Berlin, Deutsche Oper: MESSA DA REQUIEM, 24.10.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann |

Requiem | Musik: Giuseppe Verdi | Text folgt der römisch-katholischen Liturgie der Totenmesse | Uraufführung: 22. Mai 1874 in Mailand | Aufführungen in Berlin (Wiederaufnahme): 18.10. | 24.10. | 30.10. | 9.11.2018

Kritik:

Wie in einer endlosen Prozession ziehen die Figuren von links nach rechts über die horizontal dreigeteilte Bühne, einzig der Chor verharrt im untersten Drittel. Es sind mit Symbolen befrachtete, mal mehr, mal weniger rätselhafte Figuren,  Archetypen, mit denen der Künstler Achim Freyer versucht, Verdis MESSA DA REQUIEM nahe zu kommen. Ganz zuoberst tritt der „Weiße Engel“ auf, die Sopranistin. Auch ein Schnitter (Tod) geht hier vorbei beim Dies irae. In der Mitte dann die Menschen, unter ihnen der „Beladene“ (Bass) und die Gestalt „Der Tod-ist-die-Frau“ (die Mezzosopranistin). Unten, vor dem Chor platziert, weiß geschminkt und eingemauert in einem Turm, die Figur „Einsam“, der Tenor. Auch dieser Turm fährt im Verlauf des Abends ganz langsam vom linken Rand der Bühne zur Mitte. Achim Freyer zeichnet (wie stets bei seinen Arbeiten für das Musiktheater) verantwortlich für Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht. So entstehen seine umfassenden Kunstwerke, seine unverwechselbaren Installationen. Diese funktionieren nach meinem Geschmack nicht bei jeder Oper, derer er sich annimmt, gleich gut, bei einem so abstrakten Werk wie Verdis MESSA DA REQUIEM jedoch gelingt seine Konzeption überwältigend. Er schuf zur Musik Verdis ein tiefgründiges Panoptikum des Menschen, seinem Willen zur Kunst und zur Zerstörung der Kunst, der Mensch als „Schöpfer und Besieger“ wie Freyer im Programmheft zu seiner Konzeption schrieb. Die Bilder, die Freyer nun mit seiner Choreographie der Hoffnung, der Vergänglichkeit, des erneuten Strebens des Geistes entwarf, sind von geradezu bezwingender Kraft. Man muss das Rätselhafte, das Symbolistische gar nicht in jedem Detail zu entwirren suchen, man kann es einfach auf sich wirken lassen. Die Musik Verdis in all ihrer Doppeldeutigkeit, ihren Abgründen, ihrer emotionalen Wucht, aber auch ihrer Widersprüchlichkeit fügt sich zusammen mit den Bildern auf der Bühne zu einem optisch-akustisch berührenden Erlebnis, einer Reise in die Menschheitsgeschichte und zu Fragen, über Sinn und Vergänglichkeit, zu Wut und Trauer, zu Fragen voll kindlicher Unschuld. Manchmal hat das Ganze etwas zirzensisches (im Programmheft wird dazu ein Erlebnis Max Frischs aus seinen Tagebüchern zitiert), dazu tragen nicht nur die grell geschminkten Weißclown Gesichter bei, oder die für Freyer ebenso typischen schwarz-weißen Kostüme, wo lediglich mit Accessoirs wie Hüten oder Unterkleidern (Der Tod-ist-die-Frau) ab und zu rote Akzente gesetzt werden.  Nur einmal geht eine Frau ganz in Blau vorüber. Die Bewegungen dieser vorüberziehenden Figuren sind langsam, wie in Zeitlupe, genau ausgezirkelt. Beim Sanctus zum Beispiel, das Verdi als Fuge mit trippelnden Achtelfiguren gesetzt hat, lässt Freyer rotgewandete Menschen in Spitzhüten über die Bühne tanzen, wie Karikaturen einer Semana-Santa-Prozession.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Benjamin Reiners, dem designierten GMD des Theaters Kiel. Er traf genau die dem Werk immanenten, vorwärtsdrängenden Tempi, baute die dramatischen Höhepunkte effektvoll auf (z.B. das Hosanna), gab der ergreifenden Schlichtheit des Agnus dei den gebührenden Raum. Bei exponierten Blechbläserstellen geriet dem Orchester nicht alles ganz ohne Patzer. Der Chor der Deutschen Oper Berlin, der meist aus dem Dunkel heraus singen musste, nur ab und an in gespenstischem Licht sichtbar war (Freyer nennt ihn „Die Gegangenen“) und auf einer geheimnisvollen Hebebühne leicht auf- und niederfuhr, sang seinen wichtigen Part mit enormer Präsenz, dramatischer Kraft und schönem Gesamtklang (Einstudierung: Jeremy Bines). Bei den SolistInnen ragte die fabelhaft ausdrucksstarke, wunderbar „brustige“ Stimme der Mezzosopranistin Annika Schlicht aus dem Quartett hervor. Die Sopranistin Michelle Bradley hatte von ihrer dominierende Platzierung her keine Probleme, auch akustische über Chor, Orchester zu schweben. Im Verlauf des Abends wurde mir ihr Vibrato jedoch zu dominant. Beeindruckend jedoch die Kraft ihrer Tiefe im finalen Libera me. Derek Welton sang die Basspartie mit erstaunlich hell gefärbter Stimme. An Grenzen geriet der Tenor Robert Watson, dessen Stimme zwar fast heldentenorale Durchschlagskraft hatte, im Passaggio jedoch intonatorische Schwächen offenbarte. So geriet z.B. das Ingemisco nicht ganz nach Wunsch und vermochte nicht zu berühren.

Es ist sehr lobenswert, dass die Deutsche Oper Berlin diese Produktion in ihrem Repertoire belässt (es war dies die 34. Aufführung seit der Premiere vom 3. November 2001). Die begeisterte Reaktion des Publikums (der Saal war praktisch ausverkauft) bestätigte dies.

Werk:

Die eigentliche Keimzelle des sakralen Werks ist das Libera me, welches Verdi für eine Gemeinschaftskomposition (Messa per Rossini) mehrer Komponisten zum Tode Rossinis geschrieben hatte. Die Aufführung am ersten Todestages Rossinis am 13. November 1869 kam leider nicht zustande. Nachdem jedoch Verdis Freund und Mitstreiter, der Dichter und die Identifikationsfigur des italienischen Risorgimento Allesandro Manzoni, verstorben war, nahm Verdi das Manuskript des Libera me wieder aus der Schublade und erweiterte es zu einer seiner reifsten und berührendsten Kompositionen, der MESSA DA REQUIEM. Eine weitere Eigenahnlehnung ist das Lacrimosa, welches Teile aus der Totenklage für Posa aus Verdis DON CARLOS enthält.

Das Werk besteht aus den Sätzen Introitus (Requiem aeternam, Te decet hymnus, Kyrie, Sequenz (Dies irae, Tuba mirum, Liber scriptus, Quid sum miser, Rex tremendae, Recordare, Ingemisco, Confutatis, Larymosa) Offertorium, Sanctus, Agnus Dei, Communio (Lux aeterna), Responsorium (Libera me, dies irae, Libera me). Wie Berlioz' Grande Messe des Morts oder Brahms' Ein Deutsches Requiem ist Verdis Messa da Requiem nicht für den liturgischen Gebrauch, sondern für den Konzertsaal geschrieben. Nachdem bei der Uraufführung in der schlichten Kirche von San Marco in Mailand (Per l'anniversario della morte di Alessandro Manzoni XXII Maggio MDCCCLXXIV) der Applaus noch untersagt gewesen und mehr als 3000 Besucher keinen Einlass gefunden hatten, führte Verdi das Werk drei Tage später nochmals an der Scala auf, mit überwältigendem Erfolg: Nach jedem Teil wurde heftig applaudiert (einige Sätze mussten gar wiederholt werden!) und Verdis Requiem erreichte eine bis heute ungebrochene Beliebtheit bei Publikum und Musikern. Verdi selbst dirigierte das Werk in Paris und London. Natürlich gab es auch Kritiker, welche das sakrale Werk einer zu opernhaften Oberflächlichkeit bezichtigten, so Hans von Bülow oder Cosima Wagner. Aber abgesehen von diesen mit Vorurteilen behafteten Personen aus dem Dunstkreis Richard Wagners, wird Verdis Totenmesse zu Recht als inspiriertes, ernsthaftes und von Schönheit erfülltes, würdiges Gebet der Lebenden für den Frieden der Toten UND der Lebenden wahrgenommen und verehrt. Und das Erstaunlichste: Verdis geniale Komposition mit all ihrer Kraft und ihrer transzendentalen Luzidität vermag gläubige UND Atheisten gleichermassen zu berühren.

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