Genf, Grand Théâtre: DAS RHEINGOLD, 12.03.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Das Rheingold

Vorabend zum Ring des Nibelungen | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 22. September 1869 im Nationaltheater, München |

 

Kritik:

Die Inszenierung der Tetralogie DER RING DES NIBELUNGEN in Genf durch Dieter Dorn, im Bühnenbild und mit den Kostümen von Jürgen Rose, werde ich logischerweise erst nach der GÖTTERDÄMMERUNG in ihrer Gänze würdigen können. Immerhin schon soviel: Der Auftakt im Vorabend war schon mal vielversprechend. Bevor der 136 Takte währende Es-Dur Akkord einsetzt, flimmern in rasantem Tempo Bilder vorbei, die auf die Thematik von Wagners Gesamtkunstwerk verweisen: Das Streben der Menschheit nach Macht und Reichtum (Einblendung von Börsenkursen und Banknoten) führt unweigerlich zu Krieg, Terror, Gewalt und dem Verlust der Empathie mit den Schwächeren, den Unterlegenen. Ein riesiger Kartonwürfel prallt auf den Bühnenboden, bevor der Es-Dur Akkord aus den Tiefen aufschimmert, gleich einem Urknall oder einem Meteoriteneinschlag, der Anfang der Welt – und gleichsam auch ihr Ende. Denn was sich nun in den folgenden 160 Minuten in der Götter- und Nachtalbenwelt abspielt, hat etwas von Endzeitstimmung: Paramilitärisch gekleidete Entourage um Alberich und Mime, Kampfmontur auch bei den Riesen Fafner und Fasolt, eher dekadent spätgriechische Gewänder bei den Göttern, Loge als diabolischer Aussenseiter in Schwarz und Rot. In Rot leuchten auch die Neonröhren, welche einen zweiten Bühnenrahmen bilden. Die Rheintöchter (Doubles) rauschen auf Rollschuhen und Inlineskates vorbei. In der Tiefe des Rheins hausen sie in den Trümmern des Würfeleinschlags, der wohl das Gold in sich barg. Auch ein kugelförmiges Gespinst (aus den Schicksalsseilen der Nornen?) hebt sich aus der Tiefe des Rheins. Dieter Dorn erzählt die Geschichte flüssig, stimmig, kongruent zu Musik und Text, da wirkt nichts aufgesetzt oder plump provozierend, jeder kann sich seine eigenen Gedanken um Lug, Betrug, das Brechen von Verträgen und roher Gewalt machen. Gut so. Die Protagonisten bewegen sich mehrheitlich an der Rampe, was zu ausgesprochen guter Textverständlichkeit führt. Denn die Akustik im wiedereröffneten Grand Théâtre de Genève ist nicht ganz unproblematisch (ich sass im Parkett Reihe 13): Wie gesagt, die Stimmen kommen bestens über die Rampe – das hat schon was von Bayreuth-Akustik – doch das Orchester klingt etwas dumpf, die tiefen Blechbläser dröhnen und rumpeln überaus laut, wie wenn sie elektronisch verstärkt wären. Dafür hört man die Streicher und die Harfen kaum, obwohl zum Einzug der Götter in Walhall ein Podest mit sechs Harfenspielerinnen auf die Bühne gezogen wurde. Ja diese Schlussszene hatte es sowieso in sich: Ein gigantischer Regenbogenvorhang grenzt die Bühne nach hinten ab, davor warten die Götter auf die Reise ins neue Heim. Der Würfel führt wieder aus der Tiefe hoch, er entpuppt sich als Heissluftballonkorb, den die Götter (ausser Loge) nun besteigen. Effektvoll bläst sich der Ballon auf, in seinem Dunkelgrau ähnelt er jedoch mehr einer Abrissbirne, ein schlechtes Omen für die eben neu gebaute Burg Walhall (nicht sichtbar). Die Götter fahren nach oben, Loge bleibt skeptisch zurück. Stephan Rügamer ist dieser Loge und überstrahlt mit seinem makellos geführten Tenor alle anderen auf der Bühne. Welch eine umwerfende Leistung! Er ist der eigentliche Angelpunkt des Abends, ein dämonisch-sarkastischer, quirlig tänzelnder Machiavelli. Daneben haben die anderen Götter Froh (Christoph Strehl) und Donner (Stephan Genz) einen schweren Stand, um auch stimmlich Profil zu gewinnen. Viel Profil zeigt hingegen der Göttervater Wotan von Tómas Tómasson: Er agiert darstellerisch mit enormer Bühnenpräsenz, durchdringt den zwielichtigen Charakter des Familienoberhaupts mit seinem etwas angerauten, aber hell timbrierten Bassbariton mit enormem Einfühlungsvermögen in die schwierige Partie. Tom Fox ist ein schillernder Alberich, der vom geilen Nachtalben zum machtbesessenen (aber halt etwas tumben) vorübergehenden Besitzer des Rings mutiert. Dan Karlström gibt den Mime mit klarer, deutlicher Artikulation. Grandios sind die beiden Riesen, Fafner und Fasolt. Fafner ist fürs Grobe zuständig, bullig, geldgierig, ein brutaler Schlägertyp. Taras Shtonda singt ihn mit rabenschwarzem Bass. Man darf gespannt sein, wie er sich dann in SIEGFRIED entwickeln wird. Hoch interesant – und für mich (neben Rügamers Loge) DIE Entdeckung des Abends der Fasolt von Alexey Tikhomirov: Eine herrlich strömende Basstimme, weich und doch fest. Dieter Dorn lässt zwischen ihm und der entführten Göttin Freia (wunderbar licht gesungen von Agneta Eichenholz) das Stockholm-Syndrom – aufkeimende Liebe und Solidarisierung zwischen Entführer und Opfer – aufblitzen, klug und stimmig! Wunderbar gesungen und dargestellt ist die realistisch und nüchtern (obwohl sie sich aus dem Goldschatz gleich mal einen hübschen Gürtel schnappt – da ist sie dann ganz Frau ;-) ) argumentierende Fricka von Ruxandra Donose. Auch da darf man gespannt sein, wie sie sich heute Abend in der WALKÜRE geben wird, wo ihre Partie dann erheblich mehr Gewicht haben wird. Wiebke Lehmkuhl schliesslich hat einen charismatischen, überzeugenden, und hellseherischen Auftritt als Erda und weist mit ihrem wunderschön dunkel timbrierten Alt dem Göttervater erst mal den richtigen Ausweg aus der verfahrenen Situation seines Vertragsbruchs.

Am Pult des (mit Wagner sehr vertrauten) Orchestre de la Suisse Romande steht Georg Fritzsch. Da mein Platz wie erwähnt akustisch etwas problematisch war (was die Musik aus dem Graben anbelangt) werde ich zur Leistung des Orchesters nichts sagen, ausser dass die Tempi angemessen waren und den Sängerinnen und Sängern anscheinend entgegenkamen. Heute Abend in der WALKÜRE werde ich auf einem anderen Platz sitzen und werde morgen darüber berichten.

In den Pausen der WALKÜRE wird sich dann auch die Gelegenheit bieten, die wunderschön in Gold strahlenden, frisch und teuer restaurierten Foyers des Grand Théâtre zu bestaunen.

Das Werk:
Richard Wagner beschäftigte sich über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren mit dem Nibelungenstoff. Entstanden ist ein zeitloses, gigantisches Gesamtkunstwerk, mit beinahe 20 Stunden Spieldauer, welches sich über vier Abende erstreckt. Über hundert meisterhaft verarbeitete Leitmotive prägen die Partitur, welche an die Solisten und das Orchester höchste Anforderungen stellt.
Den RING DES NIBELUNGEN kann man immer wieder neu sehen und interpretieren. Er kann eine Apotheose auf das Menschentum sein, eine Kritik an der industrialisierten Gesellschaft, eine politisch-soziale Kritik, eine Entsagung im Sinne Schopenhauers; man kann darin eine Vorwegnahme von Freuds Deutung des Unbewussten erkennen oder andere tiefenpsychologische Exkurse.
Im RING geht es um Machtstreben, Machtmissbrauch, List, Betrug, Entführung, Vergewaltigung, Inzest, Verträge und deren Brüche – und um Liebe.
Wagner hat den Text im konsequent angewandten Stabreim selbst verfasst. Er benutzte als Quelle seiner Inspiration weniger das mittelalterliche Nibelungenlied, sondern griff auf ältere nordisch-germanische Sagen zurück.

Inhalt des Vorabends:
Mit einem Fluch auf die Liebe raubt der Zwerg Alberich den Rheintöchtern das Gold. Daraus lässt er sich von den Nibelungen unter der Leitung seines Bruders Mime einen Tarnhelm sowie einen Ring schmieden, der ihm unermessliche Macht bescheren wird.
Die Riesen Fafner und Fasolt haben den Göttern eine gewaltige Burg gebaut – Walhall. Als Lohn haben sie sich die Göttin Freia ausgehandelt, die ewige Jugend verspricht. Göttervater Wotan jedoch weigert sich, Freie herauszugeben. Loge, der listige Feuergott, bietet den Riesen das Gold des Nibelungen an.
Auf betrügerische Art und Weise bemächtigen sich Wotan und Loge des Goldes und des Ringes. Allerdings heftet Alberich einen fürchterlichen Fluch an den Ring, welcher jeden, der sich seiner bemächtigt, vernichten soll. Der Fluch wirkt: Fafner erschlägt bei der Teilung des Goldschatzes seinen Bruder Fasolt.
Die Erdgöttin Erda prophezeit Wotan das Ende der Götter.
Wotan – voller Sorge über die Prophezeiung – und die Götter schreiten über eine Regenbogenbrücke zur Burg.

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