Zürich: IL VIAGGIO A REIMS, 06.12.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Il viaggio a Reims

Dramma giocoso in einem (oder drei) Akten | Musik: Gioachino Rossini | Libretto: Luigi Balocchi | Uraufführung: 19. Juni 1825 in Paris | Aufführungen in Zürich: 6.12. | 11.12. | 13.12. | 16.12. | 18.12. | 23.12. | 27.12.2015 | 1.1. | 3.1. | 5.1. | 7.1. | 9.1.2016

Kritik:

Oft war im Vorfeld dieser Premiere zu lesen gewesen, diese Rossini-Oper, diese verrückte Kantate von im Hotel festsitzenden Persönlichkeiten, dieses Nonsense-Projekt des absoluten Stillstands sei wie geschaffen für eine Inszenierung durch Christoph Marthaler. Um es kurz zu machen: Sie war es nicht! Hatte Marthaler bei seinem Händel Projekt SALE noch eine Art eigenes Pasticcio geschaffen, um damit sein Theater zu entwickeln, traf er hier nun auf ein fertiges Stück und versuchte sehr gequält sein Konzept darüberzustülpen – es funktionierte leider nur in Details, ein überzeugender Gesamtfluss stellte sich nicht ein. So schleppte sich der Abend ziemlich zäh dahin, verlor sich in teils mehr, teils weniger witzigen oder satirischen Episödchen. Anna Viebrock hatte für die Bühne des Opernhauses den Bonner Kanzlerbungalow des Architekten Sep Ruf nachgebildet, diese Schaltzentrale der Macht und der europäischen Einigung während des Kalten Krieges. Zusätzlich wurde ein Bunker auf das Dach des Bungalows gesetzt, welcher für Abhör-, Spionage- und Korruptionstätigkeiten genutzt wurde und als Lagerraum diverser Gemälde Prominenter (und solcher, die diesen Status nie und nimmer verdient haben) genutzt wurde. Die wirklich toll gemachten Kostüme (auch von Anna Viebrock entworfen) und Figuren waren an Buñuels satirischen Film LE CHARME DISCRET DE LA BOURGOISIE angelehnt, ein Meisterwerk des Surrealismus. Marthaler hat nun aus dem Kanzlerbungalow ein wirres Gemisch aus Schönheitsklinik, Verhandlungsraum und Irrenanstalt gemacht, liess zum Teil wirklich bemerkenswerte Ansätze von Polit- und Gesellschaftssatire aufblitzen, überzeugte wie stets durch liebevoll genaue Charakterzeichnungen und brachte durch den ganzen Wirrwarr doch die Komödie zur Strecke. Die Porträts der Prominenten wurden immer mal wieder „umgelagert“, sinnentleert begutachtet und doch nicht richtig in die Handlung einbezogen. Natürlich hatte er die Lacher auf seiner Seite, als zu „Tra dolci e cari palpiti“ oben im Bunker eine FIFA-Korruptionsaffäre vor einem beleuchteten Gemälde Sepp Blatters über die Bühne ging, die Contesse de Folleville mit einem Bild von Dominique-Strauss-Kahn die Bühne betrat oder wenn Roger Köppel hinter Victor Orban eingereiht wurde, doch das waren billige, anbiedernde Gags. Und weshalb muss die Fotografie des unsäglichen Bischof Haas während des gesamten ersten Teils an der Betonwand hängen? Wie gesagt, Ansätze zur Politsatire, lose Stränge, die ins Nichts führten. Absurdes Theater im Stil eines Ionesco, mit dem man auf die Schrecken der Gegenwart reagieren will? Doch dazu müssen dann nicht am Ende zur Hymne auf Frankreich und seine heldenhaften Herrscher noch Flugzeugtrümmer einer abgeschossenen Passagiermaschine auf die Bühne geschleppt und nummeriert werden und statt der Libretto-Übersetzung wird dazu bei den Übertiteln „Librettostörung“ eingeblendet (aber wir sind ja hier der Fremdsprachen mächtig und verstehen doch, was gesungen wird)– eine ziemlich geschmacklose Entgleisung. Selbstverständlich wurde auch der kleine Pool ausgiebig genutzt, es wurde mit Herzfrequenz-Monitoren, Eier-Diät, Infusionsständern und Silikonimplantaten hantiert – möglichst mit dem Ziel, von den Arien und Szenen (die Rossini zugegebenermassen teils überaus lang geraten sind) abzulenken.

Doch die bewundernswerten Sängerinnen und Sänger liessen sich dadurch nicht beirren und brillierten mit teils beachtlichen Leistungen. Julie Fuchs' (Contesse de Folleville) Koloraturgeläufigkeit und ihre glockenreinen Töne und Fiorituren waren ein Traum, Rosa Feolas (Corinna) Harfenarien von wunderbarem, himmlischem Klang, Anna Goryachovas resolute Polin (La Marchesa Melibea) wusste mit ihrem satten Mezzosopran ebenso zu begeistern wie Serena Farnocchia mit ihrer Sopranfülle als Madama Cortesa. Ein darstellerisches Kabinettstück lieferte Liliana Nikiteanu als motorisch getriebene Maddalena. Auch die Männer vermochten stimmlich und darstellerisch weitgehend zu überzeugen: Die Tenöre Javier Camarena (wunderbar geschminkt als „Russe“ Conte di Libenskof) mit fulminanten Höhen, Edgardo Rocha mit schönem Schmelz als Belfiore, Scott Conner mit weichem, sehr biegsamem und geschmeidigem Bass als Don Profondo, Yuriy Tsiple als Barone di Trombonok, Nahuel Di Pierro als Lord Stanley. Pavol Kuban gab den Spanier Don Alvaro und Roberto Lorenzi war ein umwerfend guter Don Prudenzio. Christopher Hux (Gelsomino) hatte einen eindrücklichen kurzen Auftritt in Badehose und Rebeca Olvera stellte eine Luxusbesetzung für die kleine Rolle der Modestina dar. Aufhorchen liess Ildo Song mit prachtvoll timbriertem Bass als Antonio. Zusammen gestalteten sie alle, diese selbstverliebten, gelangweilt an ihren Smartphones hängenden, mit Krätze befallenen Hypochonder, herrliche Ensembleszenen und begeisternde "Schrauben"-Finali.

Die Philharmonia Zürich spielte solide, liess jedoch unter dem eher bodenständig-zupackenden Dirigat von Daniele Rustioni einiges an Souplesse und Eleganz der Rossinischen Feinheiten, des federnden Klangs vermissen. Zu dieser Bodenständigkeit passte dann jedoch die Balletteinlage durch Roboterstaubsauger hervorragend ;-).

Fazit: Die Marthaler-Fangemeinde war begeistert, die Gegner buhten. Vieles war auch wirklich schön herausgearbeitet, doch das Stück wurde durch den „Überbau“ an sinnentleertem Aktionismus (inklusive Stunts und Schauspielern) abgemurkst.

Inhalt: Eine illustre Gesellschaft aus verschiedenen Ländern trifft sich in Plombières auf dem Weg zu den Krönungsfeierlichkeiten für Karl X. im Badehotel der Madame Cortese „Zur goldenen Lilie“. Madame Cortese bedauert, dass sie selbst nicht nach Reims reisen kann, will aber ihr Hotel im besten Licht präsentieren. Die Gräfin Folleville kommt an, muss aber schon bald feststellen, dass ihre Kleider unterwegs verloren gegangen sind. Ohnmachtsanfall! Verschiedene Liebeserklärungen und -verweigerungen zwischen den Gästen und Eifersüchteleien prägen die Stimmung im Gasthof. Da platzt die Nachricht herein, dass für die Reise nach Reims in der ganzen Umgebung keine Pferde aufzutreiben sind. Grosse Konsternation! Madame Cortese hat einen Brief erhalten, in welchem von „Nach“- Krönungsfeierlichkeiten in Paris berichtet wird. Die Gräfin lädt dazu die ganze Gesellschaft in ihre Pariser Residenz ein. Unterdessen vergnügt man sich in der Goldenen Lilie mit einem Bankett, Tänzen und einer Art Song Contest, bei welchem jeder Gast Weisen aus seiner Heimat vorträgt.

Werk:

Rossini konzipierte seine Oper IL VIAGGIO A REIMS OSSIA L'ALBERGO DEL GIGLIO D'ORO für die Festlichkeiten zur Krönung Karls X. als er bereits Leiter des Théâtre Italien in Paris war. Das Werk hat keine eigentliche Handlung, ist eher eine szenische Kantate für vierzehn Sänger. Von diesen verlangt Rossini aber einiges an Virtuosität! Dies ist mit ein Grund, weshalb das Werk eher selten aufgeführt wird und keinen festen Platz im Repertoire hat. Selbst Rossini zog es nach wenigen Aufführungen zurück. Immerhin übernahm er fünf der insgesamt neun Gesangsnummern für seine Opéra Comique LE CONTE ORY. Die Ouvertüre (bei der Uraufführung noch nicht gespielt) setzte er aus Tanzstücken seiner Opera Seria LE SIÈGE DE CORINTHE zusammen. Glanzstück der Oper ist das Gran pezzo concertato für 14 Stimmen am Ende des zweiten Aktes (wenn die Nachricht eintrifft, dass weit und breit keine Pferde für die Reise nach Reims aufzutreiben sind).

Nach den wenigen Aufführungen in Paris (mit Giuditta Pasta!) galt das Werk lange Zeit als verschollen. Mitte des letzten Jahrhunderts tauchten jedoch in Rom und Wien Teile des Autographs auf, eine Rekonstruktion der Oper wurde möglich. Claudio Abbado führte die nun wieder hergestellte Oper 1984 beim Rossini-Festival in Pesaro mit einem Star-Ensemble auf und Einspielung auf CD (Chamber Orchestra of Europe, mit Valentini Terrani, Ariaza, Ricciarelli, Ramey, Raimondi, Dara, Nucci, Gasdia, Cuberli). Acht Jahre später spielte er diese Oper nochmals ein, diesmal mit den Berliner Philharmonikern und einigen neuen SängerInnen (McNair, wieder Valentini Terrani, Serra, Studer, Matteuzzi, wieder Ramey, Dara und Raimondi, Frittoli).

Karten