Zürich: ELEKTRA, 14.07.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Elektra

Tragödie in einem Aufzug | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 25. Januar 1909 in Dresden | Aufführungen in Zürich: 7.7. | 11.7. | 14.7.2019

Kritik:

Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Da ist zuerst einmal die Titelfigur, die von unbändigen Rachegelüsten heimgesuchte Elektra, Tochter des von ihrer Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth im Bade ermordeten Agamemnon. Evelyn Herlitzius stellt diese junge Frau mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz, einer darstellerischen Wucht und unerschöpflicher Kraft dar. Eine Darstellung, die wahrlich unter die Haut geht, wo jede Regung, jede textliche Phrase direkt in Mimik und Gestik übergeht, sie verkörpert die Agamemnon Tochter mit jeder Faser ihres schlanken Körpers. Da stimmt jeder Blick, jede Bewegung mit dem Text überein. Dazu kommt eine Kraft in der stimmlichen Gestaltung, vor der man sich - gerade in dieser so überaus anspruchsvollen Partie – nur verneigen kann. Klar, da stimmt nicht jeder Ton, wirkt die auch Höhe mal etwas beliebig, unsauber intoniert (dafür punktet sie mit ausdrucksstarker Tiefe) – doch diese kleinen Einschränkungen verschwinden hinter dem packenden Gesamteindruck der totalen Verschmelzung mit und Hingabe an Musik und Text. Genauso ist diese Hingabe auch bei Waltraud Meier als von Alpträumen heimgesuchte Gattenmörderin Klytämnestra zu spüren. Frau Meier gestaltet ihre grosse Szene mit einer grandiosen Intensität, sauberer Intonation, ohne ins Klischee der hysterisch keifenden Alten abzugleiten. Da wird jede Phrase mit bezwingender Emotion und Kalkül gestaltet, dynamisch subtil abgestuft und doch mit einer fantastischen vokalen Präsenz. Ganz gegen meinen Eindruck, den ich vor vier Jahren von ihrer Interpretation an der Deutschen Oper Berlin hatte. Bestimmt kommt ihrer klugen Darstellung das kleinere Zürcher Haus entgegen. Am Ende ihres Auftritts, wenn sie vom (vermeintlichen) Tod ihres Sohnes Orest erfährt, verzichtet Frau Meier auf das übliche dreckige Gelächter. Bei dieser grossartigen Darstellerin reicht ein verachtend-triumphierender Blick auf ihre Tochter Elektra. Das vokale Ereignis des Abends ist aber eindeutig Tamara Wilson als sich nach dem „Weiberschicksal“ verzehrende Schwester Elektras, Chrysothemis. Natürlich hat Strauss dieser Frau auch seine „schönsten“ Phrasen in seiner wilden Elektra-Partitur gewidmet und Tamara Wilson füllt sie mit ihrem farbenreichen, so herrlich aufblühenden, reinen Sopran aufs Vortrefflichste. Welch eine Stimme, man würde sie gerne öfter an diesem Haus hören. Sie stellt eine Chrysothemis dar, welche ein starkes Gegengewicht zu der sich in irrer Rache suhlenden Elektra von Evelyn Herlitzius bildet. Die Auseinandersetzungen der beiden Schwestern fahren tüchtig ein, sind atemberaubend. Diesen Sog verdankt die Aufführung der vierten Frau, welche diese Wiederaufnahme von Martin Kušejs Inszenierung von 2003 zum spannungsgeladenen Psychothriller macht – nämlich der Dirigentin Simone Young! Sie kitzelt das Nervenaufreibende, Schockierende genauso präzise aus der Partitur, wie das (wenige) Zärtliche, das Empfindsame, die verlorene Unschuld am Atridenhof. Die Philharmonia Zürich bietet ein wahrhaft fulminantes Saisonfinale, hat sich die Sommerpause nach diesem Parforce-Ritt mehr als verdient.

Martin Kušejs Sicht auf das Psycodrama gefällt mir jedes Mal besser. Der dunkle Bühnenraum von Rolf Glittenberg mit seinem hermetisch abgeriegelten, sich nach hinten stark verengendem Korridor und den schalldichten, weiss gepolsterten Türen und dem unebenen Boden schafft eine fantastisch passende, von seelischer Krankheit und Verstümmelung geprägte Atmosphäre. Diese Versümmelung zeigt Martin Kušej mit Orgien, Inzest, Verwirrung. Und so passt auch der Auftritt der Transvestiten-Sambatruppe zu Elektras finaler Szene, der ebenfalls erst als Transvestit mit Totenblumen auftauchende Orest, die Schockstarre der Weissgewandeten nach der Ermordung des Herrscherpaares Klytämnestra und Aegisth (keine Freude, sie wissen, dass sich die Spirale der Gewalt auch mit Orest als – eh schon psychisch angeschlagenem Herrscher – weiterdrehen wird). Chrysothemis erscheint bei ihrem ersten Auftritt als heilige Mutter Gottes – und tritt mit ihren beiden „Orest!“-Rufen ganz am Ende der Oper auch wieder so ab. Auch sie wird ihr Mutterglück nie finden.

Hervorragend sind die beiden gewichtigeren Männerrollen besetzt: Christof Fischesser gibt einen mit wunderbarer Rundung in der Stimme aufwartenden Orest und Michael Laurenz scheint der Aegisth auf den Leib geschrieben zu sein. Er überzeugt mit perfekter Textverständlichkeit, ist durchschlagskräftig, aber nie schneidend scharf und empfiehlt sich für gewichtigere Partien! Packend gestalten die fünf Mägde den Beginn der Oper, jede von ihnen kann sich mit ihrer individuell gefärbten Stimme profilieren (Judith Schmid, Deniz Uzun, Irène Friedli, Hamida Kristoffersen, Natalia Tanasii), wobei ganz besonders Irène Friedli als dritte und Natlia Tanasii als fünfte Magd nachhaltig in Erinnerung bleiben. Alexander Kiechle als Pfleger des Orest, Iain Milne als junger und Richard Walshe als alter Diener singen und gestalten weit mehr als nur rollendeckend. Des weiteren ergänzen Marion Ammann als Aufseherin, Yuliia Zasimova als Schleppenträgerin und Jusyna Bluj das fantastische Ensemble.

Am Ende sind auch die Zuschauer*innen erschlagen von der bannenden Anspannung über 110 Minuten und am Rande eines Nervenzusammenbruchs, bevor die verdienten Begeisterungsstürme für sämtliche Ausführenden einsetzen.

Inhalt der Oper:

Elektra lebt als Verstossene und Aussenseiterin bei den Hunden im Hof des Palastes von Mykene. Nur der Gedanke, die Ermordung ihres Vaters Agamemnon durch ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth zu rächen, erhält sie am Leben. Sie hofft auf die Rückkehr ihres Bruders Orest, um ihren mörderischen Plan zu verwirklichen. Ihre Schwester Chrysothemis, welche vor der schrecklichen Vergangenheit die Augen verschliessen möchte und sich nach einem normalen „Weiberschicksal“ sehnt, ist ihr keine Hilfe.

Klytämnestra wird von Gewissensbissen heimgesucht, sie hat „keine guten Nächte“. Sie begibt sich zu Elektra, sucht die Nähe ihrer Tochter und Hilfe zur Vertreibung der Dämonen durch Elektras Heilkünste, doch wird sie von Elektra verspottet und gedemütigt. Als Klytämnestra die Nachricht des - vermeintlichen - Todes von Orest ans Ohr dringt, lacht sie erleichtert auf. Elektra ist verstört. Selbst als Orest, welcher absichtlich die Nachricht seines Todes verbreiten liess, erscheint, erkennt ihn die eigene Schwester vorerst nicht. Orest dringt in den Palast ein und erschlägt seine Mutter. Elektra leuchtet Aegisth den Weg in den Palast, wo er ebenfalls von Orest ermordet wird. Chrysothemis meldet den Tod des usurpatorischen Herrscherpaares und die Rückkehr des tot geglaubten Bruders. Elektra beginnt einen ekstatischen Tanz des Triumphes auf dessen Höhepunkt sie tot zusammenbricht. Chrysothemis ruft nach Orest.

Werk:

Mit ELEKTRA ging der Klangmagier Richard Strauss noch einen Schritt weiter als mit der vorangehenden SALOME: Der Orchesterapparat ist gigantisch (111 MusikerInnen werden gefordert), die Leitmotive werden zu dichten Blöcken gefügt, die Grenzen der Tonalität immer wieder getestet und zum Teil gesprengt. Strauss schaffte es, mit dem Riesenapparat eine geradezu elektrisch aufgeladene Spannung zu erzeugen, welche an Intensität bis zum erlösenden, ekstatischen Schlusstanz in triumphierendem C-Dur ständig zulegt. Die an kompositorischem Raffinement kaum zu überbietende Partitur lebt vom Kontrast des Kammerspiels mit einem immer wieder quasi entfesselt auftrumpfenden Orchester. Süssliche Klänge (Walzer der Chrysothemis), tonmalerische Klänge und extreme dynamische Steigerungen (Elektra) wechseln mit herben Dissonanzen und Bitonalität (Klytämnestra). An die drei Frauenpartien werden höchste Anforderungen gestellt.

Berühmte Interpretinnen der Titelpartie waren: Anny Konetzni, Erna Schlüter, Inge Borkh, Astrid Varnay, Christel Goltz, Birgit Nilsson, Ingrid Bjoner, Dame Gwyneth Jones (unvergessen ihre Auftritte in Genf), Deborah Polaski (auch in Zürich in der Berghaus- Inszenierung zu erleben) und Pauline Tinsley.

Der Fluch der Atriden

In Mykene lebten zwei königliche Brüder, Atreus und Thyestes. Thyestes schlief mit Atreus Gemahlin. Nach Entdeckung des Seitensprungs seiner Gemahlin setzte Atreus die aus der ausserehelichen Beziehung entsprungenen Söhne seiner Frau und seinem Bruder zum Frass vor und vertrieb Thyestes. Als Strafe verhängten die Götter dem Reich des Atreus eine Dürreperiode, die erst zu Ende ginge, wenn Atreus seinen Bruder zurückkehren liesse. Unterdessen hatte Thyestes aber mit seiner eigenen Tochter einen „Rächer“ gezeugt, den Aigisth, der unerkannt am Hofe des Atreus aufwuchs und eigentlich von Atreus dazu ausersehen war, den Thyestes nach dessen Rückkehr zu ermorden. Stattdessen erschlug Aigisth seinen Onkel Atreus.
Die Söhne des Atreus, Agamemnon und Menelaos, mussten bald darauf in den Trojanischen Krieg ziehen, um die Gattin des Menelaos, Helena, zu befreien. Um günstigen Wind für seine Flotte zu erhalten, opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie, zum Entsetzen seiner Gemahlin Klytämnestra. Aus Trauer, Wut und Rache über den (vermeintlichen) Opfertod ihrer Tochter gab sich Klytämnestra Agamemnons Erzfeind Aigisth hin. Nach Agamemnons Rückkehr aus Troja (mit der Seherin Cassandra) wurde dieser von seiner Frau und Aigisth im Bade ermordet. Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras, schwor Rache. Ihr Bruder Orest wurde von ihr angefeuert, die Mutter und deren Liebhaber umzubringen.
Die Erinnyen (Rachegöttinnen) verfolgten den Muttermörder. Orest konnte sich vom Fluch, der auf seinem Geschlecht lag, nur durch einen Diebstahl, den er im Tempel von Tauris begehen sollte, befreien. Dort traf er auf seine tot geglaubte Schwester Iphigenie, die jeden ankommenden Fremdling ermorden musste. Noch rechtzeitig erkannte Iphigenie in dem Fremden ihren Bruder und gemeinsam gelang ihnen die glückliche Rückkehr nach Griechenland.

Musikalische Höhepunkte:

Allein! Weh, ganz allein!, Monolog der Elektra

Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren, Chrysothemis-Elektra

Ich habe keine guten Nächte, Szene Klytämnestra-Elektra

Orest, Erkennungsszene Elektra-Orest

Ob ich nicht höre – Schweig und tanze, Schlussszene Elektra-Chrysothemis

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