Zürich: Ballett GRID, DON JUAN, TILL EULENSPIEGEL, 01.04.&13.04.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Grid | Don Juan | Till Eulenspiegel

GRID (Musik: D. Schostakowitsch, 2. Klavierkonzert) Uraufführung von H. Spoerlis Choreographie: 8. März 1987 in Basel | Uraufführung der Musik: 5. Februar 1957 | DON JUAN (Musik Ch.W. Gluck) | Uraufführung in der Choreographie von Gaspare Angiolini: 17. Oktober 1761 in Wien, in der Choreographie von Heinz Spoerli: 24. März 2012 in Zürich | TILL EULENSPIEGEL (Musik: Richard Strauss) | Uraufführung in der Choreographie von Heinz Spoerli: 10. Oktober 1980 in n Basel, Neufassung: 24. März 2012 in Zürich | Uraufführung der Musik: 5. November 1895 in Köln | Aufführungen in Zürich: 24.3. | 25.3. | 1.04. | 13.4. | 22.4. | 16.5. | 20.5. | 10.6. | 1.7.2012

Kritik:

Vielleicht war es ganz passend, dass Heinz Spoerli für seinen letzten Abend als Ballettdirektor auf ein grosses Handlungsballett verzichtete (aus welchen Gründen auch immer). Denn erstens hat er in seiner 16jährigen Direktionszeit praktisch alle grossen klassischen Ballettstücke dieses Genres in Zürich auf die Bühne gebracht und zweitens konnte er mit diesem dreiteiligen Abend nochmals quasi eine Quintessenz seines reichhaltigen tanzschöpferischen Schaffens präsentieren – vom abstrakten, reinen, punktgenau auf die Musik abgestimmten Tanz auf der Spitze zu witzig-ironischem Erzähltheater in Miniaturform.

Der Abend wird eröffnet mit GRID, einem Werk ohne eigentliche Handlung, zu Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert. Spritzig und einfallsreich kommen die Pas de six (Galina Mihaylova, Juliette Brunner, Vittoria Valerio, Olaf Kollmannsperger, Artur Babajanyan und Sergiy Kirichenko) und die phantastisch präzise getanzten Auftritte der wunderbaren Truppe Spoerlis im ersten Satz daher. Die ausgeklügelte Choreographie passt sich wunderbar der Motorik des Kopfsatzes an. Im zweiten Satz begegnet man nochmals einem der grossen Pas de deux des Meisters: Wunderbar weich fliessend, einfühlsam, schlicht und doch spannend lässt Spoerli Viktorina Kapitonova und Stanislav Jermakov Schostakowitschs romantisierendes Andante tanzen – zum Weinen schön, auch dank dem wie stets mit weich perlendem Anschlag spielenden Alexey Botvinov am Flügel. Wie funkelnde Edelsteine bewegen sich die Tänzerinnen mit ihren apart farblich changierenden Röcken vor dem Gitterwerk aus Leuchtdioden der Rückwand (Bühne und Kostüme: Keso Dekker, Licht: Martin Gebhardt) und Spoerli zeigt einmal mehr, dass es ihm nicht nur darum geht, die Musik mit tänzerischen Mitteln umzusetzen, sondern um tief empfundenes Einfühlen in deren Duktus.

Als zweites Werk die choreographische Uraufführung von DON JUAN. Spoerli hat aus der nicht ganz klaren Quellenlage 16 Musiknummern von Glucks eigener Hand ausgewählt und neun Nummern, deren Ursprung nicht restlos geklärt ist. Wie dem auch sei, entstanden ist ein kompaktes, konzentriertes, von erotischer Unruhe vibrierendes Stück mit lichten Klängen aus dem Orchestergraben (am Pult steht kein geringerer als der grossartige Theodor Guschlbauer). Für den virilen Star der Truppe, Vahe Martirosyan, scheint die Partie des Womanizers Don Juan wie geschaffen: Selbstsicher und auch ein wenig selbstverliebt präsentiert er seinen vor Sexappeal nur so strotzenden Körper, die Damen auf der Bühne fallen bei seinem Anblick beinahe reihenweise in Ohnmacht und auch die Männer (seinen Diener, herrlich getanzt von Daniel Mulligan) manipuliert er nach Belieben. Florian Etti hat eine stimmungsvolle, schlichte Bühne gestaltet, Jordi Roig hat geschmackvolle, leicht historisierende Kostüme beigesteuert und Martin Gebhardt ist wiederum für das spannende Lichtdesign (spektakulär die Höllenfahrt) verantwortlich. Seh Yun Kim ist eine flatterhafte Dona Ana, erwidert Don Juans Avancen mit kokettem Spitzentanz und trauert kurz darauf pathetisch um ihren toten Vater, den Komtur (Felipe Portugal), welcher dann als steinerner Gast zu Pferde wiederkehrt. Schnell wird Don Juan ihrer aber überdrüssig, wendet sich der sich nur scheinbar zierenden Zerlina zu (sehr schön Galina Mihaylova) und nimmt die Herausforderung der wunderbar majestätisch daherkommenden Duchesa Isabel an (Sarah-Jane Brodbeck). Ihre leicht ablenkbaren Bodyguards sind mit den Zwillingsbrüdern Oleksandr und Sergiy Kirichenko geradezu ideal besetzt. Insgesamt wirkt das Ballett zwar leicht antiquiert, überzeugt jedoch in der tänzerischen Umsetzung und der hoch ästhetischen Erschliessung des Raumes.

Nicht jedes sinfonische Werk eignet sich für die Ballettbühne. Richard Strauss' TILL EULENSPIEGELS LUSTIGE STREICHE jedoch bietet sich dafür geradezu an – und Heinz Spoerli ist mit seiner neuen Zürcher Version ein veritables Schmankerl gelungen, welches beim Publikum äusserst gut ankommt, Lachen und Schmunzeln provoziert. Auch hier zeigt sich Spoerli wieder als genialer Meister der Bühnenwirksamkeit, des leichten, nie derben Humors, der Raumaufteilung und der stimmigen Umsetzung der Musik. Da findet jedes Augenzwinkern des Orchesters seinen Niederschlag auf der Bühne, jede Parodie der Pfaffen, der Gecken, der Autoritäten wird mit genauestens choreographierten Gesten umgesetzt. Mit Arman Grigoryan hat er einen Tänzer im Ensemble, der den sarkastischen Schalk des Till bis in die Fingerspitzen verinnerlicht hat und nun nach aussen tragen kann. Umwerfend wie er aus defilierenden SoldatInnen einen Chaostruppe macht, Zwist unter Liebespaaren sät, Polizisten veräppelt, überhaupt die Massen manipuliert und sich immer wieder mit Hilfe seines Minitrampolins oder raumgreifenden Sprüngen aus der Schlinge zieht – auch aus der vermeintlich letzten Schlinge, derjenigen des Henkers.

Nachtrag: Vorstellung vom 13. April 2012

Wiederum fantastisch getanzt und die Musik dieses dreiteiligen Abends ist einfach herrlich. Nun konnte ich auch DON JUAN mehr positive Seiten abgewinnen. Die Geschichte ist wirklich wunderbar flüssig, augenzwinkernd und präzise erzählt. Martirosyan und Mulligan sind überragend als Herr und Diener!

Fazit:

Ein vielfältiger, gelungener Abend, der auch musikalisch dank der wunderbaren Leistung des Orchesters der Oper Zürich unter Theodor Guschlbauer zu begeistern vermag!

Werke:

GRID

Schostakowitsch schrieb das zweite Klavierkonzert für das Konzert-Debüt seines Sohnes Maxim. An seinem 19. Geburtstag brachte Maxim Schostakowitsch das Werk zur Uraufführung. Der Vater hatte für den Sohn zu dessen Debüt einen Klaviersatz geschrieben, welcher nicht allzu viele schwierig auszuführende virtuose Passagen enthält und oft im Oktavunisono notiert ist. Das Konzert ist übersichtlich gegliedert und in klassizistischem Stil gehalten. Entstanden ist eine eher konventionelle Komposition mit spritzig-gefälligem Allegro als erstem Satz und strahlend-fulminantem, herrlich frisch perlendem Finale, eher auf Haydn und Mozart zurückblickend als neue Grenzen auslotend. Dazwischen steht ein wunderschön zartes, träumerisches Andante.

David Rabinowitsch meinte, das Konzert zeige “den Komponisten so, als ob ihm seine Jugend

wiedergegeben worden wäre.“

Walt Disney Studios haben den kompletten ersten Satz des zweiten Klavierkonzerts von Schostakowitsch in der Fantasia 2000, einem abendfüllenden Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1999 und der Fortsetzung zu Disneys Fantasia aus den vierziger Jahren, verwendet.

DON JUAN

Der Stoff dieses Archetypen des Frauenverführers ist seit Tirso de Molinas El burlador de Sevilla bekannt und in allen Jahrhunderten mehrfach in Musik, Kunst und Drama bearbeitet worden. (Von Molière, Goldoni, Mozart, E.T.A.Hoffmann, Puschkin, Richard Strauss, Shaw, Max Frisch u.v.a.m.)

Christoph Willibald Gluck (1714-1787) ging als Opernreformator in die Musikgeschichte ein. Seine Reformopern zeichnen sich durch eine grosse Wahrhaftigkeit des dramatischen Ausdrucks aus. Übertriebene Verzierungen, welche nur der Eitelkeit des Sängers und der Effekthascherei dienten, waren ihm verpönt. In der Zusammenarbeit mit dem Direktor des Kaiserlichen Balletts in Wien, Gaspare Angiolini, schuf er ein Handlungsballett, welches auf Molières Don Juan ou le Festin de Pierre fusste und in starkem Kontrast zu den damals üblichen, auf heroischen Posen basierenden Balletten stand. Glucks Partitur ist schnörkellos, ganz der Akzentuierung der Handlung verpflichtet und direkt auf den Höhepunkt, die Höllenfahrt des Titelhelden, zustrebend. (Diese Musik hat er auch in seiner Oper Orpheus und Euridice als Tanz der Furien verwendet.)

TILL EULENSPIEGEL

Vor seinen berühmten Opern schrieb Richard Strauss ein ganze Reihe sinfonischer Dichtungen, so genannter Programmmusik (Don Juan, Also sprach Zarathustra, Ein Heldenleben, Macbeth u.a.m.). Für TILL EULENSPIEGEL begann er ursprünglich sogar ein richtiges Libretto zu schreiben, das er jedoch nie vollendete. So flossen die Szenen in die musikalische Rondoform seiner Tondichtung TILL EULENSPIEGELS LUSTIGE STREICHE ein. Diese Werk gilt als Meisterwerk der Instrumentationskunst des Komponisten. Das Werk beginn nostalgisch, eine Art „Es war einmal ...“- Zitat durch die Streicher. Aber bereits im vierten Takt lassen die Klarinetten Till Augenzwinkernd den Vorhang heben, worauf das Horn den Spötter mit seinem Motiv vorstellt, welches immer wieder variiert wird. Die Streiche beginnen – und eigentlich braucht man keine Anleitung, um den Fortgang der Viertel stündigen Komposition zu verstehen. Richard Strauss hat zwar einen genauen Ablauf in die Partitur notiert, doch hat er dem Dirigenten der Uraufführung, Franz Wüllner, auch Folgendes geschreiben: „Es ist mir unmöglich, ein Programm zum Eulenspiegel zu geben: In Worte gekleidet, was ich mir bei den einzelnen Teilen gedacht habe, würde sich verflucht komisch ausnehmen und vielen Anstoß erregen. Wollen wir diesmal die Leutchen selber die Nüsse aufknacken lassen, die der Schalk ihnen verabreicht?“ Interessant ist das Ende: Immer wieder wird der Tod Tills durch bedrohliche Akkorde angekündigt, doch ganz am Schluss scheint der Schelm auch dem Tod den Vogel zu zeigen und seinem Ende am Galgen zu entwischen.

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