Berlin, Philharmonie: BRAHMS-PERSPEKTIVEN III, 22.02.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Brahms Sinfonien

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 3 in F-Dur | Uraufführung: 2. Dezember 1883 in Wien unter Hans Richter | Claude Debussy: JEUX | Uraufführung: 15. Mai 1913 in Paris | Richard Wagner: WESENDONCK-LIEDER | Uraufführung: 30. Juli 1862 in Mainz, mit Emilie Genast, begleitet von Hans von Bülow am Klavier

Kritik: 

Während bei der ersten, der zweiten und der vierten Brahms-Sinfonie im Rahmen der Perspektiven-Konzerte des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin die Sinfonie jeweils den Schlusspunkt des Konzerts bildet, macht Robin Ticciati bei der dritten eine Ausnahme und stellt sie an den Anfang. So kommt man gerade zu Beginn zum Höhepunkt des Abends. Denn wie Ticciati und das wiederum herausragend die Intentionen seines Chefs umsetzende DSO diese Sinfonie interpretieren, ist atemberaubend. Nur schon der Beginn reisst vom Sitz: Der „Juchzer“-Einstieg (oder Jodel, wie Brahms ihn selbst mal schelmisch genannt hatte) ist von einer pure Freude verströmenden, bassgrundierten Kraft, mit präziser Rasanz gespielt. In der Interpretation von Robin Ticciati wird Brahms nicht betulich zelebriert, sondern mit Intensität aufgeladen gelebt. Wie frappierend erklingt da die Genauigkeit, mit welcher die Themen durch die Streichergruppen huschen, mit welcher Dramatik wird bei der Reprise das Kernthema wieder aufgenommen, mit bedrohlicheren Untertönen ausstaffiert. Herrlich schlagen die Holzbläser im Andante den Volkslied-Ton an, spinnen die Phrasen weiter Richtung Kunstlied, markant werden Steigerungen aufgebaut, mannigfaltige Zwischentöne von Licht zu Schatten in perfekter Balance hörbar gemacht. Das so eindringlich melancholische Allegretto (Lieben Sie Brahms?) wird ohne jegliche Larmoyanz in zügigem Tempo interpretiert, da ist kein Drücken auf die Tränendrüse zu hören, wohl aber eine klug analysierte, sehnsuchtsvolle Grundstimmung. Blitzsauber nimmt das Horn das Hauptthema auf, welches dem Satz seinen Puls vorgibt, gefolgt von der Oboe. Das letzte Aufseufzen wird praktisch körperlich spürbar. Aufpeitschend und erneut sehr rasant geht’s ins Finale, das ist Hochdramatik pur, unterbrochen von der bezaubernd glitzernden Flöte. Ticciati setzt Akzente, die wie gequälte Schreie aufhorchen lassen. Doch dann das überraschende Ende: Keinen Triumph, keine Apotheose setzt Brahms hier an den Schluss, sondern lässt die Sinfonie ganz ruhig (und mit einem leicht düsteren Fragezeichen) verklingen – und Ticciati gelingt erneut das Kunststück (wie später bei Wagners Wesendonck-Liedern), den Saal in einem langen Moment der Stille und Besinnung verharren zu lassen, bevor der begeisterte Applaus aufbrandet.

Nach der Pause verleiten Ticciati und das DSO erneut zu intensivem Zuhören: Debussys selten gespieltes Poème dansé JEUX verblüfft mit betörenden Klangfarben, laden quasi ein zum erotischen Voyeurismus in einem Zaubergarten (mit klanglichen Parallelen zu Stravinskys FEUERVOGEL). Dezent und subtil lässt Ticciati den Riesenapparat glitzern und funkeln, ermöglicht ein Versinken im impressionistischen Klangzauber und in erotischen Fantasien (wie gerne würde man das Ballett mal wieder auf der Bühne sehen). Die orchestrale Raffinesse lässt Verführung, Spiel (im doppelten Sinne) und Orgie aufblühen und erschöpft zurücksinken, untermalt von grandios gespielten solistischen Einwürfen. Und wie bei Brahms (ansonsten hatte Brahms ja mit den Franzosen wenig gemeinsam, um es mal vorsichtig auszudrücken) scheint am Ende ein witziges Fragezeichen aufzuschimmern. Debussys Programmmusik JEUX stellt ansonsten eher einen Kontrast zu Brahms’ absoluter Musik dar.

Auch mit Wagner können die Gemeinsamkeiten (gegenseitiger Respekt war aber zweifellos vorhanden) kaum auf einen Nenner gebracht werden – wäre da nicht Mathilde Wesendonck, Wagners Muse aus seiner Zürcher Zeit, deren Gedichte er voller Inbrunst vertont hatte und als Studie zum TRISTAN betrachtete. Nachdem ihm Mathilde den Geldhahn (Wagner war aber auch ein gieriger, verschwenderischer Mensch ...) zugedreht hatte, wandte sich die Mäzenin eben auch Brahms zu, versuchte mit ihren zum Teil kruden Dichtungen, Brahms zu deren Vertonung anzuregen, was gründlich misslang und letzten Endes auch zu einer Distanzierung des Meisters von Mathilde Wesendonck führte. Nun standen also die fünf Wesendonck-Lieder (in der Orchestrierung von Wagner – Nr. 5 – und Felix Mottl) am Ende dieses Konzerts. Als Solistin konnte man Dorothea Röschmann erleben, die voller Emphase und für meinen Geschmack etwas viel Vibrato in den Zyklus einstieg (DER ENGEL). Im zweiten Lied STEHE STILL wirkte sie zu Beginn fokussierter, doch erneut störte mich persönlich das Vibrato in den leiseren Passagen. Highlights waren in allen Liedern jedoch die Orchesterbegleitung und vor allem die eindringlichen, zauberhaften orchestralen Nachspiele. Sehr schön gelang der Sopranistin IM TREIBHAUS, dieser wunderbaren Tristan-Studie, welche sie mit großem Atem interpretierte. Das Nachspiel war dermaßen schön, wie nicht von dieser Welt. Den vokalen Höhepunkt setzte Frau Röschmann mit SCHMERZEN – hier passte ihre dunkel timbrierte Stimme mit dem hochdramatischen Aplomb hervorragend. Das Schlusslied TRÄUME war für meinen Geschmack wieder ein wenig zu affektiert und zu grell interpretiert, das mag ich persönlich gerne etwas runder intoniert. Nichtsdestotrotz verfehlen die Wesendonck-Lieder aus Wagners Feder ihre Wirkung auf den Zuhörer nie, vor allem wenn sie vom Orchester so sinnlich interpretiert werden.

Werke:

Während die zweite Sinfonie nur in kurzem Abstand zur ersten entstanden war, nahm sich Brahms danach wieder mehr Zeit, um eine neue Sinfonie zu präsentieren; sie wurde erst sechs Jahre nach der zweiten vollendet. Das Werk gilt allgemein als Brahms' persönlichste Sinfonie, obwohl er dazu nie irgendein „Programm“ bekanntgegeben hatte. Die Komposition ist durch und durch sehr ästhetisch und gerundet gehalten, in ihrem Gesamtbild als vollkommen zu bezeichnen. Im politischen Umfeld muss das bisher von Bismarcks Politik und den französischen Reparationszahlungen profitierende Grossbürgertum nun durch die Erstarkung der Sozialdemokratie Rückschläge einstecken. Jubelndes Aufbegehren und ungetrübte Idylle haben keinen Platz mehr in dieser Sinfonie, sie ist durchwoben von herber Melancholie, Resignation, Nachdenklichkeit. Viel Raum erhalten aber auch volksliedhafter Balladencharakter und trotzige Innigkeit. In der dritten Sinfonie mischt Brahms also liebliche Wendungen mit entrücktem Weltschmerz. Diese Sinfonie führt nicht „durch Nacht zum Licht“, sondern verklingt im Leisen. Bei der Uraufführung störten Anhänger Bruckners und Wagners die Aufführung. Die Sinfonie war höchst umstritten, den einen war sie zu konservativ, die anderen schätzten sie gerade deshalb sehr.

Filmregisseur Anatole Litvak verwendete den dritten Satz aus dieser Sinfonie für sein Melodram Aimez-vous Brahms? (1961) mit Ingrid Bergman, Anthony Perkins und Yves Montand. Auch der Song Love is just a word, welchen Diahann Carroll im Film so toll singt, basiert auf dieser Komposition von Johannes Brahms.

Claude Debussy (1862-1918) schuf mit JEUX sein letztes Ballett. In Auftrag gegeben wurde es von Serge Diaghilev, dem mächtigen Impresario der Ballets Russes in Paris. Die Choreografie kreierte Vaslav Nijinski. JEUX ist ein von der musikalischen und vor allem der rhythmischen Struktur her sehr komplexes und anspruchsvolles Werk, geprägt durch viele Tempowechsel – es gehört nicht zu Debussys populärsten Kompositionen (die Uraufführung des Balletts war ein Misserfolg), aber zu seinen interessantesten und zukunftsweisendsten. Der Inhalt ist schnell erzählt: In der Dämmerung sucht ein Junge in einem Garten einen Tennisball, zwei Mädchen helfen ihm bei der Suche, welche immer spielerischere Formen annimmt. Doch ein maliziös in die schwül-erotische Idylle geworfener zweiter Ball, bricht den Zauber. Interessantere Aspekte offenbaren jedoch die Aufzeichnungen Nijinskis: Danach wollte Diaghilev drei homosexuelle Männer im Garten sich treffen lassen und Nijinski plante, diese Idylle durch einen Flugzeugabsturz beenden zu lassen.

Richard Wagner (1813-1883) musste nach dem Dresdner Aufstand in die Schweiz flüchten und fand in Zürich beim wohlhabenden Kaufmann Otto Wesendonck Asyl und in dessen Gemahlin Mathilde eine Muse – oder sogar mehr als das (obwohl er immer noch mit Minna verheiratet war). In TRISTAN UND ISOLDE sublimierte er seine (und Mathildes) Situation. Bevor es zum Bruch kam (Minna fing einen Brief Wagners an Frau Wesendonck ab), hatte Wagner fünf Gedichte Mathildes vertont, für Frauenstimme und Klavier: Der Engel, Stehe still, Im Treibhaus, Schmerzen, Träume. Davon bezeichnete Wagner selbst Im Treibhaus und Träume als Studien zuTRISTAN UND ISOLDE. Wagner selbst instrumentierte nur das letzte Lied für Solovioline und kleines Orchester. Felix Mottl orchestrierte alle fünf Lieder für grosses Orchester.

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