Zürich: LE CID, 13.01.2008

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Le Cid

Standing Ovation für Startenor José Cura, spannendes Bühnenbild, effektvolle Musik!

Premiere: 13. Januar 2008

Oper in vier Akten

Musik: Jules Massenet

Libretto: A.d´Ennery, L.Gallet und E.Blau nach Pierre Corneille

Uraufführung: 30. November 1885 in Paris

Aufführungen in Zürich vom 13. Januar bis 9. Februar 2008

Kritik:
Die Premiere von LE CID musste unter tragischen Vorzeichen stattfinden: Der renommierte Bühnenbildner Andreas Reinhardt verstarb kurz nach Probenbeginn, der Vater von José Cura am Vormittag des Premierenabends. Dass die Vorstellung dennoch über die Bühne ging, zeugt von der Professionalität aller Beteiligten. Besonders José Cura verdient allerhöchsten Respekt dafür, dass er trotz dieses schweren persönlichen Schicksalsschlags den Abend grandios durchstand. Die Geste des Dirigenten Michel Plasson am Ende, als er auf die Bühne kam und Cura umarmte, liess wohl niemanden im Saal unberührt. Das Publikum zollte José Cura mit einer Standing Ovation seinen Respekt, seine Anteilnahme und seine Dankbarkeit.

Parallelen zur vorangegangen Premiere LA JUIVE drängen sich auf. Markierte diese quasi den Beginn der Gattung der Grand Opéra, so steht LE CID am Ende dieser Periode. Wieder diente das Werk als Vehikel für einen Startenor: Für Neil Shicoff bei LA JUIVE und nun eben für José Cura, der ein beeindruckendes Porträt dieses zwischen Liebe und Familienehre zerrissenen Helden Rodrigue zeichnete.
Andreas Reinhardt hatte einen kahlen, kalten, streng geometrischen Raum entworfen. Die verblüffende perspektivische Verengung zielte auf die Bühnenmitte, aus der immer wieder gleissendes Licht strömte, quasi das Überirdische, Heilige symbolisierend, das in dieser Oper eine tragende Rolle spielt. Nur wenige Elemente schmückten die karge Bühne: Vier parallel verschiebbare, halbtransparente Wände, die den Raum immer wieder unterteilten, mal eine Zypresse, symmetrisch angeordnete Kanonen, ein Grablicht, ein Altar und im letzten Bild der Löwenbrunnen der Alhambra, der wahrscheinlich den endgültigen Sieg der Katholiken über die Mauren symbolisieren sollte. Regisseur Nicolas Joel gelang es immer wieder, die Chormassen eindrucksvoll und präzise zu platzieren, eine individualisierende Chorführung schien ihm kein Anliegen zu sein. (Welch ein Unterschied zu Pountneys Arbeit bei LA JUIVE!)


Höhepunkt war sicherlich die Szene der trauernden und verzweifelten Chimène und ihr anschliessendes Duett mit Rodrigue, in welchem die beiden Protagonisten, Isabelle Kabatu und José Cura mit differenziertem Spiel und Gesang für sich einnahmen. Dankbar war man dem Regisseur auch, dass er zum Gebet des Rodrigue (O souverain, o juge, o père, gerade diese Szene muss in Anbetracht der persönlichen Umstände für Cura immens schwierig gewesen sein – er gestaltete dieses Gebet bravourös) ein stimmungsvolles Bild schuf und der Versuchung des Heiligenkitschs mit der Erscheinung des Heiligen Jakobs und der himmlischen Stimmen nicht völlig erlag, sondern eindrucksvoll die Einsamkeit des Helden zeigte.


Musiziert wurde einmal mehr vor allem im mezzoforte- und forte-Bereich. Bei Kabatu und Cura kein Problem, sie verfügen über kraftvolle, interessante Stimmen, mit beinahe unerschöpflichen Reserven. Mehr Mühe bekundete leider Isabelle Rey in der undankbaren Rolle der Infantin. Sobald sie sich gezwungen fühlt zu forcieren, verhärtet sich ihre an sich sehr feine, schöne Sopranstimme. Doch konnte sie in den Ensembles mit sauberen Spitzentönen trumpfen.
Der junge Bassist Andreas Hörl wusste als Don Diegue zu begeistern, Vladimir Stoyanov gestaltete mit warmer Baritonstimme einen menschlichen und sympathischen König, Cheyne Davidson stellte den Vater von Chimène wunderbar bösartig, hämisch und eifersüchtig dar.


Die kraftvollen Chöre, die einmal mehr geniale Lichtregie von Jürgen Hoffmann und das sauber spielende Orchester der Oper Zürich unter der souveränen Leitung von Michel Plasson – der Massenets Musik die Grösse verlieh, die sie auch verdient – steuerten viel zum triumphalen Erfolg des Abends bei. Auf die einfallsreiche, effektvolle Ballettmusik, die Massenet für LE CID komponiert hatte, musste man leider verzichten. Schade, in Anbetracht der Tatsache, dass man dafür ein so tolles Orchester und einen dermassen kompetenten Dirigenten zur Verfügung hatte. Dass man auch heutzutage die Balletteinlagen einer Grand Opéra sinnvoll und intelligent einsetzen kann, bewies die Premiere von LA JUIVE vor drei Wochen.

Fazit:
Grosse Oper, grosse Stimmen, spannendes Bühnenbild, sofern man einen Mittelplatz hat!

Das Werk:
Schwerpunkt französische Oper des 19. Jahrhunderts diese Saison im Opernhaus Zürich: Nach LA JUIVE und noch vor CLARI und CARMEN nun das melodramatische Epos um den (übrigens zu Unrecht) als Verteidiger des Christentums gefeierten spanischen Helden EL CID. Dieses Gefühlsdrama vor historischer Kulisse gehört sicher nicht zu den ganz grossen Meisterwerken des Komponisten Massenet, erlangte aber durch die Ballettmusik (in Zürich leider gestrichen …) und die Arie des Rodrigue im 3. Akt einige Berühmtheit. Viel effekthaschendes Fanfarengeschmetter, neben eindringlichen Klagearien und zum Sakralkitsch tendierenden Szenen, jedoch gekonnt instrumentiert und mit kunstvollen Kantilenen ausgestattet.


Auch Hollywood liess sich dieses Heldenepos nicht entgehen und produzierte 1961 daraus einen Monumentalfilm mit Charlton Heston und Sophia Loren.

Synopsis:
Spanien zur Zeit der Reconquista im 11. Jahrhundert. Rodrigue (genannt Le Cid) steht seinem Vater in einem Ehrverletzungskampf bei und tötet den Vater von Chimène, die ihn liebt. (Genauso liebt ihn auch die Infantin, aus standespolitischen Gründen muss sie ihrer Liebe allerdings entsagen…) Die Vaterliebe Chimènes obsiegt über ihre Liebe zu Rodrigue. Deshalb verlangt sie vom König, dass Rodrigue bestraft werden solle. Doch da greifen die Mauren einmal mehr das noch immer schwache Kastilien an. Die Bestrafung Rodrigues wird vertagt, da er als Anführer der Truppen in den Krieg ziehen muss. Siegreich (mithilfe einer Vision des Heiligen Jakob) kehrt er aus der Schlacht zurück. Chimène verzeiht ihm, nachdem sie seinen Selbstmordversuch verhindert hat. Unter dem Jubel des Volkes und mit Zustimmung des Königs werden die Liebenden vereint.

Musikalische Höhepunkte:
Laissez le doute dans mon âme, Szene Chimène-Infantin, Akt I
O noble lame – A Saint-Jacques de Compostelle, Auftrittsszene Rodrigue, Akt I
O rage, o désespoir, Don Diegue, Akt I
O tourment de la voir, Finale Akt II
Pleurez mes yeux, Arie der Chimène, Akt III
O souverain, o juge, Arie des Rodrigue, Akt III