Berlin, Philharmonie: Gustavo Dudamel, 28.04.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Dudamel | Berliner Philharmoniker

Maurice Ravel: Ma mère l´oye | Uraufführung der orchestrierten Fassung: 29.Januar 1912 in Paris | Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert | Uraufführung: 15. Februar 1947 in St. Louis (mit Jascha Heifetz) | Richard Strauss: Also sprach Zarathustra | Uraufführung: 27. November 1896 in Frankfurt am Main | Konzerte in Berlin: 26.4. | 27.4.| 28.4.2012 in der Philharmonie

Kritik:

Mit seinen 31 Jahren ist der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel bereits einer der ganz grossen Pultstars, ist Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestras – und dennoch in seinem Auftreten bescheiden geblieben. Dies zeigte sich bei der Entgegennahme des begeisterten Applauses nach dem Konzert in der Philharmonie am 28. April. Er trat vom Podest herunter, leitete den Beifall an die exzellenten Stimmführer und das gesamte Orchester der Berliner Philharmoniker weiter. Das Orchester hatte eben mit Richard Strauss´ ALSO SPRACH ZARATHUSTRA einen der ganz grossen Brocken des spätromantischen Gigantismus mit einem sich im Ungewissen verlierenden, hoch konzentriert flüsternd gespielten Schluss verklingen lassen. Doch zuvor hatte man vom seine Wirkung nie verfehlenden, bombastischen aus der Ursuppe aufsteigenden Sonnenaufgang in C-Dur über die süsslich-naiven Hinterweltler, die düstere Finsternis des Grabliedes, die fugierte Kakophonie der Wissenschaftler, die „Eulenspiegeleien“ der Genesenden bis zum sich ins Gleissende steigernden Walzer des Tanzliedes manche Welt effektvollen, leidenschaftlichen orchestralen Glanzes durchschreiten dürfen. Das Ohr erfreute sich am herrlichen Ton der Solo-Violine (Daniel Stabrawa), dem wunderbar feinen Flötenzauber (Emanuel Pahud, Andreas Blau), den Glissandi der Harfen (Marie-Pierre Langlamet), den acht prägnant akzentuierenden Kontrabässen und der insgesamt schlicht phänomenalen Leistung der Holz- und Blechbläser und natürlich der fulminanten Pauke zu Beginn! Der auswendig dirigierende Maestro hielt dabei die Fäden des Riesenapparates stets kontrolliert und die Motive wunderschön herausarbeitend und zu grandiosen - aber nie bloss lärmenden - crescendi führend in der Hand. Ein berauschendes Erlebnis!

Ein Erlebnis ganz anderer Art war der Beginn des Konzerts, Maurice Ravels intime, impressionistische Visionen von Kindermärchen, die Orchestersuite MA MÈRE L´OYE. Auch dieses Werk dirigierte Dudamel ohne Partitur vor sich. Mit grosser, konzentrierter Ruhe entführten er und das überirdisch schön intonierende Orchester uns in Zauberwälder voller Feen, zu chinesischen Tempeln, aus denen pentatonische Harmonien erklangen, man erlebte die Schrecken Däumelinchens, den ruhigen Schlaf Dornröschens, witziges Vogelgezwitscher, alles mit wunderbar einfühlsamer Intimität hingepinselt. Besonders eindrücklich waren jeweils das ungemein zarte, saubere Verklingen lassen der Töne und die reizvollen Kombinationen der Instrumente, z.B. Solovioline mit Celesta.

Zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Werken (obwohl sie bloss im Abstand von 15 Jahren entstanden waren) stand Korngolds Violinkonzert in D-Dur aus dem Jahr 1945. Und ganz ehrlich gesagt, ich weiss nicht so recht, was ich von dem Werk halten soll. Da sind in den Ecksätzen knallige Effekte vorhanden, fesselnde Rhythmen, burleskes Spiel zwischen Solovioline und Orchester. Die immensen Schwierigkeiten für den Solisten im dritten Satz sind allgemein bekannt, die Einarbeitung von Motiven aus seinem reichen und anerkannten Schaffen als Filmkomponist im Hollywood der 30er Jahre führt zu herrlich schmachtenden Momenten – doch wirkt all dies nicht ganz durchgearbeitet, fast wie beliebig aneinandergefügt, ohne Ideen der Verarbeitung, der Durchführung. In der süsslichen Romanze des zweiten Satzes hat man immer stärker das Gefühl, dass dem Komponisten das Material etwas ausgehe. Nichtsdestotrotz muss man jedoch dem Solisten des Abends, Leonidas Kavakos, allergrössten Respekt zollen. Er ist ein wahrer „Teufelsgeiger“, entlockte seiner herrlich klingenden Abergavenny-Stradivari aus dem Jahr 1724 Töne von höchster Brillanz und phänomenaler Virtuosität, klar und sauber bis in die extremsten Lagen und durfte sich dafür zu Recht feiern lassen. Den Zuhörern in der ausverkauften Philharmonie schenkte er noch eine Zugabe, leider ohne Ansage. Und da ich mich in der Literatur für Solovioline nicht durchgehend auskenne, wäre ich um einen Hinweis aus meiner geneigten Leserschaft dankbar. Ich vermute mal Ysaye … .

Soeben hat mir die Pressestelle der Berliner Philharmoniker mitgeteilt, dass ich richtig lag - das freut mich natürlich ungemein: Also es handeltet sich um Eugène Ysaye, Solosonate Nr. 5 , 1. Satz 

Werke:

RAVEL (1875-1937): MA MERE L´OYE

Ravel schrieb das Stück 1910 ursprünglich für Klavier zu vier Händen und widmete es den Godebski Kindern Mimi und Jean. Im selben Jahr wurde das Werk für Solo-Klavier transkribiert durch Ravels Freund Jacques Charlot. Kurze zeit später, 1911, erstellte Ravel eine orchestrierte Fassung der fünf Märchenszenen und baute sie mit zusätzlichen Zwischenspielen zur Ballettmusik aus. Die Märchen, die Ravel bei seiner Vertonung im Kopf hatte, stammten von Charles Perrault (Dornröschen, Däumelinchen), Madame d´Aulnoy (Das hässliche Mädchen) und Jeanne-Marie Le Prince de Beaumont (Die Schöne und das Biest) und einer unbekannten Quelle (Der Zaubergarten).

Ravels eigentlich konservative Harmoniesprache verbindet lyrische Melodien mit exotischen tonleitern. Sehr reizvoll ist der Einsatz des Kontrafagotts in MA MERE L´OYE.

ERICH WOLFGANG KORNGOLD (1897-1957): VIOLINKONZERT D-DUR, op.35

Nach seiner Emigration in die USA (1934) wandte sich Korngold eigentlich ausschliesslich der Komposition von Filmmusik zu. Es bedurfte der immensen Überzeugungskraft seines Freundes, des Geigers Bronislaw Huberman, um Korngold von den Filmstudios wegzulotsen. Das von Jasha Heifetz dann zur Uraufführung und zum weltweiten Erfolg gebrachte Violinkonzert wurde Korngolds grösster Konzerterfolg (neben den frühen Erfolgen mit seinen Opern DIE TOTE STADT, 1920 und DAS WUNDER DER HELIANE, 1927).

Die drei ungefähr je sieben Minuten dauernden Sätze (Moderato nobile, Romanze, Allegro assai vivace) entlehnen einige Motive aus seinen Filmmusiken, werden in den ersten beiden Sätzen eher elegisch verarbeitet und kulminieren in einem virtuosen Klimax im dritten Satz. Erwähnenswert ist auch der Einsatz eines grossen, vielgestaltigen Schlagwerks, mit Vibraphon, Xylophon, Celesta u.a.m.

RICHARD STRAUSS: ALSO SPRACH ZARTHUSTRA, op.30

Da Strauss eigentlich dem Christentum nicht sehr zugeneigt war, erstaunt es nicht, dass er Nietzsches kulturkritischen Angriffen nicht gerade ablehnend gegenüberstand. Nietzsches Hymne entspricht in ihrem sprachlichen Rhythmus einer Art Musikstück. Auch Gustav Mahler hat sich für den Text interessiert. Strauss hat die neun Teile seiner Komposition nach Kapiteln aus Nietzsches Gedicht benannt. Berühmt wurde der Anfang: Die grandiose Natur-Motiv Steigerung c´-g´c´´ ist wohl das berühmteste crescendo der Musikgeschichte und fand Eingang in Filmmusikscores, Popmusik und Werbespots (von Stanley Kubricks 2001 – A SPACE ODYSSEY über die Simpsons zu LED ZEPPELIN und ELVIS PRESLEY bis zur Werbung für eine deutsche Biermarke). Doch auch was sich nach diesem alle in seinen Bann führenden Beginn tut, ist beachtlich und zeigt Richard Strauss in Höchstform der effektvollen Orchestrierungs- und Motivverarbeitungstechnik. Ein immenser Bogen führt zum zwiespältig zwischen H- und C-Dur changierenden Finale.

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