Paris, Opéra Bastille: BENVENUTO CELLINI, 20.03.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Benvenuto Cellini

Opéra comique in zwei Akten (vier Bildern) | Musik: Hector Berlioz | Libretto: Léon de Wally und Henri-Auguste Barbier | Uraufführung: 10. September 1938 in Paris | Aufführungen in Paris: 20.3. | 23.3. | 26. 3. 29.3. | 1.4. | 7.4. | 11.4.| 14.4.2018

Kritik: 

Welch eine Wohltat - nach langer Zeit muss man bei einer Opernaufführung für einmal nicht auf einheitsgraue oder holzvertäfelte, schmucklose Wände starren und dabei Managern in dunklen Anzügen oder Damen in Highheels und eng geschnittenen Kostümen bei ihrem Treiben zusehen. Regisseur Terry Gilliam und seine Mitarbeiter*innen an dieser mit Riesenjubel aufgenommenen Inszenierung von Berlioz' BENVENUTO CELLINI setzen ganz auf rasantes, optisch-szenisches Spektakel. Nur schon das Bühnenbild (auch vom Regisseur - er war ja der Zeichner der berühmten Monty Python Gruppe - und von Aaron Mardsen) ist eine Wucht, von den optisch täuschenden Treppengewirren des Zwischenvorhangs bis zu den raffiniert eingesetzten mobilen Bühnenelementen, welche schnelle und sinnfällige Schauplatzumgestaltungen ermöglichen. Die trefflichen Kostüme (mehr oder weniger aus der Entstehungszeit der Oper, also nicht aus dem 16. Jh. der Handlung) stammen von Katrina Lyndsay, für die einfallsreiche Choreografie ist Leah Hausmann verantwortlich, das grandiose Lichtdesign ist Paul Constable zu verdanken und die klug eingesetzten Video- Effekte hat Finn Ross konzipiert. Gilliam setzt in seiner Regie nun weniger auf das inhärente Künstlerdrama, er betont eher die komischen, kafkaesken, kruden und grotesken Aspekte, macht aus der Story um Kunst und kirchliche Mäzene, Intrige, Mord und Entführung eine böse Farce. Bereits gegen Ende der Ouvertüre geben Gaukler einen Vorgeschmack auf das Finale I, diesen sagenhaft ereignisreichen CARNEVAL ROMAIN. Sie erobern sich mit ihren akrobatischen Kunststücken das Parkett, von der Decke des riesigen Opernhauses La Bastille regnet es Konfetti. Am Ende dann, wenn die gigantische Perseus-Statue von Cellini im letzten Moment zur Zufriedenheit des Papstes fertiggestellt ist, werden wir alle im Saal mit Tonnen von Goldfolienplättchen beschneit und blicken verzückt auf das Meisterwerk, das wir wenigstens vom Penis des Perseus an abwärts bewundern können. Die Personenführung Gilliams ist sowohl in den grossen Chorszenen (Taverne, Karneval, Giesserei) als auch in den kammerspielartigen Momenten (Lauschterzett) hervorragend gelungen. Mit dem effektvollen Auftritt des Papstes hat Gilliam quasi eine Inkarnation des Kitsches geschaffen, die er gekonnt mit schwul tanzenden päpstlichen Garden unterhöhlt. Mit seinem Einfallsreichtum setzt er sich unterhaltsam über die nicht ganz unerheblichen Längen und geradezu peinlichen Plattitüden des stellenweise sehr unbeholfenen Librettos der Oper hinweg. Das aufwändige Spektakel kann ein Haus heutzutage wohl kaum mehr alleine stemmen, deshalb handelt es sich bei diesem CELLINI um eine Koproduktion der ENO London, De Nationale Opera Amsterdam und des Teatro dell'opera di Roma.

Gewählt hat man für diese Premiere in Paris eine Mischfassung aus Original, Bearbeitung durch den Komponisten und der von Liszt eingerichteten Fassung für Weimar von 1852. Mag sein, dass es dadurch zu den bereits erwähnten Längen kommt, denn mit einer reinen Spieldauer von gut drei Stunden gerät der Abend doch etwas lang, zumal Berlioz zwar orchestral und in den Massenszenen gewaltig punkten kann, bei der Behandlung der Gesangslinien doch stellenweise etwas gar bieder und uninteressant bleibt (mag auch am schlechten Libretto liegen, bei seinem Hauptwerk LES TROYENS ist das entschieden besser!). Neben den von den Choeurs de l'Opéra national so herrlich voll und beeindruckend gestalteten, effektvollen Szenen, gibt es aber auch weitere wahre Kostbarkeiten zu entdecken, so das Lauschterzett, der auch musikalisch gewaltige und eindrückliche Auftritt von Papst Clemens VII, das Sextett, die erste Arie der Teresa, die herrliche Arie des Ascanio, das Gebet Ascanio-Teresa und natürlich Cellinis wunderbare, introvertierte Arie "Sur les monts ..." . Dazu braucht man exzellente Sängerinnen und Sänger, die sich stilistisch auskennen und des französischen Idioms mächtig sind. Prompt erhielt denn auch die Franko-Kanadierin Michèle Losier in der Hosenrolle des Ascanio am meisten Applaus. Die Mezzosopranistin begeisterte mit ihrem biegsamen, warm timbrierten Mezzo, ihrem erfrischenden Spiel. Die restlichen Hauptpartien waren mit nicht muttersprachlichen Künstlern besetzt, so musste man in der Diktion einige kleinere Abstriche machen. Der Tenor John Osborn überzeugte in der schwierigen Titelpartie mit seinem weichen Ansatz, wunderschön schmeichelnder, unforcierter Höhe und intelligenter Phrasierung. Pretty Yende konnte als Teresa insbesondere in der Stretta ihrer Arie mit fantastischen Koloraturen punkten und ihre Stimme vereinigte sich wunderschön mit dem Mezzo von Losier im Gebet. Besonders gefeiert wurde auch Marco Spotti als bassgewaltiger Papst Clemens. Maurizio Muraro, ebenfalls Bass, sang einen soliden Balducci. Herausragend für mich war jedoch Audun Iversen als schleimig intriganter Konkurrent Cellinis, Konkurrent um Teresa und um Ansehen als Künstler. Iversen machte das darstellerisch ausgezeichnet und gab dem Unsympathen Fieramosca mit seinem differenziert intonierenden Bariton kantiges Profil. Viel Applaus erhielten zu Recht die vielen Akrobaten rund um Cassandros Truppe und überschwänglich und ebenfalls verdient gefeiert wurden natürlich das hauseigene Orchester unter der Leitung seines (noch) Chefs Philippe Jordan, welcher die farbige Orchestrierungskunst Berlioz' in den entscheidenden Momenten zum Glühen brachte, aber auch fein ausgehorchten und spannend interpretierten intimeren Momenten der Partitur nachhorchte. Der Premierenjubel war gigantisch - ich wage aber doch zu behaupten, dass das Werk nicht ins Standardrepertoire Einzug halten wird.

P.S. Bin ich eigentlich der einzige, der die Akustik der gigantischen Opéra de La Bastille nicht so besonders schätzt? Für mich klingt hier vieles zu dumpf, zu flach. 

P.P.S. Meine Gedanken sind beim Reinigungspersonal, welches nach jeder CELLINI Vorstellung die Konfetti und die Goldfolienplättchen im gesamten Zuschauerraum aufsammeln darf ... 

Inhalt:

Teresa, die Tochter des päpstlichen Schatzmeisters Balducci, beobachtet das Karnevalstreiben auf den Strassen Roms. Sie liebt den Bildhauer Benvenuto Cellini. Mit dieser Verbindung ist ihr Vater überhaupt nicht einverstanden, da er Cellini für einen Taugenichts hält, obwohl der Papst Clemens VII. eben diesen Cellini mit der Schaffung einer Perseus Staute beauftragt hat. Balducci hat Cellinis Konkurrenten Fieramosco als Gatten für Teresa ausersehen. Cellini erscheint, als Balducci aus dem Haus ist. Er will Teresa am nächsten Abend im Trubel des Karnevals als Mönch verkleidet entführen. Fieramosco jedoch hat dieses Gespräch belauscht. Balsucci kehrt unerwartet zurück, Cellini kann sich davonstehlen, Fieramosco jedoch wird entdeckt und als tolpatschiger Schürzenjäger verspottet.

Die Giesser Cellinis zechen in der Werkstatt. Die Rechnung des Wirts können sie allerdings nicht bezahlen. Cellinis Gehilfe Ascanio kommt mit der Anzahlung des Papstes für die Perseus Statue zu Hilfe. Doch das Geld reicht nur für die Rechnung des Wirts. Die Arbeiter beschliessen, sich am geizigen Schatzmeister Balducci zu rächen und planen eine Spott-Pantomime am Karnevalsumzug. Fieramosco erfährt von diesen Plänen und er und sein Freund Pompeo beschliessen, am Karneval ebenfalls als Mönche verkleidet zu erscheinen und Cellini einen Strich durch die Rechnung zu machen. Am Karneval erregt sich Balducci dermassen über die Karikatur (auf seine Kosten) der Gaukler, dass er auf die Bühne stürmt. Im darauffolgenden Durcheinander kommt es zum Kampf zwischen den Mönchen, die alle Teresa entführen wollen. Dabei ersticht Cellini Pompeo. Die Menge will Cellini fassen, doch die Kanonenschüsse von der Engelsburg verkünden das Ende des Karnevals und künden den Aschermittwoch an. Da nun alle Kerzen gelöscht werden müssen, gelingt es Cellini zu entkommen. An seiner Stelle wird der andere Mönch, Fieramosco, verhaftet.

Teresa und Ascanio sorgen sich in Cellinis Werkstatt um das Schicksal des Künstlers. Doch da taucht er auf, erneut treffen Teresa und er Vorbereitungen zur Flucht. Doch Balducci und Fieramosco treten dazwischen. Ein Streit entbrennt. Nun betritt auch noch der Papst die Werkstatt. Er will die Fertigstellung der Statue einem andern Künstler anvertrauen, da Cellini sie immer noch nicht vollendet hat. Cellini droht darauf, das Modell zu zerstören. Der Papst gewährt ihm Aufschub bis zum Abend. Falls sie dann fertig ist, soll ihm der Mord an Pompeo vergeben und Teresa seine Frau werden. Falls nicht, soll er am Galgen hängen.

Cellini fürchtet, die Aufgabe nicht bewältigen zu können, zumal die Giessereiarbeiter auch noch streiken wollen. Er träumt vom Leben als Hirte. Teresa fleht die Arbeiter an, Cellini zu helfen. Fieramosco taucht ebenfalls auf und Teresa glaubt, er habe Cellini erstochen. Cellini kehrt jedoch mit Entschlusskraft zurück, beruhigt alle und vermag gar Fieramosco als Helfer einzuspannen. Der Papst will nun selbst dem Guss der Statue beiwohnen. Doch plötzlich wird klar, dass nicht genügend Metall vorhanden ist, um das Werk zu vollenden. Da wirft Cellini all seine in der Werkstatt herumstehenden Meisterwerke in den Ofen. Der Guss kann endlich vollendet werden, Cellini kriegt die Absolution de Papstes, die Hand Teresas und unsterblichen Künstlerruhm.

Werk:

Trotz einer kleinen Renaissance, welche in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20.Jahrhunderts vor allem durch Colin Davis am Royal Opera House in London initiiert wurde, werden die musikdramatischen Werke von Hector Berlioz (1803 bis 1869) noch immer zu wenig gewürdigt, haben den ihnen gebührenden Stammplatz im Repertoire der grossen Opernhäuser nicht erobern können. Dies gilt insbesondere für seinen bahnbrechenden BENVENUTO CELLINI. Gemäss operabase.com sind in der Spielzeit 17/18 lediglich Aufführungen in Paris und St. Petersburg geplant. Dabei bietet diese Opéra comique des französischen Meisters alles, was man sich nur für ein Musikdrama wünschen kann: Ein spannende Handlung, einen einzigartigen Reichtum an melodischen Einfällen, Rhythmen, Farben und musikalischer Charakterisierungskunst. Dazu ist es ein Künstlerdrama, das die Erwartungshaltung des Bürgertums an an eine sentimentale Opéra comique konsequent unterläuft, denn es beinhaltet vielschichtige gesellschaftskritische und utopische Sichtweisen. Dazu jedoch bietet diese Oper mit dem Finale I eines der mitreissendsten Opernfinale der gesamten Literatur, eine Entfesselung von melodischen und rhythmischen Einfällen, die Berlioz dann später auch in seiner Konzertouvertüre LE CARNEVAL ROMAIN verarbeitet hatte. Der grosse Berlioz Bewunderer Franz Liszt (er brachte in Weimar auch eine von ihm redigierte Fassung von Benvenuto Cellini in drei Akten zur Aufführung) schrieb über seinen Komponistenkollegen: „Ehre dir, Berlioz, denn auch du kämpfst mit unbesiegbarem Mut, und wenn du die Medusa noch nicht bezwungen hast, wenn die Schlangen noch immer zu deinen Füssen zischen und dich mit ihren scheusslichen Zungen bedrohen, wenn Neid, Dummheit, Bosheit und Gemeinheit sich um dich herum zu mehren scheinen, fürchte nichts, den die Götter stehen dir bei. Sie haben dir wie Perseus Helm, Flügel, Schild und Schwert gegeben, das heisst Wandlungsfähigkeit, Behendigkeit, Klugheit und Stärke.“

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