Frankfurt: DON CARLO, 07.12.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Don Carlo

Oper in fünf Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Camille du Locle und Josephe Méry, basierend auf Schillers DON KARLOS | Uraufführung: 11. März 1867 in Paris (französische Fassung), 1884 in Mailand (vieraktige italienische Fassung), 1886 in Modena (fünfaktige, italinische Fassung) | Aufführungen in Frankfurt (Wiederaufnahme): 7.12. | 13.12. | 20.12. | 22.12. | 26.12. | 28.12.2019 | 1.1. | 5.1.2020

Kritik:

Ein überwältigender, begeisternder Abend, eine Aufführung, bei der einfach alles stimmte: Zuerst natürlich Verdis Partitur, die eine der großartigsten des Meisters ist, dann die stringente und stimmige szenische Umsetzung und die mitreißende musikalische Interpretation aller Beteiligten – ein packender, bewegender, ja ein grandioser Opernabend.

Gespielt wird in Frankfurt die so genannte Modena-Fassung der Oper, also die italienischsprachige fünfaktige Fassung, welche Verdi 1886 für Modena freigegeben hatte. Eine schlüssige Wahl, denn wir erfahren damit direkt, was eigentlich in Fontainebleau zwischen Elisabeth und Don Carlo passiert war und können uns deren musikalische Motive einprägen. Doch auch für den Orchesterklang hat die fünfaktige Fassung Vorteile. So können sich vor allem die Blechbläser (Hörner) schon mal „warm“ spielen und schaffen so die heikle Einleitung zum zweiten (in der oft gespielten Mailänder Fassung ersten) Akt spieltechnisch sauberer. So jedenfalls gestern Abend, wo das Opern- und Museumsorchester Frankfurt zu ganz großer Form auflief. Die musikalische Leitung lag in den erfahrenen Händen von Stefan Soltesz, welcher die Feinheiten der Instrumentierung Verdis ganz vortrefflich zum Klingen brachte, die Sänger*innen einfühlsam unterstützte, wunderbare Spannungsbögen über die einzelnen Szenen und Akte legte und so für einen nie stockenden musikalischen Fluss sorgte.

Die Premiere dieser Inszenierung von war am 30. September 2007 – nun also präsentiert die Oper Frankfurt bereits die sechste Wiederaufnahme, und man kann nur hoffen, dass diese Produktion noch weitere erleben wird. Robert Jones entwarf eine gigantische Bühne, Treppen, Mauern, versenkbare Podeste und schlanke, riesige Quader aus weiß-grauen Ziegelsteinen. Die Bühne strahlte eine erdrückende Eiseskälte und Gefühlslosigkeit aus, wunderbar passend zum strengen Hofzeremoniell unter Philipp II., der in seinem fanatischen Katholizismus keine seelische Wärme, keine Empathie duldete. Brigitte Reiffenstuel schuf dazu prachtvolle, wunderbar gearbeitete

historische Kostüme. Die Wagenradkrägen der schwarzen Roben ließen kaum Luft zum Atmen, erstickend wie das Bühnenbild. Einzig die französischen Hofdamen Elisabeths (und natürlich die Hofgesellschaft in Fontainebleau) wurden mit exquisiteren, metallisch gefärbten Kleidern ausgestattet. Besonders raffiniert auch die Robe der Prinzessin Eboli, welch wenigstens ein bisschen Dekolleté zuließ und mit ihren kostbaren Stickereien begeisterte. McVicar hatte nicht nur grandiose Tableaus für die Aktfinali entworfen, sondern zeigte auch in den kammerspielartigen Szenen eine starke Personenführung (natürlich auch das Verdienst der beiden Spielleiter der Wiederaufnahme: Caterina Panti Liberovici und Benjamin Cortez). Dabei wurden interessante Details herausgearbeitet: So z.B. sehen wir in der zweiten Szene des zweiten Aktes eine der Hofdamen mit einem Säugling. Des Rätsels Lösung erhalten wir zu Beginn des vierten Aktes: Der Säugling ist der Bastard des Königs, gezeugt wohl mit der Prinzessin Eboli, die anschließend der Königin ja ihre Liaison mit Philipp gesteht. Imposant ist die Chorchoreographie im Autodafé-Bild vor der Pause: Das strenge Zeremoniell des Hofes und die Macht der Inquisition kontrastieren mit den geschundenen, blutüberströmten und zur Verbrennung verdammten Ketzern, alles unter dem „Schutz“ eines gigantischen, am Ende in Flammen stehenden Kreuzes. Gespenstisch ausgeleuchtet ist das Finale im Kloster San Yuste (Licht: Joachim Klein). Hier glaubt der Regisseur (ist nachvollziehbar) nicht an den Deus ex machina (sprich die Stimme Karls V., der Carlos der irdischen Gerichtsbarkeit entzieht), sondern lässt ihn durch die Inquisition erstechen, er bricht auf dem Grab Kaiser Karls dann tot zusammen.

Begonnen hat jedoch alles in Fontainebleau, mit der vermeintlich glücklichen Begegnung zwischen Carlo und Elisabeth im Wald – doch noch vor Beginn der Oper schwankt ein Weihrauchfass in bedrohlicher Pendelbewegung hinter einem semitransparenten Vorhang.  Das Unheil durch Kirche und Staat ist nah. Und es nimmt seinen Lauf, unerbittlich, jedes private Glück und jede Regung politischen Freidenkertums (Posa) zerstörend. Ja Verdis DON CARLO ist aktuell – und braucht gerade deswegen nicht einer wie auch immer gearteten „Modernisierung“, denn die Botschaft transportiert sich auch so, und das erst noch stimmiger. Gerade deshalb ist die Inszenierung hier in Frankfurt so besonders wertvoll.

Und wenn dann auch noch so begeisternd und voller Intensität gesungen wird, ist das Glück vollkommen, wie auch der frenetische Beifall am Ende dieses Abends bewiesen hat. Hovhannes Ayvazyan ist ein großartig präsenter Infant Don Carlo. Sein durchschlagskräftiger Tenor spricht in allen Lagen ausgezeichnet an, sitzt zu Beginn zwar etwas weit im Gaumen, was sich jedoch im Verlauf der Vorstellung, wo seine Rolle dramatischer wird, schnell legt. Strahlend und frei seine Höhe, im Ensembleklang fantastisch mit seinen Partnern und Partnerinnen verschmelzend. Tamara Wilson lässt ihren luxuriösen Sopran als Elisabeth herrlich strömen, zeigt Verletzlichkeit und Enttäuschung, aber auch etwas Koketterie und Humor (im Fontainebleau-Akt) und echte Größe im Finalakt, mit der souverän und voll glühender Intensität interpretierten Arie Tu chelevanità. Zu Tränen rührt sie im Quartett des vierten Aktes, wo sich ihre Stimme mit engelsgleichem Klang über die tiefen Stimmen Philipps, Posas und Ebolis legt, ihre Fremdheit an diesem Hof zeigt. Die beiden Männer, Philipp und Posa, sorgen für weitere Höhepunkte dieser exzeptionellen Aufführung: Andreas Bauer Kanabas lässt seinen sonoren Bass mit fabelhafter, bezwingender Autorität strömen – und zeigt in Ella giammai m’amò dann auch seine verletzliche, feinfühlige Seite, welche er jedoch zugunsten von Staat und Kirche gleich wieder unterdrückt. Packend ist der Rodrigo, Marquis von Posa, in der Interpretation von Audun Iversen angelegt. Sein Bariton fließt mit Wärme und auch mit Kraft, ohne zu forcieren erreicht er eine atemberaubende Präsenz, erfreut mit seinem Freundschaftsschwüren nicht nur den Infanten, sondern auch das Publikum. Er ist eloquent und gespielt charmant mit Eboli im Gartenbild, mutig in der politischen Konfrontation mit dem König und – auch er – zu Tränen rührend im Abschied und Tod im Kerkerbild. Die Prinzessin Eboli wird von Carmen Topicu mit immenser Vielschichtigkeit interpretiert: Sie ist eine Tigerin, wenn es um das Erreichen ihrer persönlichen Ziele geht, zeigt dann auch ihre Krallen, kann aber auch mit leichtfüßiger Verspieltheit die schwierigen Melismen der Schleierarie gestalten. Fulminant führt sie die Reue-Arie O don fatale zum Showstopper Effekt, dabei kann sie aber auch echtes Mitgefühl mit dieser zwiespältigen Frau erwecken, die so entschieden und zum Teil mit verwerflichen Mitteln um ihren kleinen persönlichen Freiraum und ihr Glück am streng patriarchalen und religiös infizierten Hof kämpft. Erfrischend und wunderschön leicht und luftig timbriert klingt die Mezzosopranistin Bianca Andrew als Tebaldo, eine Rolle, die ebenfalls durch den Fontainebleau Akt aufgewertet wird. Magnús Baldvinsson ist der grausame Großinquisitor, der trotz seiner körperlichen Gebrechlichkeit vor keinem Mord an Andersdenkenden zurückschreckt. Erstaunlicherweise ist jedoch in der großen Szene zwischen ihm und dem König Philipp für einmal der König der stärkere der beiden. Anthony Robin Schneiders klangvoller Bass begeistert als Mönch, dem Verdi ganz besonders erhebende Phrasen gewidmet hat, ebenso wie der Stimme von oben, die Florina Ilie berückend schön warnend aus dem Off über die Autodafé-Szene ausbreitet. Berührend und sauber intoniert ist der Gesang der sechs flandrischen Deputierten: Danylo Matviienko, Pilgoo Kang, Frederic Mörth, Seung Won Choi, Florian Rosskopp und Miroslav Stričević. Klangprächtig singen der Chor und die Extrachor-Herren der Oper Frankfurt (einstudiert von Tilman Michael) ihre dankbaren Passagen und tragen damit Gewichtiges zum Erfolg dieses lange nachhallenden Abends bei.

Inhalt:

1. Akt (in Fontainbleau): Prinzessin Elisabeth von Valois trifft im Wald von Fontainebleau auf hungernde Holzfäller. Sie darf verkünden, dass durch die Unterzeichnung des Ehevertrags mit dem spanischen Infanten Don Carlo ein Frieden mit Spanien besiegelt werden soll. Don Carlo befindet sich inkognito in Frankreich um seine Zukünftige kennen zu lernen. Die beiden verlieben sich ineinander. Da erscheint Graf Lerma und verkündet, dass der Friedensvertrag nur unterzeichnet werden könne, wenn Elisabeth Carlos Vater, Philipp II. Von Spanien, heirate. (Elisabeth wurde dadurch nach Maria von Portugal, Cousine des Königs und Mutter von Carlo und der englischen Königen Maria I, genannt Bloody Mary [eine Tante Philipps], zur dritten Gemahlin des spanischen Herrschers.) Leidend willigt Elisabeth in dieses politische Ränkespiel ein.

2.-5.Akt: Don Carlo verzweifelt an den unsäglichen Zuständen am spanischen Hof: Nach wie vor liebt er seine Stiefmutter. Sein Freund Rodrigo, der Marquis von Posa, schlägt ihm vor, als Ablenkung von seinen persönlichen Sorgen, nach Flandern zu reisen, um den dort Unterdrückten beizustehen. Die beiden schwören sich ewige Freundschaft.

Rodrigo fädelt ein heimliches Treffen von Carlos mit Elisabeth ein. Carlos gesteht Elisabeth seine Liebe, doch sie kann nicht aus ihrer Haut als Königin schlüpfen. König Philipp erscheint und ist erbost, die Königin ohne Hofstaat vorzufinden. Als Bestrafung wird die Vertraute Elisabeths nach Frankreich zurückgeschickt. Davon profitiert die in Carlo verliebte Prinzessin Eboli, welche nun näher zu Elisabeth rücken kann. Sie tauscht mit Elisabeth die Maske, um sich dem Trubel um Krönungsfeierlichkeiten zu entziehen. Davon kreigt Carlo nichts mit und gesteht der vermeintlichen Stiefmutter erneut seine Liebe. Eboli will ihn dennunzieren, doch Rodrigo erscheint und hält Eboli in Schach. Carlo händigt Rodrigo (welcher auch die Bewunderung und das Vertrauen des Königs besitzt) verräterische Papiere zum Aufstand in Flandern aus.

Anlässlich eines von der Inquisition anberaumten Autodafés werden Ketzer verbrannt. Falndrische Gesandte bitten um Gnade für ihr Land, werden von Carlo unterstützt. Als Philippp ablehtn, zückt Carlo das Schwert gegen seinen Vater. Rodrigo entwaffnet ihn, Carlos wird verhaftet.

Philipp muss sich eingestehen, dass er ein einsamer alter Mann geworden ist, mit einer Frau an seiner Seite, die ihn nie geliebt hat. Der Grossinquisitor fordert vom König, den allzu liberal gesinnten Rodrigo der Inquisition zu übergeben. Philipp will nicht auch noch seinen letzten Vertrauten verlieren und weigert sich. Der Grossinquisitor droht mit dem langen Arm der Kirche.

Elisabeths Schmuckschatulle ist gestohlen worden. Sie wurde Philipp von Eboli zugespielt, darin befindet sich ein Porträt von Carlos. Philipp verflucht seine Frau. Eboli tritt hinzu und erkennt ihre Schuld (und gibt auch zu, die Mätresse des Königs zu sein). Sie wird von der Königin in ein Kloster verbannt. Doch vorher will sie noch Carlo retten.

Rodrigo wird während eines Besuchs bei Carlo im Gefängnis aus dem Hinterhalt erschossen. Das Volk verlangt vor den Toren, angestachetl von Eboli, die Freilassung des Infanten. Nur dank der Autorität des Grossinquisitors kann ein Aufstand vermieden werden.

Sterbend hat Rodrigo Carlo noch eine Nachricht von Elisabeth überbracht. Sie wartet im Kloster San Juste vor dem Grab Karls V. auf ihn. Die beiden werden vom König und vom Grossinquisitor bei ihrem Date überrascht. Doch da erscheint ein alter Mönch und zieht Don Carlo in das Innere des Klosters. War der Mönch Karl V.?

Werk:

Verdi hatte bereits bei drei anderen Opern Dramenstoffe von Schiller verwendet, nämlich bei GIOVANNA D'ARCO, I MASNADIERI und LUISA MILLER. Doch bei diesen Frühwerken handelte es sich zum Teil um recht grobe, unausgegorene Adaptionen der Vorlagen. Nicht so bei DON CARLO – diese ist nicht nur Verdis längste Oper (inklusive der Ballettmusik und der schon vor der Uraufführung gestrichenen Szenen kommt sie auf eine Spieldauer von weit über vier Stunden), sondern auch seine politischste und in ihrer Enstehungs- und Bearbeitungsgeschichte komplexeste. Nachdem DON CARLO in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wenig, und wenn, dann in der Mailänderfassung gespielt wurde, setzten sich die Dirigenten Sir Georg Solti und Carlo Maria Giulini für die fünaktige Fassung ein und spielten sie auch auf Schallplatte ein. Von Claudio Abbado, Antonio Pappano und Bertrand de Billy liegen zudem komplette Einspielungen der fünfaktigen französichen Urfassung vor, unter der Leitung von James Levine ist eine DVD mit der fünfaktigen Modena Fassung erhältlich.

Verdi komponierte die Oper als Auftragswerk für Paris. Die Tradition der Grand Opéra verlangte natürlich auch nach einer Balletteinlage. Verdi konnte sich mit dieser französischen Tradition nie recht anfreunden, so wurde das Ballett dann auch schon zusammen mit einigen anderen – wichtigen! - Szenen vor der Uraufführung gestrichen.

Verdis DON CARLO stellt einen Höhepunkt in seinem reichhaltigen Schaffen dar, eine Oper, bei der das Politische auf unausweichliche Art mit dem persönlichen Schicksal der Betroffenen verstrickt ist. In grossangelegten Szenen gelingt es dem Meister, tief in die Seelen und Charaktere der Protagonisten einzudringen, was zu erschütternden, aufrüttelnden musikalischen Momenten und tief bewegender Anteilnahme am tragischen Schicksal aller Involvierten führt. Herausragend sind die psychologisch spannend gebauten, reigenartigen Duette (Elisabeth-Carlo, Carlo-Rodrigo, Rodrigo-Philipp, Philipp-Grossinquisitor). Wie Schiller ging es Verdi nicht um historische Genauigkeit sondern um beispielhafte Schilderung menschlicher und politischer Konflikte. Verdi hat es einmal treffend so formulierte: „Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser.“

Musikalische Höhepunkte:

Dio, che nell'alma infonde, Duett Rodrigo-Carlo, Akt I

Nel giardin -del bello Saracin, Schleierarie der Eboli, Akt I

Ed io, che tremava al suo aspetto, Terzett Eboli-Carlo-Rodrigo, Akt II

Autodafé, Akt II, mit der wunderbaren Stimme von oben

Ella giammai mi amò, Arie Philipp Akt III

Nell' ispano suo, Szene Philipp-Grossinquisitor, Akt III

O don fatale, Arie der Eboli, Akt III

Per me giunto, Arie und Szene Rodrigo-Carlo, Akt IV

Tu che le vanità, Arie der Elisabeth, Akt IV

Karten