Luzern: A MIDSUMMER NIGHT'S DREAM, 09.09.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   A Midsummer Nights Dream

Oper in drei Akten | Musik: Benjamin Britten | Libretto: vom Komponisten und seinem Lebensgefährten Peter Pears (nach Shakespeare) | Uraufführung: 11. Juni 1960 in Aldeburgh, Grossbrittannien | Aufführungen in Luzern: 9.9. | 16.9. | 18.9. | 22.9. | 25.9. | 28.9. | 30.9. | 8.10. | 13.10. | 15.10. | 22.10.2011

Kritik:

Seit Adam und Evas Zeiten gibt es Streit und Eifersüchteleien in Paarbeziehungen. Regisseur Alexander Schulin greift für seine Inszenierung von Brittens A MIDSUMMER NIGHT'S DREAM zwar nicht ganz in biblische Urzeiten zurück, doch immerhin spannt er den Bogen von der Entstehungszeit der Oper (mit den offensichtlich mit Eheproblemen kämpfenden Elisabeth II. und dem Herzog von Edinburgh) zurück zur Entstehungszeit von Shakespeares Komödie (hier befinden sich Elisabeth I. und der Earl of Leicester im Beziehungsstress). An dieser Stelle muss den Masken- und Kostümabteilungen des Luzerner Theaters ein Riesenkompliment gemacht werden: Die Damen glichen den echten Elisabethen wie ein Ei dem andern.

So treffen wir also die Windsors vor dem Vorhang des Luzerner Theaters als Theseus von Athen mit seiner arroganten, hochnäsig-prüden Hippolyta in verbissenem Streit an, quasi als Entschädigung für den ersten Akt von Shakespeares Stück, welchen der Komponist weggelassen hatte. Im Wald (der hier in Luzern als Mini-Dschungel verschämt in eine Ecke der ansonsten leeren Bühne gerückt wurde) begegnen wir Oberon und seiner Titania (eben Leicester und Elisabeth I.), welche sich um ein Baby streiten. Macht ja auch Sinn, da Elisabeth bestimmt gerne einen Thronfolger gehabt hätte, doch Oberon (Leicester) will das Kind für sich. Weniger klar gezeichnet sind die Konflikte, welche Lysander, Hermia, Helena und Demetrius auszutragen haben. Puck (zuerst ein grauer Hausmeister, dann wie Marlene Dietrich im Hosenanzug und mit lässiger Zigarette im Mundwinkel: Heidi Maria Glössner) träufelt zwar seine Drogen zuerst dem Falschen in die Augen, doch Oberon greift endlich selbst ein (nachdem er sich an Titanias Techtelmechtel mit dem Esel ergötzt hat) und führt die richtigen Liebespaare zusammen. Dabei zeigt Titania, dass sie gar nicht nur die „Virgin Queen“, sondern fleischlichen Genüssen durchaus zugänglich ist. Wirklich komisch gezeichnet sind die Handwerker. Ihre das Stück beschliessende „Theateraufführung“ vermag köstlich zu amüsieren. Hier profitiert der Regisseur von den exzellenten darstellerischen Fähigkeiten seiner Interpreten: Marc-Olivier Oetterli ist ein gewichtig-sympathischer, egomanischer Zettel und knuddeliger Esel, Utku Kuzuluk offenbart umwerfend komisches Talent als Flaut (und Thisbe), Flurin Caduff versucht auf schon beinahe mitleiderregende Art, die wilde Truppe zusammenzuhalten und das Spiel zu organisieren, Robert Maszls Schnauz muss man gesehen haben, das ist Schauspielkunst pur, ebenso gewinnend agieren der behäbig-ängstliche Patrick Zielke als Schnock und Marco Bappert als Schlucker. Der Inszenierung gelingt es, trotz relativ karger Ausstattung (Alfred Peter) einen Hauch von Poesie in die Welt der Grossen und Kleinen zu bringen – wenn noch ein Schuss Erotik dazugekommen wäre, hätte dies bestimmt nicht geschadet. Da hatte das Stadttheater Bern vor gut zwei Jahren eine weitaus erotischere, tiefgründigere und unterhaltsamere Inszenierung zustande gebracht.

Musikalisch vermag das Luzerner Ensemble einmal mehr zu begeistern. Die relativ kleine Orchesterbesetzung Brittens kommt den Dimensionen des Hauses entgegen. Das Luzerner Sinfonieorchester unter Howard Arman breitet einen ungemein transparenten Klangteppich aus, die lautmalerischen, zauberhaften Elemente blühen herrlich auf, die karikierenden Einschübe und Referenzen Brittens an Purcell oder die italienische Oper werden von den Musikerinnen und Musikern mit erlesener Akkuratesse ausgestaltet. Ein musikalisches Glanzlicht setzen die Elfen mit ihrem wunderbar einen Gesang: Die grandiose Leistung der Knaben- und Mädchenkantorei Luzern (Einstudierung Eberhard Rex) kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Deren Königspaar wird vom weich und wahrlich traumhaft phrasierenden Altus von Alexander Schneider als Oberon und der ihre feenhaften Koloraturen so selbstverständlich sauber und ausdrucksstark aneinanderreihenden Titania von Sumi Kittelberger verkörpert. Mit jugendlichen, unverbrauchten und glänzend disponierten Stimmen singen Caroline Vitale (Hermia), Simone Stock (Helena) und Carlo Jung-Heyk Cho (Lysander). Aus der Berner Produktion sprang an der Premiere der famose Robin Adams kurzfristig für den simmlich indisponierten Todd Boyce als Demetrius ein. Am Athener Hof lassen dann die Stimmen von Szymon Chojnacki als Theseus (welch herrlich sonorer Bassbariton!) und Marie-Luise Dressen als Hippoyta (ein dunkel funkelnder Mezzosopran) aufhorchen. Auf deren kommende Auftritte in Luzern darf man wirklich gespannt sein.

Fazit:

Musikalisch ein Hochgenuss: Das Luzerner Ensemble und die Kantorei Luzern begeistern mit unverbrauchten, jugendlichen und sauber geführten Stimmen. Das Sinfonieorchester Luzern sorgt für eine wunderbar transparente Wiedergabe von Brittens feinsinniger Partitur.

Szenisch zwar mit durchaus poetischen Momenten, aber etwas gar brav.

Inhalt:
Der Elfenkönig Oberon begehrt den Lustknaben seiner Gattin Titania. Deshalb beauftragt er den Kobold Puck, seiner Gattin einen Saft in die Augen zu träufeln, damit sie sich in den erstbesten Dahergelaufenen verguckt. Gleichzeitig flüchten zwei Paare in den Zauberwald: Lysander und Hermia, weil sie vor dem strengen Vater Hermias fliehen, der ihre Beziehung nicht toleriert, sowie Demetrius und Helena. Helena liebt zwar Demetrius und folgt ihm wie ein Hündchen, er aber weist sie zurück, da er Hermia nachstellt. Nach Oberons Willen soll Puck nun auch dem Demetrius die Tropfen geben, damit er sich doch in Helena verliebt. Puck aber verwechselt Lysander und Demetrius. So beginnt ein Spiel um Irrungen und Wirrungen, echten und geträumten Leidenschaften, erfüllten und unerfüllten Begierden. Titania lässt sich dann mit einem Esel ein (einem Handwerker einer Schauspieltruppe, der von Puck mit dem Kopf eines Esels ausgestattet wurde). Zwischen den Liebespaaren kommt es zu neuen Kombinationen und entsprechenden Eifersuchtsszenen, Oberon kriegt zwar seinen Lustknaben, ist aber erbost über Pucks Fehlverhalten. Schliesslich muss er selbst wieder für Ordnung sorgen. Am Ende finden sich alle Paare wieder, der Traum ist vorbei.

Werk:
Brittens Oper ist eine Verbeugung vor seinem Landsmann Shakespeare und eine Verbeugung vor der Musikgeschichte und den Komponisten, die sich schon vor ihm mit dem Stoff auseinandergesetzt haben, von Purcell über Weber zu Mendelssohn, mit augenzwinkernden Schlenkern zu Donizetti (die Wahnsinnsszene der Lucia ist in dem Spiel Pyramus und Thisbe, welches die Handwerker am Hof des Herzogs von Athen aufführen, persifliert).
Britten stand für Aldeburgh nur ein relativ kleines Orchester zur Verfügung. Aber es gelang ihm auch mit dieser kleinen Besetzung eine poetisch schillernde, vielschichtige Partitur, beinahe wie ein Gemälde mit Pastellfarben. Die Orchestereffekte überlagern die Singstimmen nicht. So entsteht ein dem Sujet entsprechendes, zauberhaft-erotisches Geflecht. Beeindruckend ist die betont wirklichkeitsfremde musikalische Ausgestaltung der Elfenwelt mit Harfen, Celesta und Cembalo.

Musikalische Höhepunkte:
Introduktionen zu den Akten I-III, Waldstimmungen, Dämmerung, Nacht, Morgendämmerung
How now my love, Lysander-Hermia, Akt I
Welcome, wanderer, Oberon Akt I
Come, now a roundel, Titania und Elfen, Akt I
Injurious Hermia, Duett Helena-Hermia, Akt II
Quartett der Liebespaare, Akt III (herrlich aufsteigende Dur-Sequenzen)
Wall, full often, Arie der Thisbe, Akt III (Parodie auf Lucia…)

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