Zürich: DIE SOLDATEN, 22.09.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Soldaten

Oper in vier Akten | Musik: Bernd Alois Zimmermann | Libretto: vom Komponisten, nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Lenz | Uraufführung: 15. Februar 1965 in Köln | Aufführungen in Zürich: 22.9. | 26.9. | 4.10. | 8.10. | 15.10. | 19.10. | 26.10.2013

Kritik:

Langsam und mit beklemmender Unerbittlichkeit lässt Bernd Alois Zimmermann in seinem epochalen Werk DIE SOLDATEN das Grauen unter die Haut der ZuhörerInnen kriechen, es nistet sich dort ein bis zur alles und alle zer- und verstörenden Apokalypse – doch Zimmermann entlässt das Publikum nicht mit einer Katharsis, einer seelischen Reinigung. Die muss sich das Publikum nach diesem in jeder Beziehung sensationellen Erlebnis selbst suchen. Die einen tun dies, indem sie ruhig und nachdenklich in ihrem Sessel verharren, die andern indem sie den Ausführenden applaudieren, erst etwas zögerlich, dann immer stürmischer. Die zustimmende und dankbare Anerkennung der gewaltigen Leistungen gilt gleichermassen dem Orchester, dem Dirigenten und den Sängerinnen und Sängern und schliesst auch das Inszenierungsteam um Calixto Bieito mit ein, welchem eine kongeniale Umsetzung des hochkomplexen Werks gelungen ist.

Denn der Regisseur vertraut ganz und gar der musikalischen Sprache des Komponisten, folgt dem Duktus der Musik, entwickelt die Handlung, den brutalen und ergreifenden Abstieg der Hauptperson Marie vom bürgerlichen jungen Mädchen zur erbärmlichen Dirne in der Gosse ganz aus der Musik heraus. Dazu braucht er keine vordergründig aufwändige Szenerie, keine aufgesetzte Verortung, es reichen wenige Requisiten. Zwar lässt er die Figuren in Kleidern (Kostüme: Ingo Krügler) der Entstehungszeit der Komposition auftreten, doch zeigt er deutlich, dass das Unfassbare sich jederzeit abspielen und auch wiederholen könnte. Bieito vertraut ganz auf die Intensität der Darstellungskraft und – kunst der Sängerinnen und Sänger, führt sie mit unglaublicher Subtilität bis in kleinste Regungen und Gesten. Nichts wirkt künstlich oder bloss auf Effekt oder gar Skandal ausgelegt (wohl ganz anders, als viele es von diesem Regisseur erwartet hätten!). Obwohl Zimmermann konsequent die klassische Bulle der drei Einheiten (Ort, Handlung, Zeit) negiert, gelingt Calixto Bieito eine packende Geradlinigkeit und soghafte Konsequenz in das zum Teil komplizierte Simultangeschehen zu bringen. Ausgangspunkt ist für ihn die Unschuld: Ein blondes Mädchen (Marie) blickt uns beim Betreten des Zuschauerraums von diversen Leinwänden mit grossen Augen an. Und genau nach der Erkenntnis der „Guten“ in der vorletzten Szene dieser Oper („Müssen denn die zittern, die Unrecht leiden und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun?“) verändert sich der Ausdruck dieses Mädchens. Dem naiven Staunen des Kindes folgen Tränen und Blut.

Die Sängerinnen und Sänger sind musikalisch mit der schwierigen Partitur schon aufs Äusserste gefordert, doch die psychischen Herausforderungen an die Darstellung dürften noch grösser sein. Allen voran gilt das für Marie: Wie Susanne Elmark sich mit glasklar und doch weich geführtem Koloratursopran in die anspruchsvolle Rolle stürzt, sich von der naiven Lolita-Figur zur missbrauchten, von allen ausgenützten Frau wandelt, ist geradezu ereignishaft. Ihre altjüngferliche, besorgte Schwester Charlotte (grossartig gespielt und warmstimmig gesungen von Julia Riley) kämpft gegen die verdorbenen Männer auf verlorenem Pfosten. Selbst Maries Vater (Pavel Daniluk) scheint eher an einer inzestuösen Beziehung zu Marie als an deren Wohlergehen interessiert zu sein. Einzig Stolzius, der Verlobte, empfindet wahre, uneigennützige Liebe. Der Bariton Michael Kraus zeigt die Emanzipation dieser hochinteressanten Figur voller Komplexe und Manien vom Muttersöhnchen (hervorragend in ihrem besitzergreifenden Egoismus Hanna Schwarz) zum selbstlosen Rächer und Mörder mit grossartiger Bühnenpräsenz, baritonalem Schmelz und emotionaler Kraft. Die widerlichen Übeltäter Desportes (Peter Hoare mit nonchalanter, überheblicher Manier und bestechend geführtem Tenor), Mary (ein lässiger Oliver Widmer), Pirzel (mit beeindruckender Präsenz Michael Laurenz), der Obrist (Reinhard Mayr) und Haudy (Yuriy Tsiple) sind allesamt hervorragend besetzt. Die Einwürfe des Feldpredigers („... eine Hure wird niemals eine Hure, wenn sie nicht dazu gemacht wird“) finden leider bei den Soldaten und Offizieren keine Beachtung, obwohl Cheyne Davidson sie mit ebenso starker Eindringlichkeit vorträgt wie das lateinische Vater Unser zur Apokalypse. Wahrlich unter die Haut geht die Prophezeiung des brutalen Endes durch Weseners alte Mutter. Wie Cornelia Kallisch diese alte, irre, von Parkinson und Alzheimer gezeichnete Frau singt und spielt ist schlicht einmalig. Noëmi Nadelmann legt die Partie der Gräfin de la Roche sehr exzentrisch, (ab und an etwas zu) schrill und grell an und dominiert so ihren weichlichen Sohn (sehr gut gesungen von Dmitry Ivanchey). Beate Vollack ist nicht nur für die intensive Laszivität der Choreografie im Soldatenkasino verantwortlich, sie tanzt die Rolle der Andalusierin auch selbst – und wie!

Doch es gibt in diesem Werk noch eine weitere – wohl die wichtigste – Hauptperson, und diese ist das gewaltige Orchester. Rebecca Ringst hat dafür eine imposante Konstruktion entworfen. Auf einem knallgelben Stahlgerüst sind die unzähligen Musikerinnen und Musiker auf verschiedenen Ebenen auf der Bühne des Opernhauses platziert, in Soldatenuniformen gekleidet ebenso wie der Dirigent, welcher in Kampfstiefeln und Tarnhose eine auch optisch überaus stimmige Figur macht. Wie Marc Albrecht diesen Riesenapparat zusammenhält, unterschiedliche Taktarten, Bühnenmusiken, Solisten, Einsätze von Sängerinnen und Sängern, Tonbandcollagen, Simultanszenen usw. koordiniert, in einen unglaublich packenden Fluss versetzt, die bruitistischen Elemente genauso differenziert ausspielen lässt wie die ebenfalls vorhandenen traumverlorenen Impressionen verdient allerhöchste Anerkennung und Bewunderung. Die Philharmonia Zürich samt Zuzügern spielt diese mathematisch so unglaublich komplex ausgeklügelte Partitur mit einer Selbstverständlichkeit und Exzellenz als wär’s ein Repertoirestück!

Das Opernhaus Zürich beginnt seine neue Saison wahrlich mit einem Paukenschlag – und auch wenn dieser psychisch stellenweise kaum zu ertragen ist: HINGEHEN!

Inhalt:

Der alte Wesener ist mit seinen beiden Töchtern Marie und Charlotte von Armentières nach Lille gezogen. Marie hatte sich am vorherigen Wohnort noch mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt. Der leidet nun unter der Trennung. Unterdessen macht der Baron Desportes Marie den Hof, ihr Vater untersagt seiner Tochter jedoch, mit dem Baron auszugehen, da ihr Ruf unter dem Umgang mit Soldaten leiden könne. In Armentières unterhalten sich Offiziere unterdessen über das Wesen der Mädchen und der Huren. Wesener rät Marie, sowohl den Verlobten als auch den Baron hinzuhalten.

In Armentières bietet ein Fähnrich seine Begleiterin zum Beischlaf an. Nach verschiedenen Tänzen der jungen Offiziere tritt Stolzius hinzu und wird als Gehörnter verspottet. (Anspielungen auf Marie und Desportes). Tumult.

Desportes erfährt von Marie, dass Stolzius um ihre Hand angehalten habe. Er will Marie die Antwort an Stolzius gleich selbst diktieren. In Simultanszenen sieht man Weseners Mutter mit Vorahnungen, dass dem Lachen Tränen folgen werden, Marie und Desportes turteln miteinander, Stolzius liest Maries Trennungsbrief, seine Mutter beschimpft Marie als Hure. Stolzius verteidigt Marie und will sich an Desportes rächen.

Stolzius bewirbt sich bei einem Freund des Barons Desportes als Diener. Desportes hat Marie verlassen. Marie pflegt nun zum Leidwesen ihrer Schwester Umgang mit dem Freund des Barons. Marie erkennt Stolzius nicht, der nun Kaspar genant wird. Marie hat auch Verkehr mit dem Grafen Laroche. Die Gräfin empfiehlt ihrem Sohn, die Stadt zu verlassen, Marie stehe in einem schlechten Ruf. Er folgt der Empfehlung seiner Mutter und lässt Marie in ihrer Obhut zurück. Die Gräfin will Marie in ihr Haus aufnehmen, um Maries Ehre zu retten. Marie will sich die Sache noch überlegen.

Zu Beginn des vierten Aktes laufen wieder mehrere (Traum-) Szenen schlaglichtartig und mit cineastischen Einsprengseln simultan ab. Tänze, das Schreiben von Briefen, ein Tribunal, eine Szene im Kaffeehaus und die zentrale Szene der Vergewaltigung Maries. Stolzius kauft Gift. Desportes und sein Freund Mary spotten über Marie und deren Karriere als Hure. Desportes will sie dem Jäger überlassen, der Marie vergewaltigt hat. Stolzius vergiftet Desportes, Marie will ihn niederstechen, doch Stolzius hat selbst auch Gift genommen. Im Sterben verflucht Stolzius die Soldaten, die Marie entehrt haben. Soldatenszenen folgen, Züge von Gefallenen, Kommandorufe. Bordellbesuche. Der alte Wesener wird auf einem Spaziergang von einer Bettlerin (Marie) angebettelt. Er erkennt seine Tochter nicht. Tanzmusik erklingt, bricht ab, die Offiziere schliessen sich ausdruckslos dem Zug der Gefallenen an. Wesener reicht der der Bettlerin etwas Geld. Alle schliessen sich dem Zug der Gefallenen an. Marschtritte. Generalpause. Schreiklang. Ende.

Werk:

Zimmermanns (1918-1979) einzige Oper ist ein durchkomponiertes Werk, welches musikalisch auf einer Allintervall-Zwölftonreihe aufgebaut ist. In wechselnden Besetzungen kommen verschieden Instrumentalgruppen zum Einsatz, ein riesiger Schlagzeugapparat wird benötigt, Bühnenmusiken, eine Jazz-Combo, Tonbänder, Filmeinspielungen. Durch Klangcollagen, Anlehnung an musikalische Formen wie Rondo, Toccata etc. (ähnlich wie Alban Berg im WOZZECK) entsteht ein eindrucksvolles akustisches Gemälde, das schmerzt, aufrüttelt, verstört. Die Behandlung der Stimmen entspricht den Erwartungen, die man an ein Werk aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat: Übermässige Intervallsprünge, rhythmisch vertrackter Sprechgesang.

Das Werk galt lange Zeit als unaufführbar, die Uraufführung in Köln war von diversen Schwierigkeiten geprägt. Zimmermann wollte ursprünglich sieben Dirigenten eingesetzt wissen. Sawallisch und Günter Wand sprachen sich gegen das Werk aus, Hans Rosbaud (dem die Oper gewidmet war) und Winfried Zillig verstarben vor der Uraufführung. Schliesslich übernahm der junge Michael Gielen das Dirigat. Gielen bezeichnet in seinen Memoiren DIE SOLDATEN als (Zitat): „...gleichrangig mit WOZZECK, LULU und MOSES UND AARON. Über diese vier hinaus weiss ich bis heute kein weiteres Jahrhundertwerk des Musiktheaters von solcher Kraft und diesem Impakt.“ Da diese Oper für jedes Haus eine gewaltige Herausforderung darstellt, sind Aufführungen der SOLDATEN nicht allzu häufig. Doch scheint sich seit Salzburg 2012 eine Renaissance anzubahnen: Das Opernhaus Zürich bringt eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin, die Bayerische Staatsoper München plant eine Neuproduktion für Mai 2014.

Karten