Luzern: MY FAIR LADY, 31.10.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   My Fair Lady

Musical in zwei Akten | Musik: Frederick Loewe | Text: Alan Jay Lerner, nach George Bernard Shaws PYGMALION | Uraufführung: 15. März 1956 in New York | Aufführungen in Luzern: 31.10. | 10.11. | 17.11. | 22.11. | 24.11. | 1.12. | 12.12. | 14.12. | 20.12. | 22.12.| 26.12. | 29.12. | 31.12. 2012 | 2.1. | 18.1. | 20.1. | 25.1. | 17.2. | 2.3. | 7.4. | 13.4. | 4.5. 2013

Kritik:

Spritzig, mit subtilem Augenzwinkern in Szene gesetzt und schlicht grossartig besetzt - das Luzerner Theater zieht alle Sparten übergreifenden Register und zündet mit dieser Produktion von MY FAIR LADY ein vergnügliches Feuerwerk. Marie-Luise Dressen brilliert als facettenreiche Eliza!

Eigentlich war man nach der mit Schmiss und rhythmischer Prägnanz dargebotenen Potpourri-Ouvertüre durch das Luzerner Sinfonieorchester unter der fabelhaften Leitung von Florian Pestell etwas überrascht, als sich der Vorhang öffnete. Denn Regisseur Ansgar Weigner hatte in einem Gespräch erwähnt (Zitat): „ Allerdings gibt es gesellschaftliche Abstufungen heute noch genauso wie damals. Von daher sehe ich keine Verpflichtung, das Stück in seiner Entstehungszeit spielen zu lassen ... Das Stück kann jederzeit und an jedem Ort der Erde spielen, an denen sich eine Gesellschaft über Sprache und ein soziales Gefälle definiert.“ Doch von einer Verlegung in eine andere Epoche oder einen anderen Ort war nichts zu sehen. Die Säulen der Covent Garden Oper waren angedeutet, der Londoner Nebel ebenso, die Kostüme (wenn auch mit witzig-ironisierenden und karikierenden Brechungen) durchaus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg entsprechend. Entstanden ist (glücklicherweise) dennoch nicht ein üppiger, die - durchaus zum Nachdenken anregende - Handlung erdrückender Ausstattungsschinken. Duncan Hayler (Bühne und Kostüme) hat klar definierte, stimmige und aussagekräftige Räume geschaffen, welche rasche Szenenwechsel ermöglichen: Strassenszenen im Osten Londons, der Platz vor dem Haus in Mayfair, das Pferderennen in Ascot, Higgins Bibliothek, in der selbst die Möbel aus Büchern hergestellt sind und dennoch die vornehme Chesterfield-Clubatmosphäre ausstrahlen. Das Motto lautet also: Alles Buch oder was?! Selbst Higgins Bedienstete müssen sich in bücherartige Kostüme pressen lassen, die Zylinder der Herren verdienen diese geometrische Bezeichnung nicht mehr, denn auch sie sind der eckigen Buchform nachempfunden. Auf Higgins Frack beim Pferderennen in Ascot prangt das Alphabet ebenso demonstrativ wie es an Elizas lächerlichem Kopfputz in Glitzerform hängt. Hier wird von der „Noblesse“ mit ihrer kultivierten Bildung auf Teufel komm raus geprahlt. Herrlich! Wunderschön auch der Einfall, Eliza quasi als Königin von Saba auf dem Diplomatenball einziehen zu lassen und damit den ersten Akt in einem subtilen Bogen auch kostümdramaturgisch zu schliessen.

Weigner führt die Darsteller zu eindringlichen, starken, aber kaum chargierenden, Rollenporträts, der Choreograph Luches Huddleston Jr. steuert witzige, einfallsreiche (und in den angedeuteten Ball- und Traumszenen) auch elegante Tanzeinlagen bei und unter der Leitung von Florian Pestell bleiben musikalisch keine Wünsche offen. Marie Luise Dressen gelingt eine hinreissend burschikose Eliza, die sich am Ende auf die Emanzipation besinnt und das Schicksal (und die Liebe) selbstbewusst und hoch erhobenen Hauptes in die Hand, beziehungsweise in ihren Kussmund nimmt. In ihren Songs und den Ensembleszenen begeistert sie mit ihrem warmen, ungemein ausdrucksstarken Mezzosopran. Die an „Ich hätt getanzt heut Nacht“ angehängte Vokalise ist vom Feinsten und bringt selbst ihren Papagei zur Explosion, ganz zu schweigen von der Begeisterung, welche sie damit beim Publikum auszulösen vermag. Der Professor Higgins von Jörg Dathe zeichnet sich durch eine wunderbar sonor klingende Gesangsstimme aus. Er gestaltet den Schlussmonolog sehr intelligent, ist ein selbstverliebtes, arrogantes und (in empathischen Belangen) uneinsichtiges Ekel von Wissenschaftler, welcher einzig unter der ihm aufoktroyierten, allzu effeminierten Gestik (nimmt wohl Bezug auf seinen Songtext „... kann eine Frau nicht sein wie ich?“) etwas an einsichtiger Profilierung einbüsst. Christoph Künzler bringt als Oberst Pickering (mithilfe des häufigen Griffs zur Flasche) die notwendige menschliche Anteilnahme mit und nickt bei den pseudo-intellektuellen Ergüssen Higgins regelmässig ein. Patrick Zielke als Elizas Vater Alfred P. Doolittle gewinnt durch seine verschmitzte, Gin getränkte Leutseligkeit und seinen klangmächtigen Bass flugs die Sympathien des Publikums, genauso wie es dem jungenhaften, attraktiven Freddy von Robert Maszl mit seinem einnehmend schmachtenden Tenor gelingt. Ein Riesenvergnügen bereitet es, die exzellente Mimik von Bettina Riebesel als Mrs. Pearce zu studieren oder Heidi Maria Glössner zu beobachten, welche als Mama Higgins den nobel-kultivierten Durchblick bewahrt.

Die Verschmelzung der drei Sparten des Luzerner Theaters (Schauspiel, Tanz, Oper) ist den Verantwortlichen hervorragend gelungen. Die fantastische Teamarbeit wird auch getragen von Chor und Extrachor des Luzerner Theaters, der Statisterie, dem wunderbar leichtfüssig und präzise spielenden Luzerner Sinfonieorchester und all den so treffend besetzten Schauspielern, Sängern und Tänzern in den kleineren Rollen.

Inhalt:

Der Philologe und eingefleischte Junggeselle Professor Higgins trifft nach einem Opernbesuch in Covent Garden auf die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle, deren vulgäre Sprache ihn zu Reflexionen über das Erziehungswesen anregt. Sie taucht tatsächlich beim Professor auf um Sprachunterricht zu nehmen, denn sie will dadurch ihre gesellschaftliche Stellung verstärken, so wie es der Professor propagiert hatte. Zudem muss sie auch ihren lebenslustigen, in den Tag hineinlebenden Vater Alfred mit seinen Saufkumpanen durchbringen. Higgins ist die Sache eher unangenehm, bis sein Freund, Oberst Pickering, ihn mit einer Wette herausfordert: Wenn es Higgins gelänge, innerhalb von sechs Monaten aus Eliza eine Dame zu machen, würde er die „Ausbildungskosten“ übernehmen. Nun beginnt Elizas strenge Lehrzeit beim schrulligen Higgins: Von frühmorgens bis abends spät wird Sprechen geübt. (Es grünt so grün ...) Nach gewissen Erfolgen in der Aussprache soll Eliza einen Test anlässlich des noblen Pferderennens in Ascot bestehen. Doch patzt sie hier gewaltig mit vulgären Ausdrücken in zwar wunderbar sauber gesprochener Sprache. Allerdings zieht sie einen jungen Bewunderer in ihren Bann: Freddy Eynsford-Hill. Der Abschlusstest für Elizas Bildung findet anlässlich eines Diplomatenballs im Buckingham Palace statt, welchen Eliza glänzend besteht. Man hält sie gar für eine ungarische Prinzessin. Higgins und Pickering feiern ihren Triumph, doch Eliza fühlt sich gedemütigt, dressiert und übergangen. Sie verschwindet aus Higgins Haus. Freddy wartet auf sie vor der Tür und gemeinsam tauchen sie wieder in die Welt ein, aus der sie vor sechs Monaten kam. Doch auch da ist sie nun eine Fremde. Sie fasst den Entschluss, selbst Phonetik zu unterrichten und kehrt zu Higgins zurück. Die Zukunft bleibt offen.

Werk:

MY FAIR LADY stellt zweifelsohne einen der der grössten Erfolge in der Geschichte des (Musik-)Theaters dar. Allein die Uraufführungsinszenierung lief über sechs Jahre pausenlos am Broadway (mit Julie Andrews und Rex Harrison), auch die Londoner Produktion im Drury Lane Theatre (ebenfalls mit Andrews/Harrison) brachte es auf 2281 Vorstellungen. Die deutschsprachige Erstaufführung fand im Theater des Westens in Berlin statt (mit Karin Hübner und Paul Hubschmied, unterstützt u.a. von Agnes Windeck und Rex Gildo!). Zu Lebzeiten hatte George Bernard Shaw seine Komödie nicht zur Vertonung freigegeben. Erst langwierige Verhandlungen mit seinen Erben (und diversen Komponisten/Autoren wie Rodgers/Hammerstein, Bernstein, Menotti) führten schliesslich zum Erfolgsprojekt von Loewe/Lerner. Die aufwändige Verfilmung des Musicals (Regie: George Cukor) spülte dann enorm viel Geld in die Kassen von Warner Bros.: Sie hatten die Rechte für 5,5 Mio $ erworben, legten 17 Mio $ für die Produktionskosten aus und spielten 72 Mio $ ein. Im Film spielte ebenfalls Rex Harrison den Professor Higgins, an seine Seite wurde jedoch Audrey Hepburn als Eliza Doolittle gestellt, da Julie Andrews den Machern nicht prominent genug erschien. Diese Rechnung ging allerdings nicht ganz auf: Hepburns Songs wurden in der Endfassung von Marni Nixon auf der Tonspur des Films gesungen, Julie Andrews erhielt den Oscar für MARY POPPINS und Audrey Hepburn wurde nicht mal nominiert ... .

Der Titel MY FAIR LADY ist mehrdeutig: Das englische fair bedeutet ja schön, hübsch,sauber, klar, gerecht, aber auch Jahrmarkt, Messe. Der Titel könnte aber auch eine Anspielung auf den noblen Londoner Stadtteil Mayfair sein.

Karten

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