Berlin, Deutsche Oper: MARIA STUARDA, 31.05.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Maria Stuarda

Tragedia lirica in zwei Akten | Musik: Gaetano Donizetti | Libretto: Giuseppe Bardari | Uraufführung: 30. Dezember 1835 in Mailand (18. Oktober 1834 in Neapel als BUONDELMONTE) | Konzertante Aufführungen in Berlin: 28.5. | 31.5.2018

Kritik: 

Wenn Blicke töten könnten – die vernichtenden Blicke, welche Jana Kurucová als Elisabetta wie giftige Pfeile auf ihren untreuen Liebhaber Leicester und auf ihre Rivalin um den englischen Thron, Maria Stuarda (Diana Damrau), abschoss, hätten jedenfalls das Potential dazu gehabt. Die Aufführung dieser Donizetti-Oper war zwar als „konzertant“ angekündigt worden, doch geboten wurde dem Publikum von den Protagonist*innen ganz großes Kino. Das begann schon bei den sensationellen, luxuriösen Roben der beiden Königinnen, den beiden Diven: Elisabetta betrat in einem sexy, körperbetonten, eisblau und anthrazit schillernden Abendkleid die Bühne, Maria durfte gleich drei Roben präsentieren, erst einen ebenso schön schillernden Traum in Schwarz/Rot, dann schlichtes, spitzenbesetztes Schwarz und am Ende weich fallenden, weinroten Samt. Der erste Teil der Oper gehörte Elisabetta – und Jana Kurucová ließ in keinem Moment, weder darstellerisch noch vokal, Zweifel aufkommen, wer hier die rechtmäßige Königin ist. Mit majestätischer, selbstbewusster Attitüde betrat sie das Podium, Königin und Diva in einem. Ihre Darstellung war ein Konglomerat aus Bette (Davis), Marilyn (Monroe) und Lana (Turner), garniert mit einem Hauch Rita (Hayworth) – also schlicht umwerfend. Und dies auch gesanglich: Das satte Timbre dieser fulminanten Mezzosopranistin klang ausgeglichen in allen Lagen, entwickelte in der Höhe eine strahlende Leuchtkraft, verfügte über eine natürlich strömende, unforcierte Tiefe, vermochte die Töne herrlich mit Koketterie zu umschmeicheln, zeigte eine spöttische, sarkastische Seite, wie eine listige Schlange. Dabei offenbarte sie neben dem robusten Selbstbewusstsein auch die empfindsamen Seiten der „Virgin Queen“, die Angst vor dem Alleinsein, das Hadern mit der Entscheidung, eine „Schwester“, eine Königin hinrichten zu lassen. Und doch ließ sie ab dem Ende des vokalen Duells mit Maria keine Zweifel an ihrem zu fällenden Entscheid offen. Zwar traf sie das „vil bastarda“, welches Maria ihr entgegenschleuderte, hart in der Seele, doch gebrochen war sie nicht – im Gegenteil. Ja, dieser Kulminationspunkt der Oper, die Begegnung der beiden Königinnen im Park von Fotheringhay (die in Wirklichkeit ja nie stattgefunden hatte), ist ein von Donizetti kongenial vertonter Schlagabtausch von Beleidigungen, von den beiden Diven Diana Damrau und Jana Kurucová hollywoodreif umgesetzt. Wie sie sich da die gegenseitigen Beleidigungen ins Gesicht schleuderten (nur wenige Zentimeter voneinander getrennt), das war allererste Soap-Opera-Sahne. Diana Damrau als Maria hatte zuvor noch in ihrer Auftritts-Kavatine mit fein hingetupften Fiorituren geglänzt, einem schönen Messa di voce in den Selbstmitleid-Passagen, sich in einem Duett mit Leicesters Tenor (Javier Camarena) in zum Dahinschmelzen schönen Tönen vereinigt. Einzig bei einigen Acuti und in fortissimo-Phrasen in hoher Lage zeigten sich Verhärtungen in der Tongebung. Aus dem darauffolgenden Divenkrieg ging nur vordergründig Maria als Siegerin hervor – die Mimik Elisabettas sprach Bände. Das zeigte sich zu Beginn des zweiten Aktes: „È morta ogni pietà“ schoss mit Entschlossenheit aus Jana Kurucovás Kehle. Ab diesem Moment gehörte der Abend dann ganz Diana Damrau, erst musste sie ihre Sünden (und eben auch ihre Mitwirkung an der Babington-Verschwörung) Talbot beichten, dann berührte sie das Publikum mit einer wunderschön vorgetragenen Preghiera (der Vergleich mit dem szenischen Rollendebüt vor wenigen Wochen in Zürich drängte sich natürlich auf – hier in Berlin war das um Welten besser, weil dynamisch viel eindringlicher  und differenzierter aufgebaut). Frau Damrau glänzte im Quartett vor ihrer Hinrichtung mit intensiven, tragenden Piani und vermochte mit dem „Addio“ echte Rührung zu evozieren.

Zwischen den beiden Königinnen steht Graf Leicester. Er kämpft (wahrscheinlich nicht ganz uneigennützig) um Versöhnung und scheitert grandios, weil er nämlich alles verliert, das Herz Elisabettas und den Kopf Marias. Javier Camarena ersang sich an diesem Abend einen wahren Triumph: Besser kann man sich das kaum vorstellen. Das war traumhaft schön, sauber und mit größtmöglicher Präzision gestaltet und intoniert, die Phrasierung offenbarte eine exemplarische Stilsicherheit, dynamisch alles fein austariert, tragende Piani wunderschön auf den Atem gelegt und mit stupender Höhe die Sahne draufgesetzt. Kein Wunder löste seine Arie im ersten Akt gleich einen Begeisterungssturm aus. Wie bereits bei der szenischen Aufführung in Zürich sang Nicolas Testé einen vortrefflichen, warmstimmigen und um das Wohl Marias besorgten Talbot. Aufhorchen ließ Dong-Hwan Lee mit wunderbar samten klingendem Bass als Sir William Cecil, der seine politischen Ziele jedoch mit aller Entschiedenheit verfolgte. Amira Elmadfa als Anna Kennedy bereicherte die Ensembles mit ihrem ebenmäßigen, sehr präsenten Mezzosopran.

Francesco Ivan Ciampa leitete das solide aufspielende Orchester und den satt intonierenden Chor der Deutschen Oper Berlin mit präziser Zeichengebung, horchte ausgezeichnet auf die Sänger*innen und war ihnen ein zuverlässiger Partner. Zwar war die Preghiera der Maria für meinen Geschmack tempomäßig etwas zu schnell (wenn auch nicht gar so überhastet wie Mazzola das in Zürich angegangen war) – aber vielleicht bin ich einfach eine Kitschseele.

Das war ein ganz wunderbarer Belcanto-Abend – und der Genuss war noch ungetrübter, weil man sich nicht über irgendwelche szenischen Rätsel ärgern musste, sondern sich ganz dem Genuss herausragender Stimmen und augenzwinkernder Darstellung hingeben konnte.

Dissonante Töne gab es allerdings ganz am Schluss: Javier Camarena trat nochmals aufs Podium, als das Publikum bereits den Ausgängen zuströmte und holte es mit der Ankündigung zurück, dass heute Diana Damraus Geburtstag sei. Das nun folgende, aus über tausend Stimmen erklingende, in babylonischem Wirrwarr angestimmte „Happy Birthday“ war alles andere als belkantesk, doch das Geburtstagskind freute sich wie ein Kind über das spontane Ständchen!

Inhalt:

Die Oper spielt gegen Ende der Gefangenschaft Maria Stuarts zwischen 1581 und 1587 in England

Königin Elisabeth I. soll aus Gründen einer politischen Allianz mit dem Erzrivalen Frankreich den französischen Thronfolger heiraten, im Gegenzug müsste sie jedoch ihre gefangen gehaltene Cousine Maria Stuart begnadigen, welche (zu Recht) Ansprüche auf den englischen Thron stellt. Elisabeth zögert. Elisabeths langjähriger Geliebter Robert Dudley, Earl of Leicester, zeigt keinerlei Reaktion auf die Heiratspläne, was Elisabeth vermuten lässt, Leicester habe ein Affäre mit einer Rivalin, nämlich ausgerechnet mit Maria Stuart, für deren Freilassung er sich wie der gesamte Hofstaat einsetzt, mit Ausnahme von Lord Cecil, Elisabeths Chefberater und Schatzkanzler. Leicester erhält von Talbot, dem Betreuer Marias, einen Brief, in welchem Maria um eine Unterredung mit Elisabeth bittet. Elisabeth verlangt, den Brief zu sehen und Leicester gesteht seine Liebe zu Maria. Trotzdem willigt Elisabeth ein, die schottische Königin zu treffen.

Auf Schloss Fortheringay: Maria sinniert über ihre glückliche Jugend in Frankreich nach. Da ertönen die Hörner der königlichen Jagd. Elisabeth ist mit ihrem Gefolge in den Wäldern um Fortheringay eingetroffen. Leicester tritt ein und beschwört Maria, sich gegenüber Elisabeth demütig zu zeigen. Elisabeth verhält sich jedoch von Beginn der (in Wahrheit nie stattgefundenen) Begegnung an sehr aggressiv und feindselig gegenüber der Rivalin um Thron und Liebe. Elisabeth wirft Maria Schuld an der Ermordung von Marias Gemahl Darnley vor (stimmt), beschuldigt sie der Verschwörung und der Intrige, um auf den englischen Thron zu gelangen. Leicester versucht zwar zu beschwichtigen, doch Maria kann die Anschuldigungen nicht länger ertragen und wirft Elisabeth das „vil bastarda“ entgegen, die Tatsache, dass sie ein Bastard sei (stimmt, Elisabeths Vater Heinrich VIII. war mit Katharina von Aragon nicht offiziell geschieden als er Anne Boleyn, die Mutter Elisabeths, schwängerte). Elisabeth ist dermassen vor den Kopf gestossen, dass sie Maria Stuart mit der Enthauptung droht.

Doch zurück in ihren Gemächern zögert Elisabeth das Todesurteil zu unterzeichen, denn immerhin ist Maria Stuart tatsächlich von königlichem Blut und zudem mit ihr verwandt. Lord Cecil drängt auf die Vollstreckung des Todesurteils (auch er hat ganz proivate Gründe für seinen Hass auf Maria). Es kommt noch zu einer Begegnung mit Leicester, dem Elisabeth doppeltes Spiel vorwirft. Als er erneut um Gnade für Maria bittet, unterzeichnet sie das Todesurteil und hält es ihm triumphierend entgegen, ja sie befiehlt ihm sogar, bei der Vollstreckung anwesend zu sein.

Talbot und Cecil überbringen Maria die schreckliche Nachricht. Sie lässt ihr Leben Revue passieren. Talbot trägt unter seinen weltlichen Kleidern ein Priestergewand und Maria legt bei ihm Beichte ab. Dabei gesteht sie sowohl ihre Schuld an der Ermordung Darnleys wie auch ihre Beteiligung an der Babington-Verschwörung (Elisabeth hatte also in allen Anklagepunkten Recht!).

Maria schreitet in den schwarzen Kleidern einer Nonne zum Schafott. Sie bittet die Anwesenden mit ihr zusammen zu beten. Sie verzeiht ihren Feinden. Leicester wirft sich ihr zu Füssen, doch Maria bittet ihn, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Von ihrer Vertrauten Anna Kennedy begleitet, schreitet Maria Stuart dem Henker entgegen.

Werk:

Eigentlich war MARIA STUARDA für Neapel geplant, doch wie so oft in dieser Zeit machte die Zensur dem Komponisten einen Strich durch die Rechnung. Die Enthauptung einer katholischen Königin auf der Opernbühne war für das Königreich Neapel undenkbar. Zudem erlitt die Königin beider Sizilien, Maria Christina von Neapel, anlässlich der Generalprobe, der sie beiwohnte, einen Ohnmachtsanfall, worauf die Produktion verboten wurde. Da Donizetti seine Musik aber retten wollte, wurde das Libretto hastig umgeschrieben und unter dem neuen Titel BUONDELMONTE erfolglos uraufgeführt. In Mailand aber setzte sich der Star Maria Malibran für das originale Werk ein. Doch auch diese Uraufführung stand unter einem schlechten Stern. Wegen einer Erkrankung der Starsopranistin wurde die Uraufführung um zwei Tage verschoben, doch genesen waren weder die Malibran noch die Sängerin der Elisabeth. Es muss desaströs geklungen haben. Danach wollte Donizetti nie wieder etwas mit der Scala zu tun haben. Es folgten einige Aufführungen an kleineren Theatern, meist in einer „gereinigten“ Form, das heisst die vulgären Ausbrüche der beiden Königinnen im Mittelteil wurden abgeschwächt oder eliminiert. Danach verschwanden MARIA STUARDA wie auch BUONDELMONTE in der Versenkung. 1958 gab es dann wieder eine Aufführung in Donizettis Heimatstadt Bergamo, es folgten San Francisco 1971 (mit Joan Sutherland) und die New York City Opera 1972 (mit Beverley Sills). Doch erst als Mitte der 1980er Jahre in Schweden die Originalpartitur auftachte und daraus eine kritische Neuausgabe in Druck ging, setzte sich MARIA STUARDA im Kernrepertoire durch.

Die auch bei Schillers Drama - welches als Vorlage für das Libretto diente - vorkommende Begegnung der beiden Königinnen, die historisch gesehen nie stattgefunden hatte, entwickelt sich bei Donizetti zu einem veritablen Showstopper und Höhepunkt der Oper. Donizetti hatte die beiden Rollen für Soprane geschrieben, genauso wie Bellini seine NORMA, da damals die Differenzierung Sopran versus Mezzosopran nicht wirklich existierte. Heutzutage wird oft die eine oder andere der beiden Königinnen von einer dunkler (Mezzosopran) timbrierten Stimme gesungen. So sang z.B. Dame Janet Baker die Maria (Mezzosopranistin), aber auch Koloratursopranistinnen wie Joan Sutherland, Edita Gruberova und Mariella Devia feierten als Maria Stuarda Triumphe.

Die dramatischen Geschehnisse rund um das Schicksal von Mary, Queen of Scots kann man in über 20'000 Büchern nachlesen (bekannt ist die Biografie von Stefan Zweig), wurde unzählige Male verfilmt (grandios mit Vanessa Redgrave und Glenda Jackson, 1971) und hielt Einzug in TV Serien (REIGN).

Das war aber auch ein Leben dieser Maria Stuart: Im Alter von fünf Tagen (!) wurde sie Königin von Schottland, heiratete mit fünzehn den französichen Thronfolger, wurde mit sechzehn Königen von Frankreich und mit siebzehn Witwe. Wegen Streitigkeiten mit der Königinmutter Katharina von Medici kehrte sie nach Schottland zurück, amtete dort während weiterer sechs Jahre (eher erfolglos) als Königin, heiratete einen moralisch ziemlich verdorbenen Mann (Lord Darnley, ein Stuart), war ziemlich sicher an dessen Ermordung durch Henry Bothwell indirekt beteiligt. Zur allgemeinen Empörung (sie musste abdanken) heiratete sie dann eben diesen Bothwell. Sie flüchtete nach England, erhob Anspruch auf den englischen Thron, was ihr von Elisabeth I. schwer angelastet wurde und zu ihrer 19 Jahre dauernden Gefangenschaft (aber immer in königlichen Schlössern) und schliesslich -  wie in Donizettis Oper erzählt - zu ihrer Hinrichtung führte. Ihr Sohn aus der Ehe mit Darnley, Jakob I., aber wurde nach Elisabeths Tod König von England.

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