Berlin, Philharmonie: BARTÓK, SCHUMANN, 06.12.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bartók 2. Klavierkonzert

Béla Bartók: Klavierkonzert Nr. 2 | Uraufführung: 23, Januar 1933 in Frankfurt am Main, der Komponist spielte den Solopart, Hans Rosbaud dirigierte | Robert Schumann: Sinfonie Nr. 2 in C-Dur, op.61 | Uraufführung: 5. November 1846 in Leipzig unter der Leitung von Felix Mendelssohn | Dieses Konzert in Berlin: 6.12.2018

Kritik:

Als „ein Programm der Kontraste“ bezeichnet der Dirigent Christoph Eschenbach seine Kombination von Bartóks 2. Klavierkonzert mit Schumanns 2. Sinfonie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem Pianisten Tzimon Barto. Sicher, da ist manch Kontrastierendes bei diesen beiden Komponisten. Die „neue Sachlichkeit“, die Abwendung - insbesondere vom spätromantischen Gefühlsüberschwang eines Rachmaninow z.B. – bei Bartók gegen die biographisch-erzählerisch geprägte, mit romantischem Klangbild aufwartende Sinfonie Schumanns. Doch ist da bei diesen beiden Werken auch manch Verbindendes zu entdecken: Die Bezüge zu Bach bei beiden Komponisten, formal bei Bartók, thematisch bei Schumann, oder die Anlage des „Brückenbaus“ mit der Verarbeitung der Themen der vorangegangenen Sätze im jeweiligen Finalsatz.

Begonnen wurde mit Béla Bartóks horrend schwierig zu spielendem Klavierkonzert, einem Konzert, das dem Pianisten keine Zeit zum Durchatmen gönnt. Tzimon Barto stellte sich dieser enormen Herausforderung mit einer bewundernswert vorwärts gerichteten, attackierenden Sicherheit. Wuchtige Akkorde, fulminante Tonfolgen und vertrackte Rhythmen erklangen mit einer stupenden Rasanz, fordernd, den Drive für das Orchester vorgebend. Christoph Eschenbach und das DSO folgten und ergänzten mit ungeheurer Aufmerksamkeit, es kam zu hoch spannenden Zwiegesprächen und Kombinationen (z.B. Klavier-Triangel). Im zweiten Satz, dem Adagio mit dem diabolischen Presto Zwischenteil, traten erstmals die Streicher dazu (der erste Satz wird nur durch Klavier und Bläser mit Schlagzeug bestimmt). Die gedämpften Streicherklänge führten zu einer mythisch-impressionistischen Grundstimmung Eschenbach baute die dynamischen Steigerungen gekonnt auf, der Solist glänzte mit kaum enden wollenden, präzisen Trillerketten und fulminanten Tonrepetitionen. Daneben aber verblüffte er auch mit ungemein zart gesetzten Tönen in den beiden langsamen Teilen dieses Satzes, Tönen, denen er nachzuhorchen schien. Im Schlusssatz war dann wieder Virtuosität gefragt, exaktes Wechselspiel mit dem Orchester. Schneidend und scharf komponierte Bartók hier, mechanisch schnorrend, perkussiv. Mit großem Applaus würdigte das Publikum in der nicht ganz voll besetzten Philharmonie alle Ausführenden. Schreckt Bartók noch immer den durchschnittlichen Konzertbesucher ab? Hoffentlich nicht. Wer sich näher mit Bartóks Klavierkonzerten befassen möchte, hat dazu am 2. Juni 2019 nochmals Gelegenheit, denn dann spielt Tzimon Barto an einem Abend auch das 1. und das 3. Klavierkonzert des Ungarn, wieder begleitet vom DSO unter Christoph Eschenbach.

Nach der Pause erklang dann Schumanns 2. Sinfonie, die Christoph Eschenbach auswendig dirigierte. Wunderschön phrasiert und fließend erklang die gewichtige Einleitung, herrlich akzentuierte das Wechselspiel 1./2. Geigen, welchem der Dirigent besondere Aufmerksamkeit widmete. Überhaupt überzeugte Christoph Eschenbach mit ungeheurer wacher und formender Präsenz in der Gestaltung mit expressiver Zeichengebung. Mit bestechender Präzision spielte das DSO das rasant-hastig dahinhuschende Scherzo mit den beiden Trios. Christoph Eschenbach bezeichnete in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch den langsamen Satz, dieses Adagio espressivo, als „einen der schönsten romantischen langsamen Sätze, die es gibt.“ Und tatsächlich, seit ich diesen Satz in einer traumhaft schönen Choreografie von Uwe Scholz  für das Ballett Zürich zum ersten Mal bewusst wahrnahm, gehört er ebenfalls zu meinen Lieblingen aus dem Umfeld der Romantik. Auch gestern Abend in der Philharmonie verfehlte er seine berührende Wirkung nicht, obwohl Eschenbach gar nicht so sehr auf die emotionale Drüse drückte, sondern eher klar und analytisch die Bach-Bezüge herausarbeitete. Wunderschön konnten sich so die Holzbläser entfalten und die Celli am Ende waren ein Traum. In euphorische Freude mündete dann die beseelte Schwermut des Adagios ins Allegro des Finalsatzes, mit der eingefügten Widmung des Komponisten an seine Frau Clara mit dem Beethoven Zitat aus „An die ferne Geliebte“.

Werke:

Béla Bartók (1881-1945) war einer der prägendsten Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl er nicht der Avantgarde um Schönberg angehörte, sondern konsequent seinen eigenen Weg ging, einen Weg der sich ihm vor allem aus dem Kosmos der Volksmusik und des Rhythmus eröffnete und keinen Raum liess für spätromantischen Gefühlsüberschwang. Dabei blieb er jedoch mehr oder weniger der klassischen Formstruktur und teilweise einem von Strawinsky geprägten Neoklassizismus verbunden. So ist auch sein zweites Klavierkonzert ganz traditionell dreisätzig gehalten. Das Konzert ist vollkommen symmetrisch aufgebaut: schnell (1.Satz)-langsam-schnell-langsam (2.Satz)-schnell (3.Satz). Da er im Finalsatz auf das Hauptthema des ersten Satzes zurückgreift, ist die bei Bartók typische Brückenkonstruktion erkennbar (ebenfalls innerhalb des zweiten Satzes mit den Teilen schnell-langsam-schnell). Das Konzert gilt insbesondere für den Solopart als eines der technisch schwierigsten und auch konditionell anspruchsvollsten der gesamten Literatur, der Pianist hat z.B. im ersten Satz lediglich 23 Takte Pause.

Robert Schumanns (1810-1856) zweite Sinfonie ist chronologisch gesehen eigentlich seine dritte, da die berühmtere d-Moll Sinfonie vor ihr komponiert, jedoch erst 1851 veröffentlicht wurde. Lange Zeit stand sie im Schatten seiner drei anderen Sinfonien, der Frühlingssinfonie, der Rheinischen und eben der d-Moll Sinfonie. Im Konzertführer der Kulturbibliothek der klassischen Musik (Ausgabe 1986) ist gar zu lesen „ ein ungleichwertiges, vielfach schwaches Werk ... bleibt in Ansätzen stecken ...gleichförmig.“ Einzig der langsame Satz, das Adagio, mit seinen kontrapunktischen Anklängen an Bachs Musikalisches Opfer werden gerühmt. In jüngerer Zeit jedoch erkannte man die aussergewöhnlichen Qualitäten dieser Sinfonie und ihrer biografischen Hintergründe. Schumann war zur Zeit schwer krank, ja geradezu depressiv. Zur Entstehung der Sinfonie schrieb er in einem Brief: „Die Symphonie schrieb ich im Dezember 1945, noch halb krank, mir ist's als müsste man ihr dies anhören. Erst im letzten Satz fing ich an mich wieder zu fühlen; wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler.“ Und tatsächlich hört man diese Genesung dem letzten Satz an, der das fanfarenartige Quintensignal der Blechbläser des ersten Satzes wieder aufnimmt, es sieghaft wiederkehren lässt und zu beinahe Brucknerscher Apotheose steigert. In diesem Finale erkennt man auch Reminiszenzen an Beethoven (Liederkreis „An die ferne Geliebte“, Ode „Freude schöner Götterfunken“).

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