Paris, Opéra Bastille: TRISTAN UND ISOLDE, 12.04.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tristan und Isolde

Handlung in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text : vom Komponisten, nach Gottfried von Strassburg ¢ Uraufführung: 10. Juni 1865, Nationaltheater, München | Aufführungen in Paris: 8.4. | 12.4. | 17.4. | 21.4. | 25.4. | 29.4. | 4.5.2014

Kritik: 

Es ist der Abend des Dirigenten und seines Orchesters – diese TRISTAN-Musik fährt ein wie eine rätselhafte Droge mit beinahe unbeschreiblichem Suchtpotential!

Philippe Jordan und das so wunderbar rein und einfühlsam aufspielende Orchestre de l’ Opéra national de Paris lassen aus dem Graben Klänge erklingen, welche ein ganzes Universum zu umfassen scheinen. Nur schon das Vorspiel zum ersten Akt ist ein Traum. Ein Traum an Nuancen, Steigerungen, Zärtlichkeit und tief empfundenem Weh. Die schmerzvollen Reibungen des Tristan-Akkordes, das mit grandioser Steigerung zum orgiastischen Höhepunkt führende crescendo, die subtilen Abstufungen des Zurückgleitens, Versinkens, das alles wird mit einer Feinfühligkeit herausgearbeitet, welche einen vollkommen in ihren Bann schlägt, in den Strudel der Gefühle hineinzieht – unentrinnbar, Seele und Geist werden eins. Und immer bleiben Jordan und sein Orchester Diener der Partitur, des Empfindens, die musikalische Schilderung wird nie zum protzenden Selbstzweck, es herrscht eine schlichte, tief empfundene Ehrlichkeit – ein Wagner, der nie pastos, dick und schwülstig wirkt, sondern entschlackt, transparent, aber nicht dünn! Grandios!

Auf diesem feingewobenen musikalischen Teppich können sich die Stimmen der wunderbaren Sängerinnen und Sänger entfalten, aufblühen, wieder darin verschmelzen, ohne je forcieren zu müssen. Violeta Urmana glänzt in der  Rolle der Isolde mit einer herrlichen Mittellage, wohlklingend, satt klingend und nie hysterisch werdend. Auch wenn einige der wenigen hohen Töne hart erkämpft (aber sicher erreicht!) erscheinen mögen, ist und bleibt sie eine souverän gestaltende Isolde, wunderbar entrückt in ihrem Schlussgesang. Robert Dean Smith kommt das feinfühlige Dirigat besonders entgegen, da der Sänger nicht über eine überdimensioniert heldische Stimme verfügt. Ich persönlich habe den hellen, klaren und vor allem textsicheren Tenor (!)  von Dean Smith noch nie besser gehört (im wörtlichen Sinne!) als an diesem Abend: Sein vortreffliches Legato, die eleganten Phrasen, die wunderbare Harmonie mit Urmana im zweiten Akt. Dass sein überlanges Lamento im dritten Akt etwas ermüdet und ermüdend wirkt, ist auch Wagners Schuld ... . Janina Baechles Brangäne ist ein Ereignis: Mit warmer Stimme, gibt sie die besorgte Vertraute Isoldes, überaus textverständlich artikulierend und geschmeidig phrasierend im ersten Akt, unglaublich zart intonierend in ihrem (leider von Wagner viel zu kurz komponierten) Einsam wachend im zweiten Akt. Der Kurwenal von Jochen Schmeckenberger ist schneidend forsch in seiner Verspottung Isoldens und sich mit anrührendem Gesang um seinen Herrn Tristan kümmernd im dritten Akt. Franz-Josef Seligs König Marke vervollkommnet das Quintett der exzellenten Protagonisten: Mit schlichter, aber eindringlicher Gestaltungskraft macht er den Monolog Markes zu einem spannenden Psychogramm einer gescheiterten Männerfreundschaft, ein Scheitern, welches in ihm tiefe Enttäuschung auslöst. Hervorragend! Raimund Nolte lässt als klarstimmiger Melot ebenso aufhorchen wie Pavol Bresliks luxuriöses, bronzenes Timbre als junger Seemann im ersten und als Hirte im dritten Akt.

Die Vorspiele zu den Akten wurden (zum Glück) bei geschlossenem Vorhang gespielt. So konnte man total in die Musik eintauchen, sich seine eigenen Bilder schaffen, sich den Emotionen hingeben. Sobald sich der Vorhang öffnet, wird das naturgemäss schwieriger. Peter Sellers hat ja eigentlich vor dem TRISTAN kapituliert und stellt anstelle einer Inszenierung eine Installation mit den Videokreationen von Bill Viola zur Diskussion. Da die Filmsequenzen Violas ja ziemlich konkret sind, wird das Empfinden des Zuschauers für meinen Geschmack dadurch zu stark gegängelt und lässt (im Gegensatz etwa zu Bob Wilsons verrätselten Abstraktionen) wenig Raum für eigene Assoziationen. Die Personen bewegen sich in schwarzen Gewändern auf engem, schwach ausgeleuchtetem Raum vor der gigantischen Leinwand, gleich einer antiken, auf minimalistische Gesten reduzierten Tragödie. Das Auge der Zuschauer jedoch wird von den Bildern auf der Leinwand gefesselt und stark geführt. Einige dieser Sequenzen sind tatsächlich von hoher Suggestionskraft, andere hingegen wirken auf mich schlicht zu banal. (Es ist auch schwierig, für vier Stunden reiner Musik immer auch gleich passendes Bildmaterial zu haben ...  .) Diese Verweigerung einer aussagekräftigen Inszenierung, welche durchaus auch mal provozieren und Stellung beziehen darf, ist für mich als Experiment akzeptabel, muss aber nicht unbedingt Schule machen.

Inhalt:
Vorgeschichte:
Tristan tötet im Befreiungskampf um Cornwall den Iren Morold und schickt seinen Kopf dessen Verlobter Isolde nach Irland. Auch er selbst wird im Kampf schwer verwundet und lässt sich von der in heilenden Künsten bewanderten Isolde behandeln. Diese erkennt in ihm jedoch den Mörder ihres Verlobten, vermag es aber nicht, ihn zu töten. Tristan kommt erneut nach Irland und nimmt Isolde als Friedenspfand für seinen König (Marke) mit.

Oper:


Auf dem Schiff überhäuft Isolde Tristan mit bitteren Vorwürfen. Sie weigert sich an Land zu gehen, wenn Tristan nicht mit ihr den Sühnetrunk zu sich nehmen werde. Isoldes Vertraute, Brangäne hat jedoch den Todestrunk mit dem Liebestrank vertauscht. Tristan und Isolde gestehen einander ihre Liebe.
Isolde, unterdessen König Markes Gemahlin, erwartet Tristan voller Ungelduld im Garten. Die beiden Liebenden vereinigen sich in einem ekstatischen Rausch und hören nicht auf Brangänes Warnrufe. Von Melot, einem alten Kampfgefährten Tristans, herbeigrufen, erscheint Marke, der sich bitter enttäuscht zeigt über den vermeintlichen Treuebruch seines Helden Tristan. Mit einem letzten Kuss für Isolde provoziert Tristan Melot. Dieser verwundet ihn schwer.
Tristan wird von seinem Getreuen Kurwenal auf die Burg seiner Väter gebracht. In Fieberfantasien sehnt er seine Heilerin und Erlöserin Isolde herbei. Kurwenal hat nach Isolde geschickt, ihr Schiff legt endlich an, doch zu spät. In Isoldes Armen stirbt Tristan. In einem zweiten Schiff erreichen auch König Marke, Melot und Brangäne die Burg. Kurwenal erschlägt Melot, wird aber selbst auch tödlich verwundet. Marke, nun von Brangäne über die Zusammenhänge aufgeklärt, beklagt die Toten.
Isolde sinkt in visionärem Wahn über Tristans Leiche: „Ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust!“ lauten ihre letzten Worte.

Werk:
Fünf Jahre dauerte es nach der Fertigstellung der Komposition bis zur Uraufführung in München. Wien brach die Produktion nach 77 Proben ab, das Werk galt als unspielbar. Die immensen Anforderungen, welche an die beiden Interpreten der Titelpartien gestellt werden, erfordern Sänger allergrössten Formats.
Wagner hat in seinem wohl schönsten Werk private Konflikte (seine Beziehung zur Frau seines Mäzens Wesendonck) verarbeitet und auf wunderbare Weise sublimiert. Ausgehend vom berühmtesten Akkord der Musikgeschichte, dem Tristan-Akkord F-H-Dis-Gis entwickelt er ein Musik voller Trugschlüsse, chromatischen Wendungen, raffinierten Übergängen, angepeilten und doch nie erreichten Auflösungen, welche ein wahrhaftes Versinken in der Musik ermöglichen. Diese unendliche Melodie voll aufgebauter Spannung, die sich selten löst, übt auf das Ohr eine ungeheure Sogwirkung mit Suchtpotential aus.

Höhepunkte:
Vorspiel mit Tristan Akkord
O sink hernieder, Nacht der Liebe, grosse Szene Isolde-Tristan, Aufzug II
Mild und leise, wie er lächelt, Schlussszene der Isolde, Aufzug III

Video: www.dailymotion.com/video/xxr0pm_entretien-avec-philippe-jordan-tristan-und-isolde_creation

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