Berlin, Philharmonie: ARIADNE AUF NAXOS, 14.10.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Ariadne auf Naxos

Oper in einem Aufzug nebst Vorspiel (2.Fassung) | Musik: Richard Strauss | Libretto : Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 04. Oktober 1916 in Wien | Aufführungen in Berlin: konzertant am 14.10.2014

Kritik: 

Eine Oper konzertant aufzuführen sollte eigentlich nur in Ausnahmefällen gestattet sein, denn schließlich haben die Komponisten die Kunstform „Oper“ gerade deshalb gewählt, weil sie dem Publikum den Stoff eben bewusst als Verbindung von Szene und Musik nahe bringen wollten. In solch einer Ausnahmesituation befindet sich die Deutsche Oper Berlin, da im Haus an der Bismarckstraße Renovierungsarbeiten im Gange sind. Nach Meyerbeers DINORAH war das Ensemble der Deutschen Oper nun also mit Strauss´ ARIADNE AUF NAXOS zu Gast in der Philharmonie.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Man vermisste die Szene nicht, auch nicht während des dialoglastigen, turbulenten Vorspiels. Denn die Sängerinnen und Sänger agierten auch in ihren Abendkleidern und Smokings derart lebendig, dass man keinen Moment lang der Handschrift eines Regisseurs nachtrauerte. Bei der Oper dann war man vielleicht gerade froh, dass man sich ausschließlich auf die empfindungsreiche Musik und die Tiefe der Hofmannsthalschen Texte konzentrieren konnte und nicht durch irgendwelche Regieinfälle abgelenkt wurde.

Ulf Schirmer leitete die Aufführung: Er ließ das wunderbar und äußerst konzentriert aufspielende Orchester der Deutschen Oper Berlin mit fein ausgehorchten dynamischen Abstufungen musizieren, das Streichersextett zu Beginn der Oper ein Hochgenuss, die Holzbläser wunderbar einsetzend. Insgesamt legten Schirmer und das Orchester einen farblich reich ausstaffierten Teppich, scheuten den luxuriösen, ekstatisch-silbernen Strauss-Klang nicht und wurden am Ende zu Recht vom Publikum gefeiert.

Mit der Verpflichtung des 90jährigen Kammersängers Franz Mazura für die Sprechrolle des Haushofmeisters ist der Deutschen Oper ein ganz besonderer Coup gelungen. Mazura, dem man das hohe Alter weder ansieht noch anmerkt, gestaltete den Haushofmeister mit subtiler, leicht überheblicher Hinterhältigkeit ohne zu chargieren. Toll! Daniela Sindram sang den Komponisten mit schlankem, ausgezeichnet fokussiertem, warmem und zu emphatischen Aufschwüngen fähigem Mezzosopran. Markus Brück gab einen ausgezeichnet artikulierenden Musiklehrer, Thomas Blondelle sang einen selbstgefälligen und souverän-witzigen Tanzmeister. Die 40 Minuten des Vorspiels (zu dem auch weitere Ensemblemitglieder der Deutschen Oper wichtige und schön gestaltete Beiträge leisteten) ging munter und wie im Flug vorbei und das abschließende Arioso des Komponisten erzeugte die gewohnte Gänsehaut – wobei man einmal mehr bedauerte, dass Strauss es eben „nur“ als Arioso komponierte, denn Frau Sindram hätte man gerne noch länger zugehört! Die Oper selbst begann mit der bereits erwähnten, delikaten Einleitung durch das Streichsextett, zu dem sich dann die Holzbläser, die Bassgeige und das Horn gesellten. Himmlisch! Ebenso die kostbaren und sehr schön harmonierenden Stimmen von Siobhan Stagg (Najade), Ronnita Miller (Dryade) und Elena Tsallagova (Echo), welche den großen Auftritt der Ariadne einleiteten. Meagan Miller (eingesprungen für die krankheitsbedingt absagende Anja Harteros) geriet die Eingangsphrase von Ein Schönes war vielleicht noch nicht ganz nach Wunsch, jedenfalls klang es etwas ungewohnt, doch danach gestaltete sie eine sehr natürlich klingende Ariadne mit schöner, unforcierter Tiefe und interessantem, dezent-geheimnisvoll flackerndem Timbre. In der ausladenden Schlussszene mit Bacchus gelangen ihr manche ganz wunderbar ergreifende Phrasen, so Du bist der Herr über ein dunkles Schiff oder Man ruht und ruht vom Ruhen wieder aus. Stefan Vinke als Bacchus trumpfte mit sicher intonierten Circe-Rufen auf, mit Virilität und ohne hörbare Anstrengung bewältigte er die hohe Tessitura der Partie, fand im Schlussduett zu feinfühlig und rund, fast liedhaft gesungener Linienführung (Bist du nicht auch solch eine Zauberin). Als Gegenpol zu diesem ernsten Paar wurde ja auf Geheiss des „reichsten Mannes in Wien“ die Komödiantentruppe um Zerbinetta in die Oper eingefügt. Susanne Elmark verstand es ausgezeichnet, bei dieser Figur die unter der quirligen Oberfläche vorhandene empfindsame Tiefe hervorzuholen. Mit intelligenter Durchdringung des Texters setzte sie ihre glitzernden Koloraturkaskaden ein, fein ziseliert, aber nicht als bloße plakative Zurschaustellung einer geläufigen Gurgel. Unterstützt wurde sie von ihren Männern: Carlton Ford als charmantem Harlekin, Jörg Schörner und Paul Kaufmann (beide sehr souverän als Scaramuccio und Perückenmacher, respektive als Brighella und Offizier) und dem stimmgewaltigen Tobias Kehrer (Truffaldin).

Fazit: Auch ohne den krankheitsbedingt absagenden Superstar ein sehr gelungene Aufführung dieser wunderbaren Oper von Strauss/Hofmannsthal.


Inhalt:

Vorspiel: Im Hause des „reichsten Mannes von Wien“ sind die Vorbereitungen zur Uraufführung der OperAriadne auf Naxos im Gange. Doch auf Anordnung des unsichtbar bleibenden Mäzens soll die tragische Handlung mit einer Tanzmaskerade von Zerbinettas Truppe verschmolzen werden. Der Komponist ist entsetzt und bricht – trotz eines Liebesintermezzos mit Zerbinetta – zusammen. Doch die Truppe macht sich für die Aufführung bereit.

Oper: Ariadne befindet sich alleine und verlassen auf einer wüsten Insel und trauert ihrer grossen Liebe Theseus nach. Sie sehnt den Tod herbei.

Zerbinetta feuert ein Bekenntnis zur freien Liebe ab – umsonst. Da erscheint der junge Gott Bacchus. Ariadne hält ihn für den Todesboten, er sie für die Zaubererin Circe. Gegenseitiges Verkennen – gegenseitige Verwandlung – Verschmelzung der Seelen.

Zerbinetta kommentiert: „…hingegeben sind wir stumm.“

Werk:

ARIADNE AUF NAXOS ist nach ELEKTRA und DER ROSENKAVALIER die dritte gemeinsame Arbeit des Gespanns Strauss/Hofmannsthal. Ursprünglich war das Werk als Einlage für Hofmannsthals Bearbeitung von Molières Komödie DER BÜRGER ALS EDELMANN gedacht. In dieser Form wurde es auch am 25. Oktober 1912 in Stuttgart uraufgeführt. Die Oper von Strauss wurde also in das Schauspiel eingebettet und ohne das später komponierte Vorspiel gegeben. Doch diese Kombination von Schauspiel und Oper setzte sich nicht durch. Also machten sich Strauss und Hofmannsthal an eine Überarbeitung: Nun wurde dem Einakter ein Vorspiel vorangestellt, der Komponist erhielt eine herrliche Gesangspartie. Die Urfassung mit ihrer langen (und z.T. unendlich geschwätzigen) Spieldauer erscheint nur noch selten auf den Spielplänen, zuletzt 2012 in Salzburg. Die Zweitfassung mit ihrer kammermusikalischen Transparenz hingegen erfreut sich – vor allem unter Strauss-Liebhabern – grosser Popularität. In den Phrasen des Komponisten, dem Leiden der Ariadne, dem Schlussduett und natürlich den mit Schwierigkeiten gespickten, ausgedehnten Koloraturen der Zerbinetta darf man quasi Strauss at his best erleben!

Musikalische Höhepunkte: Ariosi des Komponisten im Vorspiel, Ariadnes grosse Arien "Ein Schönes war" und  „Es gibt ein Reich“, Zerbinettas Koloraturarie „Grossmächtige Prinzessin“, Schlussduett Ariadne-Bacchus