Zürich: ANDREA CHÉNIER, 15.04.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Andrea Chénier

Oper in 4 Akten | Musik: Umberto Giordano | Libretto : Luigi Illica | Uraufführung: 28. März 1896 an der Mailänder Scala | Aufführungen in Zürich: 12.4. | 15.4. | 27.4. | 4.5. | 10.5.2014

Kritik:

Giordanos Meisterwerk ist wahrlich ein echter Reisser – und mit den genau richtig dosierten Prisen von plakativen Effekten und aufschäumenden Emotionen kommt diese Wiederaufnahme einer Produktion aus dem Jahre 2007 daher.

Der Komponist Umberto Giordano (von dem man heutzutage leider ausser dem CHÉNIER höchstens noch die FEDORA kennt) hatte ein untrügliches Gespür für Timing, grelle Effekte, zu Tränen rührende Momente, leidenschaftliche Emphase. Genau dieses Gespür bringt auch Maestro Nello Santi mit und ist deshalb ein schlicht genialer Anwalt dieser Partitur. Wie er es immer versteht mit den Sängern mitzuatmen, sie auch in schwierigen Momenten über Klippen zu tragen (Martina Serafin als Maddalena hatte ausgerechnet in ihrer grossen Arie im dritten Akt kleinere Probleme, als ihre Stimme stellenweise nicht richtig ansprang, doch dank Santis Unterstützung brachte sie die Arie fulminant zu Ende), die leuchtenden Farben und die wechselnden Stimmungen dieser Oper zum Klingen zu erwecken, ist absolut bewundernswürdig. Trotz allem Zug und dem Sinn für die grossen Bögen, die er in die Aufführung reinbrachte, vernachlässigte er in keinem Moment die subtile Ausgestaltung der raffiniert komponierten Details! Die Philharmonia Zürich setzte seine temperamentvollen Intentionen mit feuriger Vehemenz und einigen prachtvollen solistischen Leistungen um.

Grischa Asagaroffs Inszenierung unter der kalten Kuppel-/Käfigkonstruktion von Reinhard von der Thannen (welcher auch für die stimmigen Kostüme zeichnete) ist von bestechender Geradlinigkeit und Schlüssigkeit. Die Kuppel dient im ersten Bild als Pavillon für den Empfang auf dem Schloss der Coignys, im zweiten Bild ist sie der Schauplatz der Strassenszene in Paris. In diesen beiden Bildern ist jeweils dahinter der Planet Erde zu sehen, wie ein Sinnbild für die eigentlich wichtigen Auswirkungen, welche die französische Revolution auf das Zusammenleben auf unserem Planeten hatte. In den letzten beiden Bildern, wenn sich die hässliche Fratze der Revolution zeigt, die ihre eigenen Kinder frisst, ist der Ausblick aufs Universum dann verhüllt, der Schauplatz wird nach und nach zum hermetisch abgeriegelten Bunker. Erst ganz am Ende, wenn Chénier und Maddalena gemeinsam das Schafott besteigen, öffnet er sich wieder. Während die Kostüme des Adels in der Groteske des späten ROKOKO (1.Bild) verharren und für die Revolutionäre und das Volk die Farben der Trikolore für die anschliessenden Bilder aufnehmen, sind das Mobiliar und die Architektur eher näher an die Gegenwart gerückt – die Zeitlosigkeit der Handlung sinnfällig umsetzend. Viele Details der Inszenierung sind fantastisch herausgearbeitet, so die Puschen, mit denen sich der Adel über den Marmorboden schleppt, und die Gérard (und Chénier) dann in ihrem Aufstand und ihrer Anklage von sich werfen, oder die roten Ringe, welche sich am Schluss des ersten Bildes um die Hälse der Adeligen bilden, denen ja bald die Enthauptung durch die Guillotine bevorsteht. Sicher ist in der Personenführung nicht mehr die gleiche Intensität zu erwarten, wie sie anlässlich der Premiere zu verzeichnen war (einige stereotype Operngesten einiger Sängerinnen und Sänger schleichen sich ein), da von der Premierenbesetzung lediglich Lucio Gallo als markant und mit imposanten stimmlichen Ressourcen gestaltender Gérard übrig geblieben ist. Dafür hat man mit Yonghoon Lee einen Chénier erleben dürfen, der sich mit seiner grandiosen Leistung für mich in den Tenorhimmel gesungen hat. Welch eine Stimme! Eine Stimme, die nicht nur durch eine ungeheure, saubere Pracht- und Klangentfaltung in ihren Bann schlägt, sonder auch bei aller Lautstärke die zarteren Momente nicht vergisst, biegsam und weich im Ansatz bleibt und mit wunderbar virilem Schmelz glänzt. Keine Drücker, keine Schluchzer, keine tenoralen Unarten: Schlicht WOW! Martina Serafin war die Maddalena. Ihre Stimme klang (vor allem wenn sie mit etwas Druck sang) schnell einmal metallisch und relativ kühl. Doch immer wieder spürte man, dass sie eigentlich über die warmen, zart intonierenden Piani verfügen würde, nur leider kamen diese zu selten zum Einsatz. Gerade an einem kleinen Haus, wie es das Opernhaus Zürich nun einmal darstellt, könnte sie durchaus auf ihre Qualitäten im mezzoforte vertrauen.

Die Bersi wurde an diesem Abend von Carine Séchaye mit apartem, leicht verruchtem Timbre (passend, weil sie sich ja für Maddalena prostituieren musste) gesungen. Zwei grossartige Rollenporträts zeigte Stefanie Kaluza: Zuerst als uneinsichtige, in ihrer Argumentation an Marie Antoinette gemahnende Gräfin, dann im Tribunalbild als alte Madelon, welche der Revolution ihren Enkel opfert. Diese Szene gehört wohl zu den rührendsten der gesamten Opernliteratur – und Frau Kaluza machte sie mit ihrer Eindringlichkeit zu einem veritablen Showstopper.

Sehr solide und rollendeckend die Leistungen von Krešimir Stražanac als Fléville, Reinhard Mayr als kaltblütigem Chefankläger des Tribunals, Fouquier-Tinville, Yuriy Tsiple als hilfsbereitem, besorgtem Roucher und Valeriy Murga als Matthieu. Der junge Alessandro Fantoni war als Incredibile zu erleben. Er sang die Rolle des zwielichtigen Spions mit schon fast zu schön klingendem Tenor, man könnte sie durchaus ein wenig ekelhafter und schmieriger anlegen.

Fazit:

Einmal mehr zeigte sich, wie beliebt Maestro Santi (er dirigiert seit 1958 am Opernhaus Zürich!!!) beim Zürcher Publikum ist. In dieser Saison ist er leider nur mit ANDREA CHÉNIER und LA BOHÈME hier zu erleben. Also: Nicht verpassen! Tolles Werk, tolle Sänger, stimmige Inszenierung!

Werk:

Wie vielen Vertretern des italienischen Verismo (Leoncavallo, Mascagni, Cilea, Zandonai) gelang Umberto Giordano mit seinem frühen Werk (er war gerade mal 29 Jahre alt) ein ganz grosser Wurf und ein Riesenerfolg, an den er mit seinen späteren Opern kaum mehr anknüpfen konnte. Obwohl der Stoff historisch ist, zählt er zu den veristischen Werken, da Giordano vor allem die hässlichen Seiten der Revolution zeigt, den Aufstieg des kleinen Mannes, die Drastik der Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst. In der Deiecksgeschichte weist die Handlung auch in der musikalischen Umsetzung eine gewisse Parallele zu Puccinis späterer TOSCA auf. Deklamationsstil pathetischer Art wechselt mit herrlich aufblühenden ariosen Momenten und breit strömender, mitreissender Melodik. Die Oper zählt zu den bühnenwirksamsten Stücken des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Inhalt:

Die Handlung der Oper findet zwischen 1789 und 1794 statt, zur Zeit der Französischen Revolution und der Schreckensherrschaft der Jakobiner in und um Paris.
1. Akt
Der Dichter Andrea Chénier ist gegen den Adel und dessen dekadenten Lebensstil eingestellt. Durch spitze Bemerkungen der adeligen Maddalena wird er dazu gebracht, eigene Verse vorzutragen. In denen übt er harsche Kritik am Adel und dessen Lebensweise. Der Diener Gérard stört das Fest, indem er Bettler von der Strasse in den Ballsaal schleppt. Er wird aus dem Haus gejagt.
2. Akt
Andrea Chénier ist im Paris der Revolution zu einem gefeierten Mann geworden. Doch die Zeiten haben sich geändert und er wird kritisch wegen seiner Beziehungen zum Adel betrachtet und gerät unter Verdacht, nicht mehr hinter den Ideen der Revolution zu stehen. Geheime Liebesbriefe halten ihn davon ab zu fliehen. Es kommt zu einer Liebesszene, die von einem Spitzel (Un Incredibile) beobachtet wird. Der Spitzel benachrichtigt Gérard, der mittlerweile zum Sekretär der Revolution aufgestiegen ist. Zwischen Gérard und Chénier kommt es zu einem Duell, bei dem Gérard schwer verwundet zusammenbricht.
3. Akt
Gérard ist wieder genesen, hat Chénier verhaften und vor Gericht stellen lassen. Im Sitzungssaal des Revolutionstribunals taucht Maddalena auf, um ihn zu retten. Gérard erkennt sie ebenfalls und fühlt, wie seine Liebe zu ihr wieder aufflammt und stärker wird. Als Preis für Chéniers Rettung fordert er ihre Liebe und sie willigt ein. Sie hält eine ergreifende Rede über ihr Schicksal während der Revolution. Diese und ihre Bereitswilligkeit, “sich zu opfern”, lassen Gérard seine Einstellung zu Chénier ändern. Gérard tritt für ihn ein und spricht sich gegen das Todesurteil aus. Dennoch kann er nicht verhindern, dass Andrea Chénier zur Guillotine verurteilt wird. Das Volk will es so.
4. Akt
Im Gefängnis: Chénier trägt seinem Freund Roucher seine letzten Verse vor. Maddalena fasst den Entschluss, mit dem Mann, den sie liebt, zu sterben. Sie besticht den Gefängniswärter und besteigt so an Stelle einer verurteilten Delinquentin zusammen mit Chénier den Karren, der sie zum Schafott bringt. Gérard versucht, eine Begnadigung zu erwirken, doch es ist zu spät. Maddalena und Chénier sind im Tode vereint.

Musikalische Höhepunkte:
Un dì all’azzuro spazio” (Chénier, 1. Akt)
Come un bel dí di Maggio” (Chénier, 4. Akt)
La mamma morta” (Maddalena, 3. Akt) bekannt als Filmmusik aus dem AIDS Drama “Philadelphia” mit Tom Hanks
Nemico della patria” (Gérard, 3. Akt)

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