Berlin, Philharmonie: MESSIAEN | SCHOSTAKOWITSCH, 02.02.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Schostakowitsch 13. Sinfonie

Olivier Messiaen: Trois petites liturgies de la présence divine für Klavier, Ondes Martenot, Frauenchor und Orchester | Uraufführung: 21. April 1945 in Paris | Dmitri Schotakowitsch: Sinfonie Nr. 13 in b- Moll Babi Jar | Uraufführung: 18. Dezember 1962 in Moskau | Dieses Konzert in Berlin: 2.2.2019

Kritik:

Das ist nur in einer Großstadt mit einem reichhaltigen Orchesterleben denkbar, dass man Schostakowitschs 13. Sinfonie innerhalb von 9 Tagen gleich viermal live erleben kann. Drei Aufführungen waren im Konzerthaus Berlin mit dem Konzerthausorchester zu hören (oper-aktuell.info berichtete darüber), gestern Abend folgte nun das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie mit dieser wichtigen und gewichtigen Sinfonie Schostakowitschs. Während man im Konzerthaus für den ersten Programmteil mit Schuberts relativ harmlosen 3. Sinfonie einen eher historischen Kontrapunkt zu Schostakowitschs groß besetzter Sinfonie gesetzt hatte, schlug das DSO-Berlin einen ganz anderen Weg ein: Man wählte die TROIS LITURGIES DE LA PRÉSENCE DIVINE des zwei Jahre jüngeren Olivier Messiaen. Eine ausgezeichnete und hoch spannende Wahl. Denn Messiaen war nicht bloß Zeitgenosse Schostakowitschs, er schlug auch einen ganz anderen musikalischen Weg als dieser ein. Schostakowitsch blieb in seiner Kompositionsweise stets ziemlich der Tonalität verhaftet, war bissig satirisch, hatte einen Hang ins Groteske, stets (gezwungenermaßen) untergründig politisch in seiner Aussage. Messiaen dagegen experimentierte mit Farben und Klängen, überaus ästhetisch, setzte die Spiritualität seines tiefgläubigen Katholizismus über vordergründige Sinnlichkeit. Und doch erreichte er - gerade auch in den während der Schrecken des zweiten Weltkriegs entstandenen LITURGIES – eine bezwingende Faszination, der man sich kaum entziehen kann. Dazu trugen die geradezu himmlisch sauberen Stimmen des (einstimmig geführten) Frauenchors des von Gijs Leenaars einstudierten Rundfunkchores Berlin ebenso bei, wie die Streicher und Perkussionisten (Bläser sind bei diesem Werk keine vorgesehen) des DSO. Aufhorchen ließ natürlich das von Messiaen in seinen Kompositionen bevorzugte Instrument: Die Ondes Martenot. Das Vorgängerinstrument der elektronischen Musik verleiht auch diesem Werk des Franzosen eine faszinierende Farbe. Nathalie Forget (sie spielte ohne Noten) setzte die Glissandi und unterstützenden Klänge mit subtil empfundener Dynamik ein. Dazu kamen das Vogelstimmen evozierende Spiel des Pianisten Cédric Tiberghien, die celestialen Klänge der Celesta, die zarten Töne des Vibraphons, die hochklassig gespielte Passage der Solovioline der Konzertmeisterin, der manchmal verhalten psalmodierend, dann wieder in seiner Lobpreisung des Herrn jubelnde, überaus agile Frauenchor. Ingo Metzmacher am Pult ließ die Crescendi regelrecht explodieren, stets kontrolliert und mit herrlich austarierter klanglicher Balance. Ein traumhaft schönes Werk Messiaens, in das man regelrecht ergriffen versinken konnte.

Ganz anders dann nach der Pause bei Schostakowitschs Auseinandersetzung mit dem grausamen Gemetzel an den Juden in der Schlucht von Babi Jar: Hier war man nicht ergriffen, sondern regelrecht aufgerüttelt. Die eindringliche, bassgewaltige Stimme und mit beeindruckender Präsenz geführte Stimme von Mikhail Petrenko und die exzellenten Bässe des Rundfunkchores Berlin entwickelten eine konzentrierte Sogwirkung sowohl in den dramatischen Teilen der Sinfonie (Babi Jar, Ängste) als auch im reflektierenden Adagio (Im Laden) und den grotesk-satirischen Sätzen (Der Witz, Karriere). Ingo Metzmacher und das groß besetzte DSO Berlin sorgten für eine packende unerbittlich vorwärtsdrängende Wiedergabe, da gab es nur wenig Innehalten (am ehesten noch im Lamento des dritten Satzes), oft wurde man bis zur Schmerzgrenze (aber nicht darüber hinaus!) mitgerissen in einen schneidenden Strudel der Gefühle (2. Satz). Sowjetische Tristesse wurde in dieser Sinfonie des reifen Schostakowitsch (dieses Werk lag ihm ganz besonders am Herzen) durch Celli und Bässe genauso evoziert, wie die spöttische Leichtigkeit mit der Flöte und den präzisen Pizzicati der Streicher im Finalsatz. Soli der Tuba, der Solovioline, der Bassklarinette, der Einsatz der verschiedenen Glocken und der Celesta sorgten für stimmungsvolle Momente. Nach dem zarten Verklingen (keine orgiastische Apotheose wie z.B. in Schostakowitschs 5.Sinfonie) hielt Ingo Metzmacher die Spannung für einen Moment der Ruhe aufrecht, bevor der enthusiastische Applaus sich Bahn brach.

Werke:

Olivier Messiaens (1908-1992) Werke zeichnen sich durch tief religiös empfundene Bezüge aus, die oft metaphysische Ausmasse annehmen. Dabei verblüffen seine klangmagischen Fähigkeiten genauso wie die oft aufscheinende ekstatische Inbrunst. Er hat sich intensiv mit Debussy, Stravinsky und Mussorgsky beschäftigt, aber auch fernöstliche Musikstile studiert. Unüberhörbar in seinen Werken ist auch die Tatsache, dass er nicht nur Musiker sondern auch Ornithologe war. Immer wieder verleihen die Ondes Martenot seiner Klangsprache einen ganz besonderen Reiz. Die Ondes Martenot sind ein elektronisches, monophones Tasteninstrument mit sieben Oktaven Umfang, wobei die linke Hand die Dynamik und die Klangfarbe steuert. Dieses Instrument wird auch in den Trois petites liturgies eingesetzt, neben Frauenchor, Soloklavier und Orchester. Ursprünglich konzipierte Messiaen das sakrale Werk, das Gott in verschiedenen Facetten beschreibt (in uns, in sich selbst, in den Dingen), für zwei Klaviere. Den Text verfasste er selbst. Bei der Uraufführung löste das Werk diametral entgegengesetzte Reaktionen aus: Während die Mehrheit des Publikums wohlwollend reagierte, griff insbesonder der Musikkritiker Claude Rostand zu einer ganz spitzen Feder und überschüttete die Komposition mit Häme, sprach von Pseudo-Mystizismus und Engeln mit Lippenstift. Damit löste er eine Kontroverse aus, die als „Bataille des liturgies“ in die Geschichte einging.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) schrieb seine 13 Sinfonie in den Jahren 1961-62. Grundlage und Kernpunkt dieser grossangelegten Sinfonie bildet das Gedicht Babi Jar des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko. Dieses in der damaligen Sowjetunion höchst umstrittene Gedicht prangert nicht nur das Massaker an 33000 Juden in der gleichnamigen Schlucht vor den Toren Kiews an, sondern setzt sich auch kritisch mit dem Umgang des Vorgangs in der Sowjetunion unter Stalin und Chruschtschow auseinander. Für die Ermordeten wurde kein Denkmal errichtet, die Schlucht zugeschüttet, das Thema des Antisemitismus, der tief in der russischen Gesellschaft verankert war, wurde totgeschwiegen. Die Uraufführung wäre beinahe nicht zustande gekommen, da sich der Dirigent, Mrawinski, weigerte, die Sinfonie zu dirigieren und der Bassist nicht zur Hauptprobe erschien. Ein anderer Bassist sprang kurzfristig ein und Kirill Kondraschin am Pult führte die Uraufführung zu einem gewaltigen Erfolg. Nichtsdestotrotz setzten die Behörden Textänderungen durch. Erst Jahre später gelangte die Originalfassung in den Westen und Eugene Ormandy führte die Originalfassung 1970 in Philadelphia auf. Ursprünglich hatte Schostakowitsch nur dieses eine Gedicht vertonen wollen. Doch Jewtuschenko bot dem Komponisten weitere Gedichte an, so eintstand letztendlich diese fünfsätzige Sinfonie, die eben mit der Widmung an die Opfer von BABI JAR in einem unter die Haut gehenden Adagio beginnt. Der zweite Satz beschäftigt sich mit der unsterblichen Kraft des HUMORS, der dritte Satz IM LADEN ist ein Hohelied auf die Kraft der sowjetischen Frauen im grossen vaterländischen Krieg. Für den vierten Satz schrieb Jewtuschenko ein neues Gedicht mit dem Titel ÄNGSTE. Schostakowitsch setzte den Text in bedrohliche Klänge um, Babi Jar und die Unterdrückung allgemein in der Sowjetunion werden noch einmal fühlbar. Das Finale ist mit KARRIERE überschrieben und handelt von den kühnen Träumen der Menschheit, von Galilei, Tolstoi, Ärzten, welche mutig die Cholera bekämpften, Kosmonauten, welche das Weltall erforschten.

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