Berlin, DOB: GÖTTERDÄMMERUNG, 25.04.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Götterdämmerung

Dritter und letzter Tag des Bühnenfestspiels DER RING DES NIBELUNGEN | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 17. August 1876, Festspielhaus Bayreuth

Kritik:

Mit enthusiastischem Jubel und standing ovations bedankte sich das Publikum in der restlos ausverkauften Deutschen Oper Berlin nach sechs Stunden bei den Ausführenden. Eine Aufführung des Rings - und insbesondere der GÖTTERDÄMMERUNG - fordert ein Haus bis an seine Grenzen. Für eine solche Kraftanstrengung gebührt allen Beteiligten (SängerInnen, Orchester, Bühnenarbeiter, Technik) erst mal großer Respekt vor der enormen Leistung, bevor man zu (wir sind ja bei Wagner ... ) beckmesserischer Kritik ansetzt.

Götz Friedrichs Inszenierung aus dem Jahre 1985 im Endzeit-Tunnel (Bühne und Kostüme: Peter Sykora) ist in die Jahre gekommen. Zwar überzeugt sie stellenweise nach wie vor in der genauen Personenführung (Spielleitung: Gerlinde Pelkowski), doch wirkt die gesamte Ästhetik für heutige Augen etwas betulich, antiquiert, manchmal auch beinahe peinlich an Schülertheater erinnernd (Rheintöchter mit dem riesigen Tuch im Schlussbild). Denn gerade in diesem Schlussbild hatte Friedrich auch zu enorm berührenden Bildern gefunden: Menschen, welche beim Weltenbrand zuerst versuchen, sich selbst und ihr Hab und Gut in Nebengänge zu retten, vom atomaren Blitz getroffen werden und sich am Ende doch langsam und hoffnungsvoll wieder erheben - genau auf den Duktus der Musik abgestimmt.

Sängerisch stand die Aufführung unter einem guten bis sehr guten Stern. Evelyn Herlitzius hatte in ihrem ersten Auftritt zwar noch mit einer nicht ganz perfekt sitzenden Stimme zu kämpfen (angeraute, eher dünne Höhen und Intonationsprobleme), doch bereits die Auseinandersetzung mit ihrer Schwester Waltraute (mit bezwingendem Mezzosopran: Karen Cargill) und vor allem der zweite Akt gelangen ihr auch dank der intensiven Darstellung der liebenden, betrogenen Frau ganz hervorragend und der Schlussgesang (abgesehen von einem missratenen hohen Ton zu Beginn) wurde zu ihrem Triumph. Scheinbar mühelos stürzte sich Alfons Eberz in die Gewaltspartie des Siegfried, sang mit wunderbar leicht ansprechender Stimme den tumben Helden, der mehr auf Kraft als auf Intelligenz baut. Eberz spielte im dritten Akt immer noch munter mit den Rheintöchtern (sehr schön Martina Welschenbach, Ulrike Helzel und Katharine Tier) und zeigte auch in seiner grossen Erzählung im dritten Akt (Mime hieß ein mürrischer Zwerg) keinerlei Ermüdungserscheinungen. Matti Salminen ist DER Hagen schlechthin. Seine unheimliche Bühnenpräsenz und die Schwärze seines Basses rufen nach wie vor Gänsehaut hervor. Im ersten Akt klang seine Stimme zwar noch etwas fahl und in der Höhe leicht brüchig, doch von diesen Einschränkungen war im zweiten und dritten Akt nichts mehr zu hören. Phantastisch! Ganz herausragend besetzt war auch das Gibichungenpaar: Markus Brück spielte und sang den charakterlosen Feigling Gunther mit ausdrucksstarkem Bariton, spielte überzeugend die Memme im tuntigen Hermann-Göring Outfit (weisse Uniformjacke und pelzbesetzter langer Mantel). Aufhorchen liess Heidi Melton als seine Schwester Gutrune (und auch als dritte Norn): Welch eine schöne Stimme, voll und rund, mühelos im Ansatz, herrlich kraftvoll blühend. Da kündigt sich ein grosses Versprechen für die Zukunft an - eine Wagner- und Strauss-Sängerin der ersten Liga. Es wird sich lohnen, die Künstlerin im Auge (und im Ohr) zu behalten! Neben Heidi Melton überzeugten auch Liane Keegan und Ulrike Helzel in der Nornenszene des Beginns. Tomasz Konieczny spielte den aus der Irrenanstalt entwichenen Alberich wunderbar hysterisch.

Ein Triumph war der Abschuss des ersten Ringzyklus dieser Wiederaufnahme aber auch für den neuen GMD der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles. Kraftvoll, souverän und mit grandioser Intensität und Präsenz formte er das kunsvtolle Geflecht der Motive, gab den SängerInnen die notwendig Stütze und sorgte mit dem vortrefflich spielenden (einige Intonationspatzer bei den Hörnern mal ausgenommen) Orchester für eine perfekte Balance zwischen Graben und Bühne. 

Zum Schluss gebührt auch dem Publikum dieses Abends ein immenser Dank: Es hat der Aufführung mit gespannter Ruhe und grosser Aufmerksamkeit beigewohnt und auf Husten und andere störende Nebengeräusche weitest gehend verzichtet. Auf die versöhnlichen Schlusstöne, diese überirdisch ergreifenden Akkorde, in denen die pathetische Klangwelt der Götter der Klangvision des Liebesmotivs und der entsündigten Natur weicht, folgten Sekunden der Ruhe und Ergriffenheit, bevor Applaus und Jubelstürme losbrachen. Solche Momente der Ergriffenheit und Reife finden sich in der heutigen Zeit der Eventkultur allzu selten.

Inhalt des dritten Tages:
Der letzte Teil von in Richard Wagners RING-Tetralogie schildert den Tod Siegfrieds, den Untergang der Götter und die Erlösung vom Ring und seinem Fluch: Siegfried lebt nun mit Brünnhilde zusammen, doch es drängt ihn zu neuen Taten. Als Pfand seiner Liebe überlässt er seiner Braut den Ring. Von dessen Macht weiss er allerdings nichts. Unterdessen hat Alberich mit Grimhild einen Sohn gezeugt: Hagen. Er will ihn benutzen, um wieder in den Besitz des Rings zu gelangen. Hagen weiss um den Ring und seine Macht und gibt Siegfried einen Vergessenstrank. Nun kann sich Siegfried an nichts mehr erinnern. Er erklärt sich einverstanden, Brünnhilde für Gunther freien und kriegt dafür Gunthers Schwester Gutrune zur Frau. Brünnhilde fühlt sich von Siegfried betrogen. Sie verrät Hagen, dass Siegfried am Rücken verletzlich ist. Hagen ermordet Siegfried. Erst nach dem Tod Siegfrieds begreift Brünnhilde, dass sie von Hagen benutzt wurde, weil dieser den Ring erlangen wollte. Brünnhilde nimmt den Ring an sich und reitet in den Scheiterhaufen, auf welchem der tote Held verbrannt werden soll. Der Rhein tritt über die Ufer, die Rheintöchter ziehen Hagen in die Fluten. Das Feuer greift auf Walhall über, das Ende der Götter ist da.

Das Werk:
Die GÖTTERDÄMMERUNG bildet den monumentalen Schlussteil von Wagners Tetralogie, ein Werk von ungeheurem Ausmass und ebensolchen Anforderungen an die Ausführenden. Nach aussen stellt diese Werk – mit einer Aufführungsdauer von sechs Stunden – den opernhaftesten Teil der vier Abende dar, mit grossen arienhaften Szenen und dem Chor, der hier zum einzigen Mal im gesamten RING auftaucht. Daneben kommt das sinfonische Element, als orchestrales Intermezzo, ausgiebig zum Tragen (Siegfrieds Rheinfahrt, Trauermusik, Weltenbrand). Trotz des gewaltigen Umfangs der Partitur herrscht nach dem ruhigen Beginn (Szene der Nornen) eine nie nachlassende Spannung und eine geballte, hochdramatische Erregung. Wagner hat die Charakterzeichnungen der Personen noch weiter verfeinert, die Motive werden kunstvoll verwoben und zu einem eruptiven Schluss gebracht.
Das aussergewöhnliche Drama um Liebe, Macht und gebrochene Verträge findet mit der Rückgabe des fluchbeladenen Rings an die Rheintöchter sein Ende.

Musikalische Höhepunkte:
Tagesanbruch, Prolog
Zu neuen Taten, Brünnhilde-Siegfried, Prolog
Siegfrieds Rheinfahrt, Prolog
Hier sitz ich zur Wacht, Hagen, Akt I
Altgewohntes Geräusch, Brünnhilde-Waltraute, Akt I
Schläfst du Hagen, mein Sohn, Alberich-Hagen, Akt II
Welches Unholds List, Verschwörungsszene Brünnhilde, Hagen, Gunther, Akt II
Mime hiess ein mürrischer Zwerg – Brünnhilde, heilige Braut, Siegfrieds Erzählung, Akt III
Siegfrieds Tod, Trauermusik, Akt III
Starke Scheite schichtet mir dort, Schlussgesang der Brünnhilde, Akt III