Berlin, Deutsche Oper: BORIS GODUNOW, 31.01.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Boris Godunow

Oper in vier Teilen, sieben Bildern | Musik und Libretto: Modest Mussorgskij, nach Alexander Puschkins Drama

sowie Nikolai Karamsins „Geschichte des russischen Reiches“ | Uraufführung der Fassung von 1869 am 5. März 1929 in Moskau | Aufführungen dieser Wiederaufnahme: 31.1. | 3.2. | 6.3. | 9.3.2019

Kritk:

Eine absolutistische Erbmonarchie ist wohl die schlechteste aller Regierungsformen. Das mag solange gut gehen, als starke Persönlichkeiten regieren, die den Rückhalt des Volkes und der classe politique (Militär, Adel) genießen. Doch wehe es entsteht ein Machtvakuum durch Kinderlosigkeit oder zu frühen Tod, das heißt wenn die Nachfolger noch minderjährig sind. Dann sind diese schutzlos den Intrigen, den Influencern und den Prinzregenten ausgeliefert. So geschehen auch im Russland nach dem Tod Iwans des Schrecklichen. Dessen Sohn Fjodor war geistig labil, Fjodors Halbbruder Dimitrij kam unter ungeklärten Umständen ums Leben, das Gerücht, der Prinzregent Boris Godunow habe ihn ermordet, hielt sich jedoch beständig, auch noch als Boris nach dem Tod Fjodors den Zarenthron usurpierte. Hier setzt Mussorgskijs Oper ein. Boris leidet nicht nur unter den Gewissensbissen, welche ihn seit dem Mord am Zarewitsch verfolgen, er wird auch noch bedrängt durch einen „falschen“ Dimitij, welcher vorgibt, der echte Zarewitsch und somit der legale, von Gottes Gnaden bestimmte, Thronfolger zu sein. Dass diese Gewissenbisse den Motor für Boris’ Handeln und sein zunehmendes Abdriften in die geistige Verwirrung darstellen, zeigt der Regisseur Richard Jones quasi mit dem Hozhammer in dieser Koproduktion der Deutschen Oper Berlin mit dem Royal Opera House Covent Garden (Premiere in London war 2016, in Berlin 2017). Bei jedem Auftritt von Boris sehen wir die Ermordungsszene des Zarewitsch in Uglitsch in Zeitlupe in der oberen Hälfte der horizontal zweigeteilten Bühne. Der Knabe (der mit seiner Maske wie ein Porzellanpuppe aussieht) wird beim Spiel mit seinem Kreisel ermordet. Die Kinderhand, die nach dem Kreisel greift, sehen wir auch auf dem Zwischenvorhang. Und wir sehen Boris’ eigenen Sohn (Fjodor) mit einem ähnlichen Kreisel spielen, den Boris dann in zunehmender Geistesverwirrung dem Sohn aus der Hand kickt. Wohltuenderweise verzichtet der Regisseur auf plumpe Aktualisierungen und überlässt die Assoziationen zur Gegenwart den Zuschauer*innnen. Er siedelt das Geschehen in sieben Bildern (gespielt wird der Ur-Boris - das heißt ohne den Polen-Akt - in der von Michael Rot erstellten historisch-kritischen Ausgabe von 2007) in einem Einheitsbühnenbild von Miriam Buether an. Düstere Platten mit einem Glockenrelief bilden den unteren Teil der Bühne und die Hauptspielfläche, im oberen – goldenen –Teil sehen wir immer wieder den Mord am Zarewitsch und die Welt der mächtigen Intriganten aus Adel und Kirche. Die Kostüme von Nicky Gillibrand sind stilistisch nicht genau einer bestimmten Epoche zuzuordnen: Das Volk, das einen wichtigen und gewichtigen Part in der Oper spielt (kraftvoll differenziert interpretiert vom Chor der Deutschen Oper Berlin und den Herren des Extra-Chores), ist in ärmliche Grau- und Schwarztöne gekleidet, die Bojaren in hässliche Operettenuniformen. Für die Krönungsszene werden bunte, folkloristisch-russische Mäntel angezogen. Boris trägt dazu die traditionelle Goldkleidung des Zaren, später dann nur noch einen grauen Mantel und eine verfilzte Stola.

Da man von der Regie keine zu unentwirrbaren Rätsel aufgebrummt bekommt, kann man sich also ganz der inhaltlichen und vor allem der musikalischen Seite widmen – und auch da wird man nicht enttäuscht, im Gegenteil. Weil auf den Polenakt verzichtet wird, ist dieser Ur-Boris quasi eine reine Männeroper, bis auf die sehr kleinen Rollen von Boris’ Tochter Xenia (mit bezauberndem, leichtem Sopran: Alexandra Hutton) und deren Amme (schön gerundeter Alt von Maiju Vaahtoluoto), sowie der von Annika Schlicht mit großartiger Bühnenpräsenz gegebenen Schankwirtin an der litauischen Grenze. Aber eben, dominant sind hier die Männer, welche den Gang der Oper bestimmen. Am offenkundigsten sind es natürlich die tiefen Stimmen, welche zuerst ins Ohr stechen: Da ist erst mal der markante, ungemein höhenstarke Bassbariton von Sir Bryn Terfel in der Titelrolle (er sang bereits die Premiere in London), welcher auch darstellerisch diesen gequälten Usurpator zu einem Ereignis macht. An Ausdrucksstärke ist ihm Ante Jerkunica als bassgewaltiger Mönch Pimen und Chronist (hier eher ein Maler) ebenbürtig. Ante Jerkunica macht die langen Erzählungen des Mönchs im dritten und die Berichte des Wunders am Grab des Zarewitsch im Schlussbild zu packenden Ereignissen. Welch grandiose Bassstimme ist da zu erleben, rund, schwarz und subtil dynamisch abstufend. Herrlich buffonesk gestaltet Alexei Botnarciuc den Bettelmönch Waarlam in der Szene an der litauischen Grenze. Begleitet wird er von  Jörg Schörner als Missail, der ihn (neben seiner wie stets zuverlässigen Tenorstimme)  mit virtuos gespielten Löffel-Kastagnetten begleitet. Aufhorchen lässt auch der warme Bariton von Dong-Hwan Lee als Schtschelkalow. Eindrücklich gestaltet Andrew Harris den Nikititsch, ist ausgezeichnet auch Stephen Bronk als Mitjuch. Doch auch die großen Tenorrollen sind hervorragend besetzt: Robert Watson gibt den „falschen“ Dimitrij mit heller, klar fokussierter Stimme und Maxim Paster ist mit seinem Charaktertenor ein herrlich schmieriger Intrigant und Strippenzieher als Fürst Schuiskij. Matthew Newlin als Gottesnarr erfüllt die zentrale Szene vor der Basilius Kathedrale mit einer atemberaubenden Intensität. Samuel Dale Johnson (als tumber Grenzpolizist) und Ya-Chung Huang als Leibbojar ergänzen das hervorragende Ensemble.

Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin steht der GMD des Nationaltheaters Weimar, Kirill Karabits. Er evoziert den knorrigen, rauen Klang dieses Ur-Boris mit viel Feingefühl für die Balance und für eine subtile Transparenz, welche das Aufschimmern und das Wiedererkennen der Erinnerungsmotive möglich machen. Die Tempi sind eher getragen, aber mit Intensität erfüllt und sehr sängerfreundlich.

Am Ende, kurz vor seinem Tod, setzt Boris seinen Knaben Fjodor (ausgezeichnet gesungen und anrührend gespielt von Philipp Ammer, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) als Nachfolger ein. Der Regisseur zeigt in einer Pantomime den sich schließenden Teufelskreis: Den Sünden der Väter wird auch dieser Zarewitsch nicht entgehen, hilflos ist er den Potentaten des Adels und der Kirche ausgeliefert, und zudem sitzt ihm der „falsche“ Dimitij mit dem goldenen Dolch im Nacken ... .

Inhalt:

Der unschlüssige, jedoch ehrgeizige Regent Boris Godunow wird dazu gedrängt, sich zum Zar krönen zu lassen, da der Thron nach dem Tode des letzten Zaren verwaist war und der Thronfolger Dimitrij ermordet wurde - von Boris Godunow.
Der junge Mönch Grigorij beschliesst, sich als Zarewitsch Dimitrij auszugeben.

Boris Godunow wird immer öfter von Wahnvorstellungen und Gewissensbissen wegen der Ermordung des Zarewitschs heimgesucht. Die Bojaren beschliessen zwar, den falschen Dimitrij töten zu lassen, Boris Godunow jedoch bricht, dem Wahnsinn nahe, zusammen und stirbt. Die Herrschaft tritt er an seinen Sohn ab.

Der falsche Dimitrij erscheint vor Moskau und wird vom wankelmütigen, hungernden Volk jubelnd als neuer Zar begrüsst. Ein Gottesnarr beklagt das traurige Schicksal Russlands.

Werk:

In seiner bekanntesten Oper BORIS GODUNOW hat Modest Mussorgskij (1839-1881) das private Schicksal seiner Protagonisten mit der Politik verstrickt, ähnlich beklemmend wie Verdi in seinem DON CARLO.

Vor allem die farbige, knorrige Harmonik und der Einbezug traditioneller russischer Kirchen- und Volksmusik sowie die Blendentechnik (kurze, kontrastreiche Einzelszenen) machen BORIS GODUNOW zu einem Meisterwerk der Opernliteratur.
Die Monologe des Boris gehören zu den Paradestücken grosser Bässe, von Schaljapin über Ghiuselev, Talvela, zu Ghiaurov, Raimondi, und Salminen.

Neben dem Ur-Boris, der in Berlin nun gespielt wird, gibt es auch den Original-Boris, inklusive eines Aktes, der in Polen spielt. Dieser wurde von Mussorgksij vor allem deshalb eingefügt, weil dem Ur-Boris eine zentrale Frauenrolle fehlte. Allerdings kam Mussorgskij nicht mehr dazu, alle Szenen zu instrumentieren, nicht zuletzt wegen seiner zunehmenden Alkoholproblemen. Der Original-Boris existiert in Orchestrierungen von Rimsky-Korsakow und Schostakowitsch, wird jedoch immer öfters auch in der originalinstrumentation Mussorgskijs aufgeführt. Der Ur-Boris gelangte erst 1929 zur Uraufführung.

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