Frankfurt: MANON LESCAUT, 06.10.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Manon Lescaut

Oper in vier Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Ruggero Leoncavallo, Domenico Oliva, Giulio Ricordi, Luigi Illica, Marco Praga | Uraufführung: 1. Februar 1893 in Turin | Aufführungen in Frankfurt: 6.10. | 10.10. | 13.10. | 18.10. | 25.10. | 27.10. | 2.11. | 9.11. | 15.11. | 23.11.2019

Kritik:

Die Figur der Manon, welche Antoine-François Abbé Prévost d’Exiles in seinen Roman Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut 1731 erschuf, weist zeitlose Züge auf, denn das Streben nach Glück ist in uns allen allgegenwärtig, gehört quasi zur Erbmasse des Menschen. Àlex Ollé, der Regisseur und einer der sechs künstlerischen Leiter des katalanischen Theaterkollektivs La fura dels baus, hat deshalb die Oper Puccinis auf deren Aussagekraft für die Gegenwart befragt und eine stringente, gegen Ende dann auch wirklich beklemmende Lösung gefunden. In einem kurzen Film vor dem Einsetzen der Musik zeigt er eine junge Frau, welche dabei ist, einen Drahtzaun (z.B. an der ungarischen Grenze) zu durchschneiden und illegal in ein (wohlhabenderes ...) Land einzureisen. Kurz sieht man auch, welchem Schicksal sie entflieht: Arbeit an der Nähmaschine, begrapscht vom Aufseher. Armut. Sie macht also das, was sogar die amerikanische Verfassung den Menschen garantiert: The pursuit of happiness. Wenn dann die Musik einsetzt, befinden wir uns im Fast Food Restaurant an einem Bahnhof, Menschen aller Hautfarben begegnen sich, ärmere, reichere, viele Studenten, gesündere und kränkere. Manon kommt mit ihrem Bruder hier an, erregt Aufmerksamkeit in ihrem billigen Flittchenoutfit (Kostüme: Lluc Castells). Ihr Bruder ist mit dabei, auch er auf der Suche nach Glück (im Spiel). Bei ihm hat der Kostümbildner ebenfalls kein Klischee ausgelassen: Lederjacke, Trainingshose, Markensneakers. So, wie man sich Illegale aus dem Osten halt so vorstellt. Klischeehaft auch der reiche Geronte de Ravoir, fett, widerlich, Sonnenbrille, Glatze mit schwarzem Haarkranz, schlecht sitzender Anzug. Der Schnellimbiss ist überdeckt mit einer Kassettendecke, gestützt von riesigen Betonbuchstaben L O V E. Schnell verguckt sich der Student Des Grieux in Manon, mit Hilfe Edmondos klauen sie den Minivan und hauen zusammen ab Richtung Paris. Später dann finden wir Manon in einem Animierdamenclub, der Geronte gehört. Die offene Verwandlung der Bühne (Alfons Flores hat sie entworfen) ist ein Meisterstück. Die Kassettendecke senkt sich und darauf ist der gigantische Club aufgebaut, mit Treppen, Stangen für die Tänzerinnen, Bar. Und die ehemalige graue Betonpfeiler-Skulptur LOVE leuchtet nun in erotischem Rot. Zwar schleppt sich dieser Akt - trotz viel nackten Fleisches - etwas dahin, das ganze passt jedoch erstaunlich gut zur Musik und zum Text. Aus dem barocken Tanzmeister wird halt ein Instruktor für Stripdance. Manon hat sich also dem Clubbesitzer Geronte an den Hals geworfen – allein das Glück findet sie auch hier nicht, weil sie sich halt doch nach Liebe sehnt und sich erneut Des Grieux zuwendet. Die Gier, beides zu erhalten wird ihr zum Verhängnis, denn sie plündert noch die Clubkassen und wird verhaftet.

Doch dann nach der Pause kommen die beiden Hammerakte: Hier nun gewinnt die Inszenierung eine geradezu unheimliche Dichte. Manon ist in Ausschaffungshaft. Die Menschen sind in Gitterkäfige gesperrt, das erinnert von den Bildern her stark an Guantanmo. Als Überleitung zum Schlussakt sehen wir eine Wellenprojektion, die Fahrt übers Meer – Ausschaffung. Wenn dann das fahle Bühnenlicht angeht, ist die gigantische LOVE-Skulptur gespiegelt. Erschöpft stützen sich die beiden Liebenden an die Buchstaben und so wie die Musik immer stärker ausdünnt, so erlischt auch das Leben Manons. Sehr stark und unter die Haut gehend, gerade auch weil der Dirigent, Lorenzo Viotti, zusammen mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester die Modernität, das Impressionistische und Geschärfte in Puccinis Partitur herausstreicht und nicht das Süßlich-Süffisante. Der designierte Chefdirigent des Netherlands Philharmonic Orchestras und der Nationale Opera Amsterdam spürte Puccinis Klangvorstellungen mit feinfühliger Neugier nach und gestaltete eine sehr differenzierte Auslegung der Partitur.

Selbstverständlich braucht es für so eine Inszenierung die geeigneten Sängerdarsteller*innen. Der Oper Frankfurt ist es gelungen, die Sängerin des Jahrs 2019 (Opernwelt), Asmik Grigorian, für die Titelrolle zu verpflichten, die vor einem Jahr als Salome bei den Salzburger Festspielen für Furore gesorgt hatte. So inszeniert scheint ihr auch Puccinis Manon auf den Leib UND in die Kehle geschrieben worden zu sein. Sie bewegt sich mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit sowohl im billigen Outfit am Bahnhof, als auch bloß mit sexy Unterwäsche bekleidet im Club. Stimmlich vermag sie dabei mit leicht verruchtem (im besten Sinne) Timbre zu glänzen, bleibt den dramatischen, leidenschaftlichen Aufschwüngen, aber auch den verhaltenen, nach innen gewandten Passagen (Sola, perduta, abbandonata) nichts an Ausdruckskraft schuldig. Mit Joshua Guerrero hat sie einen jungen, blendend aussehenden Tenorpartner an ihrer Seite, der mit tenoralem Schmelz, Kraft und Leidenschaft, Ungestüm und Empathie restlos überzeugt, dem Bild des Latin Lovers total entspricht. Ganz grandios auch Iurii Samoilov mit schön gerundetem Bariton als leichtlebiger Lescaut, der sich so schnell und glaubhaft in die Halbwelt einfügt, dass man kaum glauben kann, dass er die Rolle nur spielt. Wunderbar schmierig agiert Donato Di Stefano als Geronte und begeistert mit profunden Bassqualitäten. Michael Porter holt aus der Rolle des Edmondo das Maximum an Charakterzeichnung heraus und überzeugt mit seiner Bühnenpräsenz. Die kleineren Rollen sind ausgezeichnet und glaubhaft besetzt, so Bianca Andrews als Musiker, Santiago Sánchez als Laternenanzünder (hier eine Transe im Gitterkäfig) und Jaeil Kim als Tanzmeister. Ein Kompliment gebührt auch der Statisterie der Oper Frankfurt, welche den ersten drei Akte mit ihren vielfältigen Figuren pralles Leben verleiht. Verdienter und enthusiastischer Applaus des Premierenpublikums für alle Ausführenden und das Inszenierungsteam.

Fazit: Gelungene Aktualisierung des unsterblichen Stoffes, herausragende Protagonisten, exzeptionelles Dirigat.

Inhalt:

Auf einem Platz in Amiens, ein fröhliche Menschenmenge erwartet die Postkutsche. Der junge Student Des Grieux ist mit seinen Freunden da. In Liebesdingen ist er eher unerfahren und deshalb zynisch (Arie: Tra voi belle). Die Postkutsche kommt, darin der Soldat Lescaut, welcher seine Schwester Manon auf Geheiss ihrer Eltern ins Kloster bringen soll. Aus der Kutsche steigt auch der reiche Steuerpächter Geronte de Ravoir. Manons Schönheit begeistert die Studenten, allen voran Des Grieux. Schon bei der ersten Gelegenheit gesteht er Manon, dass er unsterblich in sie verliebt sei. Manon eilt ins Gasthaus, verspricht ihm aber ein nächtliches Treffen. (Arie Des Grieux: Donna non vidi mai). Geronte und Lescaut unterhalten sich über Manons Zukunft. Dabei wird klar, dass Lescaut eigentlich gar nicht damit einverstanden ist, dass Manon ins Kloster muss. Geronte beflügelt dies, eine Entführung Manons zu organisieren, wird dabei aber von einem Freund Des Grieux', Edmond, belauscht. Edmond berichtet Des Grieux von diesen Plänen, worauf Des Grieux seinerseits den Plan fasst, mit Manon zu fliehen – und zwar in Gerontes Kutsche! Nach einem Liebesduett setzen sie die Tat um, und Geronte bleibt als Lackierter zurück. Lescaut reagiert gelassener, er kennt die materiellen Bedürfnisse Manons, welche der arme Des Grieux wohl kaum befriedigen können wird.

Und er sollte recht behalten. Im zweiten Akt ist Manon nämlich schon mit Geronte zusammen, umgeben von Luxus. Die leidenschaftliche Liebe Des Grieux' hat sie aber nicht vergessen (Arie: In quelle trine morbide). Sie fragt ihren Bruder Lescaut nach Des Grieux. Der schickt den nun dem Glücksspiel Verfallenen zu Manon. Erneut flammt die Liebe zwischen den beiden auf. Geronte kommt hinzu, steigert sich in Wut und Zorn und stösst unmissverständliche Drohungen aus. Lescaut warnt die beiden Liebenden vor der Polizei, welche von Geronte verständigt wurde. Des Grieux und Manon sollten unverzüglich fliehen, doch Manon will erst noch ihren Schmuck zusammenraffen. Verhängnisvolle Gier: Manon wird verhaftet.

Ein delikates Orchesterintermezzo leitet den dritten Akt ein. Die Kriminellen, darunter Manon, sollen von Le Havre aus nach Louisiana deportiert werden. Des Grieux und Lescaut planen eine Flucht Manons. Manon erblickt von einem Fenster des Gefängnisses aus Lescaut. Das Gespräch der Liebenden steigert sich in eine herrliche Liebesszene. Doch Lescaut muss mitteilen, dass die Fluchtpläne sich nicht umsetzen lassen. Der Alarm ging los. Das Volk kommentiert die Verlesung der Namen der Verurteilten mit Hohn, Spott oder Mitleid. Manon wird zum Deportationsschiff geführt. Des Grieux bittet in einem letzten verzweifelten Ausbruch den Kapitän, ihn als Schiffsjungen anzuheuern. Der Kapitän willigt ein, ein Jubelthema verheisst Hoffnung am Schluss dieses Aktes.

Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht. In einer Einöde Louisianas bricht Manon nach entbehrungsreicher Flucht entkräftet zusammen. Des Grieux begibt sich auf die Suche nach Wasser, nach Menschen, nach Hilfe. Herzzerreissend beklagt Manon ihr Schicksal (Arie: Sola, perduta, abbandonata). Mit den gehauchten Worten „Le mie colpe travolgerà l'oblio – ma l'amor mio non muor ...“ (Meine Schuld wird einst vergessen werden, aber meine Liebe stirbt nicht) stirbt sie in Des Grieux' Armen.

 

Werk:

Es war schon erstaunlich: Trotz der Arbeit von sechs Librettisten (inklusive den Einwänden und Änderungen durch den Komponisten) entstand mit MANON LESCAUT ein Werk von musikalisch stringenter Geschlossenheit. Mit dieser Oper gelang dem 35jährigen Puccini der Durchbruch, acht Tage bevor Verdi seine letzte Oper FALSTAFF an der Scala zur Uraufführung brachte, stieg Puccini mit MANON LESCAUT zum neuen Stern am Opernhimmel Italiens auf. Die von eindringlichen musikalischen Einfällen und seelischen Stimmungsschilderungen überschäumende Partitur brachte all das zum Erklingen, was wir heute noch an Puccini schätzen: Prägnanz, Sentimentalität, kulminierende Ekstase, orchestraler Farbenreichtum. Nach der begeistert aufgenommenen Uraufführung wurde das Werk binnen dreier Jahre in 15 verschiedenen Ländern aufgeführt (welche zeitgenössische Oper schafft heute noch einen solchen Siegeszug?), Puccini war ein gemachter Mann. Dabei hatte die Arbeit nur zögerlich Form angenommen. Der erste Librettist, Ruggero Leoncavallo, seinerseits ebenfalls Komponist (PAGLIACCI), erst Freund dann Rivale Puccinis, scheiterte mit seinem Textentwurf. Oliva, Praga und selbst der Verleger, Giulio Ricordi, kamen zu Hilfe. Ricordi war es auch, der schliesslich Luigi Illica hinzuzog (der später zusammen mit Giacosa an Puccinis sensationellen Erfolgen mit BOHÈME, TOSCA, BUTTERFLY massgeblich beteiligt war). Eine Herausforderung stellte auch die Tatsache dar, dass der Roman des Abbé Prévost Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut bereits mehrfach für die Opernbühne adaptiert worden war, so z.B. von Hérold für eine Ballett, von Auber für MANON LESCAUT und ganz besonders erfolgreich von Jules Massenet mit seiner MANON 1884. Doch Puccinis Ehrgeiz stellte sich bewusst dieser Herausforderung – und er triumphierte (vorübergehend). Heutzutage erscheinen beide Opern oft auf den Spielplänen, völlig zu Recht, denn jede hat ihre Meriten. Puccini selbst sagte einmal: „Massenet erlebt den Stoff als Franzose – mit Puder und Menuett; ich werde ihn als Italiener erleben – mit der Leidenschaft der Verzweiflung.“

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