Zürich, Tonhalle: WAYNE MARSHALL & PAAVO JÄRVI; 23.09.2026
Focus-Künstler Wayne Marshall spielt Gershwin
Gabriel Fauré: «Pelléas et Mélisande», Suite für Orchester op. 80 | Uraufführung: 21. Juni 1898 in London (Schauspiel), Suite, 1. Fassung: 1900 / Suite, 2. Fassung: 1909 |
George Gershwin: RHAPSODY IN BLUE | Uraufführung: 12. Februar 1924 in New York mit Gershwin am Klavier |
George Gershwin: SECOND RHAPSODY | Uraufführung: 29. Januar 1932 in Boston unter der Leitung von Serge Koussevitzky, erneut mit Gershwin am Klavier |
Georges Bizet: ROMA (Fantaisie symphonique Souvenirs de Rome, 2. Sinfonie Bizets) | Uraufführung: 28. Februar 1869 in Paris, ohne das Scherzo), die Uraufführung des kompletten Werks erfolgte postum am 29. Oktober 1880 in Paris |
Dieses Konzert in Zürich: 23.9. das ganze Programm am Abend | 24.9. am Mittag nur Fauré und Bizet | 24.9. um 18.30 nur Fauré und Rhasody in Blue und 25.9.2026 das ganze Programm am Abend
Kritik:
KONTRASTE
Obwohl die beiden im ersten Teil aufgeführten Werke von Gabriel Fauré und George Gershwin nur im Abstand von 26 Jahren entstanden waren, hätte der Kontrast kaum grösser sein können. Auf der einen Seite Gabriel Faurés ganz intime, nach innen gewandte und mit berührender Sensitivität die tragische Dreiecksgeschichte um PELLÉAS ET MÉLISANDE einfangende Schauspielmusik, auf der anderen Seite die faszinierende, umtriebig und durchaus beschwingt und schmissig das Lebensgefühl der 1920er Jahre in den Vereinigten Staaten schildernde RHAPSODY IN BLUE von George Gershwin. Wobei auch dieser Musik durchaus introspektive, nachdenkliche Momente innewohnen, welche das Blues-Gefühl evozieren, d.h. schmerzerfüllte Melancholie in Kraft und Trost sublimieren. Wayne Marshall am Steinway-Flügel ist schlicht eine Wucht. Wie er da die bekannte Kantilene der Klarinette (grandios swingend gespielt von Calogero Palermo) aufgreift, sie immer wieder variiert, erweitert, die Finger über die Tasten fliegen lässt, mit dem Orchester mit überwältigender Spielfreude interagiert, mit seinen langen, rein solistischen Passagen die grossen Landschaften und Aktivitäten der Menschen des weiten Landes evoziert, ist pure Freude und Lust. Das Tonhalle-Orchester Zürich trifft den jazzigen Ton ganz herrlich, Paavo Järvi nimmt die Agogik von Wayne Marshall auf, ja treibt das Tonhalle-Orchester manchmal geradezu fordernd voran. Am Ende fast ein Jubelschrei der Begeisterung des Publikums. Das war mitreissend interpretiert, von grossartiger Expressivität und regelrecht auf- und erregend. Jazzige Brillanz gepaart mit Blues. Was für ein Werk! Wayne Marshall spielte dann vor der Pause noch eine variationsreiche Zugabe von Gershwin (vermutlich Lady be good).
Dagegen hatte Gabriel Fauré einen schwereren Stand, der Applaus nach PELLÉAS ET MÉLISANDE freundlich, aber doch im Vergleich matt. Dabei ist diese vierteilige Suite aus der Schauspielmusik Faurés ein ganz wunderbar elegisches, tiefgründiges, den Impressionismus vorausahnendes Werk in wunderbar zarten, spätromantischen Klangfarben. Nur schon die Einleitung mit ihrer langen Generalpause und der zarten Wiederholung stimmt ein auf die Tragik und berührt ungemein. Von zarter Empfindsamkeit und verschatteter Verhaltenheit geprägt ist der zweite Satz, Fileuse, ein herrliches Andantino. Am bekanntesten ist die Sicilienne, das Stück mit dem berühmten Flötensolo (mit zarter Leichtigkeit gespielt von Sabine Poyé Morel) und der Harfenbegleitung. Das Dialogisieren der Instrumente in diesem Satz ist von beredter Schönheit und zeigt eine kleine Utopie des glücklichen Zusammenseins des Liebespaares. Der Finalsatz, der den Tod Mélisandes schildert, ist trotz der inhärenten Tragik sehr licht und transparent gehalten. Ein stilles Verglühen einer gequälten Seele. Danach schafft es Järvi, dass das Publikum wenigstens eine Minute innehält und die Musik nachklingen lassen kann – aber eben, der Applaus danach hätte durchaus etwas enthusiastischer sein können.
Im zweiten Teil aber war der Enthusiasmus bei beiden aufgeführten Werken enorm. Gershwins leider weniger bekannte SECOND RHAPSODY ist weitaus kompakter und weniger aufgefächert als die RHAPSODY IN BLUE. Die aus einem Score zum Film DELICIOUS hervorgegangene RHAPSODY OF RIVETS hat mehr Zug als das bekanntere erste Werk und Wayne Marshall bleibt dem vorwärtsdrängenden Drive nichts an Schmiss und Virtuosität schuldig und das Tonhalle-Orchester Zürich spielt begeisternd swingend mit. Die raumgreifende Emphase dieses Stück ist schlicht und einfach geil. Der Jubel für die Ausführenden verdientermassen entsprechend gross.
Selten zu hören ist auch Bizets sinfonisches Werk ROMA (auch seine zweite Sinfonie genannt). Auch hier fragt man sich: Warum so selten? Die vier Sätze reiften über eine längere Zeit in Bizets Kopf – das Ergebnis ist eine faszinierende, wunderbar orchestrierte und mit reichhaltigem thematischen Material ausgestattete, viersätzige Fantasie. Bereits die vom Hornquartett blitzsauber vorgetragene Choral-Einleitung schlägt einen in Bann. Danach folgt ein schlicht ergreifendes Hauptthema, ein bezwingender musikalischer Gedanke. Dieser führt im Verlauf zu flirrender, rasanter Fahrt. Das fugierte Scherzo zu beginn des zweiten Satzes ist von rhythmischer Prägnanz; lustig und leichtfüssig vorgetragen vom Tonhalle-Orchester Zürich unter der federnden Leitung von Paavo Järvi. Ein Satz mit feinem Witz und wie aus einem Guss. Kontemplativer geht es im dritten Satz zu, einem Andante, in welchem Bizet wohl Bezug nahm auf seine Eindrücke der verborgenen Kanäle Venedigs. Wunderbare Passagen der Solovioline (meisterhaft intoniert von Julia Becker) im Wechsel mit Klarinette, Fagott und Horn, verleihen dem Satz eine fantastische Farbigkeit. Der Finalsatz ist der einzige, dem Bizet selbst einen Titel verliehen hatte, nämlich Carnaval. Ja, es geht beschwingt und leicht aufmüpfig zu in diesem Satz, der allerdings oft von beinahe hymnischen Passagen unterbrochen und kontrastiert wird. Doch zum Finale des Satzes hin setzt sich der Karnevalszug mit erfrischender Verve fast schwindelerregend durch. Was für ein herrliches, lebensbejahendes Werk – und erst die zweite dokumentierte Aufführung des Tonhalle-Orchesters Zürich; die erste war laut Programmheft im Juni 1998 unter Gennady Rozhdestvensky.
Der Besuch dieses kontrastreichen Konzerts lohnt sich auf jeden Fall!
Werke:
Gabriel Fauré (1845-1924) hat der Nachwelt nicht allzu viele Werke hinterlassen, obwohl er einer der angesehensten Musiker im Frankreich des fin de siècle war. Aber die wenigen Werke sind von herausragender Qualität. Auch ausserhalb Frankreichs wurden sein REQUIEM (mit dem beglückenden Sopransolo), die Sicilienne (die er auch in die Orchestersuite PELLÉAS ET MÉLISANDE eingefügt hatte) die Pavane op.60 und das Lied Après un rêve (auch in diversen Instrumentalbearbeitungen) bekannt. Seine Oper PÉNELOPE war erst äusserst erfolgreich, geriet jedoch nach seinem Tod etwas in Vergessenheit. Die Oper Frankfurt grub das Werk vor wenigen Jahren wieder aus und präsentierte es dem Publikum (Leitung: Joana Mallwitz). Maeterlincks symbolistisches Drama PELLAS ET MÉLISANDE hatte zur Jahrhundertwende diverse Komponisten zur musikalischen Umsetzung zu inspirieren vermocht; am bekanntesten wurde die gleichnamige Oper von Claude Debussy. Aber auch Schönberg begeisterte das Publikum mit seiner symphonischen Dichtung, welche noch in der spätromantischen Phase des späteren Zwölftöners entstanden war. Sibelius schrieb ebenfalls eine Schauspielmusik dazu und Gabriel Fauré erhielt in England den Auftrag zu einer Bühnenmusik zum Drama Maeterlincks. Drei Stücke daraus arbeitete er später zu einer Suite um, dann fügte er noch als dritten Satz wie erwähnt die Sicilienne ein. Die Suite spiegelt nicht 1:1 den Handlungsverlauf, gibt aber die Stimmungen einzelner Szenen sehr atmosphärisch dicht wieder. Kurz die Handlung: Maeterlincks Drama erzählt eine tragische Dreiecksgeschichte. Golaud findet die geheimnisvolle, trauernde Mélisande im Wald. Er nimmt sie mit auf seine Burg und heiratet sie. Doch Golauds jüngerer Halbbruder Pelléas und Mélisande verlieben sich ineinander, da Pelléas sensibler ist und mehr Verständnis für die Melancholie der Mélisande aufbringt. Golaud tötet Pelléas. Auf ihrem Sterbebett, nach der Entbindung einer Tochter gesteht, Mélisande gegenüber Golaud, dass sie Pelléas zwar geliebt, jedoch nie eine sexuelle Beziehung zu ihm gehabt habe.
George Gershwin (1898-1937) begann seine musikalische Karriere als Sechzehnjähriger in der tin pan alley (der Lärm der vielen Klaviere, die hier spielten, klang wie das Schlagen auf Blechpfannen), dem Zentrum der New Yorker Unterhaltungsindustrie mit der Komposition eigener, erfolgreicher Lieder. Selbst schrieb er keine Jazz Musik, entlehnte dieser aber Rhythmen und Weisen für seine Kompositionen. Zudem war er ein glänzender Pianist, der oftmals seine Werke auch selbst uraufführte. Wichtige Inspirationen erhielt er durch Begegnungen mit Zeitgenossen wie Milhaud, Ravel, Strawinsky oder Poulenc. Auf Anregung durch den Dirigenten Paul Whiteman begann er mit der Komposition eines grossangelegten, sinfonischen Werks. Er wollte dieses zuerst AMERICAN RHAPSODY nennen. Sein Bruder Ira, mit dem Pulitzer - Preis ausgezeichneter Texter und Librettist, schlug für die Komposition den Titel RHAPSODY IN BLUE vor. Der Titel bezieht sich auf die „Blue Notes“ der Komposition, d.h. die aus der musikalischen Welt des Blues übernommenen, melancholischen Töne. Doch die Rhapsody ist mehr als nur Blues; sie bildet ein musikalisches Kaleidoskop Amerikas in den 1920er Jahren ab, eine Synthese aus verschiedenen aktuellen Stilrichtungen, Stimmungen und Klassik. Die sinfonische Fassung für grosses Orchester wurde erst nach Gershwins Tod 1942 von Fred Gofré fertiggestellt. Diese Fassung ist nicht mehr aus den Konzertsälen dieser Welt wegzudenken. Das einleitende Glissando der Klarinette hat sich ins musikalische Weltgedächtnis tief eingeprägt.
1931 arbeitete Gershwin in Hollywood an der Musik zum Film DELICIOUS. Im Film sollte die Musik eine Sequenz untermalen, die das pulsierende, industrielle New York City und den Bau von Wolkenkratzern darstellt. Gershwin nannte sie RHAPSODY IN RIVETS (Rhapsodie der Nieten). Allerdings dauerte diese Sequenz im Film nur sechs Minuten. Gershwin schrieb sie zu einem gut 15 Minuten dauernden Konzertstück um. Dieses wurde unter dem Titel SECOND RHAPSODY dann in Boston uraufgeführt. Musikalisch ist das Stück noch raffinierter gebaut als die RHAPSODY IN BLUE: Es verfügt über eine klassische A – B – A – Struktur (Allegro – Andante - Reprise Allegro und Coda). Das Klavier fungiert hier über weite Strecken als perkussives Element (verlangt aber pianistisch allerhöchstes Niveau), kommt darin den Klavierkonzerten etwa eines Béla Bartók sehr nahe. Im Genensatz zu seiner RHAPSODY IN BLUE hat Gershwin hier die Orchestrierung selbst verfasst. Leider stand die SECOND RHAPSODY lange im Schatten der pouläreren RHAPSODY IN BLUE und wird erst in den letzten Jahren wieder vermehrt gespielt.
Wie viele Komponisten vor und nach ihm, war Georges Bizet (1838-1875) tief beeindruckt von der Stadt Rom und von Italien. Rom und andere italienische Städte lernte er als junger Mann und als Gewinner des renommierten PRIX DE ROME 1857 kennen, verbrachte eine längere Zeit in der Villa Medici. Hier entstand auch das Scherzo der späteren Komposition ROMA. Die Fertigstellung der viersätzigen Sinfonie (wurde oft auch als Suite bezeichnet oder eben als Fantaisie symphonique) zog sich jedoch 10 Jahre dahin, da Bizet mit seiner Arbeit nie ganz zufrieden war. Die einzelnen Teile wurden zu Bizets Lebzeiten auch aufgeführt, jedoch nie zusammenhängend. Erst kurz nach Bizets Tod erlebte das Werk seine komplette Uraufführung, eventuell 1875 (nicht gesichert), bestimmt aber 1880. Die Musik des CARMEN-Komponisten ist von allerhöchster Qualität, zeigt den Komponisten an der Schwelle der romantischen Sinfonie im Stile Schumanns oder Mendelssohns zur programmatischen Tondichtung in Form einer Suite. Zuerst wollte er die einzelnen der vier Sätze italienischen Städten widmen (Rom, Venedig, Florenz, Neapel) doch verwarf er die Idee ebenso wie die nicht von ihm stammenden Satzüberschriften (Jagd im Wald von Ostia, Prozession und Karneval). Somit haben wir es mit einem „hybriden“ Werk zu tun, welches diverse Impressionen unter dem Titel ROMA einfängt und diese quasi in eine freie sinfonische Form giesst.