Bern: FERVAAL, 29.05.2009

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Fervaal

Entdeckung in Bern: D'Indys FERVAAL verschmelzt Wagnerklänge mit französischer Eleganz! Nur noch eine Aufführung! Unbedingt hörenswert!!!

Premiere: 29. Mai 2009

Action musicale in drei Akten und einem Prolog

Musik: Vincent d’Indy

Libretto: vom Komponisten

Uraufführung: 12. März 1897 in Brüssel

Aufführungen in Bern:

29.Mai und 18. Juni 2009

Kritik:
Mit der grandiosen konzertanten Aufführung von Vincent d´Indys Monumentalwerk FERVAAL setzt das Berner Stadttheater einer spannenden, erfolgreichen Opernsaison die glanzvolle Krone auf.

Chefdirigent und musikalischer Direktor Srboljub Dinić, das Berner Symphonieorchester und der Chor und Extrachor des Stadttheaters sowie herausragende Solisten bescheren dem Publikum einen spannenden, irisierend funkelnden Opernabend.


Die farbenreiche, meisterhaft orchestrierte Partitur wird aufs Wunderbarste ausgelotet, so zum Beispiel die stimmungsvollen Aktvorspiele mit ihren eindrücklichen Stimmungsschilderungen: Die nachmittägliche Hitze, der langsam und melancholisch heraufdämmernde Herbstmorgen und die fahle Eiseskälte zu Beginn des dritten Aktes. Ein ganz besonderes Lob gebührt den Streichern des Berner Orchesters mit ihrem satten, weichen Klang und den eindrücklichen Schattierungen.

Bei der Auswahl der Sängerinnen und Sänger bleiben wahrlich keine Wünsche offen. Zu den bewährten Kräften des herausragenden Berner Ensembles (Qin Du, Carlos Esquivel, Andries Cloete, Robin Adams, Xavier Rouillon, Fabrice Dalis und Richard Ackermann) gesellen sich Starbariton Philippe Rouillon als Arfagard, die (Mezzo- )Sopranistin Sophie Fournier als Guilhen und der chilenische Tenor Rodrigo Orrego als Fervaal (wohl eine der anspruchsvollsten Tenorpartien des Opernrepertoires).


Rodrigo Orrego meisterte diese riesige Partie praktisch ohne Ermüdungserscheinungen, er verfügt über eine wunderbar direkt ansprechende, heldische und bruchlos geführte Stimme und eine stupende Technik. Diese Leistung verdient allergrösste Hochachtung und schrankenlose Bewunderung!

Philippe Rouillon gestaltete den Arfagard mit satter, eindringlicher und über die notwendige Autorität verfügende Stimme. Seine intensive Durchdringung der Partie und die vorbildliche Diktion gehen unter die Haut, genauso wie Sophie Fourniers berührende Gestaltung der Anführerin der Sarzenen. Mit ihrer grossen, kraftvollen, aber äusserst differenziert eingesetzten Stimme und dem spannenden, leicht metallischen Timbre vermag sie die Gefühlswelten der Guilhen eindringlich zu durchschreiten, von der bedingungslos Liebenden (das Duett mit Fervaal ist Ekstase pur) zur furiosen Rachearie nach dem feigen Rückzieher ihres Geliebten und schliesslich zur ergreifenden Sterbeszene.
Die konzertante Aufführung hat den Vorteil, dass man sich konzentriert auf die stimmungsvolle, eindringliche und berauschende Tonsprache von Vincent d´Indy einlassen kann. Trotzdem wäre es einmal spannend zu sehen, was ein gewiefter Regisseur mit diesem von Mystik, Religionskitsch und Wagner-Epigonentum geprägten Werk anstellen würde …
Achtung: Nur noch einmal hat man Gelegenheit, diese selten gespielte Oper zu erleben, am 18. Juni 2009 in Bern! Nicht verpassen!

Fazit:
Berauschendes Klangbad, wer Wagner liebt wird Vincent d´Indy verehren.
Die musikalische Umsetzung gerät in Bern zu einem Triumph.

Werk und Inhalt:
Vincent d’Indy war ein Schüler von César Franck. Nach einem Besuch der Bayreuther Festspiele, wo er den RING DES NIBELUNGEN erlebte, wurde er zu einem glühenden Verehrer der Musik und der Dichtkunst Richard Wagners. Ähnlich wie sein grosses Vorbild war d’Indy Nationalist und Chauvinist und kämpfte gegen den aufkeimenden Impressionismus (z.B Debussy). Er huldigte einer monumentalen Tonsprache, in welcher Wagnerianische Klänge mit der lyrischen Eleganz der Grand Opéra verschmolzen.
Mit FERVAAL wollte er eine französische Nationaloper schaffen. Handlungsparallelen zu Wagners PARSIFAL und TRISTAN sind unschwer zu erkennen:

Fervaal, ein junger Keltenkrieger, steht vor der Wahl zwischen seiner Berufung zum Führer seines Volkes und seiner Liebe zur Sarazenenprinzessin Guilhen. Die ebenso schöne wie heilkundige Feindin rettete dem schwerverletzten Gefangenen einst das Leben gegen den Widerstand des Druiden Arfagard. Dieser will Fervaal als Krieger für die Wiederherstellung der Macht der Kelten von der Macht der Liebe fernhalten. Wenn Guilhen am Schluss der Oper in den Armen von Fervaal stirbt, ersteht im Licht der aufgehenden Sonne vor den Augen der Kelten und ihres Anführers ein zukünftiges neues, stärkeres und grösseres Vaterland.

Das Stadttheater Bern präsentiert d’Indys Oper Fervaal in seiner Reihe mit Ausgrabungen französischer Musiktheaterwerke und in Zusammenhang mit der ab Juni 2009 geplanten grossen Ausstellung „Kunst der Kelten“ im Historischen Museum Bern