Zürich: IDOMENEO, 04.02.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Idomeneo

Dramma per musica in drei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto : Giambattista Varesco | Uraufführung: 29. Januar 1781 in München | Aufführungen in Zürich: 4.2. | 7.2. | 10.2. | 13.2. | 16.2. | 18.2. | 23.2. | 27.2. | 2.3.2018

Kritik:

Das zum geflügelten Wort mutierte Oxymoron Weniger ist mehr trifft oft zu, sei es in der Architektur, bei Auto- und Möbelkonstrukteuren (vom Smart bis zu Billy-Regalen) und manchmal gar in der Oper, wenn überladene Inszenierungen die eigentliche Kernaussage zu ersticken drohen. Doch nicht immer greift Reduce to the max“, weniger kann dann schnell mal zu wenig sein. So gestern Abend in Jetske Mijnssens Neuinszenierung von Mozarts zwischen opera seria und tragédie lyrique angesiedeltem Dramma per musica IDOMENEO. Einmal mehr ist man genötigt drei Akte lang auf bunkerartige, schmucklose Betonwände zu starren, in deren Geviert sich die Protagonisten in grauen Businessanzügen und die Damen in eng geschnittenen Managerinnen-Kostümen (Ilia) oder schwarz seidenen Hosananzügen (Elettra) und beide natürlich mit schicken, teuren Stilettos ausgestattet in dekorativ-theatralische Posen werfen (Bühne: Gideon Davey, Kostüme: Dieuweke van Reij). An den Wänden dieses Bunkers ziehen Moder und Schwarzschimmel hoch, die Mächtigen scheinen sich hier also verbarrikadiert zu haben, um vor ihren Phobien und Traumata zu fliehen. Sehr deutlich zeigt Frau Mijnssen dies anhand der Figur der Elettra: Während ihrer ersten Arie Tutte nel cor vi sento spielt sich im Hintergrund der Atridenfluch ab, mit dem Elettras Familie beladen ist. Agamemnon tötet Elettras Schwester Iphigenie, die Mutter Klytämnestra tötet Agamemnon, Elettras Bruder tötet Klytämnestra. Der fluchbeladenen Doch landet in Elettras Handtasche. Während ihrer zweiten Arie Idol mio, in der sie von der glücklichen Liebe und der gemeinsamen Zukunft mit Idamante träumt, steigen schmucke Bräute auf die extra dafür vom Chor hereingetragenen runden Holztische. Doch die Idylle trügt, schon bald breiten sich Blutflecken auf den strahlend weissen Hochzeitsroben aus, während Elettra zusammengesunken weiter auf dem schwarzen Geschenkkarton ihres Hochzeitskleides vom Glück träumt. (Blutende Bräute gab es schon in David Böschs Basler Inszenierung des IDOMENEO zu sehen!) In der zum Glück diesmal nicht gestrichenen dritten Elettra-Arie D'Oreste, d'Ajace nun zieht Elettra den erwähnten Dolch aus der Handtasche und will selbst Hand an sich legen, wird aber von dem ebenfalls von Stimmen heimgesuchten Idomeneo in einem der wenigen berührenden Momente der Inszenierung davon abgehalten. Ansonsten viel Herumstehen, einige nette Posen (Ilia legt sich zur Arie Zeffiretti lusinghieri mit weissem Lilienstrauss zwischen die brenneden Kerzen auf den Tischen). Als Leitmotiv zieht sich eine Pistole durch die Inszenierung, mit der die Protagonisten ständig damit drohen, sich (oder auch mal andere) umzubringen, es dann aber doch nicht tun. Ansonsten wie erwähnt szenische Leere, keine Bühneneffekte, weder Sturm noch Meeresungeheuer, keine Verwüstung, keine Gewalt, kein Schrecken. Wahrscheinlich hat die Rgisseurin gedacht, es reiche den Schrecken in den Gesichtern des Chors und in der Flüchtlingsprozession der Statist_innen zu zeigen. Doch schon in den hinteren Reihen des Parketts waren die Gesichter der Leidgeplagten kaum mehr zu erkennen. Da gäbe es doch Möglichkeiten, sie so zu präsentieren, dass man davon auch berührt würde, wie z.B. Bieito in seinen Videoprojektionen der Gesichter der missbrauchten Kinder in DIE GEZEICHNETEN. Im Zürcher IDOMENEO muss der Chor immer durch einen Spalt vor der Rückwand aus dem Untergrund in den Bunker kriechen, ausser beim Sturm, da heben sich die Wände, geben den Blick aber nicht aufs Meer oder verwüstete Landschaften frei, sondern hinter den Betonmauern bleibt alles schwarz. Und, man muss es leider sagen, so verliert man schnell einmal das Interesse am Schicksal dieser Getriebenen im Reduit des modrigen Bunkers.

Farbenreich dafür alles was aus dem hochgefahrenen Orchestergraben (der damit kein Graben mehr ist) erklingt: Das Orchestra La Scintilla begeistert unter der ungemein differenziert und zupackend gestaltenden Leitung von Giovanni Antonini mit Prägnanz und spannungsgeladener Dramatik, das Dramma per musica entwickelt sich also ganz aus der Musik heraus, mit wuchtigen Akzenten und dynamisch explosiv ausgeloteten accompagnati – was hätte das für eine grandiose konzertante oder halbszenische Aufführung werden können. Der Chor der Oper Zürich (einstudiert von Ernst Raffelsberger) bleibt dem wichtigen Part in Mozarts einziger „Choroper“ nichts an klangvoller Ausdrucksstärke schuldig. Sehr gut lösen die vier Sänger_innen Anna Soranno, Marha Villegras, Tae-Jin Park Mamuka Tepnadze ihre solistischen Aufgaben als zwei Kreterinnen, bzw zwei Trojaner. Ausgezeichnet klingt der Bass von Ildo Song als Stimme des Orakels aus dem Off. Mit grossen (zum Teil gar zu grossen, sprich zu lauten) Stimmen besetzt sind die Sänger_innen der fünf Hauptpartien – die Rolle des Gransacerdote wurde in dieser neuen Zürcher Fassung gestrichen. (Das ist legitim, existiert doch eine eigentlich verbindliche Fassung aus Mozarts Feder nicht.) Joseph Kaiser ist als „gestrandeter“ Kreterkönig Idomeneo eine imposante Erscheinung. Zerzaust, von den Qualen der langen Reise gezeichnet, betritt er die Bühne, überzeugt stimmlich über weite Strecken mit packender Expressivität, legt den ganzen Zorn, die Selbstvorwürfe und die Verzweiflung in seine zentrale Arie Fuor del mar, so sehr, dass die Sauberkeit der Gesangslinie manchmal ein wenig darunter leidet. Am Ende scheint er gar etwas am Ende seiner Kräfte angekommen zu sein, so sehr hat er sich interpretatorisch verausgabt. Keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt Hanna-Elisabeth Müller als Ilia: Vor vier Jahren von der Opernwelt als Nachwuchssängerin des Jahres ausgezeichnet, hat die Sängerin inzwischen eine beachtliche Laufbahn eingeschlagen, singt an der Bayerischen Staatsoper, der Scala, der Met ... . Sie verfügt über eine wunderschöne, vibratoarme Stimme, aber auch eine Stimme, die entweder für das Zürcher Haus oder diese Rolle zu gross geworden ist, dominiert z.B. im Duett mit Idamante zu stark. Nach der Pause klang sie differenzierter und so gerät das Quartett (Andrò ramingo) im dritten Akt zu einem exquisiten musikalischen Höhepunkt, an dem die wunderschön warm intonierende Anna Stéphany als Idamante und Guanqun Yu als Elettra neben Joseph Kaiser und Hanna-Elisabeth Müller genauso grossen Anteil haben. Guanqun Yu zeigt als Elettra nicht nur die Hysterikerin, nein, mit fein dosierter Dramatik dringt sie tief in die Seele dieser von familiären Traumata gezeichneten Figur vor, Traumata, welche nach dem Spruch des Orakels zu explodieren drohen, und man ist sehr dankbar, dass ihre letzte Arie D'Oreste, d'Ajace in der Zürcher Fassung von 2018 bleibt (Harnoncourt hatte 2010 in Zürich darauf verzichtet, weil Mozart sie noch vor der Uraufführung wieder aus der Partitur genommen hatte). Guanqun Yu nun liefert den Beweis dafür, wie wichtig diese Reminiszenz an die Tradition der fulminanten Barockarie für diese archaische Figur ist. Atemberaubend, wie sie die Staccato-Koloraturen wie hysterische Lacher ertönen lässt, messerscharf. Airam Hernandez als Arbace lässt sein wunderbares Tenormaterial in der Höhe herrlich aufblühen.

Einem lieto fine in einer Oper trauen Regisseure heutzutage kaum noch, zu schlecht ist unsere Welt geworden. So wirkt Idomeneo total erschöpft am Ende, von der „nuova vigor“ von der er singt, ist szenisch nichts zu spüren, auch der Seelenfrieden für die beiden endlich vereinten Liebenden Ilia und Idamante, den der Chor so positiv gestimmt besingt, wird nicht eintreten – Idamante ist schwer verwundet und wird zwar überleben, aber die auf ihn zukommenden Aufgaben als neuer Herrscher werden wohl zu schwer für ihn sein. In dieser pessimistischen Sicht der Regisseurin macht es dann auch Sinn, dass auf das finale tänzerische Divertimento verzichtet wird.

Inhalt:

Die trojanische Königstochter Ilia (Tochter des Priamus) wurde als Kriegsgefangene nach Kreta verschleppt. Zwar sehnt sie sich nach ihrer Heimat, doch zugleich ist sie in heftiger Liebe zum kretischen Prinzen Idamante entbrannt.

In letzter Sekunde aus grosser Seenot gerettet, verspricht der kretische Herrscher Idomeneo dem Meeresgott Poseidon, ihm das erste Lebewesen zu opfern, welches ihm am Strand begegnen wird. Es ist sein Sohn Idamante … Idomeneo begegnet ihm kühl. Er sucht bei seinem Vertrauten Arbace Rat, um nicht zum Mörder seines Sohnes zu werden.

Die mykenische Königstochter Elektra lebt ebenfalls auf Kreta, auch sie ist in Idamante verliebt. Idamante soll Elektra nun nach Hause führen und so seinem grausigen Schicksal entkommen. Doch der wutentbrannte Meeresgott lässt sich nicht so leicht täuschen und vernichtet die auslaufende Flotte. Idomeneo bietet sich selbst als Opfer dar, um seinen Sohn zu verschonen.

Idamante zieht in den Kampf gegen das von Poseidon gesandte Meeresungeheuer. Ilia gesteht ihm ihre Liebe. Elektra und Idomeneo fordern den Prinzen erneut auf, Kreta zu verlassen. Auf Drängen des Volkes gibt Idomeneo den Namen des geforderten Opers preis: Es sei Idamante, sein eigener Sohn, welcher soeben das Ungeheuer besiegt habe.

Die Opferung wird vorbereitet. Ilia will sich vor die Klinge werfen. In diesem Augenblick verkündet das Orakel, dass Poseidons Zorn besänftigt sei, wenn Idomeneo die Krone an seinen Sohn abgebe und Ilia Königin werde.

Werk:

IDOMENEO gehörte lange Zeit zu den wohl am häufigsten unterschätzten Werken der Opernliteratur. Erst in den letzten dreissig Jahren erfuhr das Werk dank den Bemühungen von Nikolaus Harnoncourt (und anderer Dirigenten wie Minkowski und Gardiner) seine ihm zustehende Beachtung und Wertschätzung. Ausgehend von Glucks Reformopern, den tragédies lyriques, schuf Mozart eine Symbiose dieser mit der opera seria. Der 24-jährige Meister wertete die Dreiecksgeschichte Ilia-Idamante-Elektra durch die Dramaturgie von Spannung und Entspannung, der als chiaroscuro (hell-dunkel) bezeichneten Technik, unendlich auf. Der Chor spielt in diesem Werk eine so bedeutende Rolle wie in keiner seiner anderen Opern, er ist der Auslöser für die Verlagerung der Handlungsebenen von den privaten Konflikten (Vater-Sohn, Liebe-Eifersucht-Enttäuschung) ins allgemein Politische. Grosse Kraft entfalten die Rezitative und die Ensembles, welche die Personen eindringlich charkterisieren. IDOMENEO stellt damit eine bedeutende Schnittstelle zwischen alter opera seria und einem moderneren, die Figuren psychologisch durchdringenderen Musiktheater dar.

Wenn man Mozarts IDOMENEO auf den Spielplan setzt, stellt sich unweigerlich die Frage nach der zu spielenden Fassung. Mozart selbst hatte kurz vor der Münchner Uraufführung noch Striche - wegen schlechter Sänger, aus zeitlichen oder dramaturgischen Gründen - vorgenommen, welchen zum Teil wunderbare Arien v.a. im dritten Akt zum Opfer fielen. Heute ist es üblich, diese Fassung von 1781 zu spielen, manchmal mit, manchmal ohne Ballett, manchmal mit, manchmal ohne Elektras fulminante Arie D'Oreste, d'Aiace.

Zur Ballettmusik: Seit Rameau hatte es kein Komponist mehr verstanden, das Ballett musikdramatisch so überzeugend in eine Oper einzubinden, wie es Mozart in IDOMENEO gelungen ist. Durch musikalische Motivverbindungen integrierte Mozart diese die Akte beschliessenden Tanznummern in den dramaturgischen Ablauf. Diese Balletteinlagen waren z.B. in den Zürcher Aufführungen zu hören und zu sehen.

Vater Leopold hatte seinen Sohn Wolfgang ermahnt, nicht nur an das musikalisch gebildete Publikum zu denken, sondern auch „populär“ zu komponieren. Sohn Wolfgang schrieb zurück: „...in meiner Oper ist Musick für aller Gattung leute;- ausgenommen für lange ohren (Esel) nicht.“ (Brief vom 16.12.1780)

Dem bleibt nichts hinzuzufügen ...

Musikalische Höhepunkte:

Padre, germani, addio, Arie der Ilia, Akt I

Tutte nel cor vi sento, Arie der Elektra, Akt I

Se il padre perdei, Arie der Ilia, Akt II

Fuor del mar, Arie des Idomeneo, Akt II

Idol mio, se ritroso, Arie der Elektra, Akt II

Pria di partir, Terzett Idomeneo, Idamante, Elektra, Akt II

Andrò ramingo e solo, Quartett Idamante, Ilia, Elektra, Idomeneo, Akt III

D'Oreste, d'Aiace, Arie der Elektra, Akt III

Ballett (Chaconne) KV 367, Schluss Akt III

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