Luzern: LA BOHÈME, 26.04.2009

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Bohème

Die Oper "La Bohème", in der Version von Ruggero Leoncavallo, ist eine sehenswerte und differenzierte inhaltliche und musikalische Darstellung der Bohème des 19. Jahrhunderts.

La Bohème von Ruggero Leoncavallo | Regie: Nelly Danke | Musikalische Leitung: Mark Foster | Luzerner Theater | Premiere Fr 24.04.09 | Weitere Vorstellungen bis 13. Juni 2009

Kritik:
Besuchte Aufführung: 26. April 2009
Das Luzerner Theater unternimmt mit dieser Aufführung von Leoncavallos BOHÈME einen gelungenen Versuch, das zu Unrecht selten gespielte Werk wiederzubeleben.

Leoncavallo bleibt mit seiner Version des Stoffes weit näher an der literarischen Vorlage als sein berühmter Zeitgenosse Puccini. So findet man in diesem Werk gleich fünf dankbare grosse Partien (nicht wie bei Puccini, wo sich alles auf Mimi und Rodolfo konzentriert). Luzern kann alle Rollen aus dem eigenen Ensemble besetzen, und zwar hervorragend. Tanja Ariane Baumgartner zeigt sehr differenziert die verschiedenen Facetten der Musette: Vom Glamour Girl in den ersten beiden Akten zum verzweifelten Sarkasmus im dritten und der Empathie im vierten Akt. Ihrer über ein breites dynamisches Spektrum verfügenden Stimme zuzuhören ist sowieso stets ein Hochgenuss. Mimi ist in Leoncavallos Oper zu Beginn durchaus wohlauf, was Madelaine Wibom mit hellem, klarem Sopran und zauberhaftem Vibrato wohlklingend zum Ausdruck bringt. Rodolfo wird von einem Bariton gesungen (bei Puccini Tenor). Tobias Hächler spielt sympathisch zurückhaltend, sein grosser Moment im vierten Akt geht dadurch umso stärker unter die Haut. Marcello hat die grossen Arien zu singen, und Jason Kim tut das mit bruchlos geführter, den Raum herrlich erfüllender Stimme, ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen. Bewundernswert! Schaunard ist (im Gegensatz zu Puccini) sehr präsent: Howard Quilla Croft zieht die Fäden mit bemerkenswerter Nonchalance.


Die Nebenrollen sind mit Martin Nyvall, Caroline Vitale und Boris Petronje ebenfalls sehr gut besetzt. Das Orchester unter Mark Foster spielt manchmal etwas gar polternd und laut, da wären in dieser farbenreichen Partitur vielleicht noch einige Zwischentöne zu entdecken gewesen.

Nelly Danker (Regie) und Werner Hutterli (Bühne) zeigen diese Welt der verlorenen Lebensträume sehr eindringlich auf. Die Bühne verengt sich zunehmend, genau wie das Leben der Bohémiens immer grauer und trister wird. Zum Schluss bleibt wohl kaum ein Auge trocken. Die Aufführung vermag echt zu rühren ohne kitschig zu sein. Das will etwas heissen!

Fazit:
Verdienstvolle Ausgrabung, diese Bohème ist Puccinis Werk durchaus ebenbürtig, wenn nicht gar in vielen Belangen überlegen.


Inhalt:
Ein Jahr aus dem Leben einer Gruppe von (Lebens-)künstlern, das so spöttisch und fröhlich, so voller Lebenslust und Ungebundenheit an einem Weihnachtsabend im Café Momus beginnt und mit ergreifender Tragik ein Jahr später zu Ende geht.
Der Dichter Rodolfo, der Maler Marcello, der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard und seine Freundin Eufemia festen im grossen Stil, obwohl sie kein Geld haben. Bald stossen Rodolfos Geliebte Mimi und ihre Freundin Musette dazu. Marcello und Musette verlieben sich.
Musette kann ihre Miete nicht mehr bezahlen und mitsamt des hausrats auf die Strasse gesetzt. Trotzdem feiert die Clique eine rauschende Party, nun halt im Hinterhof. Die Ausgelasenheit findet ein Ende, asl die biederen Bürger dem Treiben Einhalt gebieten.
Schaunard trennt sich von der männerhungrigen Eufemia, Mimi haut mit einem reichen Banker ab, Musette erträgt die Armut nicht mehr und trennt sich von Marcello.
Wieder ist Weihnachten, die drei Freunde frieren und hungern (Colline taucht nicht mehr auf).
Mimi erscheint, schwer krank sucht sie eine Bleibe. Musette versetzt ihren Schmuck, um Medikamente und einen Arzt für ihre Freundin zu besorgen. Zu spät. Mimi stirbt.


Werk:
Jeder Opernfreund kennt Puccinis LA BOHÈME. Dabei war es Ruggero Leoncavallo, der Puccini auf den Stoff aufmerksam machte und ihm einen Librettoentwurf überreichte. Puccini zeigte sich nicht interessiert, machte sich aber heimlich trotzdem ans Komponieren und beauftragte seine eigenen Librettisten mit der Ausarbeitung des Textes. Als Leoncavallo davon erfuhr, begann er ebenfalls mit der Komposition. Manchmal spielt das Leben grausam: Puccini war zuerst fertig, seine BOHÈME kam in Turin 1896 zur Uraufführung, Leoncavallos Werk (Uraufführung 1897) hatte deshalb von Anfang an keine Chance. Zu Unrecht. Leoncavallos Oper ist bedeutend vielschichtiger, dramaturgisch weit interessanter, musikalisch von mindestens ebenbürtiger Qualität, meines Erachtens gar dem Werk Puccinis in vielen Bereichen überlegen. Leoncavallo komponiert Phrasen von eindringlichem Pathos, Auseinandersetzungen von dramatischer Durchschlagskraft, überzeugt aber auch in den ersten beiden Akten mit eleganter Salonmusik und raffiniertem Konversationston, in welchen er herrlich aufblühende Ariosi einflicht.