Pfäffikon: STRADIVARIS GESCHENK, Herbstkonzert, 26.10.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Amici dell'Arte, Stradivaris Geschenk

Vivaldi: CONCERTO ALLA RUSTICA, RV 151 | Kim Märkl: STRADIVARIS GESCHENK | Vivaldi: SINFONIA PER ARCHI, RV 121 | Aufführungen: Küsnacht, 25.10. Pfarreizentrum St.Georg, Pfäffikon ZH, 26.10., reformierte Kirche

Kritik: 

Die kommentierten Konzerte des Kammerorchesters AMICI DELL’ARTE aus Pfäffikon ZH haben schon Tradition. Mit dem diesjährigen Programm, welches das Werk STRADIVARIS GESCHENK der Komponistin Kim Märkl  in den Mittelpunkt stellte,  gelang es dem Ensemble des Dirigenten Marcel Blanchard erneut ausgezeichnet,  klassische Musik auf unterhaltsame Art und Weise erlebbar zu machen und sie auch Menschen näher zu bringen, welche vielleicht ab und an Berührungsängste mit der so genannten Hochkultur aufweisen.  Ausgehend von einer romantischen Liebesgeschichte, an deren Anfang ein kleiner ungelöst bleibender Kriminalfall steht, erfahren die Zuhörerinnen und Zuhörer allerlei Interessantes und Wissenswertes über das Barockzeitalter und die Kunst des Instrumentenbaus, insbesondere des Geigenbaus. Diesmal trat das Orchester in einer reinen Streicherbesetzung (mit Harfe) an und als Einstimmung auf die Barockmusik Italiens wurde eines von den vielen Ripieno-Konzerten Antonio Vivaldis gespielt, das CONCERTO ALLA RUSTICA, RV 151. Mit einnehmender  Natürlichkeit begrüsste der Sprecher und Conférencier des Abends, Kristian Trafelet, das Publikum in Schweizer Mundart und führte mit launigen Worten ins Programm ein. Das kurze, dreisätzige Concerto Vivaldis war Musik für die Seele: Das Orchester überzeugte mit einem wunderbar homogenen Streicherklang, leuchtend erhoben sich die Violinen über dem soliden Bassfundament der tiefen Streicher. Marcel Blanchard verstand es hervorragend, einzelne Stimmen hervorzuheben, tolle Akzente zu setzen, in einer Musik, welche oft (und meist zu Unrecht) als Fliessbandarbeit verspottet wird. Nie überhastend in den Ecksätzen zeichnete Blanchard klare Bögen, arbeitete Echo-Wirkungen schön abgesetzt heraus und das Streichquartett der Stimmführer wurde wunderschön dialogisierend ins Tutti eingebettet.  Das wehmütig klagende Adagio des Mittelsatzes liess ganz speziell aufhorchen!

Danach folgte die Schweizer Erstaufführung von Kim Märkls STRADIVARIS GESCHENK. Die Komponistin vertonte ihren Text als eine Art Hörspiel für einen Sprecher, einen Solisten (an den hohe Anforderungen gestellt werden!) und Streichorchester. Vielleicht liessen sich einige Leute durch den bei uns relativ unbekannten Namen der Komponistin und deren Geburtsjahr (1961) vom Besuch des Konzertes abschrecken, da sie befürchteten, mit atonaler oder serieller Musik konfrontiert zu werden. Doch weit gefehlt: Frau Märkl konzipierte für ihren romantischen Roman eine sehr gefällige, eingängige und – dem Thema des verzweiflelt liebenden Geigers – leicht melancholisch angehauchte, sehr tonale Musik. Manchmal erinnert ihre Tonsprache an Filmmusik des grossen Francis Lai, welcher seinen unverwechselbaren Sound zu vielen französischen Melodramen beigesteuert hatte. Berührende Lamenti, ein reizvolles Notturno, eine Berceuse waren da zu hören, die Gefühlslagen des Protagonisten Raphael stimmungsvoll untermalend. Die mit wunderbar warmem Klang spielenden Streicher der AMICI DELL’ARTE verliehen den verschiedenen emotionalen Zuständen des armen Raphael mit begeisternder Präzision Ausdruck. In einer perfekten Abmischung des Tons wurde der Sprecher Kristian Trafelet (der die Geschichte nun natürlich Hochdeutsch vortrug) in das Klangbild des Streichorchesters eingebettet. Trafelet verstand es, die etwas simpel gestrickte Geschichte leicht augenzwinkernd zu erzählen, wechselte den Tonfall in den direkten Reden gekonnt, indem er den Personen ganz nach Herkunft den Hauch eines Akzents verlieh, mal etwas italienisch, am Hof zu München leicht bajuwarisch, alles sehr geschmackvoll, weder anbiedernd noch chargierend.  Jelena Helbling  gestaltete  zu Raphaels (und Stradivaris) Suche nach der perfekten Geige und zu den amourösen Sehnsüchten des Geigers wunderschöne Aquarelle, welche in der Kirche auf eine Grossleinwand über dem Orchester projiziert wurden.  Sie schaffte es mit ihren Illustrationen ausgezeichnet, Stimmungen zu evozieren und die Orte der Handlung  anschaulich zu konkretisieren. Und dann war da noch der Protagonist selbst, welcher nicht nur in der Erzählung und auf den Bildern vorkam, sondern mit dem stupenden Spiel auf seinem Instrument die Zuhörer in Entzücken versetzte: Sandro Tigishvili, ein wahrer Teufelsgeiger. Er entlockte seinem Instrument Töne von herzerweichender Reinheit; virtuose, und mit stupender Leichtigkeit gespielte Läufe wechselten mit tief empfundenen Kantilenen, führten rein und klar in himmlische Sphären.  Er machte durch seine phänomenale Virtuosität  - gepaart mit einer deutlich spürbaren Liebe zu seinem Instrument  - Kim Märkls Werk zu einem ganz besonderen musikalischen Erlebnis. Dirigent Marcel Blanchard hielt die Fäden (Erzähler, solistischer Virtuose und Streichorchester) gekonnt in der Hand und sorgte für eine fein abgestimmte Präzision der Ausführung und natürlich für die dem Werk inhärente Portion an Sentiment, jedoch ohne in Kitsch abzugleiten. Nach dem Happyend folgte nochmals ein Concerto Vivaldis, die Sinfonia per archi in D-Dur, in welchem wiederum ein melancholisches Adagio von zwei feierlichen Allegro-Sätzen eingerahmt wird. Doch die (leider nicht allzu zahlreich erschienen) begeisterten Zuhörer entliessen Orchester und Dirigenten nicht ohne Zugabe in die laue Herbstnacht. Und so kam man noch in den Genuss  einer beschwingten Opern-Ouvertüre aus Vivaldis fleissiger Feder.

Das nächste Konzert der AMICI DELL’ARTE wird das ebenfalls traditionelle Silvesterkonzert am 31.Dezember in der reformierten Kirche Pfäffikon sein. Für Informationen dazu klicken Sie bitte auf den untenstehenden Link.

P.S: Wer noch mehr von Vivaldis Opernschaffen (da finden sich zahlreiche ungehobene Schätze) erleben möchte, dem sei die Aufführung seiner Oper La verità in cimento im Opernhaus Zürich empfohlen, welche am 25. Mai 2015 Premiere haben wird.

 

Inhalt und Werke:

Antonio Vivaldi (1678-1741) ist heutzutage leider oft nur noch als Komponist der  VIER JAHRESZEITEN bekannt (es sind dies die ersten vier Konzerte aus den 12 Violinkonzerten unter dem Namen L’ESTRO ARMONICO). Doch der venezianische Vielschreiber hat noch weit mehr geschaffen und durch seinen immensen harmonischen und melodischen Einfallsreichtum unzählige Komponisten weit über Italien heraus beeinflusst und geprägt. Fast die Hälfte seines überlieferten Oeuvres umfasst zwar Werke für Solovioline oder Violinkonzerte. Daneben schrieb er auch so genannten Ripienokonzerte, als Konzerte ohne Solisten und hinterliess mindestens 50 Opern. Die beiden Konzerte, welche das Kammerorchester AMICI DELL’ARTE in seinem Herbstkonzert zur Aufführung bringt,  sind typische Vertreter der dreisätzigen Kompositionen Vivaldis, bei denen zwei schnelle Ecksätze einen langsamen Mittelsatz umrahmen.

Zwischen den beiden Konzerten Concerto alla rustica RV 151 und der Sinfonia per archi, D-Dur, RV 121 erklingt Kim Märkls (geboren 1961) musikalische Reise für Sprecher, Solovioline und Streichorchester „Stradivaris Geschenk“. Darin wird die Geschichte des Geigers Raphael erzählt. Raphael ist am Münchner Hof bei Ferdinand Maria und Prinzessin Henriette Adelaide engagiert. Der junge Geiger tritt seinen Dienst in der Münchner Residenz mit einem Festkonzert an, bei dem seine herrlich feurigen Klänge den Münchner Hof begeistern. Doch schon kurz darauf wird ihm sein Instrument gestohlen. Raphaels Trauer über den Verlust seines geliebten Instruments ist unermesslich. Raphael bittet den Kurfürsten,nach Cremona zurückkehren zu dürfen, um sich eine neue Geige bauen zu lassen. Dort begegnet er dem Amati-Schüler Antonio Stradivari, dem er den Auftrag für den Bau einer neuen Geige erteilt. Und dann verliebt er sich auch noch bei einem Konzert in Carolina, die Tochter eines Herzogs... Die Geschichte «Stradivaris Geschenk» wird mit grossen Gefühlen, aber sehr sensibel und ohne Kitsch erzählt, gespickt mit historischen Informationen und Wissenswertem.

Die Komponistin Kim Märkl stammt aus Cleveland, Ohio. Nach mehreren Jahren als Klarinettistin in diversen Orchestern ist sie seit 12 Jahren freischaffende Komponistin und Produzentin, u.a. für den Bayerischen Rundfunk.

Antonio Stradivari (ca. 1648-1737) gilt als einer der bedeutendsten Geigenbauer. Seine Instrumente werden heute für Millionenbeträge gehandelt. Die Resonanzkörper und der sehr spezielle rote Lack seiner über 1100  geschaffenen Saiteninstrumente (ca 650 sind noch erhalten) gelten auch heute noch als einzigartig. Berühmte Geigenvirtuosen der Gegenwart und der Vergangenheit beglücken das Publikum mit dem singulären Klang einer echten Stradivari: Von David Oistrach, über Joshua Bell, Maxim Vengorov,  Anne-Sohie Mutter, Gil Shaham, Leonidas Kavakos bis zu André Rieu. Das spanische Königshaus besitzt eine Sammlung  von fünf echten Stradivaris. 

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