Zürich: DIE ZAUBERFLÖTE, 07.12.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Zauberflöte

Oper in zwei Aufzügen | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto : Emanuel Schikaneder | Uraufführung: 30. September 1791 in Wien | Aufführungen in Zürich: 7.12. | 10.12. | 13.12. | 18.12. | 20.12. | 23.12. | 26.12. | 28.12.2014 | 1.1. | 3.1. | 7.1. | 11.1.2015

Kritik:

Intuitiv-kreativ-weibliches Chaos versus streng-patriarchalisch-hierarchische Ordnung: Dank Tatjana Gürbacas Inszenierung hat Zürich wieder eine neue ZAUBERFLÖTE: Intelligent, witzig, über weite Strecken sehr kurzweilig, mit einem leichten Hang zur Hässlichkeit in Kostümen und Ausstattung, aber vor allem mit jungen, frisch und unverbraucht klingenden Stimmen und SängerdarstellerInnen voller Spielfreude und einem vor Musizierlust nur so vibrierenden Dirigat!

Es ist eine ziemlich chaotische, aber irgendwie liebenswerte Welt, in welcher sich die Königin der Nacht nach dem Tod ihres Mannes mit ihren Damen eingerichtet hat. Dieser Mann war gemäss den von der Regisseurin Tatjana Gürbaca neu gefassten Dialogen (ein Glücksfall!) ein „Trottel“, welcher den Sonnenkreis testamentarisch den Eingeweihten um Sarastro überschrieben hatte. Da muss nun die Königin mit ihrer Tochter Pamina in einem zugigen Haus darben, die hässlichen Tapeten sind auf der Fassade aufgeklebt, die Natur nimmt das Haus in Beschlag, Bäume wuchern, Äste liegen herum, offene Feuer brennen. Die putzigen Hühner werden in Auslaufhaltung gehalten, hören der Musik in den Fenstern hockend oder im Innenhof herumflatternd aufmerksam zu. Schon während der Ouvertüre wird Pamina vom haarig-bärtigen Monostatos dazu gedrängt, diesem Chaos zu entrinnen. Mit Monostatos scheint Pamina eine ganz spezielle, auch zärtlich geprägte Beziehung zu haben. Die Archaik dieser Welt weicht im Verlauf des Stücks immer stärker der patriarchalisch-autoritären Ordnung des Baumeisters Sarastro, der seine Horden von Handwerkern das Haus renovieren lässt. (Das geht nicht immer ohne störende Nebengeräusche!) Die hässlichen Tapeten an den Aussenfasseden bleiben zwar, doch werden die Fenster mit Jalousien versehen, an den Fenstern treffen sich ordentliche Paare zu Kaffee und Kuchen (mit niedlichen Tischlämpchen), die offenen Feuerstellen weichen sauber gemauerten Öfen und last but not least werden die herzigen Hühnerchen als Brathähnchen aufgetischt. Da vergeht sogar dem lukullischen Genüssen nicht abgeneigten Papageno der Appetit. Sarastros Welt ist frei von Trieben, klinisch sauber, politisch korrekt: Unter seinen Anhängern finden sich Paare (ähnliche Stoffmuster in den Kostümen) zusammen, selbst ein gleichgeschlechtliches Paar ist auszumachen (damit die Quote stimmt!), aber alles ohne Leidenschaft, kühl kalkuliert. Gürbaca inszeniert das Ganze mit leichter Hand, kann auf ein munteres Ensemble zählen und somit vergeht der erste Akt äusserst kurzweilig. Dass die Chose im zweiten Akt etwas zäher wird, liegt auch an der Gesamtdisposition des Werks. Immerhin schafft es die Regisseurin ihr Versprechen einzulösen, dass nämlich kaum eine Figur so ist, wie sie scheint. Am augenfälligsten gelingt es ihr, dies bei Monostatos aufzuzeigen: Als „Neandertaler“ wirkt er in der modisch-hässlichen Sneakers-Welt der Eingeweihten  zwar als Aussenseiter, ist aber keineswegs der geifernde Lüstling (wie in so mancher konventionellen Lesart der Oper), sondern ein sensibler Pseudointellektueller, welcher seine von Fremdwörtern nur so triefenden sozio-kulturellen und psychoanalytischen Weisheiten von sich gibt. Michael Laurenz verkörpert ihn mit wendigem Spiel und erstaunlich sanfter, ja geradezu zärtlicher Tongebung – DIE Überraschung des Abends. Ansonsten spürt man deutlich, dass die Sympathien der Regisseurin bei den starken Frauen – und damit eher in der Unordnung liegen. Es sind überaus starke Frauen, welche diese sich ermüdend oft drehende Bühne (von Klaus Grünberg) bereichern: Die mit herrlich aufblühender Stimme aufwartende, selbstsichere Pamina von Mari Eriksmoen, die drei sich mit ihren farbenreichen Timbres zu traumhaft schöner Harmonie vereinigenden Stimmen der Damen (Alexandra Tarniceru, Julia Riley und Judit Kutasi) und natürlich Sen Guo als Königin der Nacht. Ihr wird ein revueartiger Auftritt mit Paillettenkleid, Silberregen und Straussenfedern für die erst Arie gewährt, welche sie mit sanfter Reinheit und  bewegender Trauer um den Verlust der Tochter gestaltet. Beim zweiten Auftritt dann (Der Hölle Rache  ...) packt sie gröberes Geschütz aus, überreicht Pamina riesige Knochensägen und andere Foltergegenstände und singt die Koloraturen mit präzisen Tönen, die wie geschärfte Skalpelle in Paminas Gewissen fahren. Papageno ist in jeder Aufführung ein Sympathieträger, so auch hier. Ruben Drole macht das stimmlich grossartig: Sein Bariton ertönt voll, kernig und gereift. Die Darstellung wirkt überaus natürlich, nicht allzu überdreht oder chargiert. Sehr schön klingt sein Bariton auch in den Duetten mit Pamina und seiner Zukünftigen, der Papagena von Deanna Breiwick. Mauro Peter singt einen fantastisch lyrischen Tamino – weich fliessend, unforciert, hell und klar. Schade, dass auch er zeitweise so hässliche, unvorteilhafte Kleider tragen muss. Schwarze Strumpfhosen und weisse Turnschuhe, ein schlecht geschnittenes Hemd mit Gurt. Total unmännlich. Christof Fischesser ist ein Sarastro mit sicher geführtem, markantem und schwarzem Bass. Äusserlich gibt er den ruhigen, väterlichen Biedermann, in seinen Entscheidungen und Ansichten ist er allerdings der knallharte Patriarch und angebliche Saubermann, welcher aber doch der Wanzenplage (welche ihm wohl die Königin auf den Hals gehetzt hat) in seinem Haus nicht souverän Herr wird. Tatjana Gürbaca überrascht mit vielen witzigen Details in der Personenführung, einiges gerät ein bisschen lang oder zu platt (so die Trinkszene Papagenos), anderes wiederum sehr poetisch, z.B. die Projektionen der Gesichter Paminas und Taminos während der Prüfungen. Auch die Erscheinungen der drei Knaben sind glänzend gelöst, sie tauchen immer wieder in anderer Kostümierung auf, sind mal Comicfiguren, mal Skelette mit Voodoo-Praktiken. Die Solisten des Tölzer Knabenchors singen mit bestechend präziser Intonation und fantastischer dynamischer Präsenz. (Damit scheint die Diskussion um deren Engagement wohl klar zugunsten der Verantwortlichen des Opernhauses ausgegangen zu sein!) Als Sprecher und Erster Priester erlebt man die schöne Stimme von Andri Björn Robertsson, die beiden Geharnischten (Airam Henandez und Erik Anstine) verbreiten puren Wohlklang. Gespielt wird Mozarts Partitur mit der auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Formation der Philharmonia Zürich, dem Orchester LA SCINTILLA. Das hat den Vorteil, dass die Sänger in keinem Moment vom Orchester zugedeckt werden und sich die Stimmen wunderbar entfalten können. Cornelius Meister und das sehr aufmerksam und präzise mitgehende Orchester setzen Mozarts reichhaltige Inspirationen mit Verve und vibrierender Lust um. Meister wählt stimmige Tempi und trägt die Sängerinnen und Sänger mit beeindruckender Präsenz und viel Feingefühl.

Am Ende wird Sarastro von seinen Anhängern ein weisser Kampfgürtel überreicht (hm, bloss ein weisser, der ist ja für Anfänger!) als Zeichen des Sieges über die Riesenwanzen, doch man wird das Gefühl und die Hoffnung nicht los, dass die frechen, lüsternen Tiere eines Tages zurückkehren und Sarastros ach so klinisch sauberes Haus nochmals gehörig aufmischen und seinen Kammerjägern erneut eine lange Nase drehen könnten. Zumal die Königin nur vorläufig ausgeschlossen erscheint und der Kampf der Geschlechter bestimmt noch nicht entschieden ist.

Unentschieden fiel auch die Reaktion des Premierenpublikums auf die Inszenierung aus: Beim ersten Erscheinen des Inszenierungsteams waren noch einige Bekundungen des Missmuts zu vernehmen, beim zweiten Erscheinen nur noch Applaus – Applaus für eine erfrischend aufgemischte, meist kurzweilige und klug durchdachte Inszenierung des Werks, bei der man die Liebe zu den Figuren (trotz all ihrer Macken) deutlich spürt.

Inhalt:

Sarastro, weiser Priester der Götter Isis und Osiris, hat Pamina in seinen Tempel entführt, um sie vor dem Einfluss ihrer Mutter, der Königin der Nacht, zu schützen. Die Königin bringt den Prinzen Tamino dazu, sich auf den Weg zu machen und Pamina zu befreien. Papageno, ein eher den weltlichen Genüssen frönender Vogelfänger, begleitet ihn auf Geheiss der Königin. Die drei Damen der Königin geben den beiden eine Zauberflöte und ein Glockenspiel mit auf den Weg. Drei Knaben weisen ihnen den Weg zu Sarastros Burg.

Tamino und sein Begleiter finden Pamina. Tamino und Pamina verlieben sich ineinander. Doch bevor sie sich endgültig vereinen dürfen, müssen sie drei Prüfungen bestehen. Papageno wird auch belohnt und findet eine Frau, die ihm ganz ähnlich sieht.

Die Strahlen von Sarastros Sonne verbrennen die rachsüchtige Königin der Nacht. Die beiden Liebespaare dürfen sich vereinen.

Werk:

Mozarts ZAUBERFLÖTE hält sich seit über 200 Jahren in den Spitzenrankings der am häufigsten aufgeführten Opern weltweit. Die märchenhafte, wenn auch mit etlichen mehr oder weniger versteckten Hinweisen auf die Freimaurer versehene Handlung vermag „in die Zeiten hineinzuwirken und jeder Generation ein Gleichnis, einen Grundriss menschlicher Spannungen zu geben ... „ (Günther Rennert). Selbst Richard Wagner schrieb: „ Die Quintessenz aller edelsten Blüten der Kunst scheint hier zu einer einzigen Blume vereint und verschmolzen zu sein. Welch ungezwungene und zugleich edle Popularität in jeder Melodie ... .“ Und Friedrich Hegel schwärmte von der „Tiefe und der Lieblichkeit der Musik, welche die Phantasie erfüllt und das Herz wärmt.“

Schikaneder hatte den richtigen Riecher für ein effektvolles Libretto gehabt (er selbst sang den Papageno). Zaubermärchen mit hohen und niederen Paaren, Bühnenzauber und Komik gepaart mit moralisierenden Elementen waren damals gross in Mode.

Mozart komponierte die Oper in den letzten Monaten seines kurzen Lebens, in welchen materielle Not und Krankheit seine ständigen Begleiter waren. Der Erfolg des Werks steigerte sich von Aufführung zu Aufführung. Den materiellen Erfolg der Oper erlebte Mozart leider nicht mehr, er starb gut zwei Monate nach der Uraufführung.

Eine Aufnahme der Rachearie der Königin der Nacht mit der Sopranistin Edda Moser befindet sich an Bord der Raumsonde Voyager 2, welche unser Sonnensystem verlassen wird ... Dies unterstreicht wohl aufs Deutlichste die Bedeutung von Mozarts letzter Oper.

Musikalische Höhepunkte:

Viele bekannte Ohrwürmer, so z.B. die beiden Koloratur-Arien der Königin der Nacht:

O zitt're nicht, Königin, Akt I

Der Hölle Rache, Königin, Akt II

Der Vogelfänger bin ich ja, Papageno Akt I

Dies Bildnis ist bezaubernd schön, Tamino, Akt I

In diesen heiligen Hallen, Sarastro, Akt II

Ach ich fühl`s, Pamina Akt II

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