Berlin, Philharmonie: HENZE | BRUCKNER 7. SINFONIE, 08.09.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bruckner 7. Sinfonie

Hans Werner Henze: Il Vitalino raddoppiato | Chaconne für Solovioline und Kammerorchester | Uraufführung: 2. August 1978 in Salzburg | Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 in E-Dur | Uraufführung: 30. Dezember 1884 in Leipzig | Dieses Konzert in Berlin: 7.9. (Konzerthaus) | 8.9.2016 (Philharmonie)

Kritik:

Bruckners siebte Sinfonie ist mit einer Aufführungsdauer von knapp unter 70 Minuten nicht ganz (Konzert-)abendfüllend. Was also stellt man diesem gewaltigen Werk zur Seite? Irgendein romantisches oder klassisches Solistenkonzert kommt kaum in Frage, da es unweigerlich von der nachfolgenden Bruckner-Sinfonie erdrückt würde. Die Wahl an diesem Abend fiel auf Henzes IL VITALINO RADDOPIATO, Ciacona per violino concertante ed orchestra da camera. Eine ausgezeichnete Wahl! Nach einer heftigen Introduktion der tiefen Streicher entfaltet die Solovioline erst mal die sanft und weich erklingenden Harmonien des Themas von Tomaso Antonio Vitali (1663-1745), dessen Chaconne für Violine und Generalbass für Henze die Grundlage seiner Komposition bildete. Die Geigenvirtuosin Julia Fischer bezauberte und faszinierte mit dem brillanten Klang ihres Instruments, der facettenreichen und feinfühligen Interpretation dieses doch leicht heimtückischen Stücks. Denn Henze entwickelt aus dem Korsett der Vorlage eine durch und durch eigenständige Komposition, lässt einen Klangkosmos aufblühen und schleicht sich als Komponist Henze quasi durch die Hintertür immer präsenter in den Saal. Die unharmonischen Töne durchkreuzen beinahe unmerklich den warmen Sound, welcher vom fantastisch präsenten KonzerthausorchesterBerlin unter der Leitung seines Chefdirigenten Iván Fischer ausgebreitet wird. Fischer dirigiert dabei mit ruhiger, eindrücklicher Zeichengebung. Dieser interessante und innovative Dirigent muss nicht durch Pultstarattitüden für sich einnehmen, sondern überzeugt durch seine ehrliche, geradlinige und präzise Art des Musizierens. Das Stück Henzes mit seinen die Variationen Vitalis verdoppelnden und erweiternden Eingebungen (daher der Titel des Stücks) fesselt und begeistert. Tänzerische und wildere Passagen wechseln kunstvoll mit beinahe spätromantischer Emphase, dann fällt die Komposition wieder in barocke Klangwelten zurück, versprüht ein tröstliches Gefühl. Höhepunkt ist natürlich die virtuose Kadenz der Solovioline gegen Ende des Stücks: Julia Fischer bewältigt die ungewöhnlichen Intervallsprünge, die filigranen, schnellen Passagen mit stupender Virtuosität und Sicherheit der Intonation. Nach einem wilden und rasanten Höhepunkt kehrt Henze dann kurz zur Chaconne Vitalis zurück und lässt das Stück unaufgeregt und sanft verklingen. Frau Fischer bedankt sich bei den Zuhörerinnen und Zuhörern im nicht ganz voll besetzten Saal der Philharmonie Berlin mit der traumhaft schön gespielten Sarabande in d-moll von Johann Sebastian Bach.

Henze hat einmal gesagt, dass in der Chaconne von Vitali ein Wohlbehagen liege, ein Verweilen, eine Consolation, etwas das „abseits liegt, entfernt in Zeit und Raum.“

Mit Zeit und Raum haben auch die Sinfonien Bruckners zu tun. Der Wagner-Verehrer Bruckner scheint Gurnemanz’ Worte aus dem Parsifal in seinen Sinfonien verinnerlicht zu haben: „Zum Raum wird hier die Zeit.“ Enorm ausgedehnt sind die ersten beiden Sätze der siebten Sinfonie. Wellenartig strömen die Motive herein, bauen sich auf. Doch diese Sinfonie wirkt weit weniger zerklüftet als andere des Meisters. Das Konzerthausorchester Berlin spielt in einer klanglich hoch interessanten Aufstellung : Hinten in der Mitte erhöht in die acht Kontrabässe, davor die relative kleine Gruppe der Holzbläser (acht Musikerinnen und Musiker), welche sich klanglich jedoch ausgezeichnet in Szene setzen, dank des transparenten, durchhörbaren Klangbildes, welches Iván Fischer evoziert. Vor den Holzbläsern die Celli und Bratschen, links vom Dirigenten die ersten, rechts die zweiten Violinen. Ganz rechts hinten die Hörner und Wagner-Tuben, links hinten die Basstuba (welche sich für das Adagio quer durch das Orchester zu den Wagner-Tuben schlich), die Trompeten und Posaunen und die Pauke, das Becken (nur für einen einzigen Schlag im Adagio eingesetzt) und der Triangelspieler. Iván Fischer durchschreitet mit dem herausragend spielenden Konzerthausorchester zwar eine breite Palette dynamischer Ausdrucksnuancen, doch wird stets ein beinahe kristalliner, auch im ersten Finale nie überbordender, Gesamtklang beibehalten, so dass auch die Passagen im Fortissimo nie breiig und weder zu dick noch zu laut erklingen. Sehr schön herausgearbeitet - man kann es nicht oft genug betonen – die wunderbar gespielten Stellen der Holzbläser. Sie erhalten am Ende einen verdienten Sonderapplaus, insbesondere der Soloflötist wird begeistert gefeiert. Bemerkenswert wie schlicht und ehrlich das wunderschöne Adagio erklingt. Die Musik hat in dieser Interpretation nichts Larmoyantes, Kitschiges sondern ist einfach ergreifend und auch tröstend. Fischer dehnt das Tempo nicht allzu sehr, setzt dafür auf satten und samtenen Klang, erhebende Steigerungen ohne Exzesse. Effektvoll steigt das Konzerthausorchester ins tänzerisch-wilde Scherzo ein, schwelgt wiegend und abgerundet im lieblichen Mittelteil und strotzt vor vibrierender Energie im Schlussteil. Von bezwingender Vielschichtigkeit und mit Spannung erfüllt ist der für Brucknersche Verhältnisse relativ kurze Finalsatz. Fischer baut ihn architektonisch eindringlich auf, überdehnt die Generalpausen nicht und erzielt so eine soghafte Wirkung, welche am Ende in den Jubel des Publikums mündet.

Werke:

Hans Werner Henze (1926-2012) gehört zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein eklektizistischer Kompositionsstil war stets sehr vielseitig, er hat sich nie einer bestimmten Richtung oder gar Doktrin angeschlossen. Er hat sich der Tradition nicht verweigert, sie jedoch spielerisch und manchmal auch ironisierend in seine Werke einfliessen lassen. Neben bedeutenden Opern (Boulevard Solitude, We come to the river, Der junge Lord, Die englische Katze, Die Bassariden, König Hirsch, Der Prinz von Homburg) komponierte er auch zehn Sinfonien, Werke für Orchester und Soloinstrument und Kammermusik. Die dem Geiger Gidon Kremer gewidmete Chaconne IL VITALINO RADDOPPIATO ist in der Art der „Doubles“ des Settecento komponiert und fusst auf der Ciaccona von Tommaso Vitali (1663-1745).

Anton Bruckner (1824-1896) bekam seine verdiente Anerkennung als Komponist erst in seinen letzten Lebensjahren. Die siebte Sinfonie war die erste, welche zu seinen Lebzeiten einen durchschlagenden Erfolg erzielte und die bösen konservativen Kritiker um den scharfzüngigen Eduard Hanslick endlich etwas zum Verstummen brachte, obwohl Hanslick auch weiterhin über Bruckner lästerte. Bruckners Siebente gehört heute zu den am häufigsten aufgeführten Sinfonien des Meisters aus St.Florian. Nach der Uraufführung verbreitete sich dieses grandiose Werk bald in den musikalischen Zentren Europas und in Übersee. Die Beliebtheit dieser Sinfonie erklärt sich nicht aus ihrer Architektur, denn in ihren gigantischen Ausmassen unterscheidet sie sich kaum von Bruckners anderen Werken. Doch muten die Motive einprägsamer an, der Fluss ist kaum durch die von Bruckner so gern eingefügten Generalpausen unterbrochen, die Melodien erscheinen oft sehr hell, beinahe ätherisch und lieblich. Dadurch liegt sie nahe bei seiner vierten Sinfonie, der romantischen. Im Gegensatz zu seinen anderen Sinfonien liegt die siebente nur in einer Fassung vor.

Erwähnenswert ist insbesondere das wunderbare Adagio: Hier hat Bruckner seine Vorahnung des Todes seines Idols, Richard Wagner, vorausgeahnt. Und tatsächlich erreichte ihn die Nachricht vom Tode Wagners mitten in der Komposition dieses Satzes. In der Coda mit ihren Tuben- und Hörnerklängen hat er dieses „Andenken an des Meisters Hinscheiden“ verarbeitet. Was Hanslick noch als „krankhafte Übersteigerung des Ausdrucks“ und als „unnatürlich und aufgeblasen“ bezeichnete, hören wir heute ganz anders: Der Brucknersche Klangkosmos mit seiner Intensität, seiner aufwallenden Ekstatik, seiner gewagten Harmonik, seiner weihevollen Feierlichkeit und den jubelnden und erhabenen Schlüssen löst in den Konzertsälen rund um die Welt stets Begeisterungsstürme aus.

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