Berlin, Philharmonie: MAHLER 9 | SCHÖNBERG KAMMERSINFONIE, 06.09.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Mahler Sinfonie Nr. 9 | Schoenberg Kammersinfonie

Arnold Schönberg: Kammersinfonie Nr. 1 in E-dur, op.9 |

Uraufführung: 8. Februar 1907 in Wien |

Mahler 9. Sinfonie |

Uraufführung: 26. Juni 1912 in Wien unter der Leitung von Bruno Walter

Kritik: 

Anfang und Ende prägten dieses Konzert des Israel Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berline 2015. Anfang und Ende zweier Zeitgenossen, welche im Zentrum der Programme dieses Musikfestes stehen, Arnold Schönberg und Gustav Mahler. Von Schönberg erklang die Kammersymphonie Nr. 1 op.9, entstanden 1906, von Mahler seine letzte vollendete Sinfonie, die Nummer 9 aus dem Jahre 1909, deren Uraufführung Mahler jedoch nicht mehr erlebte und die er auch nicht mehr überarbeitete, wie er es bei vielen seiner anderen grossen Werken getan hatte. Am Pult des Orchesters stand mit Zubin Mehta der langjährige künstlerische Berater und Musikdirektor dieses herausragenden Orchesters, welches eben auch in den dunkeln Zeiten europäischer (Kultur)-Geschichte, als Mahler und Schönberg in Zentraleuropa nicht aufgeführt werden durften, die Werke dieser Komponisten gepflegt hatte.

Auffällig - und für die Aufführung insbesondere dieser Sinfonie aus der Feder Gustav Mahlers besonders wichtig – war der wunderbare Klang der Streicher. Warm, satt, lieblich, erfüllt, ergreifend, jedoch nie zu süsslich. Wunderschön zu erleben bereits zu Beginn des ersten Satzes, wenn die fragmentarischen Fetzen sich langsam zur Kantabilität des Kopfthemas finden, welches im weiteren Verlauf  in all seinen Variationen immer wieder sehr transparent durchschimmert. Grandios gespielt auch die Trompetenfanfare, welche zum ersten Kulminationspunkt leitet. Der Satz ist ja auch geprägt vom Zusammenfallen des motivischen Materials, dessen Auflösung, dem Stocken, dem Abgleiten ins beinahe Unhörbare. All dies wurde vom Orchester sorgfältig ausmusiziert, das Zerklüftete wurde nicht geglättet. Sehr musikantisch, jedoch nie überhastet, wurde der zweite Satz mit seinen Ländlermelodien gespielt, mit begeisternder Virtuosität und Schmiss beeindruckten im dritten Satz vor allem die Holz- und Blechbläser, welche sich gegenseitig zu rasanten Passagen zu beflügeln schienen. Auch hier muss wieder der Solotrompeter besonders erwähnt werden, welcher im Adagio-Teil dieser Rondo-Burleske brillierte. Mit beinahe diabolischer Vertracktheit endet dieser dritte Satz, fulminant und ähnlich wie bei Tschaikowskys Pathétique ist man versucht zu applaudieren, doch folgt ja noch der lange Abschied, dieses grossartige, melancholisch-tröstliche Adagio, in welchem neben dem Horn und dem Fagott vor allem wieder die wunderbaren Streicher des Israel Philharmonic Orchestra beeindruckten. Ein letztes spätromantisches Aufbäumen, eine Art Vielstimmigkeit von Singstimmen ohne Wort schwillt an, ergreift das Ohr und die Seele, bevor dann der Atem quasi morendo stockt – noch einmal schuf Mahler hier Musik, die tief bewegt. Das wiederum sehr aufmerksam und konzentriert mitfühlende Publikum bedankte sich für diese immense Leistung auch aufs Herzlichste bei Maestro Zubin Mehta und seinem Orchester.

Im Gegensatz zum Konzert des Boston Symphony Orchestras am Abend zuvor, stellten Mehta und das Israel Philharmonic Orchestra jedoch noch ein zusätzliches Werk vor die überlange Sinfonie Mahlers, nämlich die Kammersinfonie des um vierzehn Jahre jüngeren Arnold Schönberg., welche Mehta auswendig dirigierte. Ein interessantes Werk, das die Entwicklung Schönbergs vom spätromantisch gross besetzten Orchesterapparat seiner frühen Werke zu den tonal neuen Wegen, die er von nun an beschreiten wird, sehr deutlich macht. Trotz der „unausgewogenen“ Besetzung mit nur fünf Streichern und 11 Bläsern war der Klang nie zu grell, die Balance und die Durchhörbarkeit blieben gewahrt. Schade war, dass ausgerechnet bei der Hornfanfare, diesem aufgefächerten Quartakkord, welche in der wie stets äusserst informativen Konzerteinführung durch Habakuk Traber den Zuhörern mehrmals in exemplarischer Qualität vorgespielt wurde, die beiden Hörner etwas überhastet spielten. Doch davon abgesehen erlebte man eine hervorragende Aufführung dieser einsätzigen Sinfonie, in welcher sich jedoch die Sonatenhauptform und die Viersätzigkeit einer „normalen“ Sinfonie auf spannende Art überlagern, Anklänge an Tristan-Akkorde, bereits von neuen Harmonien überdeckte Auflösung von Dissonanzen.  Beide Werke, Schönbergs „Anfang“ und Mahlers „Ende“ , stellen wichtige Meilensteine in der Entwicklung der Musikgeschichte dar und es war bereichernd, sie innerhalb eines Konzertabends erleben zu dürfen.

Werke:

Die Kammersinfonie Schönbergs bildet den Endpunkt der spätromantischen Schaffensphase des Komponisten. Er hat jedoch trotz seiner darauf folgenden Hinwendung zum atonalen Kompositionsstil dieses Werk nie verleugnet und sogar eine Fassung für grosses Orchester erstellt, welche es 1935 in Los Angeles aufführte. Auffallend ist die Besetzung mit einer starken Holzbläsergruppe, welche dem Werk einen eigenartigen Gesamtklang beschert. Schönbergs Kammersinfonie besteht bolss aus einem Satz, der etwa 22 Minuten dauert. Das Stück beinhaltet zwei Hauptmotive, eines wird vom Horn eingeführt (Fanfare), das andere ist eine vom Cello exponierte Ganztonleiter-Melodie. Die Dissonanzen lösen sich zwar immer wieder auf, doch meist unmerklich, da sie bereits von neu auftauchenden Reibungen wieder überlagert werden. Der Gesamtcharakter der Musik wirkt etwas nervös, ja zuweilen jazzig.

Mahlers neunte Sinfonie ist wie die Sinfonien Nr.1, 5, 6 und 7 ein rein instrumentales Opus. Sie ist das letzte vollständig von Mahler vollendete Werk und wird oft als Schlüsselwerk zum Übergang in die Epoche der Neuen Musik bezeichnet. Mahler konnte die Uraufführung nicht mehr erleben, er verstarb bereits ein Jahr zuvor. Er komponierte die Sinfonie in seinem Haus in Toblach, als Alma mit der Tochter im Ausland weilte.

Im ersten Satz entwickelt sich das Hauptmotiv quasi aus dem Nichts. Nach einem Dialog zwischen Streichern, Harfe und Horn brechen die Posaunen und Pauken mit Gewalt in die ruhevolle Stimmung ein. Der Satz ist geprägt von Themenfragmenten, welche immer wieder in sich zusammenbrechen, sich dann doch wieder aufbäumen und erneut in Verklärung (Leb wohl) versinken. Der zweite Satz stellt ein groteskes Scherzo dar, mit verzerrten Ländlermotiven. Der dritte Satz ist eine Rondo-Burleske: In der komplizierten Kontrapunktik erinnert sie an ein amorphes, chaotisches Maschinengefüge, die Tonalität löst sich praktisch vollständig auf. Auf die drei aufwühlenden, zum Teil hektischen Sätze folgt als Finale ein stellenweise entrückt klingendes Adagio, dessen Fluss gegen Ende jedoch immer mehr ins Stocken gerät, sich zunehmend auflöst und zusammenfällt. Am Ende erklingt ein Motiv aus seinen KINDERTOTENLIEDERN: Oft denk’ich, sie sind nur ausgegangen. Mit ersterbenden, transzendentalen Klängen endet die letzte vollendete Sinfonie Gustav Mahlers.

Das Publikum regaierte eher verstört auf das Werk, Komponistenkollegen wie alban Berg oder Arnold Schönberg hingegen sahen darin den Übergang zur Neuen Epoche. Wie Beethoven, Bruckner oder Dvorak schaffte auch Mahler genau neun Sinfonien, er starb vor der Vollendung einer zehnten. 

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