Berlin, Philharmonie: ELGAR | VAUGHAN WILLIAMS, 11.12.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Vaughan Williams Sinfonie Nr. 2

Edward Elgar: Konzert für Violoncello und Orchester in e-Moll, op. 85 | Uraufführung: 27.Oktober 1919 in London | Ralph Vaughan Williams: A London Symphony, Sinfonie Nr.2 in G-Dur | Uraufführung: 27. Mai 1914 in London | Dieses Konzert in Berlin: 11.12.2016 um 16 Uhr in der Philharmonie Berlin

Kritik: 

Stockend und suchend setzt Andreas Brantelid mit seinem Cello in Edward Elgars Konzert für Violoncello und Orchester ein, suchend nach einer Schönheit, welche der Erste Weltkrieg wohl für immer zerstört hatte. Erst nach und nach findet das Solocello die ideale Kantilene, die Bratschen und Celli des Orchesters hatten den Weg gewiesen. Wenn dann das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der präzise gestaltenden Leitung von Karl-Heinz Steffens im Tutti die wunderbar schwelgerische, spätromantische Phrase aufnimmt und verstärkt, scheint die alte, glückliche Zeit nochmals kurz aufzuerstehen. Das ist ergreifend schöne Musik – enthoben den Schrecken des Krieges, welcher die Welt so brutal verändert und auch die Kunst nachhaltig beeinflusst hatte. Aber genau wie Richard Strauss auf die Schrecken des nächsten großen Krieges, des Zweiten Weltkrieges,  mit seinen zarten, rückwärtsgewandten Vier letzten Liedern und den Metamorphosen reagiert hatte, spürte Elgar in seinem Cellokonzert einem vergangenen Schönheitsideal nach, verneinte die neuen Strömungen, welche nun in die Musik einkehrten. Der elegische Tonfall nimmt immer wieder überhand. Andreas Brantelid und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin setzen das hochspannend um. Faszinierend, wie Brantelid virtuos zwischen Streichen und Zupfen wechselt, vom Reflektierten zum Tänzerischen drängt, schwärmerisch und entrückt in kunstvollen Piano-Passagen schwelgt, das schmachtend und schmerzerfüllt sich aufbäumende Orchester sanft zurückholt mit der Reminiszenz an die herrliche Kantilene des Kopfsatzes und zum schnellen Abschluss des Konzertes führt. Passend gewählt ist auch die Zugabe des Solisten, eine introvertiert, zart und nachdenklich interpretierte Sarabande von Johann Sebastian Bach.

Auch im zweiten Teil dieses Konzertnachmittags in der Philharmonie erklang Musik aus England, von einem Komponisten, der auf dem Kontinent leider noch mehr vernachlässigt wird als Elgar, nämlich Ralph Vaughan Williams. Von diesem großartigen Komponisten wurde die zweite Sinfonie gespielt, entstanden ganz kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Der Schluss der Sinfonie, die mysteriös im vierfachen Piano verklingt, scheint das Ende des British Empire zu erahnen – gerade wenn man noch Ralph Vaughan Williams’ Anspielung auf den Text aus TONO-BUNGAY vor Augen hat. Diese mysteriösen - aber nicht eigentlich unheimlichen - Nebelschwaden stehen auch am Beginn der Sinfonie, bevor dann, (nach den von der Harfe intonierten Glockenschlägen Westminsters) lärmend eine niedersinkende Flut an Tönen des gesamten Orchesters einsetzt.  Diese fallende Tonfolge erscheint noch mehrmals, drängt sich in die heiteren Rhythmen – und kommt einem sehr bekannt vor.  Sie gleicht auffallend dem effektvollen Beginn von Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical PHANTOM OF THE OPERA – Lloyd Webber war mit der Musik von Vaughan Williams bestimmt sehr vertraut. Karl-Heinz Steffens und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin verstanden es vortrefflich, die Stimmungen der erwachenden Großstadt zu evozieren, volksliedhafte Einsprengsel und rasante Klangsteigerungen zu mischen, den herrlich gespielten solistischen Passagen prominent Raum zu geben (Bratsche, Englischhorn, Klarinette, Solovioline, Trommel), gleißende Kulminationspunkte zu setzen, welche abrupt in ein Diminuendo mündeten. Wunderschön herausgearbeitet waren auch die wiederkehrenden „Glockenschläge“, welche die Harfe über dem murmelnden Fließen und Wispern der Streicher im Schlusssatz spielte, bevor dann alles unter der Führung der Solovioline wieder im Nebel versank und die Zuhörer mit einem zarten Fragezeichen in die Dunkelheit entließ.

Die Philharmonie war an diesem dritten Adventssonntag nicht ausverkauft, doch das anwesende Publikum bedankte sich mit anhaltendem, herzlichem Applaus für diese bereichernde Entdeckungsreise zu spannenden Werken der beiden bedeutendsten Komponisten Englands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Werke:

Edward Elgars (1857-1934) Cellokonzert stellt quasi seinen „Schwanengesang“ dar, es ist das letzte grössere Werk aus der Feder des Briten. Kurze Zeit nach der Uraufführung verstarb auch noch Elgars geliebte Frau Alice. Entstanden ist das Cellokonzert während der Nachwehen des Ersten Weltkriegs 1919. Zuvor hatte sich Elgar auch einer schmerzvollen Mandeloperation unterziehen müssen. Als er aus der Narkose aufwachte, bat er um Papier und Stift und notierte eine Melodie. Sie sollte später als erstes Thema in seinem Cellokonzert auftauchen. Das Werk hat einen elegischen, beinahe grüblerischen Grundton, der „herbstlich“ anmutet – ein letztes Aufschimmern einer Epoche symbolisiert, die nach dem Krieg für immer zu Ende war. Und mit dem Untergang dieser Epoche war auch ihr musikalischer Vertreter, Edward Elgar, nicht mehr so gefragt. Hinzu kam, dass die Uraufführung ein Desaster war (der Dirigent Albert Coates nahm fast die gesamte zur Verfügung stehende Probezeit für sich und Wagners „Waldweben“ in Anspruch, so dass für Elgar und sein Cellokonzert praktisch keine Zeit mehr blieb und Elgar nur aus Rücksicht auf den Solisten das Werk nicht zurückzog). Nichtsdestotrotz setzte sich dieses wunderbare Konzert schnell durch. Elgar selbst nahm es zusammen mit der Solistin Beatrice Harrison schon 1920 auf Schallplatte auf. Mittlerweile gehört es zum Standardrepertoire aller grossen Cellistinnen und Cellisten. Legendär wurden die Aufnahmen mit Jacqueline du Pré (Barbirolli und Barenboim) oder mit Julian Lloyd Webber (unter der Leitung von Yehudi Menhuin). Aber auch Casals, Tortellier, Yo-Yo Ma, Sol Gabetta und viele andere mehr spielten das Werk ein.

Ralph Vaughan Williams (1872-1958) war neben Elgar der zweite bedeutende Komponist Grossbritanniens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein erstes grosses Werk war die gewaltige Kantate A Sea Symphony, nach Texten von Walt Whitman komponiert. Vaughan Williams' Freund, George Butterworth, regte den Komponisten daraufhin an, eine rein orchestrale Sinfonie zu schreiben. So entstand zwischen 1912 und 1913 die Sinfonie Nr.2, welche der Komponist Butterworth widmete, der dann im Ersten Weltkrieg fiel. Zwar wollte Vaughan Williams das Werk als absolute Musik verstanden wissen, da darin jedoch unüberhörbar Klänge aus der Metropole London zu vernehmen sind (Glockenschlag von Westminster, Fliessen der Themse, Novemberstimmung am Bloomsbury Square), erhielt sie die Bezeichnung A London Symphony. Vaughan Williams präzisierte später, das Werk sollte eigentlich eher Symphony by a Londoner heissen. Über das düstere Ende des Finalsatzes erwähnte Vaughan Williams gegenüber einem seiner Schüler einmal, dass ihn dazu eine Passage aus H.G.Wells' TONO-BUNGAY inspiriert hätte: „England and Kingdom, ... glide abeam, astern, sink down upon the horizon, pass – pass. The river passes, London passes, England passes.“ Die Original-Partitur ging nach der Uraufführung auf postalischem Weg (zu Beginn des Weltkriegs) zum Dirigenten Fritz Busch nach Deutschland verloren. Der Komponist selbst rekonstruierte daraufhin eine Fassung aus den Instrumentalstimmen und revidierte diese mehrmals. Die letzte vorgenommene Fassung ist ca. 20 Minuten kürzer als die ursprüngliche von 1914.

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