von einem Schuss aus Mazeppas Waffe getroffen. Maria, die seit der Hinrichtung ihres Vaters den Verstand verloren hat, tritt aus dem Haus. Sie erkennt Mazeppa nicht, doch wiegt sie den sterbenden Andrej in ihren Armen. Mazeppa flieht.
Werk:
Wie auch seine beiden bis heute erfolgreichsten Opern EUGEN ONEGIN und PIQUE DAME fusst Pjotr Iljitsch Tschaikowskis MAZEPPA auf einem Poem des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin. Mazeppa (oder Masepa) war eine historische Figur, geboren in der Oblast Kiew, dann Page am polnischen Königshof. Wegen einer Liebesaffäre musste er fliehen, kam in die Ukraine und zu den dort regierenden Kosaken, stieg zum vom Volk gewählten Anführer (Hetman) auf. Er wurde zu einem der reichsten Männer Osteuropas, kämpfte an der Seite des russischen Zaren Peter I. gegen die Osmanen. Im Nordischen Krieg kämpften Mazeppas Kosaken zuerst an der Seite Russlands. doch die Verachtung der russischen Führung für die Kosaken wuchs, so dass Mazeppa die Seiten wechselte und von da an den schwedischen König Karl XII. mit seiner unterdessen dezimierten Kosakenarmee (sie wurde von den Russen als Kanonenfutter verwendet) unterstützte und sich so eine Lösung aus der russischen Umklammerung der Ukraine erhoffte (kommt uns heute bekannt vor, wie sich Geschichte doch wiederholt; Mazeppa schrieb: “Moskau, das heißt die großrussische Nation, hat unsere kleinrussische Nation von jeher gehasst; in Böswilligkeit ist Moskau seit langem entschlossen, unsere Nation ins Verderben zu stürzen.”). Nach der verlorenen Schlacht von Poltawa flüchteten der schwedische König und Mazeppa in osmanisches Territorium (heute Transnistrien), wo Mazeppa starb.
In die Bereiche der Literatur und der Musik hielt Mazeppa zuerst als Volksheld Einzug (Gedichte von Voltaire und Lord Byron, von Daniel Defoe und Victor Hugo). In der Sowjetzeit galt Mazeppa als negative Figur und Verräter, in der seit 1991 unabhängigen Ukraine dagegen wieder als Nationalheld. Tschaikowski zeigt ihn in seiner Oper als menschlich ziemlich zwiespältige, aber sehr ambitiöse Figur. Franz Liszt schilderte Mazeppas ereignisreiches Leben in der berühmten sinfonischen Dichtung MAZEPPA, welche auf das eher glorifizierende Gedicht Victor Hugos Bezug nimmt. Kürzlich wurde auch eine vergessene Grand Opéra der Komponistin Clémence de Grandval wieder entdeckt, die ebefalls lose auf Puschkins Historienpoem beruht.
Von einigen Kritikern wird Tschaikowskis MAZEPPA eher abfällig als “Schinken” bezeichnet, andere loben den muikalischen Einfallsreichtum und die mitreissende Melodik (z.B. die sinfonische Schlachtenschilderung von Poltawa).